Unser Leben hatte erheblich an Komfort gewonnen, seit wir wieder die „Princess Graziella“ betreten hatten. Die Mia und die Cora sind gleich am Bordkiosk einkaufen gegangen, um den Verlust an Sonnenmilch, Nachtcreme, Nagellack und Pickelstift auszugleichen. Die Bordfunkerin/Zweite Servierkraft unterhielt dort einen kleinen Stand, der auf Anfrage besucht werden konnte. Mit allerlei Tüten kamen sie zurück.
„Na, hatten sie dort auch Pilzführer?“, habe ich mich erkundigt.
An Bikinis und Badeanzügen zum Sonnenbaden waren die Damen durch Zweit- und Drittgarnituren ja Gott sei Dank noch gut versorgt.
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Mia |
Außerdem wurden Termine bei der Kosmetikerin vereinbart, denn die Schnäbel, die durch das ständige Gehacke in die Kokosnüsse doch recht gelitten hatten, bedurften professioneller Behandlung. Leichte Deformierungen waren zu beklagen.
„Hach, man kann sich ja gar mehr nicht unter die Leute trauen“, hat die Mia geschnattert.
Später lag sie mit der Cora auf der Behandlungspritsche, einen nassen Lappen überm Gesicht, so dass nur der Schnabel rausguckte, während die Pflegetante ihr mit der Feile an der Gurke herumhobelte, bis die Spitze wieder korrekt mittig nach Süden zeigte. Die Cora kriegte zusätzlich eine Kurpackung für strapazierte, stumpfe Federn. Wie 'ne Teigrolle im Küchentuch lag sie festgewickelt auf 'nem Alutablett und starrte an die Decke. Durchs Schlüsselloch habe ich alles beobachten können.
Unterdessen hatte sich der Karlsson für das Gemeinwohl verdient gemacht. Er hatte sich um die Verpflegung gekümmert. Lange war er in der Küche gewesen, um mit dem Chefkoch die Menüs der restlichen Tage zu besprechen. Da wir die einzigen Gäste waren, stand unsern Wünschen nichts im Wege. Seitdem gab es morgens ein englisches Frühstück mit reichlich gebratenem Speck, Eiern und Toastbrot – „Die Bohnen können Sie weglassen“ – oder alternativ Baguettes mit Salami oder kalten, halb aufgeschnitten Frikadellen vom Vortag, schön mit Majo und Ketchup bestrichen. Mittags und abends wurden Fleischgerichte serviert, manchmal auch Wurst. Fisch hatte sich der Karlsson verbeten, ebenso allzu viel Grünzeug und jegliche Zubereitung mit Kokosflocken oder -milch.
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Unsere Aufbaukost: schmackhaft und abwechslungsreich |
Der Pit war irritiert. Zwar tat er immer schön mitmampfen bei der attraktiven Speisefolge und meist saß er wie gehabt als Erster am Essenstisch, doch man sah ihm an, dass ihm etwas nicht geheuer war. Immer wieder schaute er heimlich in die Runde, als hätte er noch nie Kreuzfahrtgäste beim Dinieren gesehen.
„Ist was?“, hat die Mia gefragt und sich sie Krallen abgeleckt.
Ihr tropften Fettperlen ins Dekolletee.
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Pit |
Besonders der Karlsson schien suspekt. Und damit war sicherlich nicht gemeint, dass er neuerdings selbstbewusst Nachschlag forderte, statt wie früher höflich zu warten, bis man ihm etwas zuteilte.
„Das habe ich so gelernt“, hatte er früher gesagt, jetzt dröhnte sein „Mademoiselle?!“ durch den Salon, noch bevor der letzte Fleischhappen den Weg von der Servierplatte auf seinen Teller gefunden hatte.
Gleich am zweiten Tag hat mich der Pit beiseite genommen.
„Du, Max?“, hat er geflüstert. „Sag mal … der Karlsson, war der gestern nicht irgendwie dicker?“
„Dicker?“, habe ich zurückgefragt.
