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Paule |
Gott sei Dank. Nachrichten sind zu mir durchgedrungen. Der Paule lebt noch. Die Cora auch. Ich hatte schon befürchtet, ich müsste Heiligabend auf ‘nem zugigen Provinzflughafen herumstehen, statt wie es sich gehört daheim im Kreis meiner Lieben Zimtsterne zu futtern und meine Matchboxgarage abzutupfen. Die Cora ist nun doch nicht nach Venezuela ausgewandert. Sie ist nach wie vor in Duisburg, allerdings in einem Zustand großer nervlicher Erregung. Ihr Gefieder befindet sich in Dauervibration, obwohl es kein bisschen durchs Fenster zieht. Inzwischen weiß ich, dass es die reinste Wut ist. Wut auf den Paule und auf das, was seine ferkeligen Duschorgien mit ihrer Seele anstellen.
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Cora - noch gut gelaunt |
Ich glaube, meine weisen Ratschläge neulich am Telefon haben der Cora sehr geholfen, Ordnung in die Gefühle zu bringen.
„Du hast ganz Recht, Max – so nun nicht!“, hatte sie noch in den Hörer geschrien, bevor ich aus der Leitung gedrückt wurde.
„Du hast ganz Recht, Max – so nun nicht!“, hatte sie noch in den Hörer geschrien, bevor ich aus der Leitung gedrückt wurde.
Danach war eine Wandlung in ihr vorgegangen. Aus dem plärrenden Puttchen tat sich eine reißende Hyäne schälen. Innerhalb nur einer Bruchsekunde passierte das. Ich weiß es, weil ich heimliche Informanten habe. Die haben mir das glaubhaft geschildert. Es muss furchtbar gewesen sein: die Cora mit vorquellenden Glubschern, Dampf aus dem Schnabel und mit einem Trampelschritt, dass Hannibal froh gewesen wäre, wenn seine Elefanten damals ein ebenso energisches Vorankommen gehabt hätten.
Als Erstes ist der Paule im Gästeklo verschwunden. Die arme Socke. Die Cora hat ihn dort hineingelockt. Er soll sich schon mal frisch machen (plinker-plinker), sie täte gleich ‘ne Überraschung für ihn haben (plinker-plinker), die Sprühflasche sei schon in Position gebracht (Kussmund).
„Nicht, du? Mein starker Buttercreme-Adonis, du!“
„Nicht, du? Mein starker Buttercreme-Adonis, du!“
Der sabbernde Blödmann ist natürlich brav mitgelatscht. Dem zog wahrscheinlich gerade ‘ne komplette Leihvideothek durchs Gehirn. Ihr wisst schon: die Abteilung hinterm roten Vorhang. Da war dann nichts mehr mit männlicher Kritikfähigkeit. Die Cora hat hinter ihm die Tür abgeschlossen. Damit war der Weg frei für die eigentliche Aktion, für die Vertreibung der Saunahäschen.
Mein Gott, was sich da angesammelt hatte: Geflügelweiber noch und noch, in allen Größen, Farben und Beinlängen. Ich hatte Recht mit meiner Einschätzung. Der Paule sammelt die Dinger. Das halbe Haus war schon vollgemüllt. Cora hat jede einzeln angeschnauzt: Sie soll sich vom Acker machen, aber dalli! Hier tät’s nichts mehr geben, weder an Kostenlosverpflegung noch an Pogewackele oder anderm Wassermätressentum.
„Aber der Paule hat mich doch eingeladen …“, kam es zurück.
„Genau. Versprochen ist versprochen.“
„Ich will nicht raus in die Kälte.“
„Krieg ich wenigstens die Busfahrkarte bezahlt?“
„Aber der Paule hat mich doch eingeladen …“, kam es zurück.
„Genau. Versprochen ist versprochen.“
„Ich will nicht raus in die Kälte.“
„Krieg ich wenigstens die Busfahrkarte bezahlt?“
Das Gejammer war groß. Die Cora hat alles tapfer mit Betonmine durchgestanden. Aber als dann eine von den Puten gemeint hat, die Cora könne ihr gar nichts, sie wäre nur ‘ne neidische und prüde Flusensellerie mit Kittelschürze, hat sie plötzlich rotgesehen und ist leider sehr ausfallend geworden. Zack … hatte die Cora die Geranie auf der Fensterbank zu fassen gekriegt. Ein Ruck, schon war das Gemüse draußen. Und wie die Cora damit prügeln konnte! Immer feste druff auf die Weiber. Die Erdklumpen flogen nur so durch die Gegend. Bürzel wurden eingezogen und Gefieder zusammengerafft. Schließlich waren sie alle draußen, im Gänsemarsch ausgezogen – unter dem rhythmischen Kommandogebell der Cora. Die letzten kriegten noch ‘nen Tritt in den Hintern. Dann wurde die Terrassentür zugezogen, der Spuk war vorbei.
Ehrlich gesagt hatte ich nicht daran geglaubt, dass die Cora so konsequenten Ernst machen täte. Hausputtchen knicken doch immer so leicht ein in falsch verstandener Karitas, sobald es an die elementaren Beziehungsfragen geht. Wenn nicht einer meiner Informanten geistesgegenwärtig ein Foto geschossen hätte, würde ich’s heute noch nicht glauben. Aber so, unter der Last des Beweises, muss ich der Cora Beifall klatschen: sauber hingeferkelt, Stollenputchen. Das muss ich zugeben.
Übrigens: Über den Rausschmiss der weißen Glanzhenne (hier im hinteren Kolonnendrittel) ist die Cora besonders erfreut. Schließlich achtet sie auf ihre Figur, sie macht Kniebeugen und Stretch-Gymnastik, kurz: versucht Attraktivität zu imitieren. Aber was macht der Paule? Schleppt ihr dieses fette Nacktmufflon ins Haus. Dass dies bei der Cora erzürnte Minderwertigkeitsgefühle hervorruft, hätte er sich doch denken können, dieser Blödmann.
Die beiden Schweine allerdings, die rechts im Hintergrund im Wohnzimmer zu sehen sind, dürfen bleiben. Sie gehören nicht zu Paules Häschenparade; sie sind mit der Tante Gisela verwandt.
Nachdem also der erste Teil erledigt war, tat nun der Paule an die Reihe kommen. Die Cora war noch kein bisschen abgekühlt. Im Gegenteil, ihre Wut tat die schönsten Flötentöne hervorzaubern. Dazu hatte sich die Cora extra in einen Lurex-Tanga gezwängt und war ordentlich am Wackeln mit ihrer südlichen Erdkugel. Junge, Junge, meinem Informanten tat die Stimme umglippen, als er mir davon am Telefon berichtete. Es fielen die Wörter „Wurst“ und „Apfelsinennetz“.
Wunschgemäß ist der Paule dann auch gleich auf den Freisitz geklettert. Dem blinkte es lila aus den Ohren vor lauter Sabbertum. Dann kam das Kommando „Wasser marsch!“ Die Cora hat höchstpersönlich die Sprühflasche in Gang gesetzt. Es muss wohl ziemlich lange gedauert haben, bis dem Paule ein Verdacht dämmern tat. Kein Wunder, denn Tabasco braucht ‘n bisschen länger zum Entfalten seiner Wirkung, wenn er gut mit Wasser verdünnt ist. Und Augen am Hintern hat der Paule auch nicht, so dass er die Bescherung hätte sofort bemerken können.
Nun, ich will hier keine Einzelheiten verraten. Nur so viel: Ausnahmsweise ist noch am Abend der Onkel Jürgen mit dem Paule zum Arzt gefahren, nicht wie sonst die Tante Gisela – wegen männlicher Solidarität beim pikanten Vorzeigen der befallenen Stellen. Der Arzt hat nur gemeint: „Spreizen Sie mal Ihr Gesäßgefieder, Herr Paul“, und dann ist der Onkel Jürgen mit dem Paule daheim in der Garage verschwunden und hat den Kärcher angestellt.
Seitdem ist es sehr leer geworden bei Cora zu Hause. Nicht nur, dass die Saunaweiber alle weg sind, der Paule ist es auch. Ja, ihr habt richtig gehört. Er ist fort. Er wohnt jetzt in einer Suchtklinik, aber erst mal nur bis Weihnachten. Dort soll er zur Vernunft kommen. Die Cora und die Tante Gisela haben das angeleiert. Ich fand es ja von Anfang an übertrieben. Welche Klinik ist denn schon spezialisiert auf Geflügelwassersucht? Obendrein so kurz vor den Feiertagen? Ist es nicht eher so, dass die Cora und die Tante Gisela nur ‘nen Hau weg haben wegen Erinnerung an den armen, seligen Coco? Der war ja auch süchtig, allerdings nach Alkohol, nicht nach Feuchtweibsen. Trotzdem: Wenn man als Angehöriger dauernd mit Degeneration und Therapie zu tun hat, geht das irgendwann so in Fleisch und Speck über, dass man freiwillig nicht mehr darauf verzichten will. Deshalb müssen unbeteiligte Neuzugänge sofort nachrücken.
Der arme Paule hatte keine Chance. Ihm hatten sie gesagt, er täte in den Club Hawaii ziehen dürfen für Wasservergnügen mit Rutsche und Springbrunnen, damit sie daheim mal ordentlich saubermachen könnten fürs Weihnachtsfest. Er täte ihnen sonst im Weg herumhocken. Da war er dann mitgezockelt mit Sporttasche und Badelatschen. In Wirklichkeit aber hatten sie sehr kämpfen müssen, damit die Suchtklinik ihn überhaupt aufnahm. Es ist nämlich alles überfüllt. Jetzt vor den Feiertagen kommen eine ganze Menge Familien auf die gleiche Idee mit der praktischen Parkhilfe für ihre hinderlichen Angehörigen. Spätestens am 24. ist dann alles wieder leergefegt, alle Frettchen, Wellensittiche, Hängebauchschweine und Goldfische sind zurückgekehrt, pünktlich zum Kartoffelsalatfuttern vor der Bescherung. Jedes Jahr der gleiche Engpass.
Es sah also schlecht aus für die Cora und die Tante Gisela: hier telefonieren, dort anrufen, Bedürftigkeit buntsülzen, mit den Schecks wedeln. Aber schließlich hatte sich doch noch eine dankbare Heimleiterin auftreiben lassen. Sie kannte den Coco. Er war mehrmals bei ihr „zur Kur“ gewesen. Das schaffte angenehme Erinnerung an finanziellen Wohlstand. Sind ja alles Privatkliniken.
„Für Sie doch immer, Frau Cora“, hat es also geheißen. „Wir machen sofort einen Platz frei.“
Wie gesagt, seitdem ist der Paule dort weggesperrt. Die Cora sitzt jetzt allein in ihrer Voli. Noch zittert sie vor Wut. Das ist die Gefiedervibration, von der ich oben sprach. Vielleicht denkt sie an Heiligabend. Mit den Geschenken wird’s heuer nämlich nicht gut bestellt sein, denn das Geld haben sie ja gerade eben in den Paule investiert. Oh-oh, das wird entbehrungsreich werden: statt Christbaum wie bisher diesmal nur ‘ne Girlande in den Ficus, statt Kalbsfilet mit Kroketten Buchstabensuppe aus der Tüte und für jeden ‘ne Packung Lebkuchen und ‘n paar Kosmetikpröbchen aus der Drogerie als Geschenke. Manche Familien sind eben bereit, alles zu opfern, nur damit sie sich wenigstens einen Süchtigen leisten können.
Der Paule wiederum hat noch ein paar Orientierungsschwierigkeiten. Er fühlt sich noch nicht ganz zu Hause in seinem neuen Heim. Diese Mail kriegte ich gestern von ihm:
Vielen Dank, du Quarkbirne*!
Wenn du nicht deine Klappe so aufgerissen hättest, wäre die Cora jetzt nicht so angefixt und ich müsste mich hier nicht mit all den Bekloppten herumschlagen.
Das ist hier nicht der Club Hawaii! Ich bin in einer billigen Jugendherberge gelandet! Duschen ist mir verboten. Ich muss mich mit ‘nem Frotteewaschlappen abreiben. In meinem Zimmer wohnen noch ein Kuckuck und ein Panda. Der Kuckuck weigert sich, seine Kinder in fremde Nester abzugeben, und der Panda kriegt Sodbrennen vom Bambussalat. Beide sind in psychologischer Behandlung. Und ich mittenmang drin – soll das ‘n Scherz sein?
Ich bin auch mal mitgegangen zu so ‘ner Gruppenfreizeit. Alle saßen im Kreis und haben sich die dollsten Lebensläufe ausgedacht, während wir andern raten mussten, was wahr davon ist und was nicht.
Das Essen schmeckt ganz okay, aber der Service ist Mist. Immer wenn ich sage: „Herr Ober, bringen Sie mir bitte eine pürierte Papaya mit Sahne und Keks“, werde ich nur stur angeglotzt. Meist kann ich froh sein, wenn ich nach der langen Warterei noch ‘n Schälchen Müsli am Gabentisch finde. Dusselig sind die Hotelangestellten dazu auch noch. Dauernd verlieren sie ihre Schlüssel. Daher bin ich den ganzen Tag hier in dem Saftladen eingesperrt.
Kannst du mir ein paar Fotos schicken? Ich komme um vor Langeweile. Fotos von Wasserfällen und feuchten Federn. Oder wenigstens ‘n paar MP3 mit Wassergeglugger drauf. Max, das bist du mir schuldig. Deinetwegen hocke ich ja schließlich hier. Du bist ‘n echter Freund, du Knalltüte.
Dein Paule
Ha! Das könnte dem so passen. Das kenne ich noch vom Coco. Kaum im Suchthort verschwunden, schon bilden sie sich ein, sie wären total gesund. In der Fachliteratur nennt man das Verdrängung. Ich werde einen Teufel tun und der Psychiatrie in den Rücken fallen.
Tschüs, Paule. Ich wünsche dir einen angenehmen Aufenthalt.
*Für unsere österreichischen Leser: “du Topfenkletze“. Anm. d. Red.
© Originalfotos: G. H.
© Max: Papageiengeschichten