Sonntag, 3. Oktober 2021

Der Spruch des Tages (199)

 


Sonntag, 19. September 2021

Der Spruch des Tages (198)

 


Dienstag, 3. August 2021

Das Dach der Welt

Ich bin enttäuscht, schwer enttäuscht. Bekanntlich hat der Luke mir zum 10-jährigen Blogjubiläum im vergangenen Herbst eine Reise geschenkt. Ich soll mit meinen Freunden zum Mount Everest fliegen. Diese Nachricht hat derzeit sogar der verwöhnten Mia ein anerkennendes Pfeifen durch die Schnabelklappen entlockt, denn sie meinte, so ein Ausflug koste locker 50.000 bis 90.000 Euro - pro Person. Klar, dass ich deswegen dachte, es handele sich um einen Wellness-Urlaub im 5-Sterne-Hotel mit Rundum-Betreuung wie Puschen ans Bett bringen und mit der Sänfte zum Klo tragen, schließlich müssen sich die hohen Kosten ja irgendwie rechnen, nicht wahr? Aber dann hat mir der Karlsson gesagt, Mount Everest bedeute, dass man im Skianzug zu Fuß in Stein und Eis herumklettert. Und der Pit hat hinzugefügt, ob ich Depp denn nicht wisse, dass man dazu Sauerstoffflaschen brauche, weil die Luft dort oben so dünn sei, dass man schlecht atmen könne. 

Das Hohe, das ist der Mount Everest


Ach, so ist das. Wir sollen eine Wandertour machen, dabei unsere eigene Atemluft mitschleppen und uns obendrein den Arsch abfrieren. Nee, so haben wir nicht gewettet. Das ist ja geradezu monströs. Wie kommt der Luke dazu, mir so was zu schenken? Man fährt doch nicht ohne Not in den Winter, solange es überall auf der Welt wohltemperierte Reiseziele gibt, die ich noch nicht kenne. Ich weiß, wovon ich rede. Am Nordpol war ich schon mal, sogar in der Antarktis. Schweinekalt war es dort, aber wenigstens ohne Berge. Wusste die Mia eigentlich auch davon? Ich meine, war ihr bewusst, dass sie für die 90.000 Euro im Schnee herumkraxeln soll, oder hat sie auch gedacht, wir würden mal richtig verwöhnt werden?
„Klar geht man am Mount Everest zu Fuß. Was dachtest du denn?“, hat sie geantwortet.
Ui, und das aus dem Schnabel einer Schickimicki-Tante. Seit wann ist sie für Sport? Ich lerne neue Seiten an ihr kennen. Oder war sie nur von den 90.000 Euro beeindruckt?

Auch die Cora war angeblich von der Wandertour informiert.
„Das wird toll“, hat sie am Telefon geschwärmt. „Ich nehme den Fotoapparat mit und mache sensationelle Bilder.“
Jo, von der Mia in der klobigen Skimontur. Das wird sie schwer begeistern. Hihihi.

Da der Luke mal wieder irgendeinen Gruppenrabatt ausgehandelt hatte, stand die Zusammensetzung der Reisegruppe lange noch nicht fest. So hatten auch hartnäckige Interessenten wie der Lütte oder die ländliche Amy gute Chancen auf einen Teilnehmerplatz. Okay, am Ende würde ich als der Beschenkte notfalls ein Veto einlegen, aber erst mal zur Vorbereitung sollte jeder zeigen dürfen, wie ernst es ihm sei.
 
„Das musst gerade du sagen, du mit deinen Schlabbermuskeln“, hat sich der Paule eingemischt.
Er selbst wollte im Urlaub kein Mountaintrekking machen und winkte daher von vornherein ab, ebenso der Engelbert. Mir war beides recht, denn die Schwimmlappen von Enten gehören nicht auf den Berg, und den ganzen Tag auf eine silberne Schärpe vom 2. Platz beim Karaokewettbewerb glotzen zu müssen, würde allmählich selbst meine Laune negativ beeinflussen (und die vom Karlsson erst recht). Es war ja schon schlimm genug, dass ich diesem obskuren Ertüchtigungsurlaub zugestimmt hatte, nun war auch noch von einem Vorbereitungskurs die Rede. Was das wieder sollte? Wir hatten uns doch noch nie auf eine Reise vorbereitet.

Doch der Luke bestand darauf, er habe uns extra einen Coach engagiert, damit er uns mental und körperlich  präpariere auf das, was uns am Mount Everest erwarte. Blödsinn! Ich bin stark und gesund. Meine Gedanken sind allzeit realistisch und positiv. Ich brauche niemanden, der mir Psychokram in den Urlaub quatscht.
„Du kommst mit! Der Kurs ist Bedingung zur Teilnahme. Es gibt viel zu beachten.“
 
Na schön, gegen einen kleinen Abstecher nach Hamburg war ja nichts einzuwenden. Hierhin hatte der Luke den Kurs beordert, weil er fand, dass er von all den Schleswig-Holsteinern gut zu erreichen sei. Ein Samstag war anberaumt. Die Cora hatte die Nacht bei uns verbracht, und jetzt saßen wir gemeinsam im Zug. Boah, war ich kaputt. Die Weiber hatten die ganze Nacht über geschnattert, über  Flitter-Nagellack und das neue Leben von Royal-Harry. Kein Auge war zuzukriegen gewesen. Jetzt ging es weiter mit Hochsteckfrisuren, Waffelrezepten, Diät-Smoothies, Handtaschen und unerwünschten Pickeln beim Wadenrasieren. Mir juckten die Ohren. Nur gut, dass mir die Rumverköstigung mit dem Karlsson noch bevorstand. Daran hielt ich mich fest. Es würde eine Männertour werden, ganz ohne weibliche Störung. Die hatte ich zum Geburtstag bekommen, und man soll sich ja gedanklich zu schönen Ereignissen teleportieren, wenn man in einer stressigen Situation feststeckt. 
 
In Hamburg fuhren wir mit dem Taxi zu dem Hotel, wo die Veranstaltung stattfand. Ein kleiner Saal hinter der Lobby war für uns reserviert. An der Stirnseite stand ein Pult mit einem Beamer. Da wir die Letzten waren, die eintrafen, konnte ich mich exklusiv über die rege Teilnahme wundern. Zunächst fielen mir Spooky und Abbatini auf. Sicher lag es daran, dass Pferde in kleinen Räumen von Natur aus die Blicke auf sich ziehen. Du lieber Himmel, wollten die auch mit zum Klettern? Der Luke sollte seine Einladungen künftig präziser adressieren.

Dann konnte ich den Karlsson erkennen, wie er sich mit der Amy unterhielt, und sogar die Polly, die gerade mit der Pfote ein Lachsbrötchen zurück aufs Büfett schob. Oben drauf stand der Pit zwischen all den Tassen und Tellern und sortierte Schinkenscheiben in eine Frühstückstüte. Fast hätte ich die dunklen Ohrenspitzen übersehen, die unterhalb des Serviettenstapels aufragten. Sie gehörten dem kleinen Jack. Er stand kerzengerade mit strammer Brust, an seinem Halsband baumelte die Blechplakette mit der Aufschrift „Very important Mitarbeiter“, die der Luke ihm einmal verliehen hatte, damit er zu heulen aufhörte. Na, wenn ich den Lütten so betrachtete, hat die Aktion seinen Zweck erfüllt. Sein Blick war fest und zuversichtlich. Hahaha, daran würde ich natürlich nichts ändern, jedenfalls zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. 
 
Nach der Begrüßung (lässig mit Flügel und Pfote, wir haben schließlich noch immer Corona) war ich dankbar, dass sich die Mia und die Cora neben die Amy setzten. Da hatten sie ein neues Opfer zum Vollquatschen aufgetan. Endlich Ruhe. Durch den Wechsel wurde der Karlsson frei und ich genoss es mit alle Poren, dass er nichts zu mir sagte. Wahre Männer schweigen. Dann aber kam der Pit mit seinem Frühstückstütchen und setzte sich auf den andern Stuhl neben mich. Ich verstand es als Aufforderung, ihn zu fragen, ob die beiden Stuten tatsächlich mit wollten zum Mount Everest. Nee, hat er gesagt, die seien nur mitgekommen, weil sie der Vortrag interessiere; mit Klettern hätten die nichts am Hut. Gott sei Dank. Das hätte ich mir auch schlecht vorstellen können, die mit den Hufen an der Felswand. Das macht doch Krach!

Pünktlich um 9.00 Uhr erschien der Referent. Wir nahmen unsere Sitze ein. Nur Abbatini und Spooky blieben stehen. Es war ein drahtiger Typ mit geschulter Stimme, dem die Muskeln aus den Ärmeln seines T-Shirts quollen. Sicher machte er Bodybuilding. Ich kann Angeber nicht leiden. Die Mia schmachtete ihn verliebt an. Deswegen konnte ich ihn erst recht nicht leiden. Nun mal zackig hier! Komm zum Punkt, ich will nach Hause.

Leider aber holte er weitläufig aus. Die Veranstaltung ging bis zum Nachmittag. Wir kriegten Bilder zu sehen, die wir besser nicht gesehen hätten, und erfuhren Hiobsbotschaften, an die ich im Traum nicht gedacht hatte. Die Mount-Everest-Besteigung ist ja lebensgefährlich! Man kann abrutschen, von einer Lawine erfasst werden, man kann erfrieren oder einen Kreislaufkollaps bekommen. Ja, um Himmels Willen, warum sollte man sich darauf einlassen?
„Weil es schick ist“, hat sich die Mia patzig zu mir rübergebeugt.
„Nein, weil es eine Möglichkeit ist, seine Grenzen zu erkennen und gegebenenfalls zu überwinden“,  hat der Referent salbungsvoll verkündet.
Selbstverständlich müsse man sich und seine Kräfte richtig einschätzen, auch vorher gut trainieren, damit man fit sei. Uns darin anzuleiten, dafür sei er da. Bitte aufzeigen: Wer hätte schon mal einen Marathon gelaufen? Pfoten und Hufen flogen hoch. Die Amy, der Karlsson, die Polly, der Jack und die beiden Stuten meldeten sich. Übrig blieben die Mia, die Cora, der Pit und ich. Alles starrte uns an.
„Na, das kriegen wir schon hin“, hat der Referent lehrerhaft getönt. „Deswegen beginnen wir ja auch früh genug.“
 
Ich hatte mich schon gewundert, warum wir jetzt im Sommer antreten mussten, wo die Reise doch erst im Oktober oder November losgehen sollte. Die Mia guckte jetzt noch schmachtender als vorher und wurde nun unterstützt von der Cora, die es offenbar ebenfalls als sehr sexy empfand, von einem fremden Muskelprotz zum Hochleistungssport animiert zu werden. Nur dem Pit war das egal.
„Ich habe andere Qualitäten“, hat er mir zugeraunt und sich eine Scheibe Schinken ins Maul geschoben.

Um es zusammenzufassen, der Vortrag begann mit einer allgemeinen Einführung ins Thema und endete mit Eingriffen in meine persönliche Bequemlichkeitszone. Aber der Reihe nach. Lange mussten wir stillsitzen und zuhören, da ist es ja wohl recht und billig, wenn auch hier ein paar Fakten angeführt werden.

Der Mount Everest liegt im Himalaya-Gebirge; so weit weiß das ja jeder. Aber jetzt kommt's: Das Himalaya-Gebirge grenzt an fünf Staaten, nämlich an Pakistan, Indien, China, Nepal und Bhutan. Der Mount Everest ist 8.849 Meter hoch und damit der höchste Berg der Erde. Seinen Namen hat er nach dem britischen Geodäten und Offizier George Everest, der den Berg 1856 vermessen hat. Dazu war er natürlich nicht hinaufgeklettert, denn sonst gebührte ihm ja die Ehre der Erstbesteigung, sondern er hat die Höhe von unten aus Zeichnungen und mathematischen Berechnungen ermittelt. Heute nimmt man dazu ein GPS. 
 
Am Fuß des Himalayas ist es schön grün

 
Aktuell sind etwa 20 Routen bekannt, wie man zum Gipfel kommt. Touristisch bedient werden aber vor allem nur zwei: die Nordroute von Tibet aus und die Südroute aus Nepal. Wir werden uns in letztere Gruppe einreihen. Der Luke hat es so bestimmt, weil er meint, die Erfahrung von Hunderten nicht professioneller Bergsteiger erhöhe auch unsere Chancen auf Erfolg. Seinerzeit beim Video-Chat bei der Vorstellungsrunde hatten die Cora und der Karlsson heftig dazu genickt. Beim Wort „Tourismus“ war auch die Mia kurzzeitig erwacht und hatte nach Fußmassagen gefragt, ob die im Service inbegriffen seien oder nicht. Damals hatte der Luke nichts darauf erwidert, jetzt beim Vortrag aber schien die Mia langsam zu begreifen, dass mit Tourismus am Mount Everest etwas anderes gemeint sein könnte, als sie es verstand. In der Tat – der Referent wurde deutlich:

Heutzutage sei die Besteigung des Mount Everests eines der letzten Abenteuer, das sich etliche Menschen meinen leisten zu müssen, weil es ihnen anscheinend sonst an Aufregung im Leben fehle. Die finanzarmen Staaten im Einzugsgebiet haben sich darauf eingestellt. Zwar müsse man eine Genehmigung einholen, Gesundheitsatteste vorweisen (neuerdings sogar hinsichtlich Corona) und wie gesagt einen Haufen Kohle hinlegen, doch im Grunde karren die Sherpas so ziemlich jeden hinauf, der Devisen ins Land bringt. Viele Einheimische leben davon. Sie verdingen sich zum Beispiel als Bergführer. Im Ergebnis erreichen pro Jahr mehrere Hundert Bergsteiger den Gipfel, fünf Mal so viel bleiben unterwegs stecken und kehren um und eine gar nichts so kleine Menge stirbt am Hang. Insgesamt haben es rund 6.000 Menschen bis ganz nach oben geschafft. Ca. 300 Leichen blieben im Schnee, wovon etwa die Hälfte noch heute dort liegt. Sie zu bergen ist fast unmöglich, denn gefrorene Körper sind schwerer als lebende, und in der dünnen Luft sich zu bewegen ist schon anstrengend genug, auch ohne Lasten zu tragen. Da man den letzten Anstieg zum Gipfel nur in wenigen sogenannten Zeitfenstern im Jahr bewältigen kann, weil das Wetter es dann zulässt, kommt es auf den letzten Metern gern zum Stau. Ja, wirklich, am Mount Everest am Gipfel ist Rush hour! Wir kriegten ein Foto gezeigt von einer langen Menschenketten aus bunten Skianzügen, die im Gänsemarsch den schmalen Kamm entlangmarschiert, links und rechts der steile Abgrund in die Tiefe. Verrückt! Das ist mit Tourismus am Mount Everest gemeint.

Aber auch der Müll macht zu schaffen. Wo viele Menschen sind, bleibt viel Dreck zurück. Manche sprechen von der höchsten Müllhalde der Welt. Konservendosen, Sauerstoffflaschen, Medikamente, Zelte und nicht zuletzt die Unmengen an Kackhaufen liegen in der Landschaft herum. Offiziell ist jeder Besucher verpflichtet, mindestens acht Kilo seines eigenen Mülls wieder mit runterzunehmen, doch wer macht das schon? Es ist also alles andere als einsam und unberührt am Mount Everest. Ich hätte das nie gedacht.
 
Als der Referent von all den Toten sprach, sind die Gesichter deutlich zusammengeschnurrt. Das konnte ich sehen, wenn ich mich umschaute. Die Amy, die Mia und die Cora glotzen hypnotisiert geradeaus wie bei der Betrachtung einer Ameise, die plötzlich „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu singen beginnt. Misstrauische Knippelaugen hatte auch der Karlsson und sogar der Pit. Ich hörte ihn „Ui-ui-ui“ murmeln. Karlssons Rücken erschien mir eingesunken, insgesamt machte er plötzlich einen matten Eindruck.
„Nur Mut!“, habe ich ihn mit dem Flügel in die Seite gestupst. „Du bist doch ein optimistischer, engagierter Gutsherr.“
Vielleicht hätte ich noch hinzufügen sollen, dass er sich ein Beispiel an der Polly nimmt. Sie schaute nämlich ganz und gar nicht erschreckt, ganz im Gegenteil, sie saß kerzengerade auf dem Stuhl, die Halssehnen stramm gespannt, den Blick konzentriert auf die Beamer-Fotos gerichtet. Vielleicht lag es an ihrem besonderen Verhältnis zur Natur. Solche Geschöpfe verschmelzen gern mit den Gewalten und nehmen die Fußtritte der Landschaft als Schicksal hin. Gern hätte ich auch dem kleinen Jack die vorbildliche Einstellung der Tante Polly gezeigt, doch der lag inzwischen unter dem Stuhl und hielt sich mit beiden Pfoten die Ohren zu.

Fassen wir zusammen: Zweidrittel der Reisekandidaten machten bereits bei der ersten Vortragsrunde schlapp. Nur ein Hund – und ein Papagei selbstverständlich! – schienen die notwendige mentale Stärke mitzubringen, und zwei Stuten wedelten weiterhin entspannt mit den Schwänzen, würden aber eh nicht mitfahren. Mein Verdacht erhärtete sich, dass wir mit einem Strandurlaub in St. Peter-Ording möglicherweise besser bedient wären. Die mangelnde geistige Kondition meiner Freunde enttäuschte mich.

Dann kamen wir zu den Details. Der Referent wurde jetzt schmalzig in der Stimme, wahrscheinlich weil er mit Wehmut an die vielen Aufstiege dachte, die er vermutlich schon hinter sich hatte. Wenn man sich für die Südroute entscheidet, landet man mit dem Flieger in Kathmandu, der Hauptstadt Nepals. Weiter geht es mit dem Sportflieger nach Lukla. Er ist der höchstgelegene Flughafen auf nepalesischer Seite (2800 Meter hoch). Von dort wird gewandert, und zwar bis zum Basislager auf über 5000 Metern. Über eine Woche braucht man dazu. 
 
Der Flughafen in Lukla
  

 
Es war spannend, bei jeder neuen Info die Cora, die Mia und die Amy zu beobachten, wie sie noch immer ungläubig glotzten. Manchmal wurden die Augen weit aufgerissen, andere Male zu Schlitzen zusammengekniffen. Von dem schmachtenden Blick der beiden Hennen auf die prall gefüllten T-Shirt-Ärmel war nichts mehr zu sehen. Hihihi, damit hatten die Weiber wohl nicht gerechnet, was? Ihr Held neben dem Beamer war in Wahrheit ein Sklaventreiber. Und der Luke mit seinem Geschenk hatte ohne Zweifel einen an der Waffel. Das muss spätestens an dieser Stelle einmal deutlich gesagt werden. Wie kommen wir dazu, unsern Urlaub mit einem einwöchigen Gewaltmarsch zu verbringen? Ein wenig Hoffnung keimte allerdings auf, als von der Möglichkeit referiert wurde, den langen Fußmarsch zum Basislager um etliche Tage einzusparen, indem man sich mit dem Hubschrauber in ein hochgelegenes Sherpa-Dorf fliegen lässt und von dort den Rest in Angriff nimmt. Ich weiß nicht, ob unsere Reise dies beinhaltet. Falls nicht, wird unser Gepäck während der Latscherei wenigstens von Yaks getragen. So oder so sind Sherpas dabei, und die sorgen dann auch für Unterkunft und Verpflegung in den extra dafür bereitgestellten Lodges. Bis zu 40.000 Touristen entscheiden sich in manchen Jahren für diese Wanderetappe, ohne es weiter auf den Gipfel abgesehen zu haben. Für die Sherpas ist das eine wichtige Einkunftsquelle. 
 
Yaks bei der Arbeit


„Mir macht wandern nichts aus“, lautete Pits lakonischer Kommentar dazu.
Die Polly nickte heftig. Anders hatte ich es auch nicht erwartet.
„Und was meinst du?“, habe ich den Karlsson in der Kaffeepause gefragt.
„Kein Kommentar“, hat er gefaucht. 
 
Na, vielleicht könnte ich ihn mit ein paar Fakten zur heimischen Fauna aufmuntern, wenn es sich auch nicht um radikale Tierbefreiungen handelt, sondern um natürliche Begebenheiten, die keiner Abhilfe bedürfen. Ich hatte nämlich gelesen, dass am Mount Everest in großer Höhe sogar Tiere anzutreffen sind, allerdings nur Vögel –  wie sollte es auch anders sein? Zu wahren Rekorden braucht man halt Flügel.
„Ja, nee, is klar.“
Doch, ganz bestimmt, ich rede keinen Unsinn. Bis auf eine Höhe von ca. 6500 Metern (also über 1000 Meter höher als im Basislager) kann man auf bestimmte Arten von Adlern, Kranichen, Schwänen oder Dohlen treffen. Zum Teil ernähren sie sich von dem, was die Bergsteiger zurücklassen. Und Streifengänse überqueren sogar regelmäßig den Himalaya, weil sie von Indien zum Brüten nach Zentralasien fliegen.
„Ha! Und du meintest, der Engelbert mit seinen Schwimmfüßen hätte am Berg nichts verloren, du Ignorant.“
Ach, wer redet von Schwänen? Die sind doch gänzlich belanglos. Man braucht nur die Mia zu fragen, dann erhält man die Bestätigung. Und die muss es ja wissen, die mit ihrer langen Verlobung mit dem Harald. Trotzdem schaute mich der Karlsson triumphierend an. Na, wenn es ihm dadurch besser ging, bitte schön.

Wir standen ums Büfett herum und tranken Tee, Bananenmilch, Wasser oder Cola. Dazu waren die Tabletts vom Morgen gegen frische ausgetauscht worden. Der Pit fing gleich wieder an, Wurstscheiben von den Brötchen zu klauben. Sie verschwanden wie gewohnt in einem Snack-Tütchen. Den Raub konnte er sich widerspruchslos erlauben, weil die Amy, die Cora und die Mia nichts essen wollten. Sie seien im Moment etwas appetitlos, gaben sie zur Kenntnis.
„Was grinst du denn so blöd?“, wurde ich von der Mia angeschnauzt. 
 
Den Lütten hat die Polly geweckt. Er kam unter seinem Stuhl hervorgekrochen, schüttelte sich ein paarmal die Ohren um den Schädel und blickte sich dann ängstlich um. Er kriegte von der Polly einen Teller mit Marmeladenbrötchen zugeschoben. Die nackten Brötchenhälften, die von Pits Aktion übriggeblieben waren, futterten Spooky und Abbatini. Was sie denn bisher von der Mount-Everest-Reise hielten, habe ich mich bei ihnen erkundigt.
„Bekloppt“, hat Abbatini geantwortet und seelenruhig weitergemampft.
So kann man's natürlich auch ausdrücken. Doch zurück zum Thema.

Das Basislager heißt so, weil man sich dort auf den eigentlichen Aufstieg vorbereitet. Bei schönem Wetter kann man noch kurzärmelig gehen, Schnee liegt dort im Sommer nicht überall, nur Geröll und im Hintergrund die Gletscherlandschaft. Es ist eine weitläufige flache Zeltstadt mit Kochzelten und Duschmöglichkeiten, Strom (erzeugt von Bezingeneratoren) und sogar WLAN, alles ziemlich primitiv, aber im Vergleich zu dem, was einem weiter oben erwartet, noch relativ komfortabel. Obwohl: Auch in dieser Höhe kann einen schon die Höhenkrankheit ereilen. Dann hat man Durchfall und Erbrechen, man kann nichts essen und nichts trinken. Kein Wunder, der Körper muss sich ja erst an die Höhe gewöhnen. Daher verbringt man mehrere Woche (!) im Basislager und unternimmt immer wieder kleinere Ausflüge in höhere Regionen, um sich schrittweise anzupassen. Der Sauerstoff geht in die Muskeln und ins Gehirn. Bekommt man zu wenig davon –  und dort oben wird die Luft bekanntlich immer dünner – , beginnt man zu lallen, man kann sich nur langsam bewegen, nicht schlafen, man bekommt Kopfweh, Herzrasen und fällt möglicherweise sogar in Ohnmacht. 
 
Ein Basislager mit Zelten und Geröll

 
Gut, dass wir zu diesem Zeitpunkt schon den Teil mit den Toten hinter uns hatten. So fiel das stumpfsinnige Glotzen meiner Gefährten (besonders der weiblichen, außer der Polly und der Stuten) zunehmend mechanisch aus. Man wird automatisch sparsam an der Mimik, wenn der Verstand ausleiert. Dass der Karlsson nicht darin einrastete, das habe ich zu verhindern gewusst durch regelmäßige Krallenstiche in die Lenden. Er quiekte dann kurz auf. Weil ihn die Störung jedes Mal erzürnte, kriegte er wieder frisches Blut in die Gedanken – gut so! Ich selbst war hellwach. Von meiner unfreiwilligen Müdigkeit durch die schlaflose Nacht war nichts mehr zu spüren. Dieses ständige Herumtrampeln auf der Endlichkeit am Berg verursachte bei mir hochtouriges Adrenalin. Um den Pit und die Polly brauchte ich mich nicht zu kümmern, denn sie waren mental ebenfalls gut in Form – die Polly, indem sie begeistert war, und der Pit war stoisch. Der Lütte lag wieder unter seinem Stuhl und rührte sich nicht. Entweder hielt er sich wieder die Ohren zu, oder er war wieder eingeschlafen.

Trotzdem: Bei dem Ausdruck „mehrere Wochen“ war die Mia sichtlich zusammengezuckt. Woas? So lange sollten wir im Basislager ausharren? Was um alles in der Welt würden wir dort den ganzen Tag machen ohne Friseur, Nagelstudio und Shopping Mall?
„Glaub mir, Liebes“, hat die Cora trocken geantwortet. „Wir werden froh sein, wenn wir nichts tun müssen.“
Aha. Die Cora hatte also inzwischen begriffen, um was es ging. Mehr noch: Sie hatte sich in ihr Schicksal gefügt. Vielleicht würde die Reise ja doch noch ein Knaller werden.
 
Weiter unten ist es noch nicht ganz so steil - und es liegt noch kein Schnee

 
Vom Basislager beginnt der eigentlich Aufstieg auf den Mount Everest. Dazu hat man vier weitere Etappen angelegt, die sogenannten Camps. Das erste liegt auf 5943 Metern, das zweite auf 6400 Metern, das dritte auf 7162 Metern und das letzte auf 8000 Metern. Auf all diesen Etappen klettert man in Eis und Schnee. Zwar findet man an etlichen Stellen Seile vor, an denen man sich orientieren und sichern kann (jo, unberührte Natur geht anders), aber dennoch bleibt der Aufstieg gefährlich. Besonders im Khumbu-Eisbruch gleich auf der ersten Etappe, wo man riesige Eisblöcke durchwandert, können sich die Blöcke verschieben und sich dadurch bis zu 600 Meter tiefe Spalten auftun, in die man stürzen kann. Man überquert die Strecken über waagerechte oder senkrecht angebrachte Metallleitern. Spätestens weiter oben aber, wo es dann nur noch steil vorangeht, handelt es sich nicht mehr ums Bergwandern, sondern ums Hochtur-Bergsteigen. Man trägt spezielle Schuhe mit Spikes an der Sohle und hakt sich mit speziellen Stangen an der Eiswand fest, um sich daran hochzuziehen. Voran kommt man nur langsam, nicht nur wegen der dünnen Luft und des Rucksacks auf dem Buckel. Etwa eine Woche muss man für den Aufstieg einplanen. 
 
Links der Huckel, das ist der Mount Everest. In der Furche in der Mitte liegt die Linie mit den vier letzten Camps

 
Ganz ehrlich? Mir kamen jetzt gehörige Bedenken, als ich das mit dem senkrechten Aufstieg hörte, schließlich haben wir Hunde dabei. Man erinnere sich an den Karlsson damals, als wir von Malibu aus einen Ausflug nach Santa Monica unternommen hatten. Unbedingt hat er Trapezfliegen im Übungskäfig machen wollen, ausgerechnet Fliegen mit Festhalten an der Schwingstange, und das bei seinen runden Pfoten. Unter sicherem Halt verstehe ich was anderes. Wackelig hatte er dort gehangen wie ein Beutel. Wie wollte er denn jetzt die Felswand hochkommen? Solche Krallen zum Einschlagen, wie sie der Pit hat, besitzt er ja nicht, auch die Polly und die Amy nicht. Und alternativ die drei am Seil hinter uns herzuziehen, damit wäre ich nicht einverstanden. Dauernd meckert der Karlsson, dass er angeblich ständig von uns andern als Lastesel auf unsern Reisen missbraucht werde, und dann will er sich einfach zurücklehnen und uns schuften lassen, damit wir ihn über die Felskanten hieven? Nee, ohne mich. Da müsste jetzt ein wirklich gutes Argument her, wie die Hunde diese Problem zu lösen gedächten, ich jedenfalls wüsste keinen Ausweg.
„Mann, Max“, hat die Cora den Kopf geschüttelt. „Es gibt doch diesen tollen Online-Versand, wo man sogar Schwimmflossen für Einhörner kaufen kann. In der Antarktis hat er uns gute Dienste geleistet. Dort wird sich bestimmt was Passendes finden.“
„Genau!“, hat die Polly bestätigt, obwohl sie von dem Laden bestimmt noch nie was gehört hatte.
„Willst du uns etwa loswerden?“, hat der Karlsson misstrauisch gefragt.
Ach, woher denn? Ich bin nur realistisch.
Bei der Amy war ich schon zu diesem Zeitpunkt nicht mehr sicher, ob sie überhaupt noch mitfahren wollte. Der klebte die Erschütterung geradezu im Fell. Es hatte jetzt viel weniger Weiß im Muster als noch am Morgen. Vom Lütten brauchen wir gar nicht erst zu reden, denn den hätte ich sowieso zu Hause gelassen. 
 
Gut zu sehen: Schuhe mit Spikes und Haken zum Festkrallen

 
Na schön, würden wir also im Online-Versand nachschauen, wie wir den Karlsson und die Polly die Felswand hochkriegten. Wenigstens beschränkt sich Karlssons Höhenangst auf Gebäude, Seilbahnen und dergleichen, betrifft aber nicht die freie Natur. Immerhin ein Lichtblick. Nicht dass er uns am Gipfel plötzlich zu schwanken beginnt. Für so was hätten wir keine Zeit.
„Und ich sammele kein grünes Gefrierhuhn vom Weg, nachdem es den Schnabel zu weit aufgerissen hat“, hat mir der Karlsson haifischgrinsend die Pfote auf den Rücken gelegt.
Noch bevor ich was antworten konnte, wollte der Pit wissen, ob es eigentlich auch spiralförmige Wärmdrähte für Katerschwänze gebe, wurde aber vom Referenten am Empfang einer Antwort gehindert, weil er weitermachen wollte mit seinem Vortrag.

Ich hätte gut darauf verzichten können, denn er kam erneut auf Krankheit und Tod zu sprechen. Mann, der Typ hatte echt ein Problem. In der Medizin nennt man das Obstsaison. Das ist, wenn man geradezu verliebt ist in ein Thema und immer wieder davon anfängt.
„Ich sag nur eins: Matchboxgarage.“
Ach, wer hatte die Cora gefragt?
„Herrschaften! Ruhe bitte!“
Danke, Herr Referent. Sie sprechen mir aus der Seele.

Jetzt ging es um die sogenannte Todeszone. Sie beginnt ab etwa 7500 Metern. Am Mount Everest ist das kurz vor dem vierten und letzten Camp. In dieser großen Höhe kann sich der Körper nicht mehr anpassen. Der Sauerstoffgehalt der Luft ist zu gering, als dass sich der Körper erholen könnte. Er baut ab. Man kann einen Kreislaufkollaps bekommen oder ein Lungenödem mit Husten und rosa Schaum. Dann muss man schnellstens absteigen und Sauerstoff bekommen. Das ist aber nicht so einfach, wenn man in der Schlange mit den andern auf dem Kamm steht, um den Gipfel zu erreichen. Da muss man schon in der Spur bleiben, schließlich geht es links und rechts steil bergab. Das eigentliche Ziel, der Gipfel, ist ein rund zwei Quadratmeter kleines Plateau. Dorthin wollen alle. Je länger man aber warten muss, bis man an der Reihe ist, je gefährlicher wird es, dass man unterkühlt oder gegen die dünne Luft verliert. Der Abstieg selber ist dann noch mal sehr anstrengend. Nicht umsonst ist das oberste, das vierte Camp voll mit ganzen Stapeln leerer Sauerstofflaschen und etlichen Zelten, in denen die Toten liegen, die es dann doch nicht schaffen konnten. Wenn man dort sein Lager aufschlägt, um am nächsten Morgen das letzte Stückchen zu wagen, hängt man mit dem Hintern buchstäblich fast am Hang. Bequem ist daran also überhaupt nichts, aber wenigstens gibt es etwas Fläche zum Liegen und man kann seinen Rucksack dort parken, um die letzten Stunden Aufstieg nicht unnötigen Ballast mitschleppen zu müssen. Weil man ohne genügend Sauerstoff oft nicht mehr gut denken kann, neigt man dazu, riskante Entscheidungen zu treffen, die man sonst wahrscheinlich gelassen hätte. Mit andern Worten: Dort oben ist man oft nicht mehr man selbst.

Mir hing das allmählich zum Hals raus. Warum musste ich mir diesen ganzen Kram überhaupt anhören? Als bestünde die Welt nur aus Gefahr und fieser Natur. Der Luke hatte ein Rad ab, uns so was zu schenken, Blogjubiläum hin oder her. Ich hatte die Schnauze voll, ich wollte nach Hause.
„Guck an, das Großmaul schwächelt“, hörte ich die Mia der Cora zuflüstern.
Der Karlsson zog mir kräftig am Schwanz.
„Hey, was soll das?“
„Ich bin dir nur behilflich. So kriegst du wieder frische Gedanken ins Gehirn.“
 
 Klarer Fall, es wurde Zeit für eine längere Erholung. Gott sei Dank entließ uns der Referent jetzt in die Mittagspause. Wir machten, dass wir rauskamen. Die Stuten mussten dringend auf die Toilette, und wir andern konnten gar nicht schnell genug fliehen vor der Kälte, dem Tod und dem Siechtum. Als wir die Tür aufrissen, wären wir fast gegen den Servierwagen gelaufen, der die Behälter mit dem warmen Essen lieferte. Keine Zeit, keine Zeit! Draußen warteten Wärme, Sonnenschein und Frieden auf uns. Aaaah! Wir strecken die Gesichter der Sonne entgegen und atmeten tief ein. Allerdings hat die Cora noch mal zurückfliegen müssen, weil einer fehlte. Nein, es war nicht der Pit. Er hatte sich nicht auf den Servierwagen gestürzt, sondern es war die Polly, die der Lockung des Mittagessens erlegen war. Daran erkennt man, wie wenig ihr der Vortrag zugesetzt hatte. Allen andern war der Appetit gehörig vergangen, sogar, wie gesagt, dem Pit, wenn man davon absieht, dass er eine prall gefüllte Snack-Tüte noch vom Vormittagsbüfett dabei hatte. Doch bald darauf waren wir wieder vollzählig. Die Polly (mit einem Hähnchenschlegel in der Schnauze) konnte von der Cora herbeigeleitet werden, und Spooky und Abbatini warteten an der Ecke auf uns. Schon von Weitem riefen sie, dass wir herkommen sollten, dort drüben gäbe es einen prima Park zum Ausruhen.
 
Erschöpft ließen wir uns auf dem Rasen nieder.
„So ein herrliches Grün habe ich noch nie gesehen“, hat die Amy ehrfürchtig gesagt.
Ich fand, sie hatte recht. Auch die Luft kam mir ungewöhnlich frisch und gesund vor, wie überhaupt die ganze Umgebung. Auf dem Parkweg liefen Jogger an uns vorbei und schoben Familien Kinderkarren vor sich her.
„Schaut mal, all die Ahnungslosen“, hat die Cora gemeint. „Sie wissen nicht, wie gut sie es haben.“
Jo, so konnte man es stehen lassen. 
 
Dieser Frieden!

 
Weil sich in Pits Frühstücksbeutel ein Amerikaner fand und uns dann doch nach etwas Bewegung zumute war, spielten wir Frisbee. Die Stuten grasten unterdessen nebenan die unordentlichen Halme um die Parkbänke und Abfalleimer ab, immer schön vorsichtig, um nichts zu zerstören. Pferde sind ja oft nicht gern gesehen auf städtischen Kulturflächen. Die Hunde rannten hin und her und wir Vögel versuchten, den Frisbee aus der Luft zu erwischen. Der Pit fungierte als Werfer. Leider war das Spiel aber schon nach dem ersten Wurf zu Ende, weil einer der Hunde (ich sag nicht, wer) einmal zu kräftig in den Frisbee gebissen hatte, so dass das ganze Ding als Halbmond auf den Rasen bröckelte. Eine Pizza wäre besser gewesen als Gerät. Also setzten wir uns wieder hin.

Die Cora hat in ihrem Smartphone nach Bersteigerschuhen für Hunde gesucht. Triumphierend hielt sie das Ergebnis hoch.
„Da, schaut mal! Ich wusste es doch! Unser Online-Shop hat Lederpuschen mit Spikes in den Größen XS bis 3 x XXL. Es gibt sie in Blau, Schwarz, Maisgelb, Toop … äh … Taupe, Kirschrot und Pistaziengrün. Extragrößen werden auf Wunsch angefertigt.“
Der Karlsson und die Polly steckten die Köpfe über dem Display zusammen. Zufrieden nickten sie. In der Tat, so würde es gehen: die Lederbeutel um die Fesseln schnallen und sich mit den Spikes die Eiswand hochstemmen. 
 
Gut, nachdem das geklärt war, verlangte der Pit Erläuterung zu dem spiralförmigen Schwanzwärmer für Kater, der ihn aus irgendwelchen Gründen sehr interessierte. Die Cora wischte wieder im Katalog herum. Dann ein Aufschrei:
„Ha! Gibt es tatsächlich! Bitte schön. Akkubeheizt in ultraleichter Ausführung. Macht jede Bewegung mit. Auch mit wasserabweisendem Schonbezug tragbar.“
Hihihi, ich hätte einen viel billigeren Vorschlag. Der Pit könnte sich unser Spiralschloss fürs Fahrrad um den Schwanz wickeln und sich die Hülle von unserm alten Klappschirm drüberstülpen. Der hält Wasser auch gut ab.
„Blödmann!“,  hat mich der Pit angeblafft.
„Lass ihn doch“, ist ihm die Mia zur Hilfe gekommen. „Den Bezug gibt es mit verschiedenen hübschen Mustern, als „Galaxie“ in Tiefblau mit Sternen zum Beispiel oder als „Porreestange“ in Hellgrün mit einem blumigen Puschel am Ende. Das wäre doch was für ihn, oder nicht?“
Ja, bei was Essbarem stimme ich zu. Wie für ihn gemacht. Hahaha.

Die restliche Pause haben wir auf dem Rücken gelegen und in den Himmel geschaut. Niemand hat etwas gesagt. Das hätte die Schöpfung nur darin gestört, uns ihre Freundlichkeit um die Wangen zu streicheln. Lange würde es nicht mehr dauernd, bis ich einschliefe. Ich sah mich bereits ins Universum aufsteigen, als jemand bellend hochschreckte. Es war die Amy:
„Wo ist eigentlich der Lütte?“
Ich landete wieder auf der Erde. Wir rappelten uns hoch. Ja, tatsächlich, wo war er abgeblieben? Das Hotel schien er nicht mit uns verlassen zu haben, denn hier bei uns war er nicht.
„Vielleicht liegt er noch unterm Stuhl“, hat die Polly unsere Hoffnung zusammengefasst.
 
Als wir zurückkamen in den Vortragssaal, stand nur das Mittagsbüfett stumm neben den Stuhlreihen. Der Referent war noch nicht wieder da. Er kam aber gleich, einen roten Skianzug unter den Arm geklemmt. In der Zwischenzeit hatten wir Gott sei Dank ein regelmäßiges Atmen ausmachen können. Außerdem ragten zwei weißbraune Vorderpfoten unter einem der Sitze hervor. Puh, Entwarnung; der Lütte war noch da. Schlafen war vermutlich die weiseste Antwort auf den dämlichen Vortrag. Im zweiten Teil am Nachmittag sollte es um die konkreten Reisevorbereitungen gehen. Wir nahmen wieder Platz; die Pferde stellen sich wieder an der Seite auf.

Die Empfehlungen zur Ausrüstung waren ja noch harmlos. Man empfahl uns einen ordentlichen Schlafsack aus Daunen, Baumwollwäsche für unten drunter, warme Socken, Handschuhe, Sonnenbrille, feste Bergsteigerschuhe, einen Skianzug, eine Regenjacke, Wanderstöcke und eine Kopftaschenlampe. Huch, wozu denn die? Damit man oben auf dem Kamm nicht damit herumfuchteln muss, sondern sich auf Wichtigeres konzentrieren kann. Ach so, ja, das ergibt Sinn. Zur Anschauung, wie so ein Skianzug beschaffen sein sollte, wurde uns das rote Modell, das der Referent mitgebracht hatte, vorgeführt. Wir durften alle mal anfassen. Weich und glatt fühlte er sich an – und ziemlich trocken im Schnabel. Der Pit schüttelte den Kopf. Ich hörte die Mia flüstern, dass es bestimmt auch Modelle mit Lurexfäden gebe – oder mit Pailletten. Sie guckte hoffnungsvoll. Jetzt war es die Cora, die den Kopf schüttelte.

Außerdem wurde uns geraten, uns frühzeitig mit der nepalesischen Küche vertraut zu machen, denn die Sherpas kochen einheimisch. Man soll dort recht scharf essen. Ich hatte bisher nur von Reis und Linsen gehört. Damit würde man leben können
„Du auch?“, habe ich den Karlsson gefragt.
Er hat doch Diät.
„Klar“, hat er geantwortet. „Ich kann mich überall anpassen.“
 
 
Sieht doch ganz lecker aus, oder?

 
Apropos anpassen. Wir sollten uns auch ein sogenanntes Hypoxiezelt anschaffen und künftig darin schlafen. Es imitiert die Atmosphäre in großer Höhe. Damit sollten wir uns schon mal als Trockenübung akklimatisieren. Nö! Find ich doof. Ich sitze nachts lieber auf der Stange über meinen Matchboxautos. Alternativ könnten wir allerdings auch ein Höhentraining auf 6500 Metern absolvieren, wurde hinzugefügt. Okay, dann doch lieber das Zelt. Auf den Luke würden eine Menge Zusatzkosten kommen bei all dem Tüdelkram drum herum. Für jeden Haushalt ein Hypoxiezel, das waren mindestens vier, abhängig von der Zahl der Mitreisenden. Wenn ich mir das alles so anhörte, dann konnte ich mir umso weniger vorstellen, dass die Amy mitfahren würde. Und der Karlsson fände es bestimmt doof, sich mit der Polly in ein Zelt zu quetschen. Dafür würden der Pit und die Cora zu Hause jeweils allein in einem Zelt üben. Irgendwie Verschwendung, nicht? 
 
Hier in einem Basislager, das sind keine Hypoxiezelte

 
Und dann wurde es richtig unangenehm. Wir kamen zum Fitnessteil. Der Referent behauptete allen Ernstes, dass es unumgänglich sei, täglich die Ausdauer zu trainieren: laufen, joggen, schwimmen, und zwar schon frühzeitig, viele Wochen vor der Reise. Kraft und Durchhaltevermögen würden wir unbedingt brauchen. Er werde jetzt mal für jeden ein individuelles Sportprogramm zusammenstellen.
Wie bitte?
Auch der Pit legte erschreckt das Baguette vom Mittagsbüfett zur Seite.
Na, jeder habe doch seine individuelle Voraussetzung; der eine sei körperlich leistungsfähiger, der andere weniger. So? Mir ging das Gelaber auf den Zeiger. Ich bin fit, ich brauche kein Joggen, kein Schwimmen, kein Laufen, basta! Es wurde aber noch ekeliger, als nämlich plötzlich die Tür aufging und Leute ein Laufband hereintrugen. Eine Assistentin kam gleich mit. Sie wurde uns als Medizinpersonal vorgestellt. Wir würden jetzt jeder nacheinander aufs Laufband steigen, uns ein bisschen bewegen und die Assistentin werde von jeden Blut vom Ohrläppchen abnehmen. Daran könne man erkennen, wie hoch der Sauerstoffgehalt im Blut sei, und der gebe Auskunft über unsere Fitness.

Nun machte sich auch bei den andern Unruhe breit. Die Mia kreischte, dass sie kein Deo dabei habe, daher dürfe sie auf keinen Fall schwitzen. Der Karlsson fand die ganze Aktion überflüssig, weil er behauptete, absolut durchtrainiert zu sein, und die beiden Pferdedamen grinsten amüsiert aus ihrer Ecke zu uns herüber. Sie brauchten ja auch nicht daran teilzunehmen. Der Referent musste einiges an Überzeugungsarbeit aufbieten, bevor sich sein Publikum erweichen ließ. Er laberte und laberte. Am Ende gaben der Pit, der Karlsson, die Polly, die Mia, die Cora und ich unser Einverständnis. Andernfalls müssten wir leider von der Vorbereitung (und damit von der Reise) Abstand nehmen, hieß es schließlich unverblümt, denn er als unser Coach trage die Verantwortung, dass wir gut trainiert ins Abenteuer starteten. Der Lütte hat all das gnädig unter seinem Stuhl verpennt. Die Amy hat gemeint, dass ihr sowieso der Spaß an der Reise vergangen sei, sie wolle weder mitfahren noch sich hier in aller Öffentlichkeit ins Ohr pieksen lassen. Okay, das war ein Wort. Die waren wir schon mal los.

Bei mir wurde lange am Ohr herumgefummelt. Wo denn mein Ohrläppchen sei, hat die Assistentin irritiert gefragt.
„Trage ich innen“, habe ich geantwortet.
Die hatte wohl noch nie einen Vogel von Nahem gesehen. Als sie mir stattdessen in den Schenkel stach, habe ich absichtlich laut aufgeschrien, damit sie dachte, sie habe mir ganz doll wehgetan.

Mit dem Wert, der aus sich aus der Messung ergab, konnte ich nicht viel anfangen. Der Referent hat die Augenbrauen hochgezogen und gemeint, ich solle hübsch am Ball bleiben – „Hörst du?“ Genauer gesagt, soll ich jetzt täglich mehrere Kilometer fliegen, am besten bei jedem Wetter. Die Cora und die Mia hatten andere Zahlen, sollen aber auch regelmäßig fliegen. Mit ihrem Programm konnte ich meins wenigstens vergleichen, weil wir ja alle Amazonen sind. Gar nichts anzufangen war mit den Daten von der Polly, vom Karlsson und vom Pit. Waren die nun gut oder weniger gut? Aber alle drei waren zum Rennen verdonnert. Zu Schwimmen brauchte keiner von uns.
„Das schaff ich mit links“, hat die Polly gesagt.
„Genau!“, kam es vom Karlsson.
Alles guckte auf den Pit. Doch der hat nur wortlos an seiner Pfote genagt, weil sich zwischen die Zehen ein Grashalm aus dem Park verirrt hatte.
 
Nun aber endlich Schluss. Aufhören! Mir dampfte der Schädel. Es war Nachmittag und niemand hatte Lust mehr auf das Coachinggedöns. Wir wurden endlich entlassen, nicht aber ohne, dass man uns die nächsten Termine aufdrückte. Jeder soll sich künftig alle drei Wochen per Video-Chat bei dem Referenten melden und berichten, wie es um den Fortschritt beim Fitnessprogramm stehe. Boah, das war ja die totale Überwachung, vor allem, weil wir obendrein zum Arzt gehen und uns die Ohrläppchendaten holen sollten, um sie dem Tabellenfreak mitzuteilen. Na, das würde ich mir noch schwer überlegen, ob ich mich darauf einließe, aber erst mal hieß es raus aus der Bude, nur weg von hier.

Abbatini und Spooky sind gleich losgetrabt. Sie brauchten den Vorsprung zum Bahnhof, weil sie ja nicht ins Taxi passten. Sie mussten zu Fuß gehen. Der Pit hat den Lütten geweckt. Er gähnte einmal kräftig und fragte dann, ob jetzt alles geschafft sei. Ich nutzte die Gelegenheit, um ihm mitzuteilen, dass er nicht mit zum Mount Everest kommen könne.
„Das musst du einsehen, Jack. Du hast den ganzen Vorbereitungskurs verpennt. Du weißt nicht, um was es geht. Du musst zu Hause bleiben.“
Weil er mich nur kurz anschaute, aber nicht protestierte, nehme ich an, dass meine Intervention und sein eigenes Interesse ausnahmsweise deckungsgleich ausfielen. Mit den andern habe ich nicht mehr über die Reise oder das Coaching gesprochen. Wir waren froh, nichts mehr davon hören zu müssen. Wir fuhren im Taxi zum Bahnhof. Dort trafen wir die beiden Stuten wieder. Alle Achtung, ohne Navi so schnell den Weg gefunden zu haben, das war eine stramme Leistung. Wir trennten uns. Die Polly und der Karlsson fuhren in die eine Richtung nach Schleswig-Holstein, der Pit, die Amy, die Stuten und der Lütte in die andere Richtung. Die Mia und ich nahmen die Cora noch mit bis Hannover, dann stiegen wir aus und sie fuhr weiter nach Duisburg. Irgendwie hat mir diesmal das Geschnatter über Haarpackungen, Faltencremes und Meghans neues Leben gar nicht viel ausgemacht. Im Gegenteil, es wirkte geradezu beruhigend. Komisch, dass ich das mal sagen würde. 
 
Ein paar Tage später, als ich mich von dem Stress in Hamburg erholt hatte, habe ich den Luke angeklingelt. Ich wollte endlich wissen, was er sich bei dem Quatsch um den Mount Everest gedacht hat. Inzwischen war ich ja besser im Bilde und konnte wirkungsvoller kontern. So weit kam ich aber gar nicht, weil er meinte, ach, ich solle mich doch nicht so aufregen, ich würde dann schon sehen, was uns erwarte. Im Übrigen sei ich doch kein Schisser, oder doch? Na, das ist doch wohl …! Zäng, habe ich den Hörer aufgeknallt.

All das ist erst kürzlich geschehen. Von den andern habe ich noch nichts gehört, ob sie die Reise mitmachen wollen oder nicht, abzüglich der Polly natürlich, die garantiert mitfährt, und der Amy und dem Lütten, die genau das nicht tun werden. Aber die andern? Kein Sterbenswörtchen. Die Mia redet immer gleich von was anderem oder lässt mich stehen. Wenn ich jemanden anrufe, wird geschwiegen. Muss ich mir Sorgen machen? Ach was, es ist ja noch ein bisschen hin bis Oktober oder November. Bis dahin werden sie schon wieder den Mund aufmachen. 
 
Fotos: Cora und Paule: © G. H.
          Polly und Karlsson: © Terrierhausen
          Pit, Amy, Luke, Jack, Spooky, Abbatini: © Club der glücklichen Vierbeiner
 
          Ente, Himalaya, Lukla, Bergwanderer, Bersteiger, Park, Essen: Pixabay
 
          Yaks: Frank Kehren/Flickr, Bild steht unter Creative Commons License
          Basislager: Marc van der Chijs/Flickr, Bild steht unter Creative Commons License
          Zelte; Marc van der Chijs/Flickr, Bild steht unter Creative Commons License 
          Mount Everest: Andrew Purdam/Flickr, Bild steht unter Creative Commons License 
          Mount Everest: Claude Florin/Flickr, Bild steht unter Creative Commons License 
 
© Max: Papageiengeschichten