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Wir werden berühmt!
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Mit dem Verreisen klappt es ja noch
nicht so gut in diesem Jahr, aber der kluge Tourist sorgt vor. Geld
für die Reisekasse braucht man immer, und nachdem wir im Harz
bekanntlich einem Sklavenkommando anheimgefallen und wegen Geldmangel
nicht hatten entkommen können, wollen wir diesmal finanziell
vorsorgen, damit so was nicht noch mal passiert. Immer auf die
Kreditkarte von Karlssons Papa zu spekulieren, ist ja auch kein
Zustand, und dem Luke mit seinem ach so spendablen Portemonnaie
möchte ich liebend gern mal einen vor den Latz knallen. Man fühlt
sich immer so verpflichtet, wenn er die Flugkarten auf den Tisch
legt. Nein danke sagen und sich schnöde umdrehen und weggehen, das
wär's. Natürlich haben haben wir ja noch sein Reisegeschenk zum
Mount Everest vor uns, und das werden wir selbstverständlich noch in
Anspruch nehmen, doch danach möchte ich unsere finanzielle
Unabhängigkeit ausleben. Die Frage ist bloß, woher das viele Geld
nehmen.
Manchmal hat die Mia ganz gute Ideen.
Sie liest ja alle Weiberzeitschriften rauf und runter, allen voran
die „Tussi“, dann natürlich den Klassiker „Fell, Federn,
Schwarte – der heiße Flirttreff“, dann die „Bona“, „Happy
Chick“, „Cosmetic Queen“, „Make your day“, „Beautiful
Nail Polish“ und die „Luxury“. Ich weiß das so genau, weil die
Putze unsere Voliere damit auslegt, und dann kann man das beim
Einschlafen von oben sehen. In einer dieser Lappen stand neulich eine
Anzeige. Die hat mir die Mia gezeigt. Gesucht wurden Models zum
Fotografieren von Kopfbedeckungen.
„Ja und?“, habe ich gefragt.
„Da machen wir mit. Das wird gut bezahlt.“
Ich weiß nicht … ich als Model für
Hüte?
„Doch, gerade du! Die suchen
außergewöhnliche Köpfe, steht extra hier drin. Du mit deinem
Holzschädel wirst der absolute Hit sein, glaub's mir.“
Dann ist die Mia zum Telefon gerannt
und hat die Cora mit der Neuigkeit bejubelt. Aus dem Smartphone kam
ein dumpfer Laut, der sich anhörte wie ein heiseres Wildschwein,
dass „Hipp, hipp, hurra!“ schrie. Man beachte, dass sich die Mia
diesmal nicht mit stundenlangem Schnattern aufhielt, sondern nur
knapp „Dann machen wir's so“ sagte und sofort eine Mail an die
Anzeige aufsetzte. Um die Antwort nicht zu verpassen, nahm die Mia
das Smartphone sogar mit aufs Klo. Irgendwann bimmelte es
tatsächlich. Es war aber nur die Cora, die wissen wollte, ob sie vor
dem Fototermin zum Frisör gehen soll. Die Frisöre hätten ja Gott
sei dank wieder geöffnet, nur müsse sie sich rechtzeitig einen
Termin reservieren lassen.
Zu diesem Zeitpunkt war ich noch der
Meinung, dass es sich um eine reine Schnapsidee handelte. Ich
verspürte nicht die geringste Lust, meinen Kopf in eine Kamera zu
halten, mit Hut schon gar nicht.
Doch dann kam alles anders. Ich hörte,
wie die Mia am Telefon sagte:
„Ich kann mindestens 10 Models
stellen … ja … verbindlich … selbstverständlich … wegen der
Location sage ich Ihnen noch Bescheid … ja, genau … zu diesem
Preis … für sechs Stunden … schicken Sie mir bitte den Vertrag
zur Unterschrift.“
„Bist du bekloppt?“, habe ich
gefragt.
„Keineswegs“, hat die Mia gemeint,
„Entspann dich. Das wird uns einen Haufen Geld einbringen, und eine Menge Fun wird’s auch
geben.“
„Fun“ hatte sie gesagt und
„Lookäischn“. Merkt ihr was? Hier war Östrogen am Werk.
Die Mia ließ nicht locker. Energisch
hat sie auf ihrem Smartphone herumgetippt. Offenbar war die Amy am
andern Ende.
„Gib mir mal den Pit!“, hieß es
ohne Umschweife.
