Dienstag, 25. Dezember 2018

Der Nordpol, der Weihnachtsmann und wir (2. Teil)



Nach dem Kaffee ging es auf eine erste Expedition an unsern Arbeitsplatz. Wir wurden hinters Haus geführt. Dort kam ein imposanter Schuppen zum Vorschein. Eine Tür so groß wie ein Scheunentor quietsche auf und ein heller Lichtstrahl empfing uns. Mehrere bollernde Öfen sorgten für Wärme. Wow, das hätte ich nicht erwartet: In der Ecke stapelten sich Säcke mit Post, an den Seiten standen Regale bis unter die Decke, vollgestopft mit aller Art von Spielzeug, Büchern, Kleidungsstücken, Parfüms, Tablets, Handys und Fernsehern. An den Längsseiten eines schmalen Tisches so lang wie eine Kegelbahn waren Gestelle montiert, in denen wuchtige Rollen von Geschenkpapier ruhten. Kleine rollende Loren auf der Tischmitte waren dazu da, die Pakete abzutransportieren, während am Fußende ein zweiter langer Tisch quer stand, auf dem in breiten Kisten viele bunte Papiere zu sehen waren. Aha, das war wohl die Sortierstraße, von der gestern die Rede gewesen war. Die bunten Zettel waren die Wunschlisten. Na, das konnte ja heiter werden. Noch war offenbar nicht viel abgearbeitet worden, wenn man die Menge betrachtete.

Am Nordpol ist die Weihnachtsscheune skandinavisch

Dennoch nahmen wir unsere Sache natürlich sehr erst. Dies wurde von nun an unsere tägliche Routine. Nach dem Frühstück ging's gleich in den Schuppen. In den beiden ersten Tagen war der Weihnachtsmann noch dabei, um uns einzuweisen. Auch seine Frau ließ sich manchmal blicken, sofern sie nicht die Mahlzeiten bereitete, das Holz hackte, die Öfen und Kamine bestückte oder die Rentiere fütterte. Wir Helfer hatten feste Arbeitsplätze, die wir allerdings alle paar Tage tauschten, um keine Eintönigkeit aufkommen zu lassen. Während einer die Briefe öffnete und die Wunschzettel nach inhaltlichen Kategorien (Puppe, Negligee, Käsehobel) in die Kästen sortierte, holte ein anderer die betreffende Ware aus dem Regel und legte sie in einer der Loren ab. Wieder ein anderer packte sie hübsch ein und gab sie zum Etikettieren und Stapeln an den Nächsten weiter. Am Ende der Reihe wurden die verpackten Kartons nach Lieferort sortiert und in einer Liste vermerkt, die der Weihnachtsmann mitbekam zum Abhaken bei der Auslieferung.

Der Weihnachtsmann nämlich war tagsüber meist unterwegs. Er brachte die ersten Geschenke schon mal in die Sammellager rund um den Erdball, damit er es an den Weihnachtstagen nicht so weit hätte. Wo sich diese Sammellager befanden, wollte er nicht verraten, jedenfalls war er mit dem Rentierschlitten unterwegs (in Cordhose und blauem Dufflecoat) und kam immer erst zum Abendbrot zurück. Dieser geniale logistische Schachzug erklärt, warum es der Weihnachtsmann trotz all der vielen Geschenke jedes Jahr aufs Neue schafft, alle Gaben vollständig und pünktlich abzuliefern. Ohne gut verteilte Zwischenlager wäre dies gar nicht zu schaffen, selbst wenn man berücksichtigt, dass in etlichen Ländern überhaupt kein Weihnachten gefeiert wird oder die Geschenke in manchen Ländern (wie bei uns) schon an Heiligabend erwartet werden und in andern (wie in den USA) am ersten Weihnachtstag. Trotzdem bleibt das Zeitfenster eng und der Weihnachtsmann muss sich jedes Mal sputen.

