Dienstag, 30. Juli 2019

Das Bild des Tages (15)

Hier, Karlsson, was für dich - eine Anzeige in "Fell, Federn, Schwarte":

Ich, weiblich, Single, gebildet und motorisiert, suche niveauvollen Rüden mit Locken ab 10 Jahren für gemeinsame Unternehmungen. Meine Hobbys sind deftige Fleischgerichte, Reisen und Tierschutz. Willst du mich beschützen, wenn wir gemeinsam auf der Shard London Bridge stehen und ich Angst bekomme? Zögere nicht, mein Freund, ich warte auf dich. Chiffre 35563.

Na, ist doch perfekt, greif zu, Karlsson.


Bild: Pixabay
© Max: Papageienegschichten

Freitag, 28. Juni 2019

Bier trinken, Mopedführerschein, eigenes Konto


Ich.
16.

Mehr muss ein Mann nicht sagen.

© Max: Papageiengeschichten

Samstag, 22. Juni 2019

Fischli

Radikale Tierbefreiungen sind jetzt wohl das Hobby vom Karlsson. Das ist erstaunlich nach der blöden Aktion mit den Kühen. Vielleicht deshalb hatte er es jetzt auf kleinere Tier abgesehen, noch dazu auf solche, die ihm weder widersprechen noch ihn anschreien könnten – auf Fische. Ja, wirklich, der Karlsson wollte Zierfische befreien. Als Grund gab er an, dass die armen Dinger angeblich Inzucht betreiben müssten, weil sie keine Gelegenheit hätten, in Freiheit ihre Freunde zu treffen. Ach ja? Das wusste ich nicht.
„Du weißt vieles nicht“, hat der Karlsson am Telefon gesagt.

So was wollte der Karlsson jetzt retten ...

... oder so was

Wenn ich es mir recht überlegte, waren mir plötzlich Fische komplett egal. Und was hieß überhaupt „Freunde treffen“? Dahinter verbarg sich doch Schweinkram. Nee, das war nichts für mich. So weit kommt's noch, dass ich für irgendwelche bunten Aquariumsinsassen den Puff spiele.
„Du sollst doch nur helfen sie zu transportieren“, hat der Karlsson auf mich eingeredet.
Aha. Verstehe. Ich sollte in Schlichtheit gelullt werden, damit ich nicht abspringe, sondern meinen kostbaren Geist und meinen edlen Körper für diese dämlich Aktion hergebe.
„Nun sei doch nicht beleidigt, Max“, ist der Karlsson weiter auf mich eingedroschen. „Mein Plan ist echt gut. Hör mal zu: Zunächst wird der Harald Elektronik lernen. Mit DEM Schnabel kann er Kabel abisolieren und verdrallern. Dann manipuliert er Standbilder in Überwachungsvideos. So können wir in Ruhe exotische Fische aus Tierhandlungen befreien. Die transportieren wir heimlich in den Hamburger Hafen auf ein Schiff.“
Und dann war noch die Rede von Bali oder dem Roten Meer und einem Scheich, wo wir die Fische freilassen würden. Also hieß das, wir müssten dorthin reisen, um vor Ort anwesend zu sein. Bekloppt. Absolut idiotisch.

Wo liegt Bali überhaupt?
„Na, das ist doch eine Insel der Baliaren, so wie Mallorca“, hat die Mia gemeint.
Mallorca? Hö, der Kerl wollte an den Ballermann? So war das. Von wegen exotische Fische in die Heimat bringen. Der Karlsson verarschte uns.
„Ich finde die Idee super“, hat der Luke gesagt.
Er hatte mich extra angerufen, um mir das zu sagen. Mir kam es verwunderlich vor, wo er doch immer so viel zu tun hat mit seinem Ratten-Business.
„Och, geht schon“, hat er beschwichtigt. „Wir können gern das Rote Meer nehmen, wenn es dir sympathischer ist“, hat er noch angefügt.
Um das Maß vollzumachen, war gleich darauf der Pit am Handy. Auch er hatte sich unaufgefordert gemeldet. Keine Ahnung, woher er von der Fisch-Aktion wusste:
„Da müssen wir unbedingt hin, Max. Die armen Kreaturen brauchen unsere Hilfe. Drin-gend!“

Was war denn jetzt los? Die Kater drängten auf Handlung? Ausgerechnet die? Von der Mia kam die Erklärung:
„Denk doch mal nach, Holzkopf: Katze – Fisch. Na, klingelt's?“
Ach sooooo, die Herrschaften wollten naschen, Fischli futtern, und die sollten wir ihnen herbeischaffen, mal so ganz unauffällig vor die Tatze packen. Nee-nee-nee, so ging's ja nicht. Ich habe sofort den Karlsson zurückgerufen und ihn informiert, dass ich dabei wäre, unter einer Bedingung: Der Luke müsste zu Hause bleiben. Und der Pit müsste rund um die Uhr bewacht werden. Ach ja, und wir führen ans Rote Meer, nicht nach Bali.
„Fein“, hat der Karlsson gesagt.  

So viel hatten wir immerhin von der Kuhbefreiung gelernt: Eine gute Vorbereitung ist das A und O allen Erfolgs. Leider sind wir gleich am Harald gescheitert. Ich meine, einen Wasservogel mit Elektronik zu beauftragen war ohnehin … sagen wir mal ehrgeizig, aber das mit dem Verdrallern hat ihm den Rest gegeben. Pfui, mit solchen Ferkeleien wolle er nichts zu tun haben, hat er gezetert. Was wir wohl meinten, was er zu hören kriege, wenn die Mia dahinterkäme? Die sei doch so eifersüchtig. Und das sollte er riskieren? Auf gar keinen Fall.

Auch die Finanzierung erwies sich als anspruchsvoll, nachdem der Luke den Hörer aufgeknallt hatte. Ich glaube, der war angefressen. Mit einem Kredit oder gar einer Spende konnten wir ihm nicht mehr kommen. Aber wir hatten ja noch unseren Verdienst vom Weihnachtsmann. Könnten wir den nicht verwenden, zumindest einen Teil davon?
„Kommt nicht in Frage“, hat die Mia gesagt.
Sie als Kassenwärterin hielt die Krallen auf dem Portemonnaie. Und sie gedenke nicht, einen einzigen Cent rauszurücken, es sei denn, wir würden uns für eine Reise mit kulturellem Wert entscheiden. Mit kulturellem Wert? Das hieß natürlich shoppen gehen und abends mit der Cora an der Bar Cocktails süffeln. Das ließ sich leider, soweit ich es übersehen konnte, mit unserer Fischbefreiung nicht vereinbaren.

Apropos Cora. Die rief auch an und fragte, ob sie am Roten Meer Kopftuch tragen müsse.
„Besser ist das“, habe ich geraten. „Ich glaube, es ist sehr sonnig dort und Baseball-Caps stehen dir nicht.“
Auch die Mia hatte jetzt begonnen, sich auf die Fahrt vorzubereiten. Ein Sortiment an Sonnencremes hielt Einzug in unsere Voliere, und der Kauf eines Badeanzugs wurde erwogen, da ein bisschen mehr Stoff angemessener sei als die Glitzer-Bikinis, die sie sonst immer dabei hatte. Dass Fische freilassen nicht identisch ist mit am Wasser liegen und sich sonnen, ging in ihren Kopf nicht rein.
„Das könnt ihr dann ja machen“, hat sie gesagt. „Ich bleib dann so lange mit der Cora am Hotel-Pool.“

Mir war das sehr peinlich, das mangelnde soziale Feingefühl der Mia. Ich habe mich gar nicht getraut, dem Karlsson davon zu erzählen, aber wie sich bald herausstellte, war er so beschäftigt mit der Geldbeschaffung, dass er sowieso nicht zugehört hätte. 

Es dauerte nicht lange, dann kam der triumphierende Anruf: Die Finanzierung stehe! Alle Achtung, wie hatte er das geschafft? Nun, er hatte seinem Papa erzählt, dass er ein Seminar bei diesem bekannten Hundetrainer mitmachen wolle. Wie heißt der noch gleich? Ach, ist ja auch egal. Jedenfalls hätte der sich zwar gewundert, dass sich der Karlsson als Hund selbst angemeldet hätte, weil sonst die Halter das immer übernähmen, aber formal spreche nichts dagegen und daher stehe er jetzt auf der Teilnehmerliste. Ach, was rede ich? Nicht nur für einen Kurs hatte sich der Karlsson angemeldet, sondern gleich für alle. Dazu müssten Fahrt- und Unterbringungskosten veranschlagt werden, natürlich eine neue Hundeleine, ein Frisörbesuch mit Krallenschnitt, damit man einen guten Eindruck macht, und eine neue Kamelhaar-Decke für die Yoga-Übungen. Als der Papa das Geld hingeblättert hatte – er sei sehr gerührt gewesen von Karlssons Lerneifer –, hat der Karlsson sofort alles storniert und das Geld heimlich beiseite gelegt. Es sollte reichen für einen Flug ans Rote Meer und eine einfache Unterkunft für zwei Personen. Mehr brauchen drei Vögel, ein Hund und ein Kater nicht. Wir sind schließlich oft genug zusammen unterwegs gewesen, um zu wissen, dass ein Doppelsitz im Flieger und ein Doppelbett im Hotel allemal ausreichen.
„Und wenn dein Papa irgendwann dahinterkommt, dass du gar nicht zu diesen Kursen fährst?“, habe ich den Karlsson gefragt.
Aber der winkte nur ab:
„Dann wird mir schon was einfallen. Die Fische befreien ist wichtiger.“

Nächster Schritt: den Befreiungsablauf hier vor Ort organisieren. Dass wir die Aquarien berauben müssten, was klar, doch wie sollte das vor sich gehen und wer sollte das tun? Einen Freiwilligen hatten wir schon mal, den Pit. Man konnte den Karlsson direkt aufseufzen hören, aber am Ende ist er doch mit ihm losgezogen. Sie hatten eine kleine Campingbox dabei. Die Befreiungen liefen immer nach dem gleichen Schema ab: Während der Karlsson vorne in der Zoohandlung das Personal ablenkte mit begriffsstutzigen Fragen, ist der Pit hinten aufs Aquarium gesprungen, hat den Deckel verschoben und mit dem Käscher so viele Fische rausgeholt, wie er kriegen konnte. Die beiden hatten sogar vorher nachgelesen, welche Fische für Süßwasser geeignet sind und welche für Salzwasser. Das heißt, sie haben sich an den Farben orientiert und an den Bildern im Lehrbuch. Laut dem Karlsson schwammen trotzdem manchmal falsche Fische in der Campingbox. 

Dann musste die Polly ran und das Personal noch mal ganz dolle zulabern, damit der Pit die falschen Fische unbemerkt zurückbringen konnte. Extra dafür hat die Polly vor den Geschäften warten müssen. Zwischenzeitlich war auch mal überlegt worden, die Amy mitzunehmen, aber weil wir befürchteten, dass sie sich verplappern könnte, haben wir es gelassen.

Am Ende hatten der Pit, der Karlsson und die Polly ein ganzes Kinderbassin voller Fische zusammengeklaut. Das Wasser war extra mit Salz versetzt worden, weil das Rote Meer ja, wie der Name schon sagt, ein Meer ist und im Meerwasser sich nun mal Salz befindet. Wie viele Fische der Pit nebenbei direkt aus den Aquarien genascht hat, weiß ich Gott sei Dank nicht. Wir waren ja froh, dass es überhaupt so gut klappte, da hätten wir nicht noch einen Aufpasser neben den Pit in die Zoohandlung stellen können.

Die Aktion war als reine schleswig-holsteinische Angelegenheit durchgeführt worden. Es waren nur Zoohandlungen zwischen Flensburg und Lübeck besucht worden, außerdem nur solche, die keine Überwachungskameras hatten. Das aufblasbare Bassin stand hinter Zweigen versteckt auf der Wiese am Waldrand beim Karlsson um die Ecke. Es war mit einer lockeren Plane abgedeckt, damit sich nicht die Bussarde darin bedienten. Bei Karlsson direkt im Garten wäre es nicht gegangen wegen seiner Leute, die dort herumlaufen und alles wissen wollen. Beim Pit hinterm Haus auf der Weide hätte es schon besser gepasst, aber hey, den Kerl mit dem leckeren bunten Knabberzeug allein zu lassen, das wäre bekloppt gewesen. 