Anschließend wurde ich Zeuge, wie die
Mia sich erkundigte, ob bei denen in Schleswig-Holstein die
Möglichkeit bestehe, unbemerkt von den dort wohnenden Menschen eine
Foto-Crew mit Requisiten aufs Grundstück zu schleusen, um für sechs
Stunden eine Foto-Sässchn zu veranstalten. Als Honorar winke ein
Haufen leicht verdiente Kohle für unsere Reisekasse.
Erst hatte ich gedacht, der Pit würde
die Mia mit tausend Fragen auslaugen wie ein Vampir sein Opfer oder
gleich den Hörer auflegen, aber falsch – ihm gefiel der Vorschlag.
Sein Haus als Hintergrund für Modefotos – joo, das hätte was. Und
natürlich sei es klug, dabei die Menschen außen vor zu lassen,
sonst würden sie einem bloß vor den Füßen herumstehen. Wenn
man zeitig genug am Tag beginne, müsste es reichen, bevor Tante
Susanne und Lisa von der Arbeit zurückkämen.
„Gut.“
Die Mia war zufrieden. Ort, Tag und
Uhrzeit wurden der Agentur übermittelt. Kurz darauf hatte sie auch
die restliche Runde abtelefoniert. Ich hörte sie Befehle bellen:
„Karlsson, wasch dir die Locken! Und
bring die Polly mit!“
„Cora, es klappt! Ja, der Paule kann
nicht schaden, nimm ihn mit!“
„Amy, räum die Bude auf! Stell
Salzstangen hin!“
„Luke, du wirst großartig aussehen
mit Zylinder! Ich freue mich schon auf die Fotos.“
„Jack, diesmal darfst auch du
mitmachen! Putz dir die Zähne, wir machen Hutbilder!“
Mir rauschte es nur so in den Ohren,
wie das flutschte. Im Nu hatte die Mia alles organisiert. Von
niemandem kam ein Widerspruch, das hat mich am meisten gewundert.
Später habe ich heimlich den Karlsson und den Pit angerufen. Das
interessierte mich, warum die beiden gestandenen Kerle sich plötzlich
von so albernem Schickimicki-Fotogedöns beeindrucken ließen.
„Wieso?“, hat der Karlsson gesagt.
„Was sollte ich dagegen haben, wenn jemand meinen Charakterkopf
fotografieren will und auch noch Geld dafür zahlt?“
Na, mit dem Charakterkopf hatte mich
die Mia schon viel früher ködern wollen, doch ich bin nicht darauf
reingefallen. Sollte der Karlsson tatsächlich die Sache nicht
durchschauen? Das stank doch geradezu nach weiblicher Naivität.
Bestimmt würden wir uns dort ausziehen müssen, um nackt
Gummistiefel zu präsentieren oder Cocktailgurken oder 13er
Maulschlüssel.
„Ist mir egal, mach ich auch“, hat
der Karlsson nur lakonisch gemeint. „An mir ist alles sexy.“
Auch der Pit wollte meine Vorbehalte
nicht verstehen.
„Was du immer hast; wir können das
Geld gut gebrauchen. Du bist ja nur sauer, weil die Idee nicht von
dir ist, stimmt's? Wenn uns die Fotoheinis dumm kommen sollten,
schmeißen wir sie einfach raus.“
So simpel war das also. Aus Protest
habe ich mir trotzdem nicht die Federn gewaschen, als wir zwei Wochen
später nach Schleswig-Holstein fuhren. Mir kam das alles immer noch
sehr windig vor.
Der Pit hatte uns gebeten, dass wir uns
alle früh morgens zu einem bestimmten Zug treffen sollten, damit
uns das Taxi alle zusammen einsammeln und zum Haus bringen könne. Es
war noch dunkel. Kein Wunder, denn wir waren um vier Uhr morgens
aufgestanden. Als wir in Hamburg zur S-Bahn, unserem Treffpunkt,
kamen, warteten die Cora und der Paule schon auf einer Bank. Nähere
Begrüßung zwischen der Mia und der Cora mit dem obligatorischen
gegenseitigen Rennen in die geöffneten Flügel musste wegen der
Abstandsregeln diesmal ausfallen. Selbstverständlich trugen wir alle
Masken. Ich nickte dem Paule vorschriftsmäßig zu.
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In aller Herrgotts Kälte
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„Frisch hier“, hauchte er und
quetschte seine Flügel tiefer unter seine Silberschärpe vom 2.
Platz beim Karaoke-Singen.