„Ja, dicker. Ich weiß, das klingt blöd, aber er kommt mir so eingefallen vor im Gesicht und so schmal um die Hüften. Dabei sehen seine Beine irgendwie … muskulöser aus.“
„Nee“, habe ich gesagt, „das kann nicht sein, das kommt dir nur so vor. Und von was sollten seine Beine denn Muskeln gekriegt haben? Das sind nur seine Locken. Der muss zum Frisör.“
„Es sieht aber so aus. Als hätte er Sport gemacht.“
„Sport? Was fürn Sport?“
„Na, Kickboxen zum Beispiel. Oder Hanteln stemmen. Oder Schwimmen. Marathon.“
„Ach, Quatsch“, habe ich ihn beruhigt. „Du hast Delirium von der vielen Sonne und dem Geschaukele vom Schiff. Am Karlsson ist nichts anders. Der ist so wie immer. Und mein Schnabel ist auch nicht gesplittert. Der ist auch so wie immer.“
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Luke |
Später ist er zum Luke gelaufen. Dort hat er sich die nächste Irritation geholt. Der Luke lag ausgestreckt auf einem Kissen unter dem Sonnenschirm, neben sich einen dänischen Krimi, Sonnenbrille, Orangensaft und Salzstangen, und hat nicht mal das Handtuch vom Gesicht genommen, sondern lediglich ein lapidares „Carpe diem!“ hervorgebrummt. Das war bemerkenswert, denn mit dem Müsli und Salat futternden, Vitaminpülverchen schluckenden Öko-Kater vom Reisebeginn hatte das nur noch wenig zu tun. Bei den Wurst- und Fleischgaben zu den Mahlzeiten griff er nun ebenso beherzt zu wie alle andern (sogar zum Frühstück), und das Fitnessprogramm im Gymnastikraum hatte er gänzlich eingestellt zugunsten einer konsequenten Liegetherapie, bei der es darauf ankam, sich möglichst wenig zu bewegen.
„Geht's dir gut?“, hat der Pit gefragt.
Er stand vorm Luke wie das Rotkäppchen vorm Wolf in Großmutters Bett.
„Bestens“, hat die Antwort gelautet. „Pit, mein Lieber, da du gerade da bist, könntest du mir bitte mal das Handtuch gerade ziehen? Es wirft Falten und darauf liegt es sich so unbequem."
Den Mädels ist der Pit mit Inselausflügen gekommen. Man werde bestimmt bald wieder irgendwo halten und da könne man doch gemeinsam einen schönen Tag am Strand verbringen, so mit baden, aufs Meer gucken, Sandburgen bauen und so. Na, wie wär's?
„Näää! Keine Lust!“
Die Mia und die Cora hockten am Swimmingpool (der noch von der Ludmilla und der Tamara übrig war), natürlich schön im Schatten, mit einem Maracuja-Cranberry-Milchshake in Reichweite und einem Flügel halb im Wasser. Das wurde als erfrischend empfunden – solange es sich nicht um Salzwasser handelte.
„Die sind alle verrückt geworden“, hat der Pit sich beklagt.
„Du auch, Max“, hat er hinzugefügt, als ich ihm nicht antworten wollte.
Ich lag mit dem Karlsson unterm dritten Sonnenschirm. Wir hatten fest geschlafen. Dabei wird man nicht gern gestört.
Nachmittags haben wir uns stets eine kleine Erfrischung kommen lassen, 'n bisschen was Süßes oder Obst, denn Vitamine sind ja wichtig.
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Von den Trauben mochte ich die Kerne am liebsten |
Am Abend nach dem Dinner wurde an Deck noch ein wenig beisammengesessen. Beim Schein des Windlichts haben wir Karten gespielt, Halma oder Domino, so wie wir es früher schon gemacht hatten. Oder wir haben einfach nur den frischen Wind genossen und die Gewissheit, dass man nicht mehr dauernd auf den Horizont starren musste, um nichts zu verpassen. Das Schiff hat weiter seinen Kurs um die Inseln und Atolle genommen, genau wie im Programm vorgesehen, allerdings inzwischen ohne Landgänge, denn die hatten wir abbestellt.
„Ihr seid echt nicht mehr zu retten“, hat der Pit gemeint.
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Die reizende Landschaft hat niemand beachtet |
Im gleichen Maße, wie wir an einer wellnessbetonten Freizeitgestaltung interessiert waren – und das auch gnadenlos durchzogen –, fing der Pit leider an, sich zu langweilen. Zunächst hatte das niemand beachtet, doch als er überall herumzufummeln begann auf der Suche nach Sinn und Ziel, kriegte ich rote Ampeln ins Gehirn. Oft war er unten beim Personal, hockte in der Küche, ließ sich den Maschinenraum erklären, half beim Erstellen der Magazinlisten und tüterte sogar an den Tauen herum.
„Ich lerne jetzt Seemannsknoten“, hat er beim Mittagessen verkündet.
Wenig später konnte er auf dem Vorderdeck besichtigt werden, wie er die Reklamefähnchen einer einheimischen Margarinefirma in den Vorderpfoten hielt und damit herumfuchtelte in Richtung Meer.
„Soll das das Fahnenalphabet sein?“, hat sich der Luke gewundert.
Die Cora hatte Bedenken:
„Hoffentlich kommt kein Schiff vorbei. Wer weiß, was er denen da zuwedelt: „Guten Tag, Sie Arschgesicht“ oder „Hilfe! Wir brauchen 50 Tonnen Backpflaumen“ oder irgend so was Beklopptes.“
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Der Pit: Nanu, es bimmelt ja, wenn man den Klöppel bewegt |
Mir bereiteten die unbeaufsichtigten Erkundungsgänge am meisten Sorge. Nicht dass wir plötzlich rückwärts segeln täten oder womöglich kenterten und in die Rettungsboote müssten. Darauf hatte ich jetzt am wenigstens Bock.
„Du hast ja keine Ahnung“, habe ich dem Karlsson geantwortet, als er mich beschwichtigen wollte. „Der hat schon mal 'n ganzes Schloss in Schutt und Asche gepopelt. Der kennt da nix.“
Daraufhin hat der Karlsson geseufzt, hat „Lass mich mal machen“ gesagt und ist unter Deck verschwunden.
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Karlsson |
Am Nachmittag haben wir irgendwo angelegt. Jemand von der Mannschaft ist zu uns an den Sonnenschirm gekommen.
„Ihre Bestellung ist da, Mister Karlsson“, hat es geheißen.
Bestellung? Was für 'ne Bestellung?
„Ich habe mir erlaubt, uns 'n bisschen Spaß kommen lassen“, hat der Karlsson gesagt. „Extra aus Nassau. Damit wir mal auf andere Gedanken kommen – und nur für uns Jungs!“
Jo, und dann lag da 'n Boot am Anleger, aber nicht so eins für Handbetrieb (das wäre ja noch schöner gewesen), sondern ein sogenanntes Speedboat, eins für Wassersport, für Angeberei und Adrenalin.
„Na, ist das nichts?“, hat der Karlsson geprotzt.
Der Luke hat aber nur neutral geguckt, ich habe auch nichts gesagt, lediglich der Pit war aus dem Häuschen.
„Das ist ja der Hammer!“, hat er gerufen.
Ein gewisser William von den Bahamas hat am Lenkrad gestanden. Der war gleich mitgemietet. Er sollte uns ein paar Runden durch die Bucht fahren. Wir sind ins Boot gesprungen. Gut, warum also nicht ein bisschen durch die Landschaft schippern? Wenn's dem Pit Freude machen täte und solange wir nicht selbst für Bewegung sorgen müssten – meinetwegen.
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Kein Ort für Spaghettisoße und offene Weine |
Die andern drei haben auf dem Boden hinter unserm Chauffeur Platz genommen, ich saß auf dem Armaturenbrett neben dem Lenkrad.
„Alles klar?“, hat der William gefragt. „Bitte festhalten, wir geben Gas.“
Danach weiß ich nur noch, dass eine riesige Pranke von vorn auf mich zukam. Ich bin rückwärts geflogen, fast raketenartig abgezischt. Zum Ausbreiten der Flügel hatte ich keine Zeit gehabt. Das ging eine ganze Weile so. Als ich mich wieder orientieren konnte, war das Boot weg und unter mir nur Wasser.
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Ich |
Ich meine, ich als Vogel bin fliegen gewohnt und man hat ja auch seine Kenntnisse und Fähigkeiten, aber das hier – nee! Man setzt einen doch nicht einfach auf dem offenen Meer aus. Das ist ja unerhört.
Gott sei Dank ist mir noch rechtzeitig eingefallen, mit den Flügeln zu schlagen, sonst wäre ich glatt abgestürzt. Später ist das Boot dann zurückgekommen. Es fuhr jetzt bedeutend langsamer. Ich konnte unfallfrei wieder zusteigen. Allerdings habe ich mich gewundert, wo die anderen waren. Der William hat nur wortlos mit seinem Daumen über die Schulter gezeigt. Und tatsächlich, dort waren die drei, zur Mauer aufgeschichtet, flach an die Rückwand geklatscht. Man musste schon genau hinschauen, um zu bemerken, dass es sich um einen Hund und zwei Kater handelte. Bewegt haben sie sich nicht, gesagt auch nichts. Leicht hätte man sie mit einem Stapel achtlos abgelegter Bettvorleger verwechseln können.
„Na, Jungs? Wie war's?“, hat die Mia gefragt, als wir wieder an Bord kamen.
„Männlich-schnell, was?“, hat die Cora gekichert.
Seitdem hatte der Luke Ohrenschmerzen, dem Pit drückte 'n Pfeifton aufs Trommelfell, mir fehlten sieben Schwanz- sowie sechs Schwungfedern, und der Karlsson hatte Rücken, weil er den Aufprall vom Pit und vom Luke abgekriegt hatte, kurz nachdem er selbst gegen die Rückwand gedonnert war. Irgendwie hatte ich die Schnauze voll vom Wassersport. Und vom Segeln. Und vom Meer. Und vom Sonnenschein und all dem lieblichen Feriengedöns, das einem nach einer gewissen Zeit gehörig auf den Zeiger gehen kann.
„Ich würde jetzt gern bei uns zu Haus an der Terrassentür liegen und nach draußen gucken, wie der Sturm die Apfelbäume schüttelt“, hat der Karlsson gesagt.
„Ja, ich müsste auch mal nach dem Rechten sehen“, fand der Luke. „Hoffentlich läuft alles gut mit dem Geschäft.“
Der Mia hatten sich inzwischen sogar unakzeptable Hindernisse in den Weg gestellt:
„Die haben hier nur Enthaarungscreme, von der ich Pickel kriege.“
An Nassau und den Bahamas sind wir auf dem Rückweg nur vorbeigefahren. Es ging direkt nach Miami. Dort war unsere Schiffsreise zu Ende.
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Miami |
Wir haben uns einzeln per Handschlag von der Mannschaft verabschiedet.
„Du musst denen 'n Trinkgeld geben“, habe ich der Cora zugeflüstert.
„Wieso ich?“ hat sie gemeckert.
„Weil das deine Reise war. Schon vergessen?“
Vom Schiffsanleger sind wir mit dem Taxi direkt zum Flughafen gefahren. Wir mussten noch ein wenig warten, bis unser Flug ging, aber vom Terminal aufs Rollfeld zu gucken war ja auch mal ganz schön. Dort schaukelte es wenigstens nicht.
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Hübsch, in Miami die Fahrt zum Flieger, aber jetzt dort liegen? Nee! |
Die Cora hat der Tante Gisela im Duty Free eine Flasche Parfüm gekauft („It's never too late“ von Isolde Beutelmann.)
„Das ist besser als Pralinen und mit irgendwas muss ich mich ja bei ihr bedanken.“
Das stimmt. Die Kreuzfahrt zu spendieren ist sehr nobel gewesen. Dass dann einiges – sagen wir mal – unteroptimal gelaufen ist, dafür konnte sie nichts. Wir hatten jedenfalls Geld gespart. Wer weiß, wofür wir das noch brauchen täten.
„Jetzt bin ich aber pleite“, hat die Cora geseufzt.
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Cora |
Vom Rückflug gibt es nichts Interessantes zu berichten. Im Bordkino lief der „Fluch der Karibik“ und zu essen gab es Scholle mit Feldsalat und Kokoskuchen zum Nachtisch. In Frankfurt haben wir uns von der Cora verabschiedet. Sie ist mit dem Zug nach Duisburg weitergefahren.
„Tschüs dann, war super“, haben wir ihr nachgerufen.
„Ja, bis zum nächsten Mal. Bleibt frisch und sauber.“
In Hannover sind die Mia und ich ausgestiegen, der Luke, der Pit und der Karlsson sind bis Hamburg weitergefahren.
Soviel ich weiß, hat sich niemand unserer Menschen beschwert, dass er uns in einer Form zurückbekommen hätte, die ihnen nicht gefallen täte. Im Gegenteil, wir sähen so wunderbar erholt aus, hat es überall geheißen („Der Pit, so 'nen entspannten Zug um die Nase“).
Und der Karlsson, na, der hätte wohl ordentlich zugelegt an den Hüften, was? Tja, es war wie mit Majestix bei Asterix und Obelix: Der hatte auf dem Rückweg von seiner Kur dieselben gastronomischen Stationen besucht wie auf dem Hinweg. Das hatte sehr zur Genesung beigetragen. Und Muskeln bilden sich auch schnell wieder zurück, wenn man sie nicht trainiert.
Ende.
Fotos: Cora: © G.H.
Pit und Luke: © Club der glücklichen Vierbeiner
Karlsson: © Terrierhausen
Landschaft, Schiff mit Glocke, Speedboat, Miami 1, Miami 2, Taue: Pixabay
Bratwurst, Bockwurst, Kotelett 1, Kotelett 2, Hackbällchen, Grillfleisch, Braten, Fleischteller: Pixabay
Früchte, Törtchen 1, Törtchen 2, Törtchen mit Obst: Pixabay
© Max: Papageiengeschichten