So, nun geht Duisburg ins Rennen.
Nachdem der Grunzer schon vor ein paar Tagen das
handwerkliche Geschick seiner Franken-WG vorstellen durfte, hat jetzt die Cora mit ihren Männern die Gelegenheit zur Revanche. Es geht noch immer um die vollmundige Behauptung, mein Talent in diesen Disziplinen sei stark unterentwickelt. Ich täte ja nur Sickerflächen für Wasserdampf ins Holz picken – höchstens! –, keinesfalls jedoch das Erscheinungsbild unserer Wohnung mit professionellen Deko-Ideen bereichern.
Ich nehme das Putchen beim Wort. Soll sie zeigen, was sie kann. Fotos liegen vor. Ich gebe hiermit mein Ehrenwort, dass ich sie weder mit Photoshop vergrässlicht noch verharmlost habe. Die Cora wiederum garantiert, dass kein Schwarm Piranhas an den Arbeiten beteiligt war.
Aber erst mal die Vorstellung. Als Kandidaten gehen ins Rennen …
… rechts die Cora und links ihr Mitbewohner, der Paule.
Ich sage absichtlich Mitbewohner, weil für erotische Anziehung ein bisschen mehr nötig ist als veilchenblauer Lidschatten um die Glubscher und eine stattliche Sammlung an Rote-Beete-Kochrezepten. Irgendwie will es nicht klappen mit der Entführung aus dem Serail. Es findet sich kein Hahn, der dies auf sich nehmen will, und selbst wenn die Kerle auf derselben Stange wohnen und nur die Cora flachzulegen brauchten, gucken sie lieber die Sportschau und horten heimlich unter der Voliere Hochglanzmagazine wie „O la la … Poularde“ oder „Sweet little Turkey“.
Manchmal tut mir die Cora richtig Leid. So übel ist sie gar nicht. ‘n bisschen trutschig vielleicht, aber ‘n ordentlicher Teller Napfsülze ist schließlich auch nicht zu verachten. Deswegen könnte der Paule sie ruhig mal heiraten. Tut er aber nicht. Genauso wenig, wie es der Coco damals getan hat.
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Der Coco |
Der Coco, mein lieber, lieber Freund Coco, hat früher, vor dem Paule mit der Cora zusammengewohnt, viele Jahre. Im März ist er gestorben. Er war ein feiner Kerl, humorvoll und witzig. Leider aber hatte er ein Problem. Er war dem Alkohol verfallen. Die Gründe haben sich nie aufgeklärt, ob es nun an den Verlockungen des Duisburger Nachtlebens lag oder an der Unzufriedenheit mit der Lebenssituation, jedenfalls musste er regelmäßig „zur Kur“. Dort hat er dann andere Patienten mit Erbsen beschossen. Schlimm, sage ich euch, schlimm. Trotzdem wird er uns allen, die ihn kannten, in guter Erinnerung bleiben. Wenn man den ganzen Tag die Cora um sich herum hat, muss man schließlich eine ordentliche Portion Humor entwickeln.
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Der Paule |
Der Paule ist aber auch nicht schlecht. Er ist nur ganz anders: bodenständig, solide, mit einer in die Jahre gekommenen Vergangen-
heit. Heute hat er Bauchansatz und einen Berechtigungsschein für 1 x jährlich Prostata-Untersuchung. Außerdem ist er verwandt mit mir. Das heißt, ich eher mit ihm. Ich meine unsere Art. Seht ihr seinen Kopf, das reine, charmante Grün und die deutlichen hellen Ringe um die Augen? Fast wie bei mir, nicht wahr?
Der Paule ist eine Gelbscheitelamazone und ich bin eine Gelbnackenamazone. Früher galten wir Gelbnacken als eine von sieben Unterarten der Paule-Art. Deswegen sehen wir uns so ähnlich. Heute aber sind seine Leute und wir eigene Arten nebeneinander mit Gleichberechtigung. Mir persönlich ist so was ja egal, doch muss ich zugeben, dass mir kräftiges Gelb auf der Stirn nicht so gut gefällt. Es macht irgendwie … einen beschränkten Eindruck, ne?
Ich habe auch mal irgendwo gelesen, dass sich der Fortschritt in der Evolution daran bemerkbar machen täte, dass Gelb von vorn nach hinten wandert, zum Beispiel vom Stirnansatz in den Nacken. Das stimmt. Beim Menschen ist es genauso. Dort haben sich die gelben Baby-Lätzchen über gelbe Baseball-Käppis zum gelben Ostfriesen-Cape entwickeln. Ich sage immer: Zeig mir, was du liest, und ich antworte dir, was du alles weißt.
Die Cora übrigens ist auch gelb am Kopf. Vorne. Wollte ich nur mal angemerkt haben.
Jedenfalls geht die Cora mit beiden Männern ins Rennen. Wer was genau gefertigt hat, kann man heute sowieso nicht mehr sagen. Die drei stellen ein Team. Kommen wir nun zur Benotung der einzelnen Werkstücke.
Die Cora beim Aufflauschen der Tageszeitung. Dieses Verfahren nennt man Flokatisierung, nach dem Vorbild des gleichnamigen Teppichs. Ziel ist es, eine gleichmäßig behagliche Fläche zu produzieren, auf der es sich angenehm wälzen lässt. Es sollten keine Löcher entstehen. Da aber hier gleich alles abgefetzt wurde, statt das Papier wenigstens an einer Ecke im Verbund zu belassen, kriegt die Cora ein „Ungenügend“. Die Technik ist schlecht, das Ergebnis noch mehr. Pfui, Cora. Im Hennenseminar geschnarcht?
Hier sollte ein festliches Tischset fürs Hochzeitsessen mit Mäusezähnchen umrandet werden. Ist auch nur schlecht gelungen. Ja, watt nu? Entweder alles einzacken oder alles gerade lassen. Aber nicht hier mal ‘n bisschen dran herumzerren und dort wieder nicht. Halbmonde reinknipsen täte obendrein viel schöner aussehen. Note 5.
Aaaah … das macht doch schon einen wesentlich besseren Eindruck. Kräftiger Biss an wehrwilliger Stuhllehne. Gute Hacktechnik. Mir fehlt aber noch der rote Faden, das künstlerische Konzept. Was soll das darstellen? Das Mittelmeer wird eingeweiht? Der Zug der Zehntausend zum Rolling-Stones-Konzert? In diesem Fall vermisse ich die Hingabe zum Detail. Wo sind die Würstchenbuden? Wo die Dixi-Häusschen? Abstrakte Kunst schön und gut, doch nicht, wenn’s genauso gut als „Krabbe trifft Wattebausch“ durchgehen könnte. Note 3 für den guten Willen.

Wie man spätestens an diesem Foto sieht, müssen Cora, Paule und Coco ihr Handwerk unter erschwerten Bedingungen betreiben. Sie leben – genau wie die Mia und ich – in einer Wohnung, die von geschmacklosen Zweibeinern nach dämlichen Gesichtspunkten zugestellt wurde. Die privaten Ecken, wohin sich unsereins zurückziehen kann, sind rar und schützen leider auch nicht davor, dass wir trotzdem ständig auf das Elend hinabschauen müssen. All unsere Bemühungen zur gemütlichen Umgestaltung werden als Angriff auf die menschliche Autorität gewertet und mit wüsten Beschimpfungen geahndet. Manchmal müssen wir uns Kochrezepte für Amazone mit Rotkohl und Klößen anhören. Auf unsere Gefühle nimmt niemand Rücksicht, auf unsere Bedürfnisse ebenfalls nicht.
So hing ursprünglich eine Diskokugel im Wohnzimmer. Coras und Cocos Leute hatten sie direkt über die Sitzstangen gehängt. Hat man Worte? Wer um alles in der Welt kommt auf so eine bekloppte Idee? Immer wenn die Sonne schien, quirlten den beiden bunte Lichttupfer um die Birne. Erst hatten sie noch versucht, mit gezielten Würfen von Bananenscheiben und anderen Obstresten eine mattierende Wirkung herbeizuführen, doch als das nicht gelang, ist der Coco zur beherzten Demontage geschritten. Er hat alle Metallplättchen abgenagt und auch gleich die Elektronik entfernt, bis nur noch das Skelett übrig war.
Wir sehen den Coco bei diesem Tun. Ich bin begeistert. Dafür vergebe ich eine 1+. Dies ist endlich Mal ein Beispiel für Beharrlichkeit und erfolgreiche Technik gleichermaßen.
Hui … es geht gleich weiter mit den Sahnestücken. Wie sich die geschwungenen Kerben so harmonisch an die Scheibe schmiegen – allerliebst. Das Muster gefällt mir. Eine Reminiszenz an Wellen und Meer, nicht wahr? Ich finde, hier stört es kein bisschen, dass die Intarsien nicht durchgehend verlaufen. Die See ist nun mal unberechenbar. Mal ist sie da, mal nicht. Das wird hier sehr schön symbolisiert. Note 2+.
Tja … und was soll das jetzt sein? Baldachinbegradigung? Das fiele dann unter Bautischlerei. Es ist aber ein Schrank, und ich weiß vom Paule, dass die Cora vorhatte, hier eine Inschrift reinzuschnitzen: „The Cora was here 2009.“ Dazu Girlanden aus Blümchen, links und rechts Johannisbeerrispen und in der Mitte eine Sonne. – Na, das kann man wohl mit Fug und Recht als misslungen bezeichnen. Mehr als elendes Geschabe ist das nicht. Note 5-.
Ooooh … ich nehm meine Kritik zurück. Die Meisterin höchstpersönlich. Textiles Kunstwerken. Das hatten wir bisher noch gar nicht, denn diese Disziplin bedienen weder der Grunzer mit den Seinen noch die Mia und ich. Mir dampft Beeindruckung aus den Augen. Wie die Cora den Stoff zurechtzuppelt – toll. Und diese keck aufgebürsteten Ecken. Dafür gebe ich eine glatte 1.
Allerdings ist mir das alles noch ein bisschen zu bieder. Wo bleibt der Mut zum individuellen Ausdruck? Kunst lebt vom Alleingang. Manchmal muss man eben die blaue Ameise unter lauter Elefanten sein. Die Cora hätte gleich noch ein paar Kleckse den Bezug runterlaufen lassen können. Das täte dem einfallslosen Muster Aufwertung bescheren. Ich ziehe eine 4 ab. Macht zusammen eine 5.
War das auch die Cora? Hui-ui-ui. So viel Courage hätte ich ihr nun auch wieder nicht zugetraut. Sehr gut gelungen, die Symbolik der lodernden Flammen. Perfekt umgesetzt. Hier das Material (billiges Polyacryl), dort die Farbe (seniler Hummer) und daraus das wundervolle Ergebnis gefertigt. Bezaubernd. Note 1+.
So, das war der Beitrag aus Duisburg. Kommen wir nun zur Auswertung.
Beide Parteien haben sich angestrengt. Von beiden liegen aussagekräftige Beweisfotos vor. Die Grunzer-WG hatte es schwer, allein die puren Techniken auszuüben, da die Ernährung ohne stärkende Pizza und Kartoffelchips Defizite beim Handling des Werkszeugs bewirkt. Auch schlägt sich dies abträglich aufs Durchhaltevermögen nieder. Dafür musste die Cora mit ihren Jungs gegen die Störung niederträchtiger Menschen kämpfen. Das ist auch nicht zu verachten. Unterm Strich sind also beide Gruppen quitt.
Nach der Berechnung der verteilten Punkte liegt die Cora vorn. Nicht viel, aber doch deutlich. Die Werkstücke sind ihr zwar nicht alle gleich gut gelungen, doch ist der Ärgerfaktor beim zweibeinigen Servicepersonal ungleich größer als beim Grunzer, in dessen Kraut-Oase sowieso kein Mensch freiwillig leben will. Es ging schließlich auch darum, ob man seine Styling-Vorstellungen gegen jeglichen faustschwingenden Widerstand durchsetzen konnte. Hier hatte Duisburg eindeutig den Schnabel vorn.
Die Cora hat also den Wettbewerb „Ich bin die größte Verwüstung“ gewonnen.
Herzlichen Glückwunsch, Cora, Paule und Coco (posthum). Ich verneige mich vor eurem Sieg.
Trotzdem ist das keine Erlaubnis, mich „dicker Schaumquirl“ zu nennen. Das möchte ich an dieser Stelle noch mal deutlich gesagt haben. Daran ändert auch der billige Sieg nichts. Es mag ja sein, dass die Mia und ich raumgestalterisch zaghafter vorgehen als ihr alle zusammen, doch dafür haben wir andere Qualitäten. Die Mia zeigt ihren Hintern in Nacktmagazinen vor und ich verhökere Leo-Tangas an Dachtauben im Ruhrgebiet. Jeder halt so gut, wie er’s am besten kann. Kein Grund für aufkichernde Überheblichkeit. Außerdem könntest du mich mal wieder einladen, Cora. Ich war schon lange nicht mehr bei euch daheim.
© Fotos: G. H.
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