Die Cora zeigte der Mia, wie wunderbar
flauschig und duftend ihre Federn von dem neuen Shampoo geworden
waren. Es roch aufdringlich nach Apfel, Zimt und Rosenblätter. Sie
sei ja so wahnsinnig gespannt auf die Foto-Crew, meinte sie, denn von
den Profis könne sie bestimmt eine Menge lernen, was sie dann später
bei ihren eigenen Fotos anwenden könne.
„Wo werden unsere Fotos eigentlich
veröffentlicht?“
Ja, das würde ich auch gern mal
wissen, aber die Mia hatte keine Antwort darauf. Die Cora sollte
lieber mal aufpassen, dass sie mit ihrem Parfüm nicht den Fotografen
in Ohnmacht versetzte. Solche Künstler sind ja oftmals sehr
empfindlich, habe ich zu bedenken gegeben.
„Blödmann!“, wurde ich angefaucht.
Der Paule hat gelacht.
Es dauerte eine Ewigkeit, bis endlich
auch der Karlsson und die Polly eintrafen. Sie kamen mit Rucksack und
Bart-Simpson-Maske gemächlich angefedert. Ich hatte in der
Zwischenzeit einen kompletten Nachtmarsch auf der Stelle absolviert,
um die Füße warm zu halten.
„Wo bleibt ihr denn so lange?“, hat
die Mia gemeckert.
In der Tat – die kürzeste Anfahrt,
aber als Letzte kommen.
„Ich hatte den Beutel mit dem
Diät-Müsli zu Hause vergessen; wir mussten noch mal zurück.“
Wie … der Karlsson war jetzt
endgültig unter die Körnerjünger gegangen? Das konnte ich kaum
glauben.
„Quatsch! Müsli heißt natürlich
Rindfleisch, Schweinefleisch, Putenfleisch und Pansen, schön
gewürfelt.“
Ach so, der arme Kerl muss ja Diät
halten, seit er Niere hat.
Die Polly wurde von der Cora gefragt,
ob sie sich auch so doll freue auf den Model-Job?
„Es geht so“, kam als Antwort. „Ich
bin nur hier, weil ich auch mal wieder mit will, wenn ihr demnächst
wegfahrt.“
Um nicht alles noch schwerer zu machen,
hatte ich beschlossen, diesen Einwand aus meinem Gehirn zu streichen.
Er hatte nie stattgefunden und die Polly würde in Zukunft nie mehr
unsere Reisegruppe bereichern wollen – basta!
Weiter ging's mit der S-Bahn. Es war
noch immer stockdunkel. Was konnte man auch anderes erwarten von
Anfang März? Als wir ausstiegen in der Provinz, wurde wir gleich von
einem Taxi in Empfang genommen, so wie es der Pit organisiert hatte.
Allmählich begann es zu dämmern. Auch deswegen durften wir nicht
direkt vor der Haustür aussteigen, sondern mussten das letzte Stück
zu Fuß zurücklegen. An der Hecke fing uns die Amy ab.
„Pst – hier!“, hat sie gerufen.
Fast hätte ich sie übersehen, nur an
ihren weißen Flecken konnte man sie erkennen.
Wir mussten uns ducken (auch wir Vögel,
denn besser sei besser) und wurden ein Stück zur Seite geführt. Die
Hecke gab uns noch immer Schutz, und das war auch gut so, denn von
dort konnten wir beobachten, wie an der Haustür das Licht anging.
Tante Susanne kam heraus und ging zum Auto. Wir warteten, bis sie vom
Hof gefahren war und wir die Rücklichter nicht mehr sehen konnten.
„Lisa ist auch schon weg“,
hat die Amy gesagt.
Jetzt ging alles ganz schnell. Ein Van
fuhr vor, allerlei Leute stiegen aus, trugen Lampen und Koffer und
gerollte Leinwände ins Haus. Wir standen ein wenig ratlos auf dem
Bürgersteig herum.
„Kommt doch rein“, hat die Amy
schließlich gesagt.
Das muss die Mia daran erinnert haben,
dass sie ja gewissermaßen die Chefin von dem Ganzen hier war.
Eilenden Schritts stampfte sie über die Türschwelle und schrie:
„Hier bin ich – wer ist der
Fotograf?“
Eigentlich hätte ich mich erst mal
ordentlich aufwärmen wollen, einen schönen Kakao trinken oder so
was, doch die Crew war ruckzuck fertig mit dem Aufbau und wollte
keine Zeit verlieren. Nicht mal richtig begrüßen hatte ich die
andern können. Na ja, wir mussten ja auch Abstand halten. Ich sah
nur den Luke hinten an der Tür stehen. Er beobachtete alles mit dem
Pokerface des Geschäftsmannes, der gewohnt ist, keine Emotionen zu
zeigen, selbst dann nicht, wenn fremde Schuhe Dreck auf den Teppich
latschten und man später zusehen müsste, wie man das schnell genug
wieder weg kriegt, bevor die Damen des Hauses zurückkehren. Die Amy
hatte in der Tat ganz gut aufgeräumt, keine Schnarchkissen lagen
herum, allerdings fehlten die Salzstangen. Die Möbel waren von der
Crew zusammengeschoben worden. In der Wohnzimmermitte war eine Art
Studio mit einer Leinwand entstanden, auf die große Strahler helle Kegel warfen. Der kleine Jack saß mit blanken Augen davor. Seine
Schlappohren wippten vor Aufregung. Ich wette, seine Tätigkeit als
very important Mitarbeiter in Lukes Business war nicht halb so
aufregend wie das hier.
„Hallo, Pit“, habe ich gerufen, als
was Rotgeringeltes einen Servierwagen hereinschob.
Immerhin, er hatte Chips,
Hackfleischbällchen, Käsebrötchen und Kannen mit Kaffee und Tee
zusammengestellt. Wahrscheinlich war ihm der Ruf als guter Gastgeber
wichtig. Einer der Lampenhalter hat sich gleich eine Tasse
eingeschenkt. Zum Nachahmen blieb aber keine Zeit, denn jetzt
stützten sich ein paar Frauen auf uns. Ich wurde hochgehoben und auf
eine Platte gestellt. Nebenan wurde die Polly abgeführt, um sie
ebenfalls einer kosmetischen Nachbesserung zuzuführen. Das hatte ich
im Augenwinkel beobachten können. Jemand puschelte mir mit einer
stinkenden Puderquaste im Gesicht herum. Dann wurde es eng auf dem
Kopf, weil man mir allerlei Hüte und Mützen aufsetzte – und
wieder absetzte, weil man offenbar mit dem Ergebnis nicht zufrieden
war. Zwischen den Niesanfällen habe ich sehen können, wie bereits
der Luke mit einer Art Militärmütze auf dem Scheitel vor die
Leinwand geschoben wurde und gleich darauf ein Blitzlichtgewitter
durch den Raum zuckte.
„Ja, gut so“, hat der Fotograf
gerufen. „Nach links schauen … und jetzt den Che-Guevara-Blick …
prima … ja … wunderbar … du bist ein echtes Talent … weiter
so.“
Na ja, um ehrlich zu sein, den Luke
habe ich nicht einmal lächeln sehen während der ganzen Aktion. Doch
offenbar war das auch gar nicht gewünscht. Mit manchen
Kopfbedeckungen musste man nämlich ernst gucken, um den Typus
stilecht rüberzubringen. Der Luke kriegte das echt gut hin, das muss
man ihm lassen. Auch der Pit blieb konsequent ernst. Die Mia war
sauer, weil sie, wie sie meinte, nur „so doofe“ Hüte abkriegte,
während die Amy entzückt war über die schicke Krone, die sie im
ersten Durchgang tragen durfte.
Okay, der erste Durchgang war ja für
uns alle noch neu. Später wurde es dann richtig anstrengend. Wir
mussten uns alle sehr konzentrieren. Model sein ist ein echter
Knochenjob, das könnt ihr uns glauben. Nur dem Karlsson blieb die
gute Laune bis zum Schluss erhalten. Er lachte und strahlte mit
hängender Zunge, als gäbe es einen Orden zu gewinnen. Manchmal kam
mir der Verdacht, dass er heimlich ein privates Extra-Honorar
ausgehandelt hatte, denn anders konnte ich mir seine aufgeräumte
Fügsamkeit nicht erklären. Doch davon und wie es mit uns andern
weiterging, berichte ich im zweiten Teil.
Hier seht ihr schon mal die besten
Fotos aus dem ersten Durchgang. Nicht schlecht, was? Der
charismatische Zylinderkopf in der ersten Reihe, das bin übrigens
ich.
Fotos: Cora: © G. H.
Pit, Luke, Jack und Amy: © Club der glücklichen Vierbeiner
Karlsson und Polly: © Terrierhausen
ALLE Kopfbedeckungen: AlLes: Pixabay
© Max: Papageiengeschichten