Unsere Arbeit war nicht wirklich schwer, doch eine Herausforderung hinsichtlich des Pensums. Zwar arbeiteten wir nicht im Akkord, doch es kam schnell zum Stau, wenn die Mia mal wieder im Regal mit den Parfüms hockte und sich mit Duftwolken einnebelte. Dann fehlte eine Station am Fließband. Auch kam es nicht gut an, wenn man wie der Pit beim Briefsortieren eine Dose mit Senfhering neben sich stehen hatte, in die man hin und wieder reinlangte, um einen Happen zu nehmen. Schon am ersten Tag hatten wir uns weitgehend darauf geeinigt, dass die Vierbeiner, also der Pit und der Karlsson, die sperrigen Transporte übernahmen, während die Mia, die Cora und ich vorrangig das Papierzeug erledigten. Das war notwendig geworden, weil mi… äh ... Mi..., ich meine der Mia ein Laptop vom Brett gefallen war. Sie hatte ihn mit dem Hintern über den Abgrund geschoben, weil er sich nicht anders bewegen ließ. So was geht natürlich nicht. Gott sei Dank haben der Weihnachtsmann und Frau Merry nichts davon mitgekriegt. Das kaputte Ding haben wir heimlich draußen hinter die Regentonne geworfen und stattdessen ein Schneidebrett mit Schlümpfen in die Hülle getan. Das hatte genau die passenden Maße.

Das habe ich doch gut eingepackt, oder?

Die Mia wurde außerdem ermahnt, dass eine Lochmusterbordüre aus geknipsten Schnabelhieben im Geschenkpapier nicht dem Standard entspräche und außerdem den Verkehr aufhalte, weil das Geknipse zu lange dauere. Das leuchtete ein, denn schließlich kam regelmäßig Nachschub und da durfte nicht getrödelt werden. Einmal täglich fuhr Sven mit dem Schneemobil vor. Auf dem Anhänger brachte er neue Geschenke. Wir halfen beim Ausladen und füllten die leer gewordenen Regalbretter mit den neuen Puppenstuben, Winterstiefeln und Bohrmaschinen. Es wollte und wollte kein Ende nehmen, so sehr wir auch Gas gaben.

Zwischendrin kamen wir regelmäßig zu den Mahlzeiten in der Essstube zusammen. Was Frau Merry auf die Teller häufte, war täglich ein neues Wunderwerk. Fisch gab es nur einmal in Form von Fischstäbchen, sonst hatten wir allerlei deftige Eintöpfe mit reichlich Fleischeinlage, Hamburger, Schnitzel und am Sonntag Braten mit viel Soße und Klößen. Zum Kaffee gab es selbstgebackene Kekse und sogar selbstgemachte Torten und Waffeln. Der Karlsson konnte echt nicht klagen und wir andern auch nicht. Eingemachtes Obst für uns Vögel war jedes Mal mit dabei.

Manchmal kriegten wir auch Frikadellen zum Abendessen oder Linsensuppe

Am zweiten Tag – wohl nachdem sich der Weihnachtsmann unsere Wirtschaft lange genug angeschaut hatte – hieß es, einer von uns würde jetzt eine feste Sonderaufgabe bekommen. Sie sei sehr verantwortungsvoll, daher bekäme sie jemand mit Reife und Übersicht, nämlich … die Cora. Der wölbte sich sofort die Brust in Richtung Kapstadt. Die Mia guckte säuerlich. Coras Aufgabe bestand fortan darin, die Weihnachtswünsche auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen. Nicht nur Kandidaten mit unerlaubten Mehrfachwünschen sollten entlarvt, sondern auch unangemessene Wünsche gegen bodenständige Alternativen eingetauscht werden.

