Sonntag, 3. Februar 2019

Investigativer Journalismus: Poofkissen

Kurz nach Weihnachten hat mir der Karlsson dieses Foto geschickt. Ich soll mal gucken, er liege auf seinem Weihnachtsgeschenk, das seine Leute ihm spendiert hätten, weil ihm nach der Polarreise so kalt gewesen sei.


Aha, dachte ich, er hat eine Riesenqualle bekommen - so what? Nee, hat er geantwortet, das sei keine Qualle, sondern ein saugemütliches Poofkissen.
„Und?“, habe ich gefragt. „Warum zeigst du mir das?“
„Na, weil es so weich ist. Du kannst du dir nicht vorstellen, wie weich, Max. Egal wie ich mich hinlege,  immer gibt es softig nach. Und immer an den richtigen Stellen. Herrlich! Ich kann jetzt supergut chillen - und gut schlafen erst recht.“
Daraufhin habe ich mir das Foto noch mal genauer angeschaut:
„Hmmmm, dann liegst du auf dem Bild also mit der Schnauze nach links?“
„Ja.“
„Gut, dass du es dazusagst, mein lieber Freund ...“
„Wieso? Bei dem Kissen ist es völlig Wurscht, wie rum man liegt, gemütlich ist es allemal. Ich habe noch nie so ein tolles Poofkissen gehabt. Schon allein deshalb hat sich unsere Polarreise gelohnt.“

Okay, ich freue mich ja mit meinen Freunden, wenn sie von ihrem spendablen Personal erzählen und mehr zum Fest abstauben konnten als beispielsweise ein 20-teiliges Puzzle mit einem albernen Hundespann drauf, aber abgesehen davon sind wir uns ja wohl einig, dass die orthopädisch einzig empfehlenswerte Ruhehaltung die in der Horizontale ist. Wir Amazonen schlafen nur so.


Seht ihr? Wir waren noch nie wegen Rückenschmerzen beim Arzt. Um den Komfort zu erhöhen, kann man beim Ruhen auch noch einen Fuß einziehen. Das sieht man auf den Fotos leider nicht, ist aber außerordentlich entspannend und trägt überdies zum Muskelaufbau an den Knöcheln bei, denn man muss ja seinen Körper in der aufrechten Haltung stützen, auch im Dunkeln, ohne dass man ständig auf seine Füße gucken könnte, um zu kontrollieren, ob man noch gerade sitzt. Übrigens ist das die Mia hier auf zwei der Bilder. Ich bin das oben rechts. Natürlich bevorzuge ich beim Schlafen geschlossene Augen, aber macht das mal, wenn neben einem die Putze mit der Digicam herumhantiert.

Allerdings muss ich anmerken, dass andere Zweibeiner (Menschen) sich schwer tun mit der gesunden Schlafhaltung und Vierbeiner es diesbezüglich ebenfalls an jeglicher Disziplin fehlen lassen, was man daran erkennt, dass sie sich bei jeder Gelegenheit fahrlässig in die Waagerechte schmeißen. Pferde und Giraffen ausgenommen. Nun bin ich nicht auf der Welt, um die Rückenprobleme meiner Zeitgenossen zu missionieren. Sollen sie sich doch die Knochen verrenken, wenn sie lustig sind. Was geht mich das an? Trotzdem war nach Karlssons Foto meine professionelle Neugier geweckt. Warum war es dem Karlsson so wichtig, mir sein neues Bett zu zeigen? Wollte er damit etwas andeuten? Vielleicht sogar um Hilfe flehen? War ich Zeuge der verzweifelten Hinweise einer zwar munter plappernden, aber unter der Oberfläche stumm leidenden Kreatur geworden?

Daraufhin habe ich mir die Fotoordner meiner Freunde noch mal vorgenommen. Und was soll ich sagen? Ich bin schockiert. Es gibt Missstände aufzudecken und nichts auf der Welt wird mich daran hindern, genau dies zu tun. Unter dem trauten Dach meiner lieben Hunde- und Katzenfreunde tut sich Erbärmliches. Keiner von ihnen, aber auch keiner, bekommt die Aufmerksamkeit und Pflege, die ihnen zusteht. Sie müssen ihren Schlaf an Orten und in Behältnissen fristen, die vielleicht einer Schneckenfamilien würdig wären, aber nicht einer sensibel fühlenden Gestalt mit Beinen, Bauch und Kopf, die alle zusammen nach Raum und Freiheit verlangen. Ich beginne die Beweisführung mit dem Karlsson und der Polly.


Hübsch sieht er ja aus, der Strandkorb, und ist nett dekoriert. Und auch die (immerhin angedeutete) Teil-Horizontale der Fotomodelle weist in die richtige Richtung, aber ich bitte euch - draußen? Und dann zu zweit in einer Schlafstatt? Nein, das kann man nicht als artgerecht bezeichnen.


Hier sieht man hilflose Fortschritte. Der Karlsson darf jetzt im Haus schlafen, wenn auch noch auf der Fußmatte (oben links). Danach hat man ihm zwar ein Bett gekauft, doch wie lange muss man seine Brille nicht geputzt haben, wenn man nicht bemerkt, dass es viel zu klein ist (unten links)? Auf dem Bauch liegen kann der Karlsson darin nicht. Stattdessen muss er auf dem Rücken liegen, seine Vorderpfoten in die Luft strecken und den Kopf ungesund zur Seite neigen. Das ist inakzeptabel. Auf dem dritten Bild hat man ihm einen kleinen Schlafpartner zwischen die ansonsten gemütlich ausschauenden Polster gesteckt. Was soll das? Unachtsamkeit? Schikane?


Schon gewusst? Ein Hund möchte sich ausstrecken. Da nutzt es nichts, wenn man ihm ein gestreiftes Kissen auf den Stuhl legt, wo er sich nur zusammenfalten kann, um nicht runterzufallen (Bild 1 und 2). Derartig unnatürliche Krampfhaltungen führen zu Nackenstarre, tauben Pfoten, Verstopfung und schlechter Laune. Das muss mal gesagt werden. Heutzutage haben Hundehalter ausreichend Möglichkeiten, sich im Internet über die Bedürfnisse ihrer anempfohlenen Vierbeiner zu informieren. Da kann man nicht mehr mit der Ausrede kommen: „Das habe ich nicht gewusst.“ Oder: „Er hat ja nie was gesagt.“ Mal ehrlich, ich würde auch nicht mehr reden, wenn ich am Morgen nach diesen nächtlichen Faltübungen 'nen Kopf wie 'ne Gasuhr hätte.

Leider geht es unter andern Dächern auch nicht besser zu. Der Haushalt von Karlsson und Polly ist – Gott sei's geklagt –  keine unrühmliche Ausnahme. Das Beweismaterial aus dem Vierbeinerhaushalt vom Pit ist nicht weniger niederschmetternd. Aber auch hier wird man mich nicht daran hindern, den Finger in die Wunde zu legen, damit diese Missstände endlich aufhören. Fangen wir mit dem Pit an:


Jahrelang musste er sich sein Ruhelager in der Küche suchen (Bilder 1 – 3) oder auf dem Esstisch zwischen den Familienpapieren. Jawohl – auf dem Esstisch. Soll ich's buchstabieren? E-S-S-T-I-S-C-H.

Hier noch mal für die Zweifler:


Deutlich zu sehen: Die Schwanzspitze passt nicht mit drauf. Muskelschwund ist die Folge. Außerdem möchten auch Vierbeiner auf einer elastische Unterlage liegen. Der Tisch ist hart, glatt und kalt. So kann man sich ein Schnitzel halten, aber doch keine Kreatur mit lebendigem Speck auf den Hüften. Furchtbar. Mir ist ganz schlecht geworden, allein beim Betrachten der Fotos.


Genauso inakzeptabel ist das Abschieben auf Plätze, die für Blumenpötte oder anderes Dekowerk gedacht sind. Wie man deutlich sieht, muss der Pit auf der Fensterbank schlafen (Bild 1 und 3). Der Luke (oben rechts) hat seinerseits auf dem bereits bekannten Aktenordner Platz genommen (bestimmt nicht freiwillig!) und sich schließlich aus Verzweiflung ins Nähkörbchen gequetscht (unten rechts). Was das mit den inneren Organen anrichtet, kann man sich ausmalen. Ein Wunder, dass unter diesen Verhältnissen Lukes Geschäft so floriert. Er muss über eine starke Widerstandskraft verfügen (oder über Resi Lenz, von der heute jeder redet), wenn er derart malträtiert noch fähig ist, erfolgreich seinem Tagesgeschäft nachzugehen. Aber auch für einen Hund (hier die Amy, Bild links unten) ist es alles andere als tragbar, auf der Sofalehne zu hocken. Wie gesagt, im Allgemeinen ist die aufrechte Haltung empfehlenswert, aber hier kann keine Entspannung eintreten, wenn der Hund gleichzeitig jonglieren muss, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Hunde gehören mit dem Hintern auf ebene und ausreichend große Flächen – Punkt.

Apropos Amy. Das arme Ding hat es besonders schwer:


Entweder muss sie sich – wie der Karlsson – auf einem viel zu kleinen Kissen zusammenknautschen (Bild 1), oder sie muss auf dem Kratzbaum Platz nehmen (Bild 2), oder sie hat den Pit im Weg liegen, mit dem sie sich das Lager zu teilen hat. Als mir bewusst wurde, was hier abgeht, war mir auf einem Schlag klar, warum die Amy immer so vogelig ist. Da muss man ja vogelig werden, wenn man auf den Katzenbaum verbannt wird. Unhaltbare Zustände sind das. Nicht nur für den Körper ist es anstrengend, so dazuliegen, sondern auch die Psyche leidet, wenn man zu einer Katze degradiert wird, obwohl man ein Hund ist. Ich werde mal mit der Tante Susanne reden und ihr für die Amy eine Psychotherapie vorschlagen. Ich kenne da eine sehr kompetente Ameise, die erfolgreich Selbstbehauptungskurse anbietet.

Ansonsten sind die gleichen Fehler wie bei Polly und Karlsson zu beanstanden:


Sobald die Halter endlich die Notwendigkeit eines angemessen weichen Untergrundes erkannt haben, kaufen sie leider viel zu kleine Kissen, auf denen sich das Haustier (hier der Luke, Bild 4) nicht ausstrecken kann, ohne schmerzhafte Dellen einzustecken. Oder es muss auf das wohlbekannte Zusammenfalten zurückgegriffen werden (Pit, Bild 3). Zu diskutieren ist ebenfalls nicht, dass sich zwei Tiere ein Lager teilen müssen. Einer kommt dabei immer zu kurz (Bild 1 und 2), außerdem stört es die Erholung, wenn einem der Whiskasgeruch des andern in die Nase steigt oder man sich nach dem Aufstehen fremde Haare wegklopfen muss. Überhaupt ist zu fragen, ob derartig intime Nähe unter nicht Verheirateten oder Verlobten moralisch statthaft ist. Schließlich ist bekannt, dass viele Männer lieber allein sind, als Frauen oder andere Kerle um sich zu haben.

Übrigens, wer hat's gemerkt? Der kleine Jack kommt bei dieser Aufstellung nicht vor, obwohl er sonst immer denkt, er verpasst was. Als verantwortungsvoller Journalist bin ich dem natürlich nachgegangen. Ich habe recherchiert. Dabei stellte sich heraus, dass er einen Zettel mit seinen Datenschutzbestimmungen an den Kühlschrank gehängt hat. Darin verbittet er sich jegliches Fotografieren ohne seine Zustimmung, insbesondere wenn er schläft oder ruht. „Was fragst du eigentlich so blöd?“, hat er noch zu mir gesagt und dann das Smartphone ausgeschaltet, nachdem ich ihm versichert hatte, dass er nicht mit uns verreisen könne, solange er noch ins Flugzeug kotzt.

Über psychosomatische Reaktionen überforderter Jugendlicher schreibe ich ein andermal.

Ich denke, jetzt ist klar geworden, welch entbehrungsreiche Haltung unsere Katzen- und Hundefreunde tagtäglich – und meist stumm leidend – erfahren. Ich habe mit meiner Aufdeckung meine Stimme für sie erhoben und fordere die Politik und alle mitfühlenden Zwei-, Vier- und Mehrbeiner auf, dafür zu sorgen, dass diese Verhältnisse bald der Vergangenheit angehören. Sprecht darüber, wo immer ihr euch trefft. Legt zusammen und kauft mir eine dreistöckige Matchboxgarage, nee, ich meine natürlich euren Freunden große, weiche und gemütliche Poofkissen.

Hier ist noch mal zur Erinnerung ein Beispiel, wie es sein muss:



Auch die drei Wiener Mädels Thaya, Io und Mika haben so ein Kissen. Ich glaube, es ist genau das gleiche, jedenfalls in der gleichen Farbe. Leider habe ich kein Bild davon, aber unser Karlsson ist ja auch sehr lieb anzuschauen, nicht wahr?

Fotos: Karlsson und Polly: © Terrierhausen
          Pit, Luke, Amy und Jack: © Club der glücklichen Vierbeiner

© Max: Papageiengeschichten

Dienstag, 25. Dezember 2018

Der Nordpol, der Weihnachtsmann und wir (2. Teil)



Nach dem Kaffee ging es auf eine erste Expedition an unsern Arbeitsplatz. Wir wurden hinters Haus geführt. Dort kam ein imposanter Schuppen zum Vorschein. Eine Tür so groß wie ein Scheunentor quietsche auf und ein heller Lichtstrahl empfing uns. Mehrere bollernde Öfen sorgten für Wärme. Wow, das hätte ich nicht erwartet: In der Ecke stapelten sich Säcke mit Post, an den Seiten standen Regale bis unter die Decke, vollgestopft mit aller Art von Spielzeug, Büchern, Kleidungsstücken, Parfüms, Tablets, Handys und Fernsehern. An den Längsseiten eines schmalen Tisches so lang wie eine Kegelbahn waren Gestelle montiert, in denen wuchtige Rollen von Geschenkpapier ruhten. Kleine rollende Loren auf der Tischmitte waren dazu da, die Pakete abzutransportieren, während am Fußende ein zweiter langer Tisch quer stand, auf dem in breiten Kisten viele bunte Papiere zu sehen waren. Aha, das war wohl die Sortierstraße, von der gestern die Rede gewesen war. Die bunten Zettel waren die Wunschlisten. Na, das konnte ja heiter werden. Noch war offenbar nicht viel abgearbeitet worden, wenn man die Menge betrachtete.

Am Nordpol ist die Weihnachtsscheune skandinavisch

Dennoch nahmen wir unsere Sache natürlich sehr erst. Dies wurde von nun an unsere tägliche Routine. Nach dem Frühstück ging's gleich in den Schuppen. In den beiden ersten Tagen war der Weihnachtsmann noch dabei, um uns einzuweisen. Auch seine Frau ließ sich manchmal blicken, sofern sie nicht die Mahlzeiten bereitete, das Holz hackte, die Öfen und Kamine bestückte oder die Rentiere fütterte. Wir Helfer hatten feste Arbeitsplätze, die wir allerdings alle paar Tage tauschten, um keine Eintönigkeit aufkommen zu lassen. Während einer die Briefe öffnete und die Wunschzettel nach inhaltlichen Kategorien (Puppe, Negligee, Käsehobel) in die Kästen sortierte, holte ein anderer die betreffende Ware aus dem Regel und legte sie in einer der Loren ab. Wieder ein anderer packte sie hübsch ein und gab sie zum Etikettieren und Stapeln an den Nächsten weiter. Am Ende der Reihe wurden die verpackten Kartons nach Lieferort sortiert und in einer Liste vermerkt, die der Weihnachtsmann mitbekam zum Abhaken bei der Auslieferung.

Der Weihnachtsmann nämlich war tagsüber meist unterwegs. Er brachte die ersten Geschenke schon mal in die Sammellager rund um den Erdball, damit er es an den Weihnachtstagen nicht so weit hätte. Wo sich diese Sammellager befanden, wollte er nicht verraten, jedenfalls war er mit dem Rentierschlitten unterwegs (in Cordhose und blauem Dufflecoat) und kam immer erst zum Abendbrot zurück. Dieser geniale logistische Schachzug erklärt, warum es der Weihnachtsmann trotz all der vielen Geschenke jedes Jahr aufs Neue schafft, alle Gaben vollständig und pünktlich abzuliefern. Ohne gut verteilte Zwischenlager wäre dies gar nicht zu schaffen, selbst wenn man berücksichtigt, dass in etlichen Ländern überhaupt kein Weihnachten gefeiert wird oder die Geschenke in manchen Ländern (wie bei uns) schon an Heiligabend erwartet werden und in andern (wie in den USA) am ersten Weihnachtstag. Trotzdem bleibt das Zeitfenster eng und der Weihnachtsmann muss sich jedes Mal sputen.

Unsere Arbeit war nicht wirklich schwer, doch eine Herausforderung hinsichtlich des Pensums. Zwar arbeiteten wir nicht im Akkord, doch es kam schnell zum Stau, wenn die Mia mal wieder im Regal mit den Parfüms hockte und sich mit Duftwolken einnebelte. Dann fehlte eine Station am Fließband. Auch kam es nicht gut an, wenn man wie der Pit beim Briefsortieren eine Dose mit Senfhering neben sich stehen hatte, in die man hin und wieder reinlangte, um einen Happen zu nehmen. Schon am ersten Tag hatten wir uns weitgehend darauf geeinigt, dass die Vierbeiner, also der Pit und der Karlsson, die sperrigen Transporte übernahmen, während die Mia, die Cora und ich vorrangig das Papierzeug erledigten. Das war notwendig geworden, weil mi… äh ... Mi..., ich meine der Mia ein Laptop vom Brett gefallen war. Sie hatte ihn mit dem Hintern über den Abgrund geschoben, weil er sich nicht anders bewegen ließ. So was geht natürlich nicht. Gott sei Dank haben der Weihnachtsmann und Frau Merry nichts davon mitgekriegt. Das kaputte Ding haben wir heimlich draußen hinter die Regentonne geworfen und stattdessen ein Schneidebrett mit Schlümpfen in die Hülle getan. Das hatte genau die passenden Maße.

Das habe ich doch gut eingepackt, oder?

Die Mia wurde außerdem ermahnt, dass eine Lochmusterbordüre aus geknipsten Schnabelhieben im Geschenkpapier nicht dem Standard entspräche und außerdem den Verkehr aufhalte, weil das Geknipse zu lange dauere. Das leuchtete ein, denn schließlich kam regelmäßig Nachschub und da durfte nicht getrödelt werden. Einmal täglich fuhr Sven mit dem Schneemobil vor. Auf dem Anhänger brachte er neue Geschenke. Wir halfen beim Ausladen und füllten die leer gewordenen Regalbretter mit den neuen Puppenstuben, Winterstiefeln und Bohrmaschinen. Es wollte und wollte kein Ende nehmen, so sehr wir auch Gas gaben.

Zwischendrin kamen wir regelmäßig zu den Mahlzeiten in der Essstube zusammen. Was Frau Merry auf die Teller häufte, war täglich ein neues Wunderwerk. Fisch gab es nur einmal in Form von Fischstäbchen, sonst hatten wir allerlei deftige Eintöpfe mit reichlich Fleischeinlage, Hamburger, Schnitzel und am Sonntag Braten mit viel Soße und Klößen. Zum Kaffee gab es selbstgebackene Kekse und sogar selbstgemachte Torten und Waffeln. Der Karlsson konnte echt nicht klagen und wir andern auch nicht. Eingemachtes Obst für uns Vögel war jedes Mal mit dabei.

Manchmal kriegten wir auch Frikadellen zum Abendessen oder Linsensuppe

Am zweiten Tag – wohl nachdem sich der Weihnachtsmann unsere Wirtschaft lange genug angeschaut hatte – hieß es, einer von uns würde jetzt eine feste Sonderaufgabe bekommen. Sie sei sehr verantwortungsvoll, daher bekäme sie jemand mit Reife und Übersicht, nämlich … die Cora. Der wölbte sich sofort die Brust in Richtung Kapstadt. Die Mia guckte säuerlich. Coras Aufgabe bestand fortan darin, die Weihnachtswünsche auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Nicht nur Kandidaten mit unerlaubten Mehrfachwünschen sollten entlarvt, sondern auch unangemessene Wünsche gegen bodenständige Alternativen eingetauscht werden.

Von nun an wurde es lustig. Frau General Cora stand auf dem Packtisch und las laut vor: Kevin aus Herne wünscht sich einen Schlitten, Agneta aus Warschau einen pinkfarbenen Rucksack und Ethel McDonald aus Seattle neue Sprudeltabletten fürs Gebiss. Nach kurzem Überlegen hakte die Cora entweder den Wunsch ab und gab die Bestellung weiter, oder sie machte ein entrüstetes Gesicht, schüttelte den Kopf, strich mit energischem Schwung die Bestellung durch und schrieb was anderes hin.
„Nee-nee-nee, der kriegt 'n Buch!“, entschied sie.
Auch Socken, Schlafanzüge, Schlüpper und Krawatten verteilte sie gern. Die Handys, Tablets und Flachbildschirme blieben fortan in deutlicher Menge in den Regalen stehen. Wir andern mussten die Cora ermahnen, vorsichtig zu sein, sonst täte das langsam auffallen.
„Du brauchst nicht zu sparen, Cora“, hat der Karlsson gemeint. „Wir bezahlen das Zeug ja nicht.“
Faierweise muss man dazusagen, dass die Cora nur solchen Kandidaten Socken und Krawatten verpasste, die wir nicht kannten. Sonst wäre es ja auch total fies gewesen.

Von außen konnte man uns nicht arbeiten sehen

Manchmal allerdings, wenn die Cora besonders amüsiert zu sein schien, kriegte sie das Johlen. Dann tönte es durch den ganzen Schuppen.
„Hört mal alle her! Ha ha ha. Hier wünscht sich doch tatsächlich einer 'ne Matchboxgarage!“
Alles guckte auf.
„Und? Von wem ist das?“, hat der Pit gefragt.
Die Cora tat die Augen zusammenkneifen:
„Kann ich schlecht lesen, ist mit Bleistift geschrieben. Ich glaube, es heißt „Vom Master of the … hä? ... Universum“ oder so ähnlich.“
„Aus welcher Stadt?“
„Hm, Hanoi?“
„Na, dann ist ja gut, ich dachte schon, der Brief ist vom Max.“
Die Cora hat sich nicht wieder einkriegen können:
„Du machst Scherze, Pit. Das wäre ja 'n Ding. Ha ha ha. Nee, der Kerl kriegt … hm, lass mich mal überlegen. Ich hab's, er kriegt das Bilderbuch „Tauben unserer Stadt“. Damit kann er sehr zufrieden sein.“
Ich fand das irgendwie roh. An dem Tag hatte ich so gar keinen Appetit mehr.

Abends nach dem Essen haben wir meist noch lange im Wohnzimmer beisammengesessen. Der Weihnachtsmann und Frau Merry sind reizende Leute: gütig, kultiviert und herzensgut. Ich könnte nicht verstehen, wenn jemand sie nicht sofort ins Herz schließen würde. Ihr Haus ist erfüllt von Gastfreundschaft. Man fühlt sich sofort angenommen und sauwohl. Frau Merry hat uns den Jitterbug beigebracht, diesen amerikanischen Swing-Tanz aus den 20er Jahren. Die Musik kam aus der antiken Plattentruhe: volle Lautstärke und dann den Couchtisch beiseite gerückt und abgehottet, bis uns fast die Knöchel wegknickten. Der Karlsson konnte es am besten, wahrscheinlich weil sein  Ohrengewippe von ganz allein rhythmisch wirkt.

Eierpunsch
Ein andermal haben wir Eierpunsch getrunken und Halma gespielt. Der Weihnachtsmann besitzt viele Bach- und Händel-Platten (na klar, aus beruflichen Gründen), aber auch AC/DC, Queen und diese berühmte Platte von Nirvana. Im Grunde ist er ein Rocker. Kein Wunder, denn dort, wo er wohnt, hat er keine Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten, wenn er die Musik voll aufdreht. Hammondorgel spielen kann er übrigens auch sehr gut. Wir haben Letkiss dazu getanzt: links, links, rechts, rechts, vor, rück, vor, vor, vor, und das natürlich ordentlich nebeneinander in der Reihe. Wusstet ihr, dass das ursprünglich ein lappländischer Volkstanz war? Wir kennen ihn aus der Oldie-Ecke von YouTube. Wenn man schon leicht einen in der Krone hat, ist der Letkiss super für den Spaßfaktor. Alkohol ist in ganz Skandinavien sehr teuer, aber der Weihnachtsmann ist zwischendurch mal in den Schuppen gegangen und hat 'ne Flasche Schampus geholt. Der eigentliche Adressat hat am nächsten Tag dann von der Cora ein Set Korkuntersetzer zugewiesen bekommen.

Natürlich unterhält man sich auch mal über Privates, wenn man so eng aufeinander hockt, zum Beispiel, wie alt der Weihnachtsmann  ist, ob er früher schlanker war, ob er an Ruhestand denkt, ob ihn Nachwuchssorgen quälen, was er und Frau Merry im Sommer machen, ob sie Kinder haben, ob sie den Osterhasen kennen, ob sie schon mal daran gedacht haben, alles hinzuschmeißen und stattdessen einen Kiosk aufzumachen, oder ob sie lieber in Florida leben würden. Lange und tiefe Gespräche haben wir geführt. Ich möchte sie nicht missen, so beeindruckend waren sie. Gut, dass ihr nicht neugierig seid, sonst müsste ich euch jetzt davon erzählen.

Da wir eigentlich auch am Sonntag arbeiten mussten, sonst wären wir der Masse nicht Herr geworden, Frau Merry aber meinte, dass wir mal einen freien Tag brauchten zum Ausspannen, hat der Weihnachtsmann uns eine Bootsfahrt spendiert. Wir wurden abgeholt. Der Pilot Sven ist mit dem Schneemobil vorgefahren. Wir standen gestiefelt und gespornt vor der Haustür, konnten aber nicht einsteigen, weil die Cora ihre wollenen Knöchelwürste vermisste. Nach ewigem Hin und Her fanden sie sich schließlich an. Sie waren über meine Zehen gespannt. Durch die Schneedecke hat man das nicht sehen können und ich selbst hatte mich gewundert, warum meine Füße so schön warm waren.
„Du bist echt 'n Stinkstiefel, Max“, hat die Cora gezetert und mir ihre blöden Stulpen aus den Krallen gerissen.

Sogar der Karlsson hatte sich diesmal intensiv auf den Ausflug vorbereitet. Er trug jetzt eine karierte Wolldecke um Rücken und Hüften, die vorher in der Essstube auf der Ofenbank gelegen hatte. Ein roter Lackgürtel, vermutlich aus dem Inventar des Weihnachtsmanns, hielt das Ganz zusammen. Auf den Pit konnte ich ebenfalls nicht zählen, denn der hatte seinerseits ein hellgelbes Mäntelchen um den Hals geknotet – übrigens mit Entenreigen auf der Bordüre. Es sah aus wie ein Geschirrtuch aus der Küche. Mir fiel der Begriff „Memme“ ein. Ich glaube aber nicht, dass ich ihn ausgesprochen habe.
„Max, wenn du unbedingt frieren willst, meinetwegen“, hat die Mia gesagt. „Aber versau uns den Ausflug nicht. Zieh nicht so ein beleidigtes Gesicht.“
Dann sind die Wolldecke, das Geschirrtuch, der Streifenponcho, das rosa Kamel-Ensemble und ich ins Schneemobil gestiegen. Im Fellsack bin ich mit den Krallen in Karlssons Karoanzug hängen geblieben.
„Pass doch auf, wo du rumfuchtelst“, hat der Karlsson gemeckert.

Diesmal waren wir länger unterwegs als auf unserm ersten Ausflug mit dem Rentier. Es ging auch zügiger voran. Diese Schneemobile sind zwar laut, aber fix unterwegs. Schließlich tat sich vor uns eine unerwartete Landschaft auf. Wir hielten an. Vor uns lag Wasser, auf dem Eisschollen trieben, im Hintergrund ragten schneebedeckte Felsen in den Himmel. Wow, das war ja ein richtiges Gebirge. Offenbar befanden wir uns am Meer.

Doch, das ist tatsächlich die Arktis

„Nicht schlecht“, hat die Cora gemeint.
Auch der Pit staunte:
„Ich wusste gar nicht, dass es in der Arktis so gebirgig ist.“

Wir stiegen in ein kleines Boot. Es war eine Art Kutter mit Dieselantrieb. In der eisigen Stille nahm sich das gleichmäßige Getucker fast wie eine Sünde aus, denn hier traf respektlose Zivilisation auf die stumme Würde der unberührten Natur. Ab und zu bollerte ein Stück Packeis gegen unsern Rumpf, aber im Großen und Ganzen war der Weg frei. Der wortkarge Sven konnte also nicht nur ein Flugzeug fliegen und ein Schneemobil steuern, sondern auch einen Kutter manövrieren. Leider waren aus ihm keine näheren Informationen herauszukriegen. Gern hätten wir nämlich gewusst, ob an andern Tagen das Meer zufriert, oder ob es sich lohnte, nach Walen und Robben Ausschau zu halten. Wir klebten an der Windschutzscheibe der Fahrerkabine und starrten angestrengt nach draußen. Irgendwann kam links neben uns eine Eisscholle in Sicht.
„Schaut mal, Eisbären!“, hat die Mia geschrien.
Alle Köpfe flogen herum.
Ach, wie süß, sogar mit Kind. Dabei sollen Eisbären total gefährlich sein. Denen sollte man nicht zu nahe kommen.

Toll, gleich die Digicam draufgehalten

„Pit, pack sofort deine Fleischwurst weg!“, habe ich geistesgegenwärtig reagiert, „sonst lockst du noch die Raubtiere an.“
Nicht zu fassen, futterte die gelbe Entchenbordüre hier in aller Öffentlichkeit Wurst, während eine hungrige Eisbärmutter an uns vorbeischipperte.
Später haben wir dann noch gesehen, wie ein Eisberg vor uns ferkelte.
„Kalben heißt das, du Holzkopp.“
Damit sind Gletscher gemeint, von denen was abbricht und ins Meer stürzt.

Achtung, Eisberg voraus!

Es gab einen zischenden Krach, aber wir waren zu weit entfernt, als dass es unserm Boot gefährlich werden konnte.
„Die Wolldecke kratzt“, hat der Karlsson gejammert.
Als die Sonne unterging, hatte er aber doch noch Augen für die Schönheit der Eislandschaft.
„Herrlich, was?“, hat er geschwärmt.
Ich musste ihm recht geben. Die Arktis ist ideal für Leute mit Höhenangst (keine Wolkenkratzer!) und sogar gnädig zu anderen Krankheiten, zum Beispiel zu Leuten, die an Burgen und ähnlichen Zeugnissen menschlicher Schaffenskraft herumpopeln, bis sie zu Ruinen zusammenbrechen. Hier wurden sie nicht in Versuchung geführt, was sich übrigens auch entspannend auf die Begleitpersonen auswirkte. Der Pit hat mich gelangweilt angeschaut. Er schien sich zu wundern, von wem die Rede war.

Auch in der Arktis gibt es die Farbe Rot

Lange sind wir auch diesmal nicht mit dem Boot unterwegs gewesen, denn es bleibt in der Arktis einfach viel zu kurz hell, um sich genügend umzuschauen. Pinguine hatten wir wieder nicht gesehen. Sie lebten entweder woanders oder waren im Meer auf Fischfang, weil Weihnachten keine Brutzeit ist und sowieso keine Kolonien herumstehen. Aber egal, wir stießen mit den Thermobechern auf den gelungenen Ausflug an. Von Frau Merry hatten wir ein Fresspaket mitbekommen. Darin befanden sich heißer Tee und Sandwiches. Die Fleischwurst hatte sich der Pit extra mitgebracht. Mir hätte der Abschluss unserer Fahrt richtig gut gefallen, wenn mir nicht so schweinekalt gewesen wäre. Gott sei Dank ging es bald zurück aufs Schneemobil und in den Fellsack. Andernfalls hätte ich heute wahrscheinlich keine geraden Zehen mehr.
„Was gehste auch nackt, du Held“, hat die Cora gesagt und ihren Schal über die Ohren geworfen.

Zu Hause wurde ich wie zuvor schon der Karlsson auf die Ofenbank gelegt und zugedeckt. Ich kriegte Tee mit Honig und einen heißen Wickel um den Hals. In der Nacht musste ich auf einer Wärmflasche schlafen. Dass ich bellte wie ein Bär von dem Husten und daher die andern beim Schlafen störte, wurde im Dunkeln mit mehrstimmigem Seufzen und am nächsten Tag im Hellen mit Kopfschütteln kommentiert. Beim Arbeiten in der Scheune war mir leicht schwindelig. Es ist gut möglich, dass ich aus Versehen das blinkende Hirschgeweih in den Karton vom Toaster und den Toaster in den Karton der Babypuppe gepackt habe.

Frau Merry konnte super backen

Den nächsten Ausflug hatten wir dem Karlsson zu verdanken. Er war versessen darauf, einmal live einen Hundeschlitten zu sehen. Ihr wisst schon, das sind diese Gefährte, die es vor dem Schneemobil gab, wo man die Wege noch per Hand und Pfoten bewältigte. Die Zugtiere sind Huskys, diese kältefesten Hunde, die immer so glücklich grinsen, je schneller und länger sie den Schlitten ziehen dürfen. Ausgerechnet die wollte sich der Karlsson anschauen?
„Ja, warum denn nicht?“, hat er geantwortet.
Offenbar fand auch der Weihnachtsmann nichts dabei, denn eines Morgens hieß es, wir sollten uns fertig machen, sobald es hell wäre, würde uns der Hundeschlitten zu einem Ausflug abholen.

Unbegreiflich, die haben Spaß

Diesmal hatte ich mich gut vorbereitet. Noch mal so frieren, das wollte ich nicht.
„Wie siehst du denn aus?“, hat mich die Cora angeblafft, als wir vor der Haustür zusammenkamen.
Nun, ich hatte mir die Kaffeemütze aus der Küche geholt, zwei Löcher unten reingeschnitten für die Beine und eins oben für den Kopf. Das war herrlich warm, schließlich war die Mütze gut gefüttert. Okay, ich habe mich zwar gefühlt wie ein gelähmter Käfer, so sperrig war mein Panzer, und hinterher gab's auch Ärger mit Frau Merry wegen der Löcher, aber was tut man nicht alles für die Gesundheit? Einsteigen haben wir trotzdem nicht gleich können. Der Karlsson nämlich hat nicht auf dem Schlitten Platz nehmen wollen. Er meinte, das wäre ja so, als würde ein Pferd in Wien einen Fiaker mieten und sich dann hinten reinsetzen. Nee, das wäre geradezu unethisch und deshalb würde er jetzt vorne im Gespann mitlaufen. So!

Ach herrje, das gab ein Theater. Die Huskys mussten gefragt werden, ob sie einverstanden wären, dann mussten zwei zusammenrücken und der Karlsson wurde hinter dem Leithund (einer jungen Dame namens Daisy) ins Geschirr gespannt. Seinen Seppelhut und den Karomantel hatte er zu Hause gelassen. Endlich konnten wir zusteigen. Auch der Schlitten hatte einen gemütlichen Fellsack. Nur anders als beim Schneemobil saßen wir nicht hinter dem Fahrer, sondern der Fahrer stand hinter uns auf den Kufen. Ab und zu stieg er ab und stieß den Schlitten mit einem Bein an wie beim Rollerfahren. Gott sei Dank hatte es tagelang nicht geschneit. So lag der Schnee nicht allzu hoch und die Wege, die der Sven mit seinem Schneemobil gefräst hatte, konnten noch benutzt werden. Ich fand es toll, dass der Sven so ein richtiges Faktoto war. Er konnte einfach alles: Flugzeuge fliegen, Schneemobile lenken, Boote steuern und nun auch noch Hundeschlitten fahren.

Seht ihr? Der zweite vorne rechts, das ist der Karlsson

Durch die Enge im Fellsack hat man leider deutlich gerochen, dass der Pit am Morgen Knoblauch-Cabanossi gegessen hatte, dazu Mias Parfüm und Coras Kamel-Schal, der mir an der Nase kitzelte. Aber sonst war es ein schöner Ausflug mit herrlicher Sicht auf die arktischen Bäume, die herumstehenden Rentiere und das wie immer sehr aufregende Weiß des ansässigen Schnees. Da ich vorher noch nie so eine Fahrt mitgemacht hatte, konnte ich nicht beurteilen, ob wir schnell oder langsam fuhren. Ich meine, war der Karlsson eine Bereicherung oder behinderte er den Transport? Zu sehen war von ihm nicht viel. Man kriegte hinten so gut wie nichts mit, außer Gebell und dem Anblick einiger Hundehintern, wenn man sich ordentlich lang machte und geradeaus über den Rand des Fellsacks schaute.

Nachdem wir irgendwann nach mittellanger Fahrt gedreht hatten und nun vorm Haus zurück auf die Einfahrt fuhren, war ich gespannt, was der Karlsson zu berichten hatte. Das Gerenne im Gespann ist ja schließlich auch für ihn das erste Mal gewesen. Leider fanden wir ihn nicht gleich. An seinem Platz im Gespann war er nicht mehr. Nanu? Wo war er hin? Wir guckten uns um. Schließlich haben wir gerufen:
„Kaaaarlsson! Wo biiiiist duuuuu?“
Keine Antwort.
Wieder gerufen.
Wieder nichts.

Jetzt machten wir uns Sorgen. Wir würden ihn doch wohl nicht unterwegs verloren haben? Nee, ne? Oder doch? Ginge das so einfach? Schließlich meinte die Cora:
„Seid doch mal leise. Da fiept was.“
Wir horchten angestrengt in die hereinbrechende Dämmerung. Und dann haben wir es gesehen: Ein Stück weiter recht neben uns kam Dampf aus dem Schnee gestiegen. Wir kämpften uns hin. Dort fanden wir den Karlsson. Er lag auf dem Bauch, alle Viere von sich gestreckt, die Terrierlöckchen nass vorm Schweiß. Er hechelte. Die Wärme hatte den Schnee in beachtlichem Umkreis weggeschmolzen. Mein Güte, was rennt sich der Kerl auch im Sommerfell die Zunge aus dem Hals? Dazu mit arktischen Vollprofis. Ich mach doch auch keinen Marathonflug mit 'nem Anden-Kondor, wenn ich die dünne Höhenluft nicht ab kann.
„Halt die Klappe, Max!“, hat mich die Mia angeranzt.

Frau Merry wurde geholt. Sie hat den Karlsson ins Haus getragen. Was sie dann mit ihm veranstaltet haben, weiß ich nicht, weil ich erst später dazukam. Mir hatte nämlich jemand einen Stoß verpasst – ich will stark annehmen, aus Versehen. Deswegen bin ich gestolpert und hingefallen. Auch ein bisschen gerollt bin ich auf meiner Kaffeemütze. Jedenfalls bin ich auf dem Bauch liegen geblieben und konnte nicht aufstehen. Das war echt übel. Keiner war mehr da. Nebenan habe ich den Sven mit dem Hundeschlitten wegfahren hören. Dann war alles ruhig und bald auch dunkel. Gerufen habe ich zwar noch, aber keiner hat reagiert. Mir sind die Füße eingeschlafen, schließlich hingen sie die ganze Zeit waagerecht in der Luft. Aus dem Haus kam ein schwacher Lichtstrahl. Wahrscheinlich tranken sie dort gerade Kakao und futterten heiße Waffeln. Boah, war das fies.

Lebensnahrung

Irgendwann ist der Pit gekommen.
„Wo bleibst du denn so lange? Ich hol mir hier noch den den Tod“, habe ich ihn sensibilisiert.
„Halt die Klappe!“, hat er gesagt.
Dann hat er mich allen Ernstes auf der Kaffeemütze durch den Schnee zur Haustür gerollt. Mir war total schwindelig. Im Haus hat mich jemand aus dem Panzer geruckelt, bis er mir über den Kopf gezogen werden konnte. Ah, endlich Luft. Frei atmen. Den Poren Leben gönnen. Nur meine Füße haben gekribbelt wie blöd. Auf der Ofenbank muss ich ohnmächtig geworden sein. Ich weiß nur noch, dass was Weiches, Gekräuseltes neben mir lag, das nach Hund roch. Kann sein, dass es der Karlsson war. Über die Schlittenfahrt haben wir nie mehr geredet. War ja auch auch egal, was er davon gehalten hat. Er lebte noch und ich auch und das war die Hauptsache.

Inzwischen konnte ich es perfekt
Leider mussten wir am gleichen Nachmittag wieder in den Schuppen. Durch den Ausflug hatten wir zu viel Zeit verloren. Wir mussten Gas geben. Es war nicht mehr lange hin bis Weihnachten und es gab noch viel zu tun. An diesem Tag hatte man mich an die Etikettierstation gewiesen. Ich stand auf dem Tisch und musste die Adressen auf die Geschenkkartons kleben. Zum besseren Verständnis ist anzumerken, dass ich mich noch immer dusselig im Kopf fühlte. Das Kribbeln in den Füßen war jetzt unter die Schädeldecke gezogen. Deshalb (und auch weil der Pit die Radiomusik voll aufgedreht hatte) habe ich nicht bemerken können, wie der Karlsson (dem es im Gegensatz zu mir wieder gut ging, abgesehen von einem wässrigen Schnupfen) von hinten an mich herangetreten war, um mir mit der Zeigekralle in den Rücken zu bohren. Wahrscheinlich hatte ihn ein Anliegen zu dieser Tat veranlasst. Darüber habe ich mich so erschreckt, dass ich auf den Rand des Kastens mit den schon beschrifteten Adressaufklebern getreten bin. Er ist umgekippt und hat noch vier der benachbarten Kästen mit in die Tiefe gerissen. Die Aufkleber lagen jetzt in großen Haufen auf dem Fußboden. Das war ja 'n schöner Mist. Wie sollten wir die Etiketten wieder in die richtige Reihenfolge sortieren? Und das, wo wir sowieso nicht wussten, wo uns der Kopf stand.

„Wisst ihr was? Wir kleben jetzt einfach die Etiketten dahin, was als nächstes mit der Lore kommt. Sonst werden wir nie fertig.“
Alle fanden die Idee von der Cora prima. Und so habe ich es auch gemacht: erst die Aufkleber zurück in die Kästen geschaufelt, damit der Weihnachtsmann und Frau Merry nichts merkten, und dann habe ich einfach irgendeinen Aufkleber herausgenommen und aufs nächste Geschenk geklebt. Am Ende gab's ja noch die Station, wo die Adressen in die Liste geschrieben wurden. So stimmte dann ja alles zum Schluss wieder. Puh, das war ja noch mal gut gegangen.

Dummerweise ist kurz vor unserer Abreise dann noch die Sache mit dem Schneesturm passiert. Das war eine ganz blöde Geschichte. Schon in der Nacht hat man den Wind an den Dachschindeln zerren hören. Trotzdem ist der Weihnachtsmann am Morgen mit den Rentieren zum Zwischenlager aufgebrochen, und auch der Sven hat später wie üblich seinen täglichen Anhänger mit den Nachschubgeschenken vorbeigebracht. Wahrscheinlich muss man am Nordpol zu Hause sein, damit einen so was nicht weiter stört. Uns dagegen hat es einfach aus den Latschen gekippt. Es war nicht möglich, den kurzen Weg von der Hintertür zum Schuppen zurückzulegen, ohne dass es mich oder die Mädels augenblicklich in die Landschaft geweht hätte. Wir Amazonen sind einfach zu leicht.

Unsere Herberge im Schneesturm

So hat uns Frau Merry nach dem Frühstück in einen Rucksack gepackt. So wurden wir in die Scheune getragen, während sie unterm rechten Arm den Pit hängen hatte. Sogar der Karlsson musste sich anleinen lassen, für alle Fälle, obwohl er als Einziger und Schwerster wenigstens allein gehen durfte. Weil es den ganzen Tag nicht viel besser wurde mit dem Gestöber, kriegten wir das Mittagessen und den Kakao am Nachmittag ebenfalls in die Scheune serviert. Dort war es nach wie vor warm und gemütlich. Wir arbeiteten an unseren Aufgaben. Inzwischen hatten wir uns eine schöne Routine angeeignet. Die Arbeit flutschte nur so. Und das war auch gut, denn wir befanden uns auf dem Endspurt.

Ja, es hätte alles perfekt enden können, wenn nicht der Karlsson plötzlich verloren gegangen wäre – und danach der Pit. Ehrlich, das hatte uns gerade noch gefehlt. Am Nachmittag nämlich nach dem Keksimbiss und nachdem sich der Sturm endlich etwas gelegt hatte, war der Karlsson vor die Tür gegangen, weil er etwas holen wollte oder irgendwie so was.
„Ich bin gleich zurück“, hat er gesagt.
Aber dann ist er nicht wiedergekommen. Wir haben gewartet und gewartet.
„Der wird sich doch nicht verlaufen haben“, ist es der Mia entfahren.
„Ach, woher denn?“, habe ich die Gemüter beruhigt. „Als Hund findet er jeden Weg zurück.“
„Aber nicht bei Schnupfen“, hat die Cora gemeint.
Das war das Stichwort für den Pit:
„Ich werde mal nachschauen gehen.“
Als zweitgrößtes Tier oblag natürlich ihm die Rettung, denn Katzen können nicht so leicht weggeweht werden wie Vögel. Wir hatten ihm noch aufgetragen, vorsichtig zu sein, und dann ist auch er durchs Scheunentor verschwunden. 

Als nach der Zeitspanne, die wir für die Entdeckung und Bergung eines potentiellen Lawinenopfers eingeplant hatten, weder etwas zurückkam, das wie ein Terrier aussah noch wie ein Kater, mussten jetzt notgedrungen auch wir Überlebenden ran. Die Mia, die Cora und ich sind vor die Tür getreten. Es war dunkel. Trotzdem habe ich im Lichtschein der Scheunenlaterne sehen können, wie neben mir die Cora abgesaust ist und im Trudelflug augenblicklich die Mia hinterher. Mich selbst hat es ebenfalls in die Höhe gerissen. Es war ein Gefühl, als würde einem 'ne Stahlplatte vor den Kopf gehauen, so kalt war der Wind. Aber wenn man ordentlich mit den Flügeln schlug, kam Energie in die Muskeln, und das rauschende Blut ließ einen an das denken, was wichtig war. Ich habe gründlich nach unten gestarrt, ob ich den Karlsson oder den Pit entdecken könnte. Dabei erwies es sich als äußerst praktisch, dass wir Amazonen eine Nickhaut haben. Die ist durchsichtig und funktioniert wie eine Brille. Man zieht sie sich vor die Pupillen und ist geschützt vor tränenden Augen.

Superklare Sicht
Ich weiß nicht, wie lange ich dort oben herumgeirrt bin. Ich weiß nur noch, dass ich dachte, ist es zu fassen? Wie blöd muss man sein, dass ein fast weißer Hund unbeaufsichtigt im Schnee herumlatscht? Und mit dem Pit war es auch nicht besser, der mit seinem hellen Fell und den blassen Streifen. Da ist man gefälligst dunkelbraun oder schwarz, wenn man unbedingt im Schneegestöber spazieren gehen will. Natürlich hatte der Wind inzwischen alle Spuren beseitigt. Ich war echt sauer, bin aber nicht dazu gekommen, weiter darüber nachzudenken, weil plötzlich etwas Grünes unter mir zu sehen war. Ha! Seht ihr? So muss das sein. Als grünes Tier kann man sich vorbildlich und obendrein sozial verantwortungsvoll im Schnee bewegen, sogar im Dunkeln, ohne sein Umfeld unnötig zu belasten. Sofort bin ich in den Landeflug gegangen. Es hat auch einigermaßen punktgenau geklappt mit dem Aufsetzen.

Es war die Cora, die dort unten hockte. Sie hatte den Karlsson gefunden, das heißt seine rechte Hinterpfote. Der Rest war verschüttet. Sofort haben wir mit der Bergung begonnen. Wir haben gekratzt und gescharrt wie verrückt. Gott sei Dank ist bald auch die Mia gekommen. Sie hatte uns ebenfalls von oben entdeckt. Zu dritt haben wir den Karlsson freigelegt. Um es gleich zu sagen: Er war intakt, nur ohnmächtig, weil er durch seinen Schnupfen offenbar kurzzeitig die Orientierung verloren hatte und dann – Schnauze auf den Boden gerichtet –  mit dem Kopf gegen eine der Tannen gerannt war, die neben dem Haus standen. Danach hatte ihn der Sturm mit einer weißen Decke überzogen. Ein paar gezielte Dolchstöße mit meiner Kralle in seine Seite haben ihn bald wieder die Augen öffnen lassen, wenn er auch noch nicht aufstehen konnte.
„Los, beweg dich, Karlsson!“, hat die Mia ihn angepfiffen, damit sein Kreislauf in Gang käme.

Während die Mia weiter mit ihm geübt hat, sind die Cora und ich den Pit suchen gegangen. Er fand sich glücklicherweise gleich nebenan vor einer Tanne stehend. Mit dem Schnee auf seinem Kopf und seinem Rücken sah er im ersten Moment aus wie eine dekorative Heckenfigur, die man hier im Tannenwäldchen im Herbst vergessen hatte mitzunehmen und einzuwintern. Als wir näher kamen, sah man, dass der Pit mit der Zunge an der Rinde festgeklebt war. Du liebe Güte, was hatte er da herumzulecken gehabt? Er wird doch wohl nicht gedacht haben, dass da leckerer Honig herauskäme?
„Hhhhr böööö ihhhhh!“, hat er gelallt.

Ich glaube, das sollte „Hier bin ich“ heißen. Seine Augen drehten sich wie wild mal nach links, mal nach recht, soweit es der Radius seines festgestellten Kopfes zuließ. Ich habe ihm erst mal den Schnee vom Buckel gefegt und ihm dann zuversichtliche Worte der Rettung zugeflüstert. Okay, hielten wir mal fest: Die Vermissten waren gefunden, erste Hilfe war geleistet, nun hieß es, den weiteren Transport zu organisieren. Ich habe mich zurück zum Haus gekämpft. Dort habe ich Frau Merry alarmiert, während die Mia den Karlsson versorgte und die Cora den Pit. Mit einem Handschlitten und einem heißen Waschlappen in der Manteltasche ist Frau Merry in die Nacht aufgebrochen. Mit dem Waschlappen hat sie den Pit vom Baum gelöst. Als sie zurückkam, lag er mit dem Karlsson auf dem Schlitten und die beiden Mädels steckten hinten  in ihrer Fellkapuze. Alle lebten.

Heiß!
Augenblicklich wurde die Nachsorge eingeleitet. Für uns fünf hieß es: Ofenbank! Wir mussten heiße Brühe trinken und kriegten einen Halswickel. Trotzdem (oder gerade deswegen) war es mir bald schon zu heiß neben dem brüllenden Ofen und dem dünstenden Karlsson. Auch die Mia und die Cora haben sich die Wickel vom Hals gerissen.
„Warum hattest du denn am Baum geleckt“, habe ich den Pit gefragt.
„Geht dich nichts an“, hat er geantwortet.

Hui, das konnte nur bedeuten, dass es ihm besser ging. Zwar war seine Zunge noch geschwollen und das Essen tat ihm nicht mehr richtig schmecken (ach, der Arme), aber die Steife aus seinen Gliedern war gewichen und er bewegte sich wieder so geschmeidig, wie Katzen es tun. Dennoch hat Frau Merry ihm nicht erlaubt aufzustehen. Genauso wie der Karlsson, der noch einen bedröppelten Eindruck machte von seinem Rendezvous mit der Tanne, musste er auf der Ofenbank liegen bleiben. Das hieß natürlich, dass die Mia, die Cora und ich nun allein in den Schuppen zurück mussten, um die restliche Arbeit zu erledigen. Wie gesagt, wir waren auf dem Endspurt. Die letzte Fuhre war angeliefert worden. Es ging nur noch darum, ein letztes Mal die Regale leer zu räumen. Morgen sollten wir abreisen. Und dann wäre auch schon Heiligabend.

Für Sven und den Anhänger gab's nichts mehr zu tun

Was hätten wir denn machen sollen, wir drei in reduzierter Besetzung? Wir konnten doch nicht zaubern. Es war noch immer genug Arbeit übrig, obwohl wir die Nacht durchmachten und obwohl sich auch der Weihnachtsmann regelmäßig blicken ließ, um die Kartons abzuräumen, die zu schwer für uns waren. Immer wenn er wieder gegangen war, haben wir einfach ein Puppenbett, eine Digicam oder eine Flasche Amaretto in einen Karton gepackt und den nächstbesten Adressaufkleber draufgepappt. So sind wir viel zügiger vorangekommen. Selbst dem Weihnachtsmann ist es lobend aufgefallen, wie gut wir inzwischen eingespielt waren. Als Frau Merry uns nach den vielen Stunden Ackerei endlich zum Frühstück rief, musste nur noch das letzte Paar Handschuhe abgefertigt werden. Alle Regale waren leer. Die Arbeit war geschafft. Wir hatten unsere Pflicht getan.

Nun hieß es zusammenzupacken und uns auf die Rückfahrt zu begeben, schließlich wollten wir Heiligabend zu Hause sein. Die Mia, die Cora und ich waren todmüde. Dem Karlsson ging es inzwischen wieder gut und auch der Pit war genesen. Zumindest äußerlich sah man ihnen den gestrigen Vorfall nicht an. Die Mia hat noch die geschäftlichen Angelegenheiten mit dem Weihnachtsmann erledigt, dann haben wir uns verabschiedet.
„Ihr wart die schnellsten und gründlichsten Helfer, die ich seit langem hatte“, hat der Weihnachtsmann gesagt.

Wir haben bescheiden auf den Boden geguckt. Dann wurden wir alle noch schnell von Frau Merry umarmt und abgeküsst und schon ging's nach draußen, wo wir mit dem Schneemobil die paar Meter hinters Haus zum Flugplatz gefahren wurden. Dort wartete schon die kleine zweisitzige Maschine mit dem Sven auf uns. Genauso, wie wir gekommen waren, stiegen wir ein: die Cora in ihrem rosa Kamel-Ensemble, die Mia mit ihrem Streifenponcho, der Karlsson mit seinem Seppelhut, ich nackt und der Pit mit seiner Provianttüte. Weil er noch immer nicht normal schmecken konnte, hatte er diesmal besonders Deftiges eingepackt, nämlich Harzer Käse und einen kalten Döner.

Wir hoben ab. Unter uns konnten wir die Lichterketten mit den blauen Glühbirnen sehen und auch die gelben Scheinwerfer vom Schneemobil. Bestimmt hatte der Weihnachtsmann uns noch lange nachgewinkt. Ansonsten verlief alles genauso wie beim Hinflug, nur umgekehrt. Sven hat uns bis Trondheim gebracht. Glücklicherweise bin ich unterwegs eingeschlafen, so habe ich nicht mitgekriegt, wie sich der Pit den Döner mit dem Karlsson geteilt hat und wie die Mädels gedroht haben, alle beide aus der Tür zu werfen, wenn sie jetzt auch noch den Harzer Käse auspacken täten. Dass ich wieder Karlssons Gamsbartgewedele vorm Gesicht hatte, war mir diesmal egal.

Trondheim

In Trondheim haben wir uns von Sven verabschiedet („Mange tak, Sven“). Dann sind wir nach Hamburg geflogen. Dort sind die beiden Holsteiner Jungs jeweils in ihren Zug gestiegen und nach Hause gefahren. Wir haben noch die Cora mit nach Hannover genommen, bevor auch sie weiter mit dem Zug nach Duisburg gefahren ist. Wie wir uns später per Telefon vergewissern konnten, sind alle gut daheim angekommen.

Jetzt muss nur noch der Verdienst geteilt werden. Ich weiß nicht, wie viel wir eingenommen haben. Die Mia hat das Geld, aber noch keinen Kassensturz gemacht. Ist ja auch erst mal egal. Ich bin so müde, dass ich den ganzen Tag schlafen könnte. Gestern am Heiligabend hatte ich keinen Appetit beim Abendessen. Dann bei der Bescherung habe ich wieder nicht die Matchboxgarage gekriegt. Langsam werde ich echt sauer. Ein saublödes Bilderbuch über Tauben lag unterm Tannenbaum. Die Mia ist natürlich wieder deutlich besser weggekommen. In einem der Kartons befand sich ein ganzes Sortiment an Parfüm. Flaschen über Flaschen, kaum dass der Deckel zuging. Das muss ein Vermögen wert sein. Und wie war es bei euch? Schreibt mir doch mal in die Kommentare, ob ihr zufrieden seid mit euren Geschenken. Ich habe jetzt einen ganz guten Draht zum Weihnachtsmann. Ich könnte die Beschwerden exklusiv weiterleiten.

Fotos: Cora © G.H.
           Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
           Karlsson © Terrierhausen 

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          Schneemobil, Trondheim, Weihnachtsmützen: Pixabay

© Max: Papageiengeschichten
                       

Der Nordpol, der Weihnachtsmann und wir (1. Teil)


Na, hattet ihr gestern eine schöne Bescherung mit vielen kostbaren Geschenken ganz nach eurem Geschmack? Oder lag was Blödes unterm Tannenbaum? Falls ja, möchte ich jegliche Mitschuld von mir weisen. Beschwert euch beim Karlsson, der hat nicht aufgepasst. Oder beim Pit, der war natürlich wieder am Mampfen. Oder bei den Weibern, weil sie dauernd geschnattert haben. Wir haben uns große Mühe gegeben, das könnt ihr uns glauben, aber vor Ort ist es längst nicht so easy, wie es in der Werbung ausschaut mit all dem Goldflitter und dem Jubelchor im Hintergrund. Doch ich erzähl von vorn.

Es muss Anfang November gewesen sein, da hat mir die Mia eine Anzeige gezeigt in „Fell, Federn, Schwarte – der heiße Flirttreff“. Sie stand ganz hinten unter Verschiedenes:

„Ja und?“, hatte ich gefragt.
„Da können wir mal hinschreiben, vielleicht springt 'n Euro dabei raus. Und wir kommen mal wieder weg. Der letzte Urlaub ist schon so lange her“, hat die Mia gemeint.
Wie … die Tussi und arbeiten? Hatte sie die Anzeige nicht richtig gelesen?
Aber die Cora am Telefon fand die Idee auch ganz toll, und da begann ich mir langsam Sorgen zu machen. Wer wusste, ob das überhaupt seriös wäre, oder ob wir dann womöglich Tannen fällen müssten oder die Rentiere zum Hufschmied bringen? Und dann das Wetter. Am Nordpol! Nicht gerade Karibik mit Kuschelfaktor. Obwohl: In der Antarktis sind wir ja schon gewesen und das haben wir auch überlebt. Trotzdem: Mir kam das alles sehr merkwürdig vor. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, sondern den Bleistift gespitzt und an meinem Brief geschrieben. Er war an den Weihnachtsmann gerichtet. Diesmal sollte es endlich klappen mit der Matchboxgarage.

Am nächsten Tag kam die Mia und meinte, die E-Mail-Adresse täte nicht stimmen. Alle ihre Mails wären als unzustellbar zurückgekommen. Auch die Nachfrage bei „Fell, Federn, Schwarte“ hätte nichts ergeben. Sie könnten als Redaktion nichts machen, wenn jemand was falsch angibt im Inserat, hat es geheißen, und die restlichen Daten fielen unter Datenschutz. Ich dachte schon, jetzt hätte sich die Sache endgültig erledigt, aber dann kam der Luke ins Spiel, weil er als Geschäftsmann jemanden kannte, der mit jemandem verwandt war, der mal was von jemandem gekauft hatte, der wusste, was es mit der E-Mail-Adresse auf sich hatte. Durch ihn wurde der Kontakt dann doch noch hergestellt. Man konnte die Mia durch die ganze Wohnung flöten hören. Ihre beseelten Worte sabberten geradezu süffig ins Smartphone. Ich nehme an, sie versprach sich von der „Mitarbeit“ irgendeinen Rabatt bei den Miederwaren oder beim Parfüm, anders konnte ich mir nicht erklären, warum sie so versessen war, ihre Krallen ins Weihnachtsgeschäft zu stecken. Als das Gespräch zu Ende war, grinste sie dämlich.

„Du-uuu, Max? Ich habe gerade mit dem Manager gesprochen. Wir können zu ihm kommen. Er nimmt uns auf. Den Verdienst habe ich so heraufgehandelt, dass wir sogar den Flug bezahlen können. Natürlich müssen wir in Vorkasse gehen, aber dann, wenn unser Einsatz beendet ist und wir unser Geld kriegen, werden wir die Schulden zurückzahlen können und sogar noch 'ne schöne Stange übrig haben – gut, was?“
Na, wenn das so ist, worauf warteten wir noch?
„Halt!“, hat die Mia gerufen. Erst müsste sie der Cora Bescheid sagen und dann könnten wir ja noch jemand anders fragen, ob er auch mit will.
„Je mehr Helfer wir mobilisieren, desto mehr Geld verdienen wir.“

Die Zusammensetzung unserer Arbeitskolonne war schnell ausdiskutiert. Die einen waren verhindert: Harald (wegen der Weihnachtspremiere zu „Leda und der Schwan“) und Paule (Knallbirnenheim). Andern war es am Nordpol zu kalt (Engelbert) oder sie hatten keine Lust, im Urlaub zu arbeiten (Luke und Polly). Die Übrigen wiederum wollte ich … äh … wollten wir nicht dabei haben: die empfindliche Amy, den magenschwachen Jack, die Pferdedamen aus Pits Haushalt und natürlich die Matschfalter, den Roosevelt und den Otis. Blieben also der Pit, der Karlsson, die Cora, die Mia und ich. Na, wenn das mal nicht eine exquisite Mischung war. In dieser Kombi sind wir ja noch nie weg gewesen.


Mitte November ging's los. Den Vorschuss für den Flug hatten wir uns vom Luke geliehen (gegen *piiiep* Prozent Zinsen, dieser Halsabschneider). Aus Duisburg kam die Cora zu uns. Onkel Giesbert hatte sie hergefahren. Sie trug ein Kamel-Ensemble aus rosa Mütze, Schal und Würsten um die Knöchel, die aussahen wie Tropfenfänger an der Kaffeekanne. Wenn man gegen das Licht guckte, konnte man die einzelnen Härchen herausstehen sehen. Nanu? Kannte man das nicht schon vom Kreuzfahrtschiff aus Uschuaia?
„Quatsch!“, hat die Cora gefaucht. „Das ist nagelneu. Und das ist nicht Kamel, das ist Alpaka. Und das sind auch keine Würste, das sind Stulpen – so, du Ignorant!“

In Hamburg auf dem Flughafen warteten der Karlsson und der Pit auf uns. Beide hatten einen Rucksack neben sich stehen. Aus Pits guckte eine Packung Leberkäse hervor. Der Karlsson trug einen olivfarbenen Seppelhut mit Gamsbartpuschel. Du liebe Güte, der dachte wohl, es ginge in die Alpen.
„Na, Jungs? Fertig zum weihnachtlichen Schuften?“, hat die Mia gestänkert.
Seit sie die Reise organisierte und die Gehaltsverhandlungen mit unserm Arbeitgeber absolviert hatte, kam sie sich vor wie die Jeanne 'Dark der Saisonarbeiter. Sie hatte ein gestreiftes Wollcape um die Schultern, das an einen Topflappen erinnerte, und fuchtelte wichtig mit den Bordkarten herum. Dem Pit brannten noch eine Frage unter den Krallen:
„Wohin fliegen wir eigentlich? Ist das seriös? Ich meine, wie heißt denn unser Herbergsvater?"
„Weihnachtsmann“, hat die Mia geantwortet
"Wie … Weihnachtsmann? DER Weihnachtsmann?“
„Ja.“
„Das kann ja jeder behaupten. Wie heißt er denn mit Vornamen?“
„Wie meinst du das, Pit?“
„Na, Klaus-Dieter. Oder Robert. Bertram oder der so was. Jeder hat doch einen Vornamen.“
„Ach so, klar. Lieba Guta heißt er. Lieba Guta Weihnachtsmann. Zufrieden?“

An der Küste Norwegens

Wir flogen erst mal nach Trondheim. Das ist in Norwegen an der Küste, so ziemlich mittig. Dort wurden wir abgeholt von einer kleinen zweisitzigen Privatmaschine. Sie hatte einen geschmückten Tannenbaum als Emblem auf der Tür. Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder ob es um diese Jahreszeit immer kalt ist in solchen Flugzeugen, aber ich habe ganz schön gefroren. Dazu wedelte mir dauernd Karlssons Gamsbart vor der Sicht herum, weil der Karlsson als größter Fluggast im Fußraum sitzen musste, während wir andern uns dahinter den Beifahrersitz teilten.
„Du kannst doch sowieso nichts anderes sehen als den Himmel“, hat er mich angemeckert.
Das stimmte zwar, aber mir war das langweilige Blau immer noch lieber, als dem Pit zuzuschauen, wie er sich aus dem Imbisstütchen Senf auf den Leberkäse presste. Auch eine wärmende Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Sogar die Mädels starrten glasig vor sich hin, und unser Pilot wollte nicht mit der Sprache rausrücken, wohin die Reise ging.
„Nach Norden“, hat er einsilbig verraten.

Wir gucken aus dem Flugzeug

Als es schon dunkel wurde und mich die zickige Cora zum zehnten Mal brüsk abgewiesen hatte, dass ich keinesfalls meine absterbenden Krallen unter ihrem Kamel-Schal wärmen dürfte („Ja, hättste mich man gestern nicht ausgelacht, du Honk“), machte die Maschine Anstalten, in den Senkflug zu gehen. Wir landeten zwischen zwei kurzen Lichterkette aus blauen Glühbirnen. Wir durften aussteigen. Unter uns war festgestampfter Schnee. Sofort kamen aus der Ferne zwei gelbe Augen auf uns zugesteuert. Wir duckten uns, aber sie erwiesen sich nicht wie befürchtet als sprintender Bär, sondern als harmloses Schneemobil. Ein dicker Mann mit weißem Bart und runder Nickelbrille stieg aus und begrüßte uns. Wir gaben Pfote und Kralle und nannten unsere Namen. Unser Arbeitgeber, der sich tatsächlich als Weihnachtsmann vorgestellt hatte, bedankte sich beim Piloten („Mange tak, Sven“), bevor er unser Gepäck ins Gefährt lud. Wir nahmen hinten im Fellsack Platz. Aaaah, endlich Wiederbelebung meiner steifen Glieder. Nur der Pit fragte, wer von uns seine spitzen Nägel unser seinen Hintern geschoben hätte – derjenige solle sie schleunigst dort wegnehmen, aber sofort!

Nach einer sehr kurzen Fahrt durch die klirrende Nacht hielten wir vor einem freundlich erleuchteten Haus. Der Flugplatz muss direkt dahinter gelegen haben. An der Tür wartete bereits eine Frau auf uns. Sie war schlank, blond und lächelte einladend. Außerdem behauptetet sie, sie sei die Frau vom Weihnachtsmann.
„Herzlich willkommen. Mein Name ist Merry Christmas. Nennt mich einfach Merry.“
Der Karlsson hat sich gewundert:
„Ich wusste gar nicht, dass der Weinnachtmann verheiratet ist“, raunte er mir beim Aussteigen zu.
„Ja“, meinte der Pit, „hoffentlich erleben wir nicht noch ganz andere Überraschungen.“

Ihn quälten offenbar – ganz entgegen seinem sonstigen stoischen Temperament – schlimme Befürchtungen, zum Beispiel, dass wir in einer ungemütlichen Massenunterkunft mit den andern Helfern zusammengepfercht würden, oder dass man uns gar als Sklaven behalten oder als exotische Attraktion an die Einheimischen verkaufen würde.
„Hier gibt es keine andern Bewohner“, hat die Cora behauptet. „Am Nordpol wohnt nur der Weihnachtsmann. Und jetzt sind wir da.“
„So? Woher weißt du das? Hast du etwa gesehen, wohin uns der Pilot geflogen hat? Wir sind doch hier am Arsch der Welt. Wir hätten  unsere Handys mitnehmen sollen, dann wüssten die zu Hause wenigstens, wo sie uns suchen müssen.“
„Quatsch! Hier gibt’s doch keinen Empfang. Sei nicht so misstrauisch, Pit. Es wird schon alles gut gehen.“

Coras Optimismus schien insofern gerechtfertigt, als dass wir eine gemütliche, teppichbespannte Treppe hinauf in den ersten Stock und den Gang entlang in ein Zimmer geführt wurden, in dem altertümliche, aber komfortabel Möbel standen und an der Wand ein gottvoller Kamin herrliche Wärme und gastfreundliches Geflacker von sich gab. Wir wurden aufgefordert, uns erst mal ein wenig auszuruhen und dann hinunter zum Abendessen zu kommen.
„Na, siehste, Pit“, hat die Cora gesagt. „Nix von Massenunterkunft. Das ist ja regelrecht mondän hier.“
An den Wänden hingen Landschaften in Öl und geschwun-genen Goldrahmen. Auch ein röhrender Hirsch war darunter.
„Vielleicht der Onkel eines der Rentiere hier“, hat die Mia gekichert.

Tolles Sofa, tolle Tapete, tolle Bücher, tolles Bild, angefressener Karlsson

Ich machte mir Sorgen um den Karlsson. Der hatte sich nämlich bäuchlings vor den Kamin gelegt und polkte mit dem Eisen in der Glut herum.
„Geh da nicht so nah dran“, habe ich ihn gewarnt, „sonst fängst du noch Feuer. Hundefell riecht immer so penetrant, wenn es verkokelt.“
Daraufhin hat er kein Wort mehr mit mir geredet – bis wir zum Essen gerufen worden waren, unten in der Essstube an einem großen runden Tisch Platz genommen hatten und Frau Merry einen Topf mit Rindergulasch in die Mitte stellte. Da war seine Laune augenblicklich auf +10 umgeschlagen. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, dass es nur Fisch gäbe. Das hatte er irgendwo gelesen, dass Fleisch in Skandinavien so teuer wäre und dass man deshalb ständig Fisch esse. Hier zumindest traf das nicht zu. Wir ließen uns die Teller vollschaufeln.

Überhaupt gab es einiges zum Wundern. Der Weihnachtsmann saß in einer cognacfarbenen Cordhose zwischen uns. Dazu trug er ein kariertes Holzfällerhemd, eine braune Wollweste und – ich hatte extra das Tischtuch gehoben und unter den Tisch geguckt – braune Filzpuschen mit je einer grünen Troddel oben drauf. Meine Güte, die Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden. Was hatte man uns bloß all die Jahrzehnte erzählt von wegen roter Kluft mit weißem Fellbesatz? Sollten wir etwa unter Androhung furchtbarer Strafen auf Verschwiegenheit vereidigt werden, weil wir zu viel mitkriegten, so wie damals in Murano bei Venedig die Glasbläser, damit nichts nach außen drang und keine Konkurrenz die Vormachtstellung gefährden konnte? Himmel, wo waren wir gelandet? Was hatte man mit uns vor?  In meine gütige Seele krochen dunkle Schatten.
„Schmeckt's dir nicht, Max?“, hat sich der Karlsson erkundigt.
Seine Schnauze sah aus, als hätte er mit Tomatensuppe gegurgelt. Er kaute selig.

Die Petersilie war echt lecker

Nur der Pit teilte meine Zurückhaltung. Wo denn die andern Helfer wären, hat er vorsichtig gefragt.
„Essen die nebenan in ihrer Schlafbaracke?“
Frau Merry und der Weihnachtsmann starrten ihn ungläubig an. Dann hieß es, wir wären die einzigen Helfer und einen Schuppen gebe es nur hinterm Haus mit der Sortierstraße für die Weihnachtspost und den Regalen für die Geschenke. Während diese Antwort dem Pit Erleichterung bescherte, denn er nickte kurz und biß herzhaft in sein Gulasch, erschreckte mich dieser Tatbestand um so mehr. Fassen wir mal zusammen: Wir saßen in einem fremden Haus an einem Ort, den wir nicht kannten, mit fremden Leuten, von denen wir nicht wussten, ob sie uns wohlgesinnt waren, wir hatten keine Verbindung nach draußen und hatten keinen Schimmer, wie wir im Notfall entkommen könnten. Dabei hatte uns die Putze extra die Adressen von Snörre und Rudolf mitgegeben, ihr wisst schon, den beiden Weihnachtsgästen, die mal bei uns zu Besuch waren. Die wohnten ja irgendwo hier in der Nähe. Aber was nutze das, wenn wir nicht wussten, wie man dorthin kam? Na, Post Mahlzeit, dazu sollte ich jetzt Vanillepudding mit heißen Kirschen futtern, als wäre es das Normalste von der Welt? Ich kriegte das Schaudern.

Snörre und Rudolf
Als wir endlich entlassen worden waren von unserm Henkersmahl und die Mia mit dem Pit noch beim Abwasch half, sagte der Karlsson beim Hinaufgehen:
„Mensch, Max, das mit dem rotweißen Anzug, das ist doch bloß die Arbeitskleidung vom Weihnachtsmann. Privat trägt er Privat-klamotten. Es ist doch noch gar nicht Weihnachten. Hör auf, hier so einen Quark zu verbreiten. Entspann dich und sei friedlich.“
„Ja, genau“, ist die Cora ihm zur Hilfe gekommen. „Von Verschwörungstheorien wollen wir nichts hören. Bisher war doch alles super in Ordnung.“

Oh, diese naiven Geister, wenn sie man nicht irrten. Die ganze Nacht habe ich kaum geschlafen. Überall knarrte, knackte und knisterte es. Einmal meinte ich, die Tür ginge leise auf und eine weiße Gestalt schliche sich ins Zimmer. Es war aber nur die Mia, die vom Klo zurückkam und sich ein Handtuch umgelegt hatte, weil sie keinen Bademantel dabei hatte. Aber wenigstens warm war es. Der Kamin tat gute Dienste. Am nächsten Morgen bin ich schweißgebadet aufgewacht.

Aus der Essstube kamen Kaffee- und Zimtduft zu uns heraufgezogen. Auch nach was Gebratenem roch es.
„Das sind Bratkartoffeln“, hat der Karlsson sofort identifiziert.
Wir machten, dass wir an den Frühstückstisch kamen. Draußen war es noch stockdunkel, aber das Speisezimmer war wieder heimelig beleuchtet und hübsch dekoriert. Was Frau Merry an Essen herbeigezauberte, ließ keinen Wunsch offen. Es gab Speck und Eier und Bratkartoffeln und Brot. Dafür, dass der Nordpol so weit ab vom Schuss liegt, konnte man sich über die Auswahl weiß Gott nicht beklagen. Wie machten sie das bloß? Oder ließen sie sich alles von Bofrost liefen?

So tolles Frühstück macht uns die Putze nie

Bei der Unterhaltung stellte sich heraus, warum wir diesmal die einzigen Helfer waren, obwohl der Weihnachtsmann ja eine Anzeige geschaltet hatte und man daher annehmen konnte, dass sich weit mehr Bewerber gemeldet hätten. Doch irgendwas muss schiefgelaufen sein, wahrscheinlich wegen der falschen E-Mail-Adresse, denn die hatte der Pilot Sven angegeben, weil es beim Weihnachtsmann kein Internet gibt und Sven daher vom Festland ausgeholfen hatte – leider total vermurkst.
„Na, dann müssen wir jetzt eben doppelt und dreifach in die Hände spucken“, hat die Mia gemeint  (ausgerechnet die). „Jetzt liegt alle Verantwortung auf unsern Schultern.“
Und dann hat sie noch dazugesülzt:
„Sie können ganz auf uns vertrauen, Herr Weihnachtsmann. Wir sind harte Arbeit gewohnt.“

Aber zuerst sollten wir uns ein wenig mit der Umgebung vertraut machen, hat der Weihnachtsmann vorgeschlagen. Hier am Nordpol bliebe es im Winter nicht lange hell, daher sollten wir am besten gleich nach draußen gehen und uns ein wenig umschauen, solange wir noch was sähen.
„Soll ich euch eins der Rentiere mitgeben zur Orientierung?“
„Och nö, nicht nötig“, hat der Karlsson geprahlt. „Ich als Hund finde jeden Weg zurück.“

Kurze Zeit später standen wir vor der Tür: die Cora in ihrem rosa Kamel-Ensemble, die Mia mit ihrem Streifenponcho, der Karlsson mit seinem Seppelhut und der Pit mit seiner Provianttüte. Nur ich ging in nature. Leider hatte es über Nacht kräftig geschneit. Die Schneedecke lag hoch – zu hoch, um bequem voranzukommen. Ein Weg war nicht zu erkennen. Trotzdem ist der Karlsson mutig vorangehoppelt – und war komplett in der weißen Schicht verschwunden. So hatte das keinen Zweck. Der Pit ist zurück ins Haus gegangen. Nach einer kurzen Wartezeit hielt ein Rentier vor uns. Es trug ein Geschirr und eine Art Satteltasche. Der Pit nahm in der linken Platz und ich mit den Mädels in der rechten. Der Karlsson legte sich oben auf den Rücken und steuerte das Ganze. Zwar kamen wir nur mühsam voran, aber immerhin. Die Satteltaschen waren gefüttert und schön warm.

Nachdem wir eine gute Zeit vor uns hin getrottet waren, offenbarte sich ein interessanter Blick auf unsere Herberge. Das Haus des Weihnachtsmanns stand inmitten eines Tannenwäldchens auf dem platten Land. Ein paar niedrige Masten mit Draht verrieten, dass es Telefon gab (wie sonst hätte die Mia auch mit dem Weihnachtsmann verhandeln können?). Das war aber auch schon alles an Zivilisation.


Begegnet sind wir niemandem, außer einigen Rentieren, die in kleinen Herden herumstanden.
„Sind das Verwandte von dir?“, hat die Mia nach vorn gebrüllt, aber unser Gefährt hat nicht geantwortet.
Je weiter wir uns vom Haus entfernten, desto hügeliger und unaufgeräumter wurde es. Niedrige kahle Baumreihen kamen zum Vorschein


Gern hätten wir noch andere Einheimische getroffen, denn der viele Schnee war auf die Dauer etwas eintönig. Es sollte doch Schneefüchse am Polarkreis geben


… und Eisbären


… und Pinguine


Aber wahrscheinlich waren wir nicht nah genug am Wasser. Fürs Erste reichte unser kleiner Ausflug völlig aus. Der Wind wehte eisig trotz warmer Füße in der Satteltasche. Es kam mir vor, als hätte ich einen Schlag vor die Stirn gekriegt, so unelastisch waren meine Federn geworden, und auch dem Pit hingen Eistropfen in den Barthaaren. Beim Karlsson war's genau umgekehrt. Er hatte unter seinem Seppelhut einen schön warmen Kopf, fühlte sich aber unten herum leicht belästigt von kneifender Kälte. Tja, das holsteinische Sommerfell reichte eben nicht aus gegen den arktischen Angriff. Nur den Mädels ging es rundherum gut. Sie hatten sich in Schal und Topflappenponcho eingemummelt und schwärmten, wie toll es wäre, wenn gleich eine Shopping Mall auftauchen täte und man einen heißen Tee trinken und Zimtsterne essen könne. Als wir umkehrten, ging die Sonne gerade unter.

Bei uns in Hannover sieht es abends anders aus

In der Tat, lange blieb es wirklich nicht hell am Nordpol. Gott sei Dank kam bald unser Haus wieder in Sicht. Frau Merry wartete mit einem Imbiss auf uns. Es gab Tee mit Muffins. Den Karlsson hatten wir auf die Ofenbank gelegt, damit er auftaute. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder bewegen konnte. Die Cora brachte ihm ein Frankfurter Würstchen, während wir andern am Tisch saßen und unsern Herbergseltern berichteten, was wir unterwegs gesehen hatten. Ja, was hatten wir eigentlich gesehen? Bäume, Rentiere und viel Schnee. Das war's.
„Ja, man muss die Einsamkeit mögen, wenn man hier lebt“, hat der Weihnachtsmann gesagt.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
           Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
           Karlsson © Terrierhausen

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          Pinguine, Sonnenuntergang, Muffins, Weihnachtsmützen: Pixabay

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