Der Karlsson beim Anmischen des Wassers im Eingewöhnungsbecken

Fürs Dichthalten und Helfen hat die Polly einen Restaurant-Gutschein gekriegt. Soviel ich weiß, war er für 'n Steakhaus. Ein Fischrestaurant wäre nicht so gut angekommen, glaube ich. Hi hi hi.  Denn immerhin ist die Polly zweimal davongejagt worden, so wurde mir jedenfalls erzählt. Einmal hatte man sie im Verdacht gehabt, Ochsenziemer klauen zu wollen (was immer das ist), und einmal hatte sie aus Versehen ein Päckchen Hamsterfutter an die Kasse getragen und sich ausgiebig – zu ausgiebig – nach den Inhaltsstoffen erkundigt. Beide Male war es dem Pit zwar geglückt, ebenfalls unbeschadet den Laden zu verlassen, doch die falschen Fische hatte er nicht mehr rechtzeitig zurücksetzen können. Die wurden mitgenommen und im nächsten Laden ins Aquarium gesetzt.

Unterdessen, während die drei unterwegs waren, habe ich mich um den Transport gekümmert. Das war mir ans Herz gelegt worden, nachdem wir beschlossen hatten, die russische Hilfe von Tamara und Ludmilla in Anspruch zu nehmen. Wir wussten nämlich nicht, auf welches Schiff wir unsere Fischboxen schmuggeln sollten. Aber weil der Karlsson sich damals kurz nach unserer Karibik-Kreuzfahrt bekanntlich geweigert hatte, mit Tamaras und Ludmillas Gattenclan Geschäfte zu machen, war er in Ungnade gefallen (er würde lieber das heimische Gewerbe unterstützen, hatte er damals gesagt). Das rächte sich jetzt. Nun sollte ich mein Glück versuchen.

„Klar weiß ich noch, wer du bist“, hat die Ludmilla am Telefon gesagt. „Du bist der kleine, dicke Grüne aus Hannover, nicht? Hast du inzwischen Speedboot fahren gelernt?“
Auf meine Bitte nach weisender Hilfe im Hamburger Hafen kam überraschend ein viel besseres Angebot:
„Wozu eure Boxen aufs Schiff laden? Das dauert ja ewig, bis sie ankommen. Ich spendierte euch einen Cargo-Flug. Wie viel, sagtest du, ist es? Ein Kinderbassin voll? Na, das ist ja nicht viel. Und das sind alles eure Kumpels, die ihr gekauft habt und jetzt freilassen wollt? Im Meer?“
„Ja“, habe ich gesagt.
Und dann brauchte ich nur noch den Termin anzugeben, wann die Boxen fliegen sollten und wohin ich sie nach der Landung geschafft haben wollte. Das habe ich im Atlas nachgeschaut. Es gibt dort einen Touristenort mit Hotels und Verpflegung. Das fand ich sicherer, als später auf eigene Faust loszuziehen. In dem Hotel habe ich gleich ein Doppelzimmer gebucht. Den Namen des Ortes vergesse ich leider immer, weil sie dort unten ganz anders schreiben als hier.
„Das hast du gut gemacht“, hat mich der Karlsson gelobt.

Tamara (rechts), Ludmilla (links) und Luxus (Mitte)

Na bitte, geht doch. Wir fanden es beide sehr erfrischend, dass manche Frauen doch noch beherzt zur Tat schreiten, ohne vorher ewig herumzulabern. Die Ludmilla hatte uns den Glauben an die Weiber zurückgegeben. Von der Mia dagegen war bisher kein einziges Stück Arbeit zu unserer wichtigen Mission beigetragen worden. Sie könne sich dann ja nach der Ankunft mit den Fischen über Windenergie oder gotische Kapitelle unterhalten, hat sie gekichert und den Nagellack für die Reise herausgesucht. Auch von der Cora kam nur Gemurkse. Sie wollte unbedingt die Freilassung fotografieren. Immerhin, nach dem Desaster mit den Kühen bestand sie nun nicht mehr aufs Filmen. Der Camcorder wäre auch viel zu schwer zum Tragen gewesen. Aber wenn die Cora so fotografierte, wie sie filmte, dann gute Nacht.
„Gar nicht!“, hat sie gejammert. „Ihr Jungs glaubt bloß immer, dass ihr alles besser könnt. Ich habe jetzt einen Fotokurs gemacht.“
„Jooo, Fotos ins Album kleben“, habe ich dem Karlsson berichtet.
Wir haben beide sehr gelacht.

Als es endlich so weit war, hat der Karlsson mit der  Polly die Fische aus dem Kinderbassin zurück  in die Kühlboxen geladen (es waren 13 Stück). Dann hat er ordentlich Futter dazugetan und alles per Spedition zum Flughafen nach Hamburg bringen lassen. So, die waren schon mal unterwegs. Nun mussten nur noch wir hinterherfliegen.

Wir haben uns in Hamburg am Flughafen getroffen. Die Cora hatte einen rosa Sonnenschirm dabei, aus dem Rucksack guckte ein Fächer. Sie fiel erst mal der Mia in die Flügel, so als hätten sie sich ewig nicht gesehen. Vom Karlsson kam nur ein kurzes, männliches Nicken. Der Pit hatte sein Fischbuch dabei. Um seinen Hals baumelte ein Dosenöffner mit Anker-Design. Aha, er machte auf maritim, der Angeber. Immerhin ließ sein Halsschmuck auf eine herkömmliche Nahrungsbeschaffung schließen. Trotzdem würde man ihn im Auge behalten müssen. Nicht, dass er am Roten Meer doch noch zulangte.

Eigentlich war ich gut gelaunt. Ich freute mich jetzt auf die Reise, nachdem die Vorbereitungen so gut abgeschlossen waren.  Deshalb traf es mich wie ein Schlag, als die Cora ziemlich zickig fragte, seit wann Jerusalem am Roten Meer liege.
Nicht?
Nein.
Wir standen vor der großen Abflugtafel. Alle guckten erst nach oben, was dort angeschlagen stand, dann verglichen wir die Flugnummern und die Reiseziele mit meinen Flugkarten. 

Ach, da stieg ja sowieso keiner durch

„Das passt nicht!“, hat der Karlsson festgestellt.
„Du Holzkopp!“, musste sich nun auch noch die Tussi von Mia einmischen. „Du hast doch wohl nicht das Rote Meer mit dem Toten Meer verwechselt?“
Öhm, nö, eigentlich nicht. Ist das denn ein Unterschied?
„Doch, das hast du, du Flachbirne. Nicht mal richtig lesen kannst du.“
Die Mia tat jetzt wild die Augen verdrehen. Die Cora hat theatralisch den Kopf geschüttelt, der Pit stand nur stumm daneben und guckte mich mitleidig an, und der Karlsson hat gesagt, nachdem seine Locken wieder die ursprüngliche, eng anliegende Form angenommen hatten:
„Also wenn die Fische auch zum Toten Meer geflogen sind, dann spricht ja nichts dagegen, wenn wir folgen. Wir müssen uns schließlich um sie kümmern.“

Während des gesamten Fluges hat keiner mehr mit mir geredet. Zum Mittagessen kriegte ich von der Mia den Obstsalat in den Schoß geklatscht. Als ich das Magazin durchblättern wollte, das vor mir im Netz steckte, wurde es mir von der Cora aus den Krallen gerissen:
„Du erlaubst doch!“
Der Pit hat sich angeregt mit dem Karlsson unterhalten. Von Zierfischen und wundervollen Farben war die Rede und davon, wie wichtig Bildung sei (insbesondere geographische Kenntnisse), genauso wichtig, wie sich auf seine Freunde verlassen zu können. Dann haben sie bei der Stewardess einen Schnaps bestellt, das Glas auf dem Fischbuch geparkt, die Pforten zum High five zusammengepresst und nacheinander den Schnaps runtergeschüttet, jeder eine Hälfte. Und da sagt man nun, Hunde und Katzen hätten sich nichts zu sagen. Beim Landeflug saß ich zwischen den beiden im Sicherheitsgurt. Aber das passiert mir nicht noch mal. Mir blieb fast die Luft weg, so fett haben sich beide gemacht.
„Gemütlich, was?“, hat der Karlsson geflötet und sich dabei ausgiebig gereckt.
Er miefte nach Fusel. Die Cora und die Mia haben gegrinst.

Als wir nach sechs Stunden und einer Zwischenlandung in Jerusalem ankamen, empfingen uns 30 Grad. Aber es war trocken und das Taxi, das uns zum Busbahnhof brachte, war klimatisiert.
„Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ja doch meinen lila Glitzer-Bikini mitnehmen können“, hat die Mia gemault.
Der Karlsson war eher besorgt, dass die Busfahrt, die ich gebucht hatte, auch wirklich ans Tote Meer ging und nicht womöglich nach Kasachstan.
„Nun hör aber auf“, habe ich gesagt. „Von wem stammt denn die blöde Idee mit den Fischen? Von mir vielleicht?“
Der Pit hatte sich eine Tupperdose mit Käsewürfeln aus dem Rucksack geholt und begann seelenruhig zu mampfen. Die Cora hat Fotos gemacht.


Jerusalem. Halt, Moment ...

... näher ran, so erkennt man es besser

Leider haben wir nicht viel von der Stadt mitgekriegt, weil es gleich weiterging zu unserm Hotel. Wir mussten noch etwa 30 Kilometer zurücklegen an den Rand des Toten Meeres, nicht ganz dicht ran, aber fast. Wie gesagt, wir fuhren mit dem Reisebus. Unterwegs die Landschaft war sehr karg. Wenn man aus dem Grüngürtel um Jerusalem heraus ist, fällt einem die schroffe, felsige Landschaft  sehr deutlich auf. Der Mia kamen nun Zweifel, ob sie überhaupt irgendeine Bademode würde vorführen können bei dem wenigen Wasser, das wir zu sehen kriegten. Ihre giftigen Blicke verursachten mir Seitenstiche. Die Fotos von der Cora aus dem Busfenster heraus sind, wie sich später herausstellte, allerdings gar so nicht schlecht geworden. Dass sie nur schroffes Gestein zeigen, ist ja nicht ihre Schuld.

Die Straßen waren echt gut

Als wir unser Hotel erreichten, begannen sich die Wogen schnell zu glätten. Das Gebäude hatte eine moderne Fassade, fließendes Wasser, dekoratives Grünzeug in großen Kübeln neben den Türen und – sage und schreibe – einen Swimmingpool. Auch unsere 13 Boxen mit den Fischen standen schon aufgestapelt im Flur neben der Wäschekammer. Das hatte also perfekt geklappt.
„Toll!“, hat die Mia gestrahlt. „Das Hotel ist 'ne Wucht.“

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.“
Dieser blöde Satz kam vom Karlsson.
„Wir legen unser Gepäck ins Zimmer und fahren gleich mal ans Wasser, schließlich haben wir einen Auftrag zu erfüllen.“
Mit Gemurre (Mia), Fotoapparat und Sonnenschirm (Cora), Provianttüte (Pit), einem Touristen-Flyer von der Rezeption (Karlsson) und einem neutralen Gesicht (ich) haben wir uns wenig später an der Bushaltestelle eingefunden. Diesmal warteten wir auf einen Linienbus. Nach wenigen Minuten Fahrt waren wir tatsächlich am Toten Meer.

Das Blaue dahinten, das ist das Tote Meer

Unschlüssig standen wir am Ufer herum. Vor uns lag ein flacher Badestrand mit allerlei Menschen, die entweder im Wasser herumtrieben oder sich mit Schlamm einschmierten.
„Mein Kopftuch brauch ich hier nicht“, hat die Cora entschieden.
„Ich glaube, der Matsch ist gut für die Haut“, war die Mia der Ansicht, aber ganz sicher war sie sich nicht.
Auch der Pit hatte was zu sagen:
„Wusstet ihr, dass das Tote Meer der tiefste Punkt auf trockenem Land ist?“
„Ja“, hat der Karlsson bestätigt, „über 400 Meter unter dem Meeresspiegel – steht hier im Prospekt.“
Wie jetzt? Hieß das, wir waren an jenem See gelandet, wo man nicht schwimmt, sondern sich nur reinlegt und auf der Oberfläche geschaukelt wird, weil das Wasser so viel Salz enthält? Ich hatte mal davon gelesen, in der Illustrierten, die die Putze immer beim Arzt klaut.
„Korrekt, du Oberlehrer.“ Der Karlsson war jetzt ziemlich angefressen. „Und deshalb sind wir total falsch hier. Im Toten Meer leben keine Fische. Schon mal darüber nachgedacht, warum es „Totes“ Meer heißt?“

Ach herrje, das war ja 'n schöner Mist. Sollten wir die Reise etwa umsonst gemacht haben? Wir haben noch ein bisschen herumgeguckt, ob es in der Nähe vielleicht gastlicher wäre, aber dass wir die Fische hier freilassen könnten, das war und blieb unmöglich. Ich kriegte wieder böse Blicke zugeschossen, diesmal vom Karlsson und vom Pit, diesem Verräter.

An manchen Stellen hätte man das Salz säckeweise wegtragen können

Die Mädels dagegen waren plötzlich sehr aufgeräumt.
„Na, dann können wir ja jetzt baden gehen, nicht wahr?“
Und dann sind die Mia und die Cora losgerannt, sind abgehoben, ein Stück geflogen und auf dem Wasser gelandet, obwohl sie beide kein Badezeug dabei hatten. Man hat sie als zwei grüne Lappen in den flachen Wellen schaukeln sehen. Sie lagen auf dem Rücken, die Flügel ausgebreitet, die Beine in die Höhe. Hoffentlich würden sie kein Wasser schlucken, denn das konnte lebensgefährlich werden, wenn das viele Salz in die Luftblase gelangte. Das jedenfalls hat der Karlsson vorgelesen aus seinem Prospekt.

Seht ihr, sie gehen nicht unter

Wir Jungs haben noch eine Zeitlang stumm dem Treiben zugeschaut, dann habe ich vorgeschlagen, okay, da wir schon mal hier wären, könnten wir's doch auch mal versuchen mit dem Salzbad, oder nicht? Aber der Pit wollte sich das Fell nicht ruinieren, deswegen haben wir Coras Sonnenschirm aufgespannt. Der Pit und ich sind eingestiegen und der Karlsson hat uns angeschubst, so dass unser rosa Boot ein Stück hinaus aufs Wasser geschippert ist. Das klappte gut, obwohl die Seite, wo der Pit saß, natürlich tiefer im Wasser lag als meine. Der Karlsson hat sich auf den Rücken gelegt und ebenfalls treiben lassen.
„Hey, man braucht gar nicht zu tun“, hat er gestaunt. 

Aber erst mal den Rüssel reinhalten – typisch Karlsson

Neben uns waren die Cora und die Mia am Juchzen. Bemerkenswert, wie viel Spaß man haben konnte ohne Glitzer-Bikini. Irgendwann hat der Pit ein Käsesandwich ausgepackt. Ich kriegte ein Eckchen ab. Nach einer Viertelstunde sind wir wieder am Strand gelandet. Der Karlsson hatte unser Boot mit der Hinterpfote vor sich hergetreten. Währenddessen hatten Pit und ich uns an der Stange festgehalten: Bloß nicht kentern auf den letzten Zentimetern. Auch die Mädels kamen an Land. Man darf nicht zu lange im Toten Meer bleiben, da sich sonst der heilende Effekt ins Gegenteil wandelt. Auch das hatten wir aus dem Reiseprospekt. Nachdem sich die Schwimmer ausgiebig abgeduscht hatten unter den Wasserhähnen, die dort überall herumstanden, und wir eigentlich aufbrechen wollten, kam es leider zu einer Verzögerung, weil die Mädels noch nicht fertig waren. Mit nassem Gefieder sahen sie aus wie gerupfte Hühner. Aber nackt haben sie nicht losziehen wollen. Daher mussten wir noch mal Coras Sonnenschirm aufspannen. Die Mädels haben sich dahinter versteckt, bis ihre Federn getrocknet waren und sie alles wieder an hatten.
„Watt 'n Aufstand“, ist es dem Karlsson entfahren.
Er selbst ist ganz ungeniert und völlig öffentlich getrocknet.

Im Bus zurück zum Hotel hat er mit zugeraunt:
„Das mit den Fischen und dem Toten Meer, das bringst du in Ordnung. Heute noch.“

Wir haben auf der Hotelterrasse zu Abend gegessen. Es gab Fleischmedaillons mit Reis und Salat und einen Fruchtcocktail zum Nachtisch. Eine laue Brise wehte erfrischend, die Mädels waren bestens gelaunt. Die Cora trug eine Halskette aus blauen Steinen und die Mia „Oriental Obsession“ von Roxana Vanderbuilt. Immerhin blieben die Mücken fern. Als der Pit nach den Fischboxen sehen wollte und der Karlsson mitgegangen ist, habe ich in der Hotelhalle den Luke angerufen. Er war auch sofort dran. Ich täte dringend Geld brauchen, habe ich gesagt. Wir wären versehentlich in Israel am Toten Meer gelandet statt am Roten Meer, deshalb müssten wir umbuchen, um die armen, armen Fischli doch noch freilassen zu können.
„Kannst du uns das Geld überweisen? Am besten gleich mit Eastern Transfer, damit wir keine Zeit verlieren.“

Aber so schnell hat der Angeber nicht aufgeben wollen. Erst sollte ich noch ordentlich bluten. Er war noch immer angefressen und fühlte sich erhaben. Wie blöd doch manche Leute seien, hat er geplappert, wenn sie ein R mit einem T verwechseln. Ztztzt … nicht zu glauben.
„Das warst doch du, Max, nicht? Du hast das vermurkst. Ich kenn dich doch.“
Dann hat er die Zinsen so weit nach oben getrieben (mal wieder), dass ich fast gesagt hätte, er solle sich sein bescheuertes Geld über sein Katzenfutter streuen und mich mal kreuzweise in Ruhe lassen, aber dann hätten wir in Israel bleiben müssen und das hätte Ärger gegeben mit den andern. Die Ludmilla um Geld anzuhauen wäre auch nicht gegangen, nachdem sie uns ja den Transport der Fischboxen so großzügig geschenkt hatte. Also blieb nichts anderes übrig, als dem Halsabschneider mein Einverständnis in den Hörer zu knirschen. Dafür hat er versprochen, unsere Flugkarte in Jerusalem zurücklegen zu lassen. Ferner wollte er uns ein Hotelzimmer in Sharm el Sheikh buchen.
Wo?
„In dem Ort, an den der Karlsson von Anfang an reisen wollte. Hättest du besser zugehört und nicht nur Scheich verstanden, wäre das alles gar nicht passiert.“


Als ich den andern davon erzählte, waren die Reaktionen durchwachsen. Während die Mia „Schick! Nach Ägypten!“ geschrien und in die Flügel geklatscht hat, musste die staunende Cora erst mal aufgeklärt werden, dass es sich bei dem Ort um eine Hotel-Anlage handelt, die gern und viel von Touristen besucht wird. Daraufhin war auch sie begeistert. Der Karlsson hat mich nur kopfschüttelnd angeguckt und gemeint, wenn ich besser zugehört und nicht nur Scheich verstanden hätte, wäre das alles gar nicht passiert. Vom Pit (der einen Zahnstocher mit aufgespießten Physalis vor sich hielt) kam Unverständnis über mein angeblich schlechtes Verhandlungsgeschick:
„Ja, hast du denn dem Luke nicht gesagt, dass du deine Schulden lieber abarbeiten willst? Dann hättet ihr einen Stundenlohn ausgemacht und von Zinsen wäre gar nicht erst die Rede gewesen.“

Echt jetzt, mir hing dieses Tote Meer allmählich zum Hals raus. Ich wollte heim. Es war alles doof, bescheuert und beschissen. In der Nacht hat mich die Mia vom Kissen geschubst. Auf der Stuhllehne wäre noch Platz, hat sie gemeint. Sie selbst hatte mit den andern bis zwei Uhr in der Hotelbar Cocktails gepichelt. Jetzt schliefen sie ihren Rausch aus. Mir war nicht danach gewesen. Ich hatte die ganze Zeit auf unserm Zimmer gesessen. Im Dunkeln.
„Hast du geweint?“, hatte die Cora gefragt, als sie gekommen war, um ihren Fächer zu holen.

Am Morgen nach dem Frühstück hieß es, unser Flug ginge am nächsten Tag. Ein Mister Luke aus Germany hätte das gerade telefonisch durchgegeben. Wir würden von Jerusalem nach Kairo fliegen und von dort weiter nach diesem Scheich-Dingens. Die Fischboxen allerdings würden sie schon am Nachmittag abholen. Wir sollten uns keine Sorgen machen, alles hätte seine Richtigkeit. Also bedeutete das, noch einen Tag länger mit den Idioten in dieser Einöde hocken. Boah, wie ich ihr Kopfschütteln und ihre schnippischen Bemerkungen satt hatte! Zum Baden im Toten Meer hatte niemand mehr Lust, selbst die Mädels nicht. Und nach touristischem Highlight im Umland sah es auch nicht gerade aus, hier bei den nackten Felsen.
„Doch, hier gibt es Touristenattraktionen zu besuchen“, hat der Karlsson verkündet.
Er hätte an der Rezeption gefragt. Gleich würden wir zu einem Ausflug nach Qumran aufbrechen.
Nach Qumram?
„Jaaaa, das ist doch der berühmte Ort, wo ein Hirtenjunge 1945 diese Schriftrollen gefunden hat, nicht wahr?“
Natürlich, die Cora hatte wieder den totalen Durchblick.
„Zwischen 1947 und 1956“, hat der Karlsson korrigiert. „Es waren 15.000 Fragmente und 850 Rollen, darunter die ältesten bekannten Bibelhandschriften.“
Gut, dass es auch für solche Informationen einen handlichen Touristenprospekt gab. Ohne Smartphone und damit ohne Google wäre man sonst ja ganz aufgeschmissen gewesen.

Qumram

Wir fuhren mit einer Reisegruppe im Bus die paar Kilometer durch die Felsenlandschaft nach Qumran. Dass wir angekommen waren, merkten wir daran, dass der Bus hielt und der Reiseleiter behauptete, dass wir angekommen seien. Selber gemerkt hätte ich es sonst nicht, denn die Landschaft sah auch nicht viel anders aus als die weniger berühmte drumherum. Es war heiß und sehr cremefarben. Farbtupfer gab es so gut wie keine, außer uns drei Amazonen und ein paar Touris, die rote, gelbe oder bunt gemusterte Klamotten trugen. Der Pit und der Karlsson hingegen verschwanden fast unsichtbar vor dem Hintergrund, zumindest nachdem sie eine gewisse Entfernung erreicht hatten.
„Ich such euch nicht, wenn ihr verschüttgeht“, habe ich klargestellt.

Vor uns ging es entweder tief hinab in die Schlucht oder hoch hinauf zur Felswand. Viel Abwechslung war sonst nicht zu sehen, und ich habe mich gefragt, warum man als Hirtenjunge hier herumzulaufen hatte. Weil er eine verirrte Ziege gesucht hätte, stand im Prospekt. Ja, nee, ist klar. Das würde ich auch sagen, wenn ich zum Beispiel nach einem guten Versteck suchen täte.
„Gibt's hier keinen Kiosk? Ich hab Durst.“
Die Mia hat mich wieder in die Gegenwart zurückgeholt.

Auch Qumram

Wir durften uns zwanzig Minuten auf eigene Faust umsehen. Aber mir war es zu blöd, neben den andern Deppen herumzulatschen. Ich bin weggeflogen, habe einfach Gas gegeben, geradeaus durch den Canyon, wieder zurück und mit ein paar Loopings zur Seite weg. Auf einem schmalen Vorsprung ganz oben in der Felswand bin ich gelandet. Dort war es friedlich. Unten ganz klein wie Spielzeugautos hat man die Reisebusse gesehen. Daneben die Fliegenschisse müssen wohl die Touris gewesen sein. Es war ganz still, niemand tat mich ärgern. Für ein paar Sekunden habe ich sogar erwogen, für immer dazubleiben. Aber daheim meinen Matchboxpark zurücklassen? Das hätte ich nicht übers Herz gebracht. 

Ich habe die Augen geschlossen und die herrliche Ruhe genossen. Mein rechter Fuß war gegen die Felswand gestemmt. Nanu? Was war jetzt los? Hey, die raue Oberfläche gab ja eine prima Krallenfeile ab. Und wie ich da so schabe und Pediküre betreibe, bröckelt es plötzlich neben mir. Mit den Krallen habe ich nachgepopelt. Es ging ganz leicht. Und siehe da, ein Loch tat sich auf. Ich habe reingeschaut, aber nichts gesehen. Dann habe ich mit der Hand reingelangt. Auf etwas Flaches, Trockenes, ich würde sogar sagen Knuspriges bin ich gestoßen. Schnell habe ich die Hand zurückgezogen. I gitt, was das wohl war? Ich wollte es gar nicht wissen. Womöglich ein Ablageplatz für Altpapier oder so was. Beim Hotel hatte ich jedenfalls nicht gesehen, dass sie das Altpapier sammelten und an die Straße stellten. Vielleicht erledigte man das hier anders als bei uns, schließlich war ja genug Platz vorhanden, und in der Felswand versteckt störte das Papier auch niemandem beim Bewundern der Landschaft.

Den andern habe ich nichts davon erzählt. Mir war augenblicklich jegliche Lust vergangen, als ich zurückkam und mit „Wo warst du denn so lange?“ begrüßt wurde. Unsere Reisegruppe saß schon im Bus, nur die Cora mit ihrem blöden rosa Sonnenschirm und der Pit mit einer Börekrolle in der Pfote standen davor. Ich wurde angeschnauzt:
„Eine halbe Stunde warten wir schon auf dich! Noch fünf Minuten länger und wir hätten die Rettung verständigen müssen.“
Der Gang durch den Bus zu meinem Platz war natürlich wieder ein Spießrutenlaufen. Alles schüttelte den Kopf, nur dass diesmal auch die fremden Menschen mitmachten.
„Max, du bist undiszipliniert. Du musst dich besser im Griff haben“, hat der Karlsson mich belehrt.
Er blätterte wichtig in seinem dämlichen Reiseführer herum. In Wahrheit war der Prospekt nur so dick, weil alles doppelt drin stand, einmal auf Hebräisch und einmal auf Englisch.

Am nächsten Morgen sind wir nach Jerusalem gefahren. Endlich! Ich konnte es nicht abwarten. Am Toten Meer, das war eine einzige Anklage gewesen. Aber jetzt, wo wir uns der Fischbefreiung näherten, hellte sich die Stimmung merklich auf. Im Flugzeug durfte ich mit dem Karlsson zusammen Film gucken. Er hat mir einen seiner Ohrstöpsel gegeben, den zweiten hat er sich selbst ins Ohr gesteckt. Auch die Cora hat mir mal zugezwinkert, ganz ohne Vorwurf.

Leider sind wir auch in Kairo nur bis zum Flughafen gekommen. Ohne Pause ging's weiter mit einer frischen Maschine in Richtung Süden. Die Stadt haben wir daher nur von oben gesehen. Ganz schön groß ist sie – und ziemlich voll.

Kairo

„Wie? Gehen wir nicht die Pyramiden begucken?“, hat die Mia sich gewundert.
Warum werde eigentlich nur immer ich angemeckert? Die Mia redet oft blöde Sachen, aber keinen kümmert's
„Weiber sind halt was anderes“, hat der Pit gemeint zwischen zwei Happen Dattelkompott.

Nach zwei Stunden sind wir gelandet. Ein Taxi hat uns von dem kleinen Flughafen zu unserm Hotel gebracht. Es lag direkt am Strand. Unterwegs hat man Restaurants und Bars gesehen, was auf ein reges Nachtleben schließen ließ, und das hat die Stimmung bei manchem erheblich gesteigert.
„Toll!“, hat die Mia geschrien.
„Ich glaub, mein Kopftuch brauch ich hier auch nicht“, ist es der Cora gedämmert.
Aber mir machte was Sorgen. Bemerkte das denn keiner?
„Nee, was denn?“
Schon wieder standen Felsen am Ufer herum. Diesmal waren sie ein bisschen dunkler und roter als am Toten Meer, aber Felsen waren es trotzdem. Ich glaube, das nennt man Deschawüh.

Blick von unserm Hotel in Sharm el Sheikh

„Entspann dich, Max“, hat der Karlsson gemeint. „Das Wasser ist doch wunderschön blau. Wir gehen gleich die Fische freilassen, und ob uns Felsen dabei zuschauen, ist doch völlig Wurscht. Wir wollen ja schließlich nicht klettern gehen, nicht wahr?“

Es standen aber wirklich viele Felsen herum

Unsere Fischboxen fanden wir vollzählig aufgestapelt auf unserer Hotel-Terrasse stehen. Von dort hatte man einen schönen Blick hinunter auf die Liegen und Sonnenschirme. Wir haben unsere Rucksäcke abgestellt.
„Ich geh gleich mal runter mein Handtuch auf einen Liegestuhl legen“, hat die Mia gesagt.
Doch der Karlsson hat sie angepfiffen, sie soll da bleiben, wir wären schließlich nicht zum Vergnügen hier, sondern wegen Mission. Alle mussten mit anpacken, bis wir eine der Fischboxen die Treppe hinuntergeschleppt hatten. Anschließend ging es den Strand entlang an den Badegästen vorbei, immer geradeaus, so lange, bis keine Menschen mehr im Weg standen und uns niemand mehr zuguckte. Junge, Junge mit dem Karlsson war jetzt nicht gut Kirschen essen. Verbissen ist er durch den Sand gestampft, wortkarg und mit zusammengekniffenen Augenbrauen. Keiner hat zu widersprechen gewagt aus Angst vor einem Vulkanausbruch.

Endlich hat er angehalten.
„So, hier ist eine gute Stelle.“
Ja, das stimmte. Hier war es flach und das Wasser schimmerte herrlich smaragdgrün.
„Pit, mach die Box auf.“
Wir konnten sehen, dass die Fischli noch lebten. Gott sei Dank. Gleich würde die Welt für eine Sekunde stillstehen. Der Karlsson holte einmal tief Luft, schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und verharrte regungslos. Ich dachte, er würde sich jetzt bekreuzigen, aber er hat nur langsam mit der Vorderpfote die Box angestoßen, so dass sie umfiel und die Fische ins Meer schwappten. Sie schwammen sofort davon.
„Free Willy!“, hat die Mia geschrien.
Das machte den feierlichen Moment leider ziemlich kaputt, doch weil der Pit auch gerade mit einer Kekspackung geraschelt hatte, hat man die Mia deswegen nicht in Ketten legen können. Der Karlsson guckte dem schwappenden Wasser noch ein wenig nach. Dann sind wir zurückgelaufen. Gerade als wir im Hotel unsere strapazierten Füße aufs Bett werfen wollten, hieß es: „Nächste Box!“

Das war ja wohl 'n Scherz, was? Wir waren gerade erst angekommen, die Boxen waren schwer und der Weg lang und hindernisreich. Die Mia und die Cora maulten. Sie wären schließlich keine Sklaven, die Fische könnten wir auch morgen noch befreien. Aber nix da. Der Karlsson blieb unerbittlich: los, hopp-hopp-hopp! Anpacken! Pflicht erfüllen! Also haben wir uns gefügt und die nächste Box ans Wasser geschleppt. Und dann noch eine und noch eine und noch eine, bis alle dreizehn leer waren. „Free Willy“ hat jetzt keiner mehr gebrüllt und auch sonst wurde nicht viel geredet. Wir wankten nur noch wie Roboter. 

Sharm el Sheikh zur Tagesschauzeit

Inzwischen war es dunkel geworden wegen des Äquators, weil es dort ja keine langen Sonnenuntergänge gibt, sondern die Sonne immer ganz plötzlich verschwindet. So standen wir schon um sieben Uhr abends in der Finsternis. Zwar konnte man sich noch an den Lichtern der Hotels orientieren, aber inzwischen hatten wir den Weg sowieso schon so intus, dass wir ihn sogar im Schlaf gefunden hätten. Wenigstens mussten wir jetzt keine Badegäste mehr umsteuern. Die Urlauber waren weg. Unsern ursprünglichen Befreiungsplatz ganz hinten in der Bucht hat der Karlsson trotzdem beibehalten. Es war anstrengend, im weichen Sand voranzukommen. Mir taten die Krallen weh. Immer runter die Treppen, wieder rauf, eine neue Box anheben, den Strand entlang latschen, auskippen, zurück – immer der gleiche Sisyphus. Zum Schluss ist die Mia einfach im Sand sitzen geblieben. Wir haben sie auf dem Rückweg eingesammelt. Der Pit hat die leere Box am Henkel nach sich gezogen. Sie schleifte im Sand. Der Karlsson trug noch immer seinen finsteren Blick, das konnte man sogar im Dunkeln sehen. Stur wie aufgezogen hatte er am Ende höchst persönlich jede einzelne Box in die Wellen gekippt. Das muss ihm sehr wichtig gewesen sein. Wir andern haben nur schleppen dürfen.

Ich weiß nicht, um wie viel Uhr wir endlich fertig waren. Ich hatte gedacht, es hört nie auf. Jedenfalls sind wir tot ins Bett gefallen.
„Hier bleib ich liegen – für immer“, hat die Mia gehaucht.
Die Cora und ich hatten Blasen an den Füßen und der Pit Hunger. Der Karlsson hat uns Abendessen aufs Zimmer bestellt. Teller und Schüsseln wurden uns auf einem Tischchen ans Bett gerollt. Nie und nimmer hätten wir uns erheben können, um den Weg ins Restaurant zu schaffen. Nie! 

Nach körperlicher Anstrengung muss man bekömmlich essen, fand der Karlsson

Danach weiß ich nichts mehr, denn ich muss neben dem Risotto (oder Couscous, wie es hier hieß) eingeschlafen sein. Als ich am Morgen aufwachte, war es hell und mir klebten kalte Reiskörner im Nacken. Die andern waren schon aufgestanden, allerdings nicht automatisch mit bester Laune. Die Cora war untröstlich, weil sie das Fotografieren der Fischbefreiung verschwitzt hatte. Erst hatte sie vergessen, die Digicam mitzunehmen, und als es ihr eingefallen war, hat man nicht mehr viel gesehen wegen der Dunkelheit. Bei der Mia war abgesplitterter Nagellack zu beklagen. Das hatte allerdings nur eingeschränktes Bedauern zur Folge. Ich fand, der Pit wirkte auffallend gesättigt und zufrieden. Er wird doch wohl nicht doch noch heimlich zugelangt haben? Unauffällig in der Dunkelheit? Haarscharf an der Freiheit der Fische vorbei? Vielleicht hatte er aber nur gestern Nacht unsere Portionen mitgefuttert und war deshalb so voll. Man soll ja nicht immer das Schlimmste annehmen.

Der Einzige, dem es sichtlich gut ging, war der Karlsson. Er war wie ausgewechselt. Von seiner Angespanntheit war nichts mehr zu spüren.
„Konzentration, Max, Konzentration.“
Er lächelte gütig, seine Löckchen strahlten behaglich:
„Ja, das ist wahr, ich bin sehr zufrieden. Unsere Mission ist beendet. Jetzt können wir meinetwegen Urlaub machen.“

Und das haben wir dann auch getan – so gut es ging. Das Scheich-Dorf ist ja ein Ressort mit internationalem Komfort, gutem Essen, Yachten vor dem Ufer und einer faszinierenden Korallen-Welt unter Wasser, die man besichtigen kann. Aber drumherum ist halt Ursprung, Fels und Landschaft und sonst nichts. Für die Mia und die Cora, die den ganzen Tag am Strand lagen und sich sonnten, war das genug. Wir Jungs hatten es schon schwerer, Abwechslung zu finden. 

Ich glaube, es war das Schiff in der Mitte, mit dem wir unterwegs waren

Einmal sind wir mit der Yacht rausgefahren. Dabei hat sich der Pit einen Sonnenbrand geholt. Sein Ringelfell war hinten rostrot angekokelt. Danach haben wir stundenlang in Hotel Billard gespielt, weil es dort kühl und schattig war. Die leeren Fischboxen sind wir übrigens an einen Kellner losgeworden. Das Verticken für 'n paar Kröten hat uns noch mal ein paar Stunden Unterhaltung beschert. 

Später war der Karlsson auf Tauchtour mit Schnorchel durch die Riffe – ihr wisst schon, auf so einer begleiteten Schwimmübung mit Fischen, von denen es nachher heißt, sie wären soooo groß und soooo gefährlich gewesen. Tatsächlich hat er hinterher erzählt, er wäre ein paar von unsern Aquariumkumpels begegnet und sie hätte ihm zugewedelt mit der Flosse, sicherlich aus Dankbarkeit und Glück, dass es ihnen jetzt gut ging:
„Glaubt mir, nur weil Fische stumm sind, heißt das nicht, dass sie keine Gefühle haben.“

Unter Wasser soll es atemberaubend schön gewesen sein


Glaubt man gern, wenn man das so sieht


Auch Clownfisch Jerry aus dem Aquarium in Schleswig-Holstein hat sich noch mal blicken lassen

Eigentlich hätte ich noch fragen wollen, was die Fische daheim mit ihrer Inzucht davon hätten, dass sich ihre ehemaligen Mitbewohner nun im Roten Meer über ein reichhaltiges Angebot an Ehepartnern freuen dürften, aber da kamen gerade die Mia und die Cora vom Strand und wollten mit uns in die Cocktailbar gehen, und danach war mir entfallen, was ich noch hätte fragen wollen. Ja, gesoffen haben die beiden übrigens auch ganz ordentlich. Die Cora verträgt ja 'ne Menge, die Mia weniger. Zum Glück blieben nur noch wenige Tage, dann ging es schon zurück nach Hause. Schnapsleichen waren somit nicht zu beklagen.

Ich hatte dann noch viel zu tun, die Mia zu beknien, dass sie mir mit dem Geld vom Weihnachtsmann entgegenkäme. Die finanzielle Verpflichtung gegenüber dem Luke lag mir schwer im Magen, und schließlich hatten wir auf unserer Reise nachweislich allerhand kulturelle Erlebnisse gehabt, so dass Mias Argument gegen eine finanzielle Beteiligung nicht mehr zutraf. Junge, Junge, war das ein zäher Kampf. Manchmal hat die liebe, süße Mia das Temperament einer Abrisskugel mit Teflonbeschichtung. Am Ende hat sie dann aber doch das Geld rausgerückt. Es ist jetzt futsch, dem Luke in den Rachen geworfen. Schade, davon hätten wir schön zusammen in Urlaub fahren können.
„In ein Seebad vielleicht? Sonne tanken? Aufs Wasser schauen?“, hat die Cora am Telefon gefragt.
Ich wette, sie hat dabei den Kopf geschüttelt. Inzwischen habe ich ein sicheres Gespür dafür, wenn das jemand macht.

Fotos: Cora © G. H.
           Pit und Luke © Club der glücklichen Vierbeiner
           Karlsson und Polly © Terrierhausen

          Totes Meer/Salz: Ralf Steinberger/Flickr (Bild steht unter Creative Commons License)
          Totes Meer/Menschen: Mundus Gregorius/Flickr (Bild steht unter Creative Commons License)
          Sharm el Sheikh/Badestrand: Wolfgang/Flickr (Bild stehen unter Creative Commons License)
          Sharm el Sheikh/Bucht: Wolfgang/Flickr (Bild stehen unter Creative Commons License)

          Fische 1, Fische 2, Schwan, Sack, Frösche, Abflugtafel, Jerusalem 1, Jerusalem 2, Straße in Israel, Qumram 1
          Totes Meer, Qumram 2, Kairo, Sharm el Sheikh bei Nacht, Couscous, Bucht, Unter Wasser 1, Unter Wasser 2, Unter Wasser 3: Pixabay

© Max: Papageiengeschichten 

Montag, 10. Juni 2019

Putengeburtstag (Update)


Die Mia wird heute ...
Na, errät es jemand?
Ich verrate nur so viel: 
Sie darf nicht mehr auf Kinderfahrkarte fahren, sie bekommt aber auch noch keinen Seniorenteller.
Ihr Alter ist nicht durch 12 teilbar, und hinten ist keine Zahl mit Rundung.
Na, jetzt ist es doch einfach, oder?

Und dann hat heute noch jemand Geburtstag (keine Pute):
die Mama vom Pit, vom Luke, von der Amy, vom Jack, von Lütti, von Spooky, von Marina und von Abbatini (die letzten vier sind die Pferde).
Herzlichen Glückwunsch, Tante Susanne.
Ich wünsche dir ein tolles neues Lebensjahr.

Euer Max 💪

Mittwoch, 5. Juni 2019

Unser Lockenfreund ...


... hat heute Geburtstag.



Herzlichen Glückwunsch, lieber Karlsson.
Du wirst heute zehn. 
Dazu gratulieren wir dir herzlich.
Bleib spaßig und entspannt.

Dein Max und die Mia


Und dann hat der Karlsson zwei Fotos geschickt zum Beweis, dass man mit zehn noch fliegen kann: 


Ja, okay, bei den Hinterbeinen gibt's 'nen halben Punkt Abzug wegen Haltungsnote.
Und du wirst doch wohl nicht vom Trampolin gesprungen sein?

Aber sonst ...


... hepp!
Punktlandung!

Alle Achtung. 
Das soll dir erst mal einer nachmachen. 

Fotos: Terrierhausen 
© Max: Papageiengeschichten

Samstag, 25. Mai 2019

Das Bild des Tages (14)


Er hat die Begleithundeprüfung. 👍

Foto: Pixabay

Mittwoch, 1. Mai 2019

Kühe

Der Karlsson war nicht davon abzubringen. Wir müssten uns mal ordentlich öffentlichkeitswirksam sozial betätigen, hat er gemeint. Immer nur im Verborgenem dem Weihnachtsmann zur Hand zu gehen oder New Yorker Straßenkatzen in die Schranken zu weisen wäre ja schön und gut, aber auf die Dauer zu mickrig. Wer Gutes tue, müsse auch die Fahne schwenken, damit das Unrecht publik werde. Die Öffentlichkeit wisse ja oft nichts von den himmelschreienden Missständen, daher sei es unsere Aufgabe, sie davon zu unterrichten, am besten durch eine spektakuläre Aktion. Aha, und an was dachte er dabei?
„Wir befreien Kühe“, hat er am Telefon gesagt.
„Kühe?“
„Ja, wen denn sonst? Schildkröten vielleicht?“
Hm, da war was dran. Kühe machen mehr her.
„Und an was genau hast du gedacht?“, habe ich gefragt.
Überraschenderweise konnte der Karlsson ein komplettes Manuskript vorlegen:
„Wir fangen mit Tiertransporten an. Die Vögel lassen ein Laken vor die Windschutzscheibe gleiten. Steht der LKW, popelt der Pit die Fahrerkabine zu und den Frachtraum auf. Die Pferde und wir Hunde lenken die Rinder auf freie Weiden, davon gibt es bei uns im Norden genug. Max schreibt, die anderen Vögel filmen. Luke verkauft die Reportagen und das Bildmaterial für viel Geld im Internetz.“

Karlssons Vision: freie, glückliche Kühe in einer freien, glücklichen Welt

Da war ich platt. Dass der Karlsson so versessen darauf war, sich und uns in Gefahr zu bringen, war mir neu. So risikofreudig hatte ich ihn nicht in Erinnerung. Ich sage nur: Hoooooochhäuser. Und der wollte jetzt Kühe aus den Legebatterien befreien? Ausgerechnet der? Ich habe mir einen Vormittag Bedenkzeit ausgebeten, um darüber nachzudenken, ob ich den Plan gut finde und ob ich bereit wäre, dafür meinen soliden Ruf zu riskieren, schließlich hätte bestimmt nicht jeder Verständnis für unsern selbstlosen Einsatz. Außerdem hatte ich Bedenken wegen des Mittelteils, genauer gesagt wegen dem Pit. Dass der gut popeln kann, steht außer Frage, aber wäre er auch in der Lage, die Fahrerkabine so rasch zu versiegeln, dass der Fahrer uns nicht erwischen könnte?

„Über die Feinheiten können wir später reden“, hat der Karlsson gesagt. „Was ist nun? Machste mit?“
Sollte ich meinen Freund hängen lassen? Zusehen, wie der Pudel allein in sein Unglück rennt? Auch die Cora fand das nicht angebracht:
„Klasse, endlich mal Action in der Bude! Natürlich bin ich dabei!“
Oh, Mann. Wusste die Gans überhaupt, um was es ging?
„Keine Angst, Hoppelhase. Mir ist bekannt, dass bei einer Befreiungsaktion kein Cuba Libre serviert wird. Passt schon.“

Bei der Mia hatte ich noch argere Bedenken. Wisst ihr noch, als wir beide auf Pellworm waren? Das ist schon lange her. Damals hatte uns ein Graf in sein Penthouse eingeladen. Das war zwar landschaftlich toll gewesen, aber auch etwas langweilig. Um sich die Zeit zu vertreiben, hatte die Mia Beratungsstunden gegeben, und zwar den Kühen vor Ort, weil sie sich beschwert hatten, dass sie dauernd Kälber kriegen müssten, ohne dass sie um Zustimmung gefragt würden, außerdem täte man ihnen ständig mit kalten Pfoten ans Euter grapschen. Das wäre unwürdig und frauenfeindlich. Daraufhin hatte die Mia geraten, dass sie sich Schutzhosen um den Hintern knoten, zum Beispiel aus blauen Müllsäcken. Das hatten die Kühe tatsächlich gemacht. Nun leuchteten auf ganz Pellworm blaue Müllsäcke auf den Weiden, und deswegen gab es Ärger mit dem Fremdenverkehr, weil die das unnatürlich fanden. Seitdem hat die Mia nie wieder was mit Kühen zu tun gehabt und auch keine Beratung mehr für Empfängnisverhütung gegeben. Ich hatte Zweifel, ob sie sich jetzt von Karlssons Plan angesprochen fühlen würde.
„Meinetwegen“, hat die Mia geseufzt. „Wenn die Cora mitmacht, komme ich auch mit.“

Nun ging es ans Feintuning. Der Plan musste ausgearbeitet werden. Von meiner Idee, das Herrenzimmer in Karlssons Haus als Operationsbasis zu nutzen, haben wir allerdings schnell Abstand genommen. Erstens wollten wir keine Mitwisser haben (Menschen stören), zweitens tat der Karlsson behaupten, wir würden unsere Malzbierdosen auf den Miles-Davis-Platten abstellen, drittens liegt Schleswig-Holstein zu ländlich, um jedes Mal die Cora dorthin zu karren, und viertens fand ich es besser, wenn wir so wenig Spuren wie möglich hinterließen, und deswegen waren Verabredungen per Telefon das Beste.

Aber erst mal haben der Karlsson und ich uns allein beraten. Er hatte nämlich noch ein besonderes Anliegen, für das wir den großen Kreis nicht brauchten. Die Amy sollte befreit werden, weil sie auf einem Katzenbaum schlafen musste. Als Hund! Na und, habe ich gefragt, wenn's ihr gefällt? Dem Karlsson überschlug sich fast die Stimme. Ich wäre roh und empathielos, hat er gekreischt. Als Hund auf einem Katzenbaum zu liegen, das ginge ganz und gar nicht. Noooo way! 

Amys Martyrium
 
Er hat dann den Pit angerufen und gefragt, ob der Missstand inzwischen behoben sei. Nö, hätte der gesagt und seelenruhig weiter seine Kräcker in Karlssons Ohr gemampft. Der Luke wäre nicht zu erreichen gewesen (Anrufbeantworter) und der kleine Jack hätte gemeint, er täte überhaupt nichts verraten, solange er vom Karlsson nicht das Versprechen bekäme, dass er nächstes Mal mit auf Reisen dürfe.
„Siehste“, habe ich zum Karlsson gesagt, „bei denen weiß man nicht, wo man anfangen soll.“

Der Karlsson war trotzdem nicht aufzuhalten.
„Schreib 'nen Erpresserbrief!“, hat er mich angeherrscht.
„Wie komme ich dazu?“
„Du bist Reporter, und wir können ja wohl schlecht zur Amy fahren und den Katzenbaum mitnehmen, also schreib was Schönes, damit die Menschen dort wissen, was sie zu tun haben.“
Na, das ist ja köstlich. Der Kerl hat Karitas und ich soll ihm die Arbeit erledigen.
„Nu mach schon, Max. Keiner kann so gut Erpresserbriefe schreiben wie du.“
Echt? Wirklich? Na, wenn das so ist, musste ich ja wohl meine Fertigkeit zur Verfügung stellen.

Ich habe mir ein Glas Cola neben den PC gestellt und eine Schaumwaffel dazugelegt – Nervennahrung. Dann habe ich das Zimmer abgesperrt, um ungestört zu sein, und folgendes Schreiben aufgesetzt. Es hat mich viele Stunden überlegen und unzählige Entwürfe gekostet:


Zum Verwischen aller Spuren habe ich den Brief selbstverständlich mit einem Stempelkasten aufgesetzt. Die Anschaffungskosten von 11,99 Euro wurden dem Karlsson in Rechnung gestellt. Ich wäre ein egoistischer Geizhals, hat er geantwortet, und ich habe gesagt, huch, ich glaube, ich hätte aus Versehen mit „Karlsson“ unterschrieben. Da war dann Ruhe. Weil wir das Schreiben nicht mit Umschlag versenden wollten (ihr wisst schon – Stempel), musste der Pit noch mal ran. Diesmal habe ich angerufen. Er täte bald einen Brief bekommen, den solle er auspacken, den Umschlag verbrennen (aber ohne das Haus abzufackeln!) und das Blatt Papier heimlich vor die Tür legen, so als hätte es jemand anders dort abgelegt. 

„Wozu?“, wollte er wissen.
„Tante Susanne hat im Preisausschreiben gewonnen. Ihr kriegt einen Mega-Fresskorb. Darum. Es soll eine Überraschung sein.“
So. Das war erledigt. Hoffentlich würde der Pit nicht vorher aufs Blatt gucken und das Schreiben lesen. Der bringt es fertig, schreit laut: „Was soll das denn?“ und schmeißt den Brief weg. Andererseits: Dann müsste sich der Karlsson selbst drum kümmern. Ich hatte getan, was ich konnte.

Den Befreiungsplan auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, erwies sich leider als ziemlich schwierig. Ich meine, hätten wir alle zusammen in Karlssons Herrenzimmer verhandeln können, wäre 'n Flipcharts oder 'n Overheadprojektor hilfreich gewesen. Doch so sabbelte jeder (außer der Mia) wirres Zeug in den Hörer, und der Karlsson und ich hatten alle Hände voll zu tun, den Überblick zu behalten. Die Cora wollte unbedingt filmen, der Mia war alles egal, der Pit hatte zwar zugesagt, wie geplant die Fahrerkabine zuzupopeln, wünschte aber genauere Angaben zum Material, der Luke wollte den fertigen Film erst sehen, bevor er sich für die Vermarktung einsetzen täte, und mir war nicht klar, wen wir überhaupt befreien sollten.
„Na, Kühe“, hat die Mia gelästert.
Dabei wieherte sie wie ein Pferd. Das brachte mich auf eine Idee.
„Wie wäre es, wenn wir statt den Pit popeln zu lassen, zwei Pferde mitnehmen, die von außen die Fahrertüren versperren?“
Der Karlsson fand das gut, der Pit nicht.

„Traut ihr mir etwa nicht zu, dass ich schnell genug arbeite?“
Doch, aber darum ging es nicht. Es hätte schon Schnellkleber sein müssen, um den Fahrer am Aussteigen zu hindern, aber wollten wir uns wirklich Ärger einhandeln wegen Beschädigung fremden Eigentums?
„Du kannst hinten die Ladeklappe aufpopeln, während die Stuten vorne alles zuhalten“, habe ich zur Versöhnung angeboten.

Ich dachte an Lütti und Marina, dass die mitkämen. Wenn man sie nett fragte, täten sie bestimmt zusagen. Sie hatten ja sonst nicht viel Abwechslung auf der Weide. Dass der Pit allerdings beleidigt war, das fand ich bemerkenswert. Ich hätte nicht gedacht, dass er sich so mit dem Popeln identifiziert. Früher ist es ihm überhaupt nicht recht gewesen, wenn man ihn daran erinnerte. Aber, hey, der Karlsson mit seinem Weltrettertum plötzlich ist früher ja auch ganz anders gewesen. Noch jemand, der mit Persönlichkeitswandel überraschen wollte? 

Die Cora hatte schon mal angefangen, das Filmen zu üben, daheim mit dem Camcorder vom Onkel Jürgen. Die Ergebnisse hat sie abwechselnd dem Karlsson und mir auf den PC geschickt. Mann-o-Mann, das war vielleicht 'n Mist: verwackelte Blümchen hier, verwackelte Bienchen dort, zwischendrin die Beine von der Gartenbank, die Wohnzimmerlampe, wie sie sich in der Vitrine spiegelt, der Papierrollenhalter in der Küche in Zeitlupe von links nach rechts, minutenlanges weißes Bild mit dem Geräusch einlaufenden Badewassers und Engelberts Plattfüße, wie sie über einen Butterkeks latschen. Großes Kino. Wirklich. Hollywood hätte seine Freude dran.
„Cora, versuch doch mal den Camcorder ruhig zu halten ­- und vor allem gerade“, habe ich geraten.
„Mach ich doch!“, hat sie gekeift. „Aber das Ding ist so asig schwer.“

Lütti und Marina hatten inzwischen zugesagt mitzukommen, und auch Amy und Polly wurden angefragt, denn wir würden noch gute Läufer brauchen, um die Kühe auf die Weide zu treiben. In New York hatten sich beide als überaus ausdauernde und verantwortungsvolle Kämpfer erwiesen. Ich erinnere, wie sie den Gang-Katzen in der Bronx zugesetzt hatten, so richtig stilecht mit Knurren, Zähnefletschen und Nachsetzen. Große Klasse. So was würden wir brauchen. 

Allmählich gewann unser Plan an Konturen. Er sah nun so aus: Wir würden den Transport an einer strategisch günstigen Stelle abpassen. Die Mia würde auf die Kühlerhaube fliegen, sich am Scheibenwischer einhaken und den Fahrer mit einer Tabledance-Nummer ablenken. Das würde dem Harald (ja, in der Tat, den weißen Teich-Heini würden wir diesmal einsetzen) genug Zeit geben, um ebenfalls auf den Kühler zu klettern und seine Flügel auszubreiten. Das wird dem Fahrer die Sicht versperren. Die beiden Pferde halten, wie gesagt, die Türen zu (zumindest den unteren Teil), während der Pit hinten den Laderaum aufmacht. Der Karlsson, die Amy, die Polly, der Pit und ich treiben die Kühe auf die Weide. Alles wird von der Cora gefilmt. Wenn wir die Kühe weit genug getrieben haben, dass sie außer Reichweite sind, ruft der Pit die Mia an, damit sie das Bekennerschreiben an den Scheibenwischer klemmt. Lütti, Marina, Harald, Cora und die Mia machen sich aus dem Staub. Die Amy hatte noch vorgeschlagen, dass wir uns maskieren sollten, aber das haben wir verworfen, weil die Mia nicht aussehen wollte wie Zorro. Außerdem bekäme der Harald Pickel von Wollmützen, hieß es. Das konnten wir natürlich nicht riskieren.

Geklärt werden musste noch, welche Legebatterie wir überhaupt befreien wollten – und wo. Keiner von uns hatte Ahnung, wie das funktionierte mit den Transporten. Im Internet steht so was nicht. Wir haben hin und her überlegt. Zwischenzeitlich hatten wir sogar vereinbart, dass der Pit, der Karlsson, die Mia und ich abwechselnd an der Autobahnzufahrt sitzen, um Strichlisten zu machen und die Zeit zu notieren, damit wir eine Idee davon bekämen, wann und wie viele Kuhtransporte unterwegs wären (die Cora war entschuldigt – die musste für den Oscar üben). Als der Pit einwandte, dass am LKW bestimmt nicht geschrieben steht, dass man innen drin Kühe findet, waren wir zum ersten Mal richtig gefrustet. Uns fiel einfach nichts ein, wie wir das Problem lösen könnten. Auch Mias Idee, auf Instagram die betreffenden Kühe einzeln zu kontaktieren und zu fragen, wann sie auf Reise gingen, fand keine Zustimmung. Der Karlsson begann nervös zu werden. Nun hatte er schon mal den Vorsitz an einer Aktion, und dann drohte alles zu scheitern. Jede Nacht habe ich ihn im Dreistundentakt angerufen, weil ich Angst hatte, dass er allein loszieht und irgendwen überfällt, nur damit er überhaupt eine Aktion zu Ende kriegt.
„Bist du bescheuert, hier dauernd anzurufen?“, hat er mich angeschnauzt.
Von der Mia habe ich eine gerollte „Tussi“ über den Schädel gekriegt, weil mein Handy die ganze Nacht gepiept und sie aufgeweckt hatte. Ja, Mensch, ohne Wecker konnte ich dem Karlsson nicht helfen. Schließlich macht man sich Sorgen um seinen Freund.

Die rettende Idee kam schließlich von der Cora: Warum wir nicht Puten-Manni fragen täten. Der wäre doch vom Fach.

Ja, Mensch, klar, dass ich nicht selbst darauf gekommen bin. Unser guter alter Freund Puten-Manni. Mit ihm sind wir früher viel verreist, per Anhalter, vorne drin im Cockpit. Das war noch vor der Zeit, bevor wir Karlssons Papa und seine Kreditkarte hatten. Damals hatte uns das Geld für die Fahrkarten gefehlt, und mit Puten-Manni und seinen Kumpels ist es billig gewesen, von A nach B zu kommen. Ich habe gleich in meinem Adressbuch nachgeschaut und angerufen. Puten-Manni ist 'ne Wucht. Er versprach sofort, sich umzuhören und sich zu melden, sobald er Näheres wisse. Kaum eine Stunde später klingelte das Telefon. Von einem Kumpel, der einen Kumpel kennt, dessen Kumpel mit einem andern Kumpel befreundet ist, hat er erfahren, wann in Schleswig-Holstein demnächst Kühe transportiert würden. Ihm diese Infos zu entlocken, war allerdings kniffelig gewesen, denn um ehrlich zu sein, waren Puten-Manni zunächst Bedenken gekommen, einen Kollegen so auszuliefern, denn so was macht man ja nicht. Doch als ich ihm erklärt hatte, dass wir ja nur Gutes vorhätten im Sinne der armen Kühe und dass unser Freund, der Karlsson, überdies schon urururalt wäre („Der hat kaum noch Zähne“) und wir ihm daher gern seinen letzten Herzenswunsch erfüllen wollten, nämlich noch einmal im Leben etwas Wertvolles zu leisten, da hat Puten-Manni geschluckt und okay gesagt. Er ist und bleibt eine treue Seele.
„Aber seid vorsichtig! Und tut ihm nicht weh!“
Natürlich. Außerdem ist uns der Fahrer gänzlich unbekannt. Der wird uns nicht wiedererkennen.

Der Karlsson war glücklich, als er erfuhr, dass es nun doch weiterging. Gebellt hat er vor Freude. Mir ist das Trommelfell gegen die Leber geknallt. Mit der Polly ist er die Ratsplätze in Schleswig-Holstein abgelaufen, um zu erkunden, ob es einen günstigen Platz gibt, wo wir zuschlagen könnten. Das hat eine Woche gedauert, bis er und Polly Stubenarrest kriegten. Seine Leute hatten gedacht, sie würden weglaufen, obwohl sie jeden Abend zum Essen zurückgekommen sind. Deswegen musste dann der Pit übernehmen. Er hockte mit seiner Provianttüte im Gebüsch und wartete, ob unser LKW vorbeikäme. Er hat sich mit der Amy abgewechselt. Erstaunlicherweise hat sie ihre Aufgabe gut erledigt. Sie fand heraus, dass besagter LKW-Fahrer nicht, wie wir gedacht hatten, auf einem Rastplatz anhielt, sondern am Stadtrand an einer stillgelegten Tankstelle. Dort schraubte er erst seine Thermoskanne auf, dann aß er seine Stulle und dann ging er ein paar Schritte spazieren, um sich die Beine zu vertreten. Das machte er jeden Dienstag um die gleiche Uhrzeit. Mit einem bisschen mehr Engagement hätte der Pit selbst darauf kommen können. 

Hier machte unser LKW jeden Dienstag Pause

Okay, dann hatten wir's also. Die Aktion konnte beginnen. Wir mussten noch zwei Wochen warten, bis der Karlsson und die Polly wieder verfügbar waren. Das Bekennerschreiben hatte ich inzwischen verfasst. Es lautete:

Die Cora kam mit der Bahn zu uns nach Hannover. Den Camcorder hatte sie sich auf den Rücken geschnallt. Gemeinsam sind wir (Mia, Harald, Cora und ich) erst nach Hamburg gefahren und dann mit der S-Bahn weiter aufs Land. Dort haben uns der Karlsson und die Polly abgeholt. Ein Taxi hat uns an den Stadtrand gebracht. Selbstverständlich sind wir ein Stück vorher ausgestiegen, um die späteren Nachforschungen zu verwirren, denn es war ja wohl klar, dass auf uns eine längere Haftstrafe wartete, falls man uns erwischte. Aus diesem Grund hatten wir uns im Taxi nicht unterhalten, damit wir keine Anhaltspunkte lieferten, an denen man uns später identifizieren könnte. So waren wir gewöhnliche Fahrgäste ohne besondere Merkmale.

An der stillgelegten Tankstelle warteten der Pit, die Amy und die beiden Pferde. Sie waren aus der andern Richtung gekommen. Die Amy stand vor uns mit eingeklemmten Schwanz, runtergeklappten Ohren und triefenden Augen wie ein geprügelter Hund.
„Hat jemand Schiss?“, hat der Karlsson gefragt. „Will jemand aussteigen? Noch ist Zeit.“
Alles guckte sich an, außer Marina und Lütti. Sie hatten neben dem Parkplatz das Gebüsch entdeckt und schickten sich an, es auf Verzehrfähigkeit zu prüfen.
„Hey, lasst das!“, ist der Karlsson ausgetickt. „Das brauchen wir noch zum Verstecken.“
Seit der Karlsson die Leitung innehatte, waren seine Regieanweisungen von bestechender Prägnanz. Mit zusammengekniffenen Augenbrauen musterte er die Runde:
„Was ist? Irgendwelche Abtrünnige? Schisser? Weicheier?“
Niemand meldete sich.
„Dann ist ja gut“, hat er gemeint.
Vermutlich war Amys Gemütszustand auf ihre Genetik zurückzuführen. Border Collies gelten ja als sehr sensibel.
„Mir ist auch schlecht“, hat der Harald geflüstert.
„Dann würde ich keine Salzheringe essen“, habe ich geraten.

Inzwischen ging der Pit mit seinem Rucksack herum und verteilte Proviant. Noch eine Stunde blieb uns bis zum Einsatz. So war genügend Zeit, um uns zu stärken. Es war bewölkt, regnete aber nicht. Wir hatten uns auf dem Parkplatz niedergelassen, aßen Käsekräcker, Zitronenkuchen, Mettwurst und Hering (Letzteres nur der Pit). Wir unterhielten uns über dies und jenes oder zählten die Autos, die ab und zu vorbeikamen. Die Cora hatte ihren Camcorder ausgepackt und auf Start gestellt. Die Mia hielt ihren Schnabel unter Haralds Flügel und seufzte verliebt. Es ist schon lange her, dass der Tümpel-Fred mit durfte. Ich weiß auch, warum. Turteltäubchen sind die Pest. Hoffentlich würden sie ihren Part nicht versemmeln.

Der Karlsson lief herum wie angestochen und fragte jeden, ob er auch wirklich wisse, was zu tun sei. Ich konnte hören, wie die Marina der Polly zuraunte, ob er zu Hause auch so unausgeglichen sei. Das wäre nicht gut, das verursache Stress, er solle sich mal entspannen. Von der Amy erfuhren wir, dass sie nicht mehr auf ihrem geliebten Katzenbaum liegen dürfe, weil er neuerdings im Stall stünde. Deswegen hätte sie jetzt dauernd Blähungen. Lütti erzählte, dass sie Reitsport betreibe, um sich fit zu halten.
„Ach, echt?“, hat die Polly geantwortet. Das wäre ihr zu militärisch. Sie würde Freestyle-Jogging bevorzugen:
„Da ist man nicht so angebunden.“

Eine Viertelstunde vor dem errechneten Start wurde es dann ernst. Der Karlsson kläffte zum Aufbruch. Wir rafften unsere Sachen zusammen und quetschten uns befehlsgemäß ins Gebüsch.
„Die Weißen und Grünen weiter nach hinten, sonst sieht man euch. Ihr scheint durch.“
Lütti und Marina waren auf die andere Seite hinters Haus geschickt worden. Sie passten nicht mit ins Gebüsch. Mir stand der Harald auf den Krallen. Von hinten überdeckte eine flauschige Fellhaube meinen Körper. Das war die Brustbehaarung der Amy, die hinter mir saß. Im Augenwinkel konnte ich sehen, dass die Polly den Camcorder in der Schnauze hielt. Offenbar hatte ihn die Cora nicht auf dem sandigen Boden ablegen wollen. Nach meinem unmaßgeblichen Eindruck war niemand zufrieden mit seinem Aufenthaltsort. Es war einfach total unbequem in dem engen Grünzeug.
„Ist jetzt endlich Ruhe da hinten?“, kam es streng von unserm gelockten General.

Als Einziger war der Karlsson draußen geblieben. Er machte auf streunenden Hund. Dabei überwachte er sowohl die Straße als auch uns. Und dann war es so weit: Der LKW kam. Wir sahen, wie er auf den Parkplatz fuhr, wir hörten, wie direkt vor uns die Bremse gezogen wurde. Dabei habe ich kaum bemerkt, dass mir stetig etwas auf den Scheitel tropfte. Es kam aus Amys Schnauze. Für meinen Begriff hechelte sie auch viel zu laut. Das hat man ja hören können in der Fahrerkabine! Sie verriet uns noch, die dumme Gans. Blöd war auch, dass der LKW so hoch war, dass wir in unserm Versteck mal gerade das Nummernschild im Blick hatten. So mussten wir verstärkt die Ohren einsetzen. Als endlich Karlssons Pfiff ertönte (nach einer Ewigkeit), hat sich die Mia durch die Äste gearbeitet und war verschwunden. Beim zweiten Pfiff hat sich der Harald in Bewegung gesetzt. Die Cora ist gleich mitgegangen. Den Camcorder hatte sie dabei, das weiß ich genau. Kurz darauf war der Pit dran. Inzwischen waren auch Lütti und Marina da. Man konnte es erkennen an den Schenkeln, die etwas schräg standen, so wie Schenkel halt stehen, wenn man sein ganzes Gewicht gegen einen Gegenstand presst.

„Ich komm da nicht hoch!“
Das war allerdings ein Satz, der nicht verabredet war. Er kam vom Harald. Als ich aus dem Gebüsch stürmte und die Ladefläche ansteuerte, konnte ich im Vorbeifliegen sehen, wie der Teich-Heini auf Kniehöhe am Kühlergrill hing und wild mit den Flügeln flatterte.
„Hoch mit dem Hintern!“, hat der Karlsson geschrien.
„Wie denn, du Blödkopp? Hier gibt’s keine Kühlerhaube zum Festhalten, hier ist alles flach.“
Hinterher haben wir erfahren, dass er Recht hatte. Wir hatten an einem virtuellen Ami-Truck geübt, und die haben in der Tat einen Kühlergrill zum Draufsteigen und Draufsitzen.

Deutlich zu sehen: Beim Ami-Modell hätte der Harald bequem vor der Scheibe stehen können

Unser LKW jedoch war vorne komplett platt.  Da gab's nichts zum Klettern und Festhalten, schon gar nicht für Plattfüße mit Schwimmflossen:

Wenn wir das vorher gewusst hätten

Okay, das war jetzt dumm gelaufen. Die Fahrerkabine musste unverdeckt bleiben. Wir konnten nur hoffen, dass die Mia mit ihrem Tabledance ganze Arbeit leistete. Dem Gebollere an den Fahrertüren nach zu urteilen, war das allerdings nicht der Fall. Immer im Wechsel mal links, mal rechts rappelte es von innen am Türgriff. Die Pferdemädels haben sich mit aller Gewalt dagegen gestemmt. Also hatte uns der Fahrer bereits bemerkt und wollte aussteigen. Eile war geboten. Der Karlsson ist hektisch hin und her gerannt.
„Haltet durch!“, hat er Marina und Lütti zugeschrien.

Wir an der hinteren Station wurden zum zügigen Arbeiten angehalten. Inzwischen waren alle aus dem Gebüsch gekommen und standen auf ihrem Posten. Während der Pit an der einen Seite die Halterung der Ladeklappe lospopelte, hat die Polly an der andern Seite mit der Schnauze den Hebel hochgebogen. Tatsächlich ging die Ladeklappe auf. Kuhärsche wurden sichtbar. Es muhte und roch würzig nach Stall. Zusätzlich musste man irgendwelche Knöpfe drücken, damit die Hydraulik die Rampe ausfuhr. Keine Ahnung, wie es funktionierte, jedenfalls hat der Pit es prima hingekriegt. Die Damen standen zum Ausstieg frei.
„Huch, die sind ja ganz weiß“, hat sich die Amy erschreckt.

Ja, die Kuh war weiß

„Laber nicht, tu deine Pflicht!“, hat der Karlsson gebellt.
Leider wollten die Herrschaften nicht aussteigen. Wie jetzt? Die Freiheit winkte und die blöden Weiber standen einfach nur da und glotzen? Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Der Karlsson, die Amy und die Polly haben wild gekläfft (und schließlich Verwünschungen ausgestoßen), aber es wollte sich einfach nichts rühren. Niemand bewegte sich einen Zentimeter.
„Was machen wir jetzt?“, habe ich gefragt.
Der Karlsson wirkte nervös.
„Max, versuch du's. Aber schnell!“

Ich bin zur nächsten Kuh geflogen, habe mich auf ihren Kopf gesetzt. Dann habe ich ihr ins Ohr gebissen – zackig. Gott sei Dank, das wirkte. Ich musste mich zwar gut festhalten, damit ich nicht weggeschüttelt wurde, doch nach anfänglichem Gemuhe hat sich die erste Kuh in Bewegung gesetzt und darauf folgten die andern. Eine Karawane schimpfender Walrösser kam die Rampe heruntergetrampelt – endlich. Unten wurde sie unsanft von den Hunden empfangen. Ich glaube, man hat ihnen gelegentlich in die Waden gezwickt, um sie zu beschleunigen. Am Ende des Parkplatzes ging es am Gebüsch vorbei hinunter auf eine Weide. Dazu mussten die Damen ein wenig springen, um den Höhenunterschied zu überwinden. Manche Kuh hat das nicht einsehen wollen. Weil jedoch keine Verzögerung eintreten durfte, bin ich wiederum eingeschritten. Während die Amy und die Polly geschoben haben, habe ich meinen Schnabel in den Hintern gebohrt. Auch der Pit hat seine Krallen ausgefahren. Mir war nicht bekannt, wie gut Kühe springen können. Außerdem können sie ziemlich flott laufen, vorausgesetzt man bleibt in der Nähe und motiviert sie.

So, die Herde hatten wir also schon mal auf dem Grün. Nun hieß es, sie außer Reichweite zu bringen. Während ich mit der Polly, dem Pit und der Amy in Richtung Horizont aufgebrochen bin, ist der Karlsson zurückgeblieben, um die übrigen Posten anzuleiten. Er ist später nachgekommen. Von ihm erfuhren wir, dass die Pferde sowie die Mia, die Cora und der Harald ebenfalls in Sicherheit waren. Sie haben sich rechtzeitig absetzen können.

Den halben Nachmittag sind wir gelaufen, das heißt, ich bin vorgeflogen und unter mir ist der Pit gesprintet. Wir sollten den Weg ebnen, falls Weidezäune im Weg stünden. Manchmal mussten wir tatsächlich anhalten. Dann hat der Pit eine Zange aus seinem Rucksack geholt (es war nicht sein Proviantbeutel) und den Draht von den Pfosten geknipst. Das Loch reichte aus, die nachfolgende Karawane durchzulassen, ohne dass jemand aus dem Galopp kam. Irgendwann hat der Karlsson entschieden, dass es genug sei. Endlich folgte das Signal zum Anhalten. 

Manche Zäune waren sehr renitent

Ich meine, Schleswig-Holstein ist ja ganz hübsch – sofern man eine Kuh ist. Es gibt dort in der Tat, wie der Karlsson versprochen hatte, unendlich viel Natur, auf der man herumstehen kann.


Schleswig-Holsteins abwechslungsreiche Landschaft


Seht ihr?

Áuch mit Sonne

Ich fand, hier ließ es sich aushalten.

Die Hunde hatten prima Arbeit geleistet. Kein Befreiungsgut war verloren gegangen. Sie hechelten und auch den Kühen hingen die Zungen heraus. Die Euter bimmelten jetzt nicht mehr im Takt. Alles fuhr herunter. Allerdings kaum, dass die Leitkuh (oder wer das war) ihren Atem wiedergefunden hatte, gab es 'ne deftige Ansage. Wir waren geplättet. Was das hier für 'n erbärmlicher Scheiß wäre, hieß es. Die ganze Zeit so rennen zu müssen wie blöd. Was uns einfiele, sie so zu traktieren. Würden wir uns etwa kennen, hä? Und was sie jetzt hier sollten in der Pampa im Niemandsland. Ob ihnen das jemand mal gütigst erklären könne.

Öhm. Dem Karlsson lagen die Ohren an, so heftig war er angebrüllt worden. Auch wir anderen guckten ratlos in die Runde. Damit hatte keiner gerechnet. Sollte das etwa der Dank sein? Für unsern aufopferungsvollen Einsatz?
„Nun, wir haben euch befreit“, hat der Karlsson schließlich vorsichtig gesagt.
„Befreit? Von was?“, kam es unerbittlich zurück.
Die Leitkuh war jetzt fast am Kreischen, so sehr tat sie sich aufregen.
„Vom … äh … Schl...haus?“
„Ihr seid wohl nicht ganz dich! Ihr Idioten! Wir sind VIPs. Uns fährt man nirgendwohin, wo es gekachelte Wände gibt. Wir sind Fotomodels. Wir waren gerade auf dem Weg zum Frisör -­ und zum Shooting. Nächste Woche ist Misswahl. Daran werden wir teilnehmen. Bringt uns sofort zurück!“

Oh-oh (aber die Frisur sitzt)

Uff. Das kam jetzt ein wenig ... höm ... überraschend. Wer hätte das ahnen können? Gibt's überhaupt so was, Frisör für Kühe? Oder verarschten die uns? Doch, hat der Pit geflüstert, so was gäbe es tatsächlich. Manche Fotografen hätten sich sogar darauf spezialisiert. Die bringen erst die Kühe in Form, zum Beispiel mit Mehl, das sie auf die weißen Stellen pudern, damit es makellos aussieht, und anschließend werden sie in Szene gesetzt und fotografiert. Manche Besitzer ließen sich das viel Geld kosten, weil es natürlich den Verkaufspreis in die Höhe treibt, wenn die Kuh super aussieht.

„Bei dem vielen Weiß haben die aber viel zu pudern“, hat die Polly angemerkt.
Dem Karlsson war nicht nach Scherzen zumute. Er tat finster gucken. Verständlich, so schwer, wie die Verantwortung auf ihm lastete.
„Was ist nun?“, hat die Leitkuh gedrängelt „Rückweg! Aber flott, wenn ich bitten darf.“
Darauf hat der Karlsson tief geseufzt und sein Handy gezückt. Dabei fiel ihm ein, dass er versäumt hatte, der Mia Bescheid zu sagen, dass sie nun das Bekennerschreiben an die Windschutzscheibe klemmen könne. Später erwies sich, dass die Mia den Schrieb ohnehin auf dem Bahnhofsklo liegen gelassen hatte. Jetzt erhielt sie die neue Order, einen neuen Zettel zu schreiben und ihn dem LKW-Fahrer zuzustecken. Darauf sollte stehen, dass seine Ladung in Kürze zurückkehre, Polizeieinsatz wäre daher unnötig.

Wir setzten uns also wieder in Bewegung, diesmal allerdings nicht im Galopp, sondern nur im gesunden Walking-Stil. Keiner sprach ein Wort, schon gar nicht die Kühe mit uns. Ich glaube, sie waren mächtig stinkig. Die Leitkuh hatte nur gesagt, dass sie sich Benehmen ausbitte, weil sie Jugendliche dabei hätten, von denen bisher jeglicher proletarischer Umgang ferngehalten worden sei, und das solle auch so bleiben. Der Karlsson hörte gar nicht mehr hin.

Das zarte Jungvolk

Als ich mich zwischendurch mal auf einen Kuhhintern gesetzt hatte, um ein wenig auszuruhen, flog mir sofort 'n Schwanz um die Ohren. Oha, das war aber unfreundlich. Stattdessen hat mich die Amy aufsitzen lassen. Man kriegt nämlich schnell Muskelkater in den Flügeln, wenn man zu langsam fliegt. Das ist wie Radfahren in Zeitlupe.

Irgendwann, nach endlosem Gelatsche, sind wir wieder am Ausgangspunkt angelangt. Man konnte die Rückwand der verlassenen Tankstelle sehen. Der Karlsson hat den Treck angehalten. Mit dem Pit ist er vorausgeschlichen, um die Lage zu peilen. Sie lukten durchs Gebüsch. Nach einer Weile kehrten sie zurück. Der Karlsson hat uns informiert, dass die Polizei gerade vom Parkplatz gefahren sei. Nun stünde nur noch der leere LKW dort. Vom Fahrer sei nichts zu sehen.
„Dann können wir wohl jetzt einsteigen, ne?“, hat die Leitkuh gesagt.
Ihre Stimme klang schnippisch. Der Karlssons hat keinen Einwand erhoben.

Die drei Hunde, der Pit und ich sind zurückgeblieben. Wir haben zugeschaut, wie die Herde an uns vorbeigeschaukelt ist. Auf Wiedersehen hat niemand gesagt. Es dauerte noch ein Weilchen, bis sich die Damen den kleinen Abhang hinaufbemüht hatten, den sie wenige Stunden zuvor so sportlich hinuntergesprungen waren. Jetzt konnte man deutlich erkennen, dass ihr stolzes VIP-Weiß empfindlich an Leuchtkraft verloren hatte. Grasflecken waren zu sehen und erdiges Braun zierte Bauch und Schenkel.

„Ich kenne jemanden, der zu Hause als Erstes 'n Bad nimmt“, hat die Polly gekichert.
Pst, wenn das einer gehört hätte! Nicht noch in letzter Sekunde auffliegen. Wir pirschten uns ans Gebüsch und guckten, was an der Tankstelle vor sich ging. Man konnte sehen, wie die Kühe brav die Rampe hinaufstrebten. Dann machte der Fahrer die Ladeklappe zu, guckte sich noch mal um (wir duckten uns), stieg in seinen LKW und fuhr davon. Nach einer weiteren halben Stunde, in der tatsächlich kein Polizeiauto aufgetauchte, haben wir uns ins Freie getraut. Es begann dunkel zu werden. Ein Taxi zu rufen haben wir nicht fertig gebracht wegen der Aufdeckungsgefahr, so blieb nur, zu Fuß zu unserm Treffpunkt zu laufen.
„Ich hab keine Lust mehr“, hat die Amy gemault.
Es ging an der Landstraße entlang, einmal ums Städtchen herum, bis wir endlich am MacMampf ankamen. Durch die Scheibe konnten wir die Mia, die Cora und den Harald dort sitzen zu sehen. Sie futterten Hamburger.
„Boah“, hat der Karlsson  gewürgt, „ich kann kein Rindfleisch mehr sehen.“
Marina und Lütti waren bereits nach Hause gegangen. Sie wohnten ja nicht weit entfernt und hatten sich noch die Beine vertreten wollen.

Na ja, hat der Harald gemeint, als wir alle um den Tisch saßen, wenigstens ist niemand verletzt. Außerdem hätten wir ja noch die Video-Aufnahmen. Vielleicht könne man sie klug zusammenschneiden und doch noch 'n paar Euro rausschlagen beim Verkauf. Ha! Der kennt die Cora nicht. Als wir uns übers Display beugten, um eine erste Kostprobe zu begutachten, haben wir uns sehr gewundert. Alles war so komisch weiß und so schlierig.
„Hast du nur Kuhbäuche gefilmt?“, hat der Pit gefragt.
Wenn's nur das gewesen wäre. Der ganze Film war im Dutt. Unbrauchbar. Kaputt. Vermurkst. Das schlierige Weiß erwies sich als Sabber auf der Linse. Hatte die Polly nicht den Camcorder in der Schnauze gehalten, als wir im Gebüsch saßen?
„Und ich hatte doch so dolle geübt“, ist die Cora zusammengebrochen.

Wir haben dann noch heiße Kirschtaschen gegessen. Die waren selbst für den Karlsson bekömmlich. Spät am Abend ging's zurück zum S-Bahnhof. Amy und Pit sind dageblieben. Sie haben auf Tante Susanne gewartet, dass sie abgeholt würden. Vorher haben sie noch schnell auf dem Smartphone nachgeschaut, um was es in dem Film ging, den sie angeblich gesehen hätten, falls man sie auf der Rückfahrt danach fragen sollte. Der Karlsson und die Polly sind unterwegs ausgestiegen.
„Kühe sind doof!“, habe ich ihn zum Abschied getröstet.
Er hat nur schief gelächelt und mit den Schultern gezuckt.

Als die Cora, die Mia, der Harald und ich in Hamburg am Bahnhof ankamen, war es schon Nacht.

Das ist der Bahnhof in Hamburg

Es fuhr aber noch ein Zug nach Hannover. Ich war erleichtert, dass wir Raum zwischen uns und die verlassene Tankstelle bringen konnten. Zu Hause ist der Harald gleich auf seinen Teich abgeschoben. Ich nehme an, dass er seinen Leuten nicht erzählen hat, wie er dämlich wie 'n Klops am LKW gehangen und mit den Flügeln gefuchtelt hatte. Die Cora ist noch über Nacht geblieben und erst am nächsten Morgen zurück nach Duisburg gefahren. Schlafen konnte ich nicht, weil die Weiber die ganze Zeit am Schnattern waren. Von Nagellack und Kerlen war die Rede, nicht von Kühen und Gewaltmärschen. Kunststück, sie sind ja auch nicht von der Euter-Furie zusammengeschrien worden.

Auch vom Karlsson ist bisher keine neue Idee zur Weltverbesserung geäußert worden. Wir haben nicht mehr darüber geredet. Nur einmal, etwa zwei Wochen nach unserer Aktion, hat er mir ein Bild geschickt. Er hätte es von der Leitkuh bekommen, hieß es. Wie sie an seine E-Mail-Adresse gekommen ist, könne er sich nicht erklären, es wäre ihm aber egal. Unter dem Foto stand: „Miss Kuh, Schleswig-Holstein 2019. 1. Platz im Landeswettbewerb und Exklusivertrag bei der Model-Agentur Cow, Vache & Vaca.“ 


Vielleicht hätten wir es doch mit Schildkröten versuchen sollen.

Fotos: Karlsson und Polly © Terrierhausen
           Pit, Amy, Lütti und Pferde © Club der glüclichen Vierbeiner 
           Cora © G. H.

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            Einzelkuh, Kuhherde, Bahnhof Hamburg, Kuh auf Couch: Pixabay

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