Von nun an wurde es lustig. Frau General Cora stand auf dem Packtisch und las laut vor: Kevin aus Herne wünscht sich einen Schlitten, Agneta aus Warschau einen pinkfarbenen Rucksack und Ethel McDonald aus Seattle neue Sprudeltabletten fürs Gebiss. Nach kurzem Überlegen hakte die Cora entweder den Wunsch ab und gab die Bestellung weiter, oder sie machte ein entrüstetes Gesicht, schüttelte den Kopf, strich mit energischem Schwung die Bestellung durch und schrieb was anderes hin.
„Nee-nee-nee, der kriegt 'n Buch!“, entschied sie.
Auch Socken, Schlafanzüge, Schlüpper und Krawatten verteilte sie gern. Die Handys, Tablets und Flachbildschirme blieben fortan in deutlicher Menge in den Regalen stehen. Wir andern mussten die Cora ermahnen, vorsichtig zu sein, sonst täte das langsam auffallen.
„Du brauchst nicht zu sparen, Cora“, hat der Karlsson gemeint. „Wir bezahlen das Zeug ja nicht.“
Faierweise muss man dazusagen, dass die Cora nur solchen Kandidaten Socken und Krawatten verpasste, die wir nicht kannten. Sonst wäre es ja auch total fies gewesen.

Von außen konnte man uns nicht arbeiten sehen

Manchmal allerdings, wenn die Cora besonders amüsiert zu sein schien, kriegte sie das Johlen. Dann tönte es durch den ganzen Schuppen.
„Hört mal alle her! Ha ha ha. Hier wünscht sich doch tatsächlich einer 'ne Matchboxgarage!“
Alles guckte auf.
„Und? Von wem ist das?“, hat der Pit gefragt.
Die Cora tat die Augen zusammenkneifen:
„Kann ich schlecht lesen, ist mit Bleistift geschrieben. Ich glaube, es heißt „Vom Master of the … hä? ... Universum“ oder so ähnlich.“
„Aus welcher Stadt?“
„Hm, Hanoi?“
„Na, dann ist ja gut, ich dachte schon, der Brief ist vom Max.“
Die Cora hat sich nicht wieder einkriegen können:
„Du machst Scherze, Pit. Das wäre ja 'n Ding. Ha ha ha. Nee, der Kerl kriegt … hm, lass mich mal überlegen. Ich hab's, er kriegt das Bilderbuch „Tauben unserer Stadt“. Damit kann er sehr zufrieden sein.“
Ich fand das irgendwie roh. An dem Tag hatte ich so gar keinen Appetit mehr.

Abends nach dem Essen haben wir meist noch lange im Wohnzimmer beisammengesessen. Der Weihnachtsmann und Frau Merry sind reizende Leute: gütig, kultiviert und herzensgut. Ich könnte nicht verstehen, wenn jemand sie nicht sofort ins Herz schließen würde. Ihr Haus ist erfüllt von Gastfreundschaft. Man fühlt sich sofort angenommen und sauwohl. Frau Merry hat uns den Jitterbug beigebracht, diesen amerikanischen Swing-Tanz aus den 20er Jahren. Die Musik kam aus der antiken Plattentruhe: volle Lautstärke und dann den Couchtisch beiseite gerückt und abgehottet, bis uns fast die Knöchel wegknickten. Der Karlsson konnte es am besten, wahrscheinlich weil sein  Ohrengewippe von ganz allein rhythmisch wirkt.

Eierpunsch
Ein andermal haben wir Eierpunsch getrunken und Halma gespielt. Der Weihnachtsmann besitzt viele Bach- und Händel-Platten (na klar, aus beruflichen Gründen), aber auch AC/DC, Queen und diese berühmte Platte von Nirvana. Im Grunde ist er ein Rocker. Kein Wunder, denn dort, wo er wohnt, hat er keine Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten, wenn er die Musik voll aufdreht. Hammondorgel spielen kann er übrigens auch sehr gut. Wir haben Letkiss dazu getanzt: links, links, rechts, rechts, vor, rück, vor, vor, vor, und das natürlich ordentlich nebeneinander in der Reihe. Wusstet ihr, dass das ursprünglich ein lappländischer Volkstanz war? Wir kennen ihn aus der Oldie-Ecke von YouTube. Wenn man schon leicht einen in der Krone hat, ist der Letkiss super für den Spaßfaktor. Alkohol ist in ganz Skandinavien sehr teuer, aber der Weihnachtsmann ist zwischendurch mal in den Schuppen gegangen und hat 'ne Flasche Schampus geholt. Der eigentliche Adressat hat am nächsten Tag dann von der Cora ein Set Korkuntersetzer zugewiesen bekommen.

Natürlich unterhält man sich auch mal über Privates, wenn man so eng aufeinander hockt, zum Beispiel, wie alt der Weihnachtsmann  ist, ob er früher schlanker war, ob er an Ruhestand denkt, ob ihn Nachwuchssorgen quälen, was er und Frau Merry im Sommer machen, ob sie Kinder haben, ob sie den Osterhasen kennen, ob sie schon mal daran gedacht haben, alles hinzuschmeißen und stattdessen einen Kiosk aufzumachen, oder ob sie lieber in Florida leben würden. Lange und tiefe Gespräche haben wir geführt. Ich möchte sie nicht missen, so beeindruckend waren sie. Gut, dass ihr nicht neugierig seid, sonst müsste ich euch jetzt davon erzählen.

Da wir eigentlich auch am Sonntag arbeiten mussten, sonst wären wir der Masse nicht Herr geworden, Frau Merry aber meinte, dass wir mal einen freien Tag brauchten zum Ausspannen, hat der Weihnachtsmann uns eine Bootsfahrt spendiert. Wir wurden abgeholt. Der Pilot Sven ist mit dem Schneemobil vorgefahren. Wir standen gestiefelt und gespornt vor der Haustür, konnten aber nicht einsteigen, weil die Cora ihre wollenen Knöchelwürste vermisste. Nach ewigem Hin und Her fanden sie sich schließlich an. Sie waren über meine Zehen gespannt. Durch die Schneedecke hat man das nicht sehen können und ich selbst hatte mich gewundert, warum meine Füße so schön warm waren.
„Du bist echt 'n Stinkstiefel, Max“, hat die Cora gezetert und mir ihre blöden Stulpen aus den Krallen gerissen.

Sogar der Karlsson hatte sich diesmal intensiv auf den Ausflug vorbereitet. Er trug jetzt eine karierte Wolldecke um Rücken und Hüften, die vorher in der Essstube auf der Ofenbank gelegen hatte. Ein roter Lackgürtel, vermutlich aus dem Inventar des Weihnachtsmanns, hielt das Ganz zusammen. Auf den Pit konnte ich ebenfalls nicht zählen, denn der hatte seinerseits ein hellgelbes Mäntelchen um den Hals geknotet – übrigens mit Entenreigen auf der Bordüre. Es sah aus wie ein Geschirrtuch aus der Küche. Mir fiel der Begriff „Memme“ ein. Ich glaube aber nicht, dass ich ihn ausgesprochen habe.
„Max, wenn du unbedingt frieren willst, meinetwegen“, hat die Mia gesagt. „Aber versau uns den Ausflug nicht. Zieh nicht so ein beleidigtes Gesicht.“
Dann sind die Wolldecke, das Geschirrtuch, der Streifenponcho, das rosa Kamel-Ensemble und ich ins Schneemobil gestiegen. Im Fellsack bin ich mit den Krallen in Karlssons Karoanzug hängen geblieben.
„Pass doch auf, wo du rumfuchtelst“, hat der Karlsson gemeckert.

Diesmal waren wir länger unterwegs als auf unserm ersten Ausflug mit dem Rentier. Es ging auch zügiger voran. Diese Schneemobile sind zwar laut, aber fix unterwegs. Schließlich tat sich vor uns eine unerwartete Landschaft auf. Wir hielten an. Vor uns lag Wasser, auf dem Eisschollen trieben, im Hintergrund ragten schneebedeckte Felsen in den Himmel. Wow, das war ja ein richtiges Gebirge. Offenbar befanden wir uns am Meer.

Doch, das ist tatsächlich die Arktis

„Nicht schlecht“, hat die Cora gemeint.
Auch der Pit staunte:
„Ich wusste gar nicht, dass es in der Arktis so gebirgig ist.“

Wir stiegen in ein kleines Boot. Es war eine Art Kutter mit Dieselantrieb. In der eisigen Stille nahm sich das gleichmäßige Getucker fast wie eine Sünde aus, denn hier traf respektlose Zivilisation auf die stumme Würde der unberührten Natur. Ab und zu bollerte ein Stück Packeis gegen unsern Rumpf, aber im Großen und Ganzen war der Weg frei. Der wortkarge Sven konnte also nicht nur ein Flugzeug fliegen und ein Schneemobil steuern, sondern auch einen Kutter manövrieren. Leider waren aus ihm keine näheren Informationen herauszukriegen. Gern hätten wir nämlich gewusst, ob an andern Tagen das Meer zufriert, oder ob es sich lohnte, nach Walen und Robben Ausschau zu halten. Wir klebten an der Windschutzscheibe der Fahrerkabine und starrten angestrengt nach draußen. Irgendwann kam links neben uns eine Eisscholle in Sicht.
„Schaut mal, Eisbären!“, hat die Mia geschrien.
Alle Köpfe flogen herum.
Ach, wie süß, sogar mit Kind. Dabei sollen Eisbären total gefährlich sein. Denen sollte man nicht zu nahe kommen.

Toll, gleich die Digicam draufgehalten

„Pit, pack sofort deine Fleischwurst weg!“, habe ich geistesgegenwärtig reagiert, „sonst lockst du noch die Raubtiere an.“
Nicht zu fassen, futterte die gelbe Entchenbordüre hier in aller Öffentlichkeit Wurst, während eine hungrige Eisbärmutter an uns vorbeischipperte.
Später haben wir dann noch gesehen, wie ein Eisberg vor uns ferkelte.
„Kalben heißt das, du Holzkopp.“
Damit sind Gletscher gemeint, von denen was abbricht und ins Meer stürzt.

Achtung, Eisberg voraus!

Es gab einen zischenden Krach, aber wir waren zu weit entfernt, als dass es unserm Boot gefährlich werden konnte.
„Die Wolldecke kratzt“, hat der Karlsson gejammert.
Als die Sonne unterging, hatte er aber doch noch Augen für die Schönheit der Eislandschaft.
„Herrlich, was?“, hat er geschwärmt.
Ich musste ihm recht geben. Die Arktis ist ideal für Leute mit Höhenangst (keine Wolkenkratzer!) und sogar gnädig zu anderen Krankheiten, zum Beispiel zu Leuten, die an Burgen und ähnlichen Zeugnissen menschlicher Schaffenskraft herumpopeln, bis sie zu Ruinen zusammenbrechen. Hier wurden sie nicht in Versuchung geführt, was sich übrigens auch entspannend auf die Begleitpersonen auswirkte. Der Pit hat mich gelangweilt angeschaut. Er schien sich zu wundern, von wem die Rede war.

Auch in der Arktis gibt es die Farbe Rot

Lange sind wir auch diesmal nicht mit dem Boot unterwegs gewesen, denn es bleibt in der Arktis einfach viel zu kurz hell, um sich genügend umzuschauen. Pinguine hatten wir wieder nicht gesehen. Sie lebten entweder woanders oder waren im Meer auf Fischfang, weil Weihnachten keine Brutzeit ist und sowieso keine Kolonien herumstehen. Aber egal, wir stießen mit den Thermobechern auf den gelungenen Ausflug an. Von Frau Merry hatten wir ein Fresspaket mitbekommen. Darin befanden sich heißer Tee und Sandwiches. Die Fleischwurst hatte sich der Pit extra mitgebracht. Mir hätte der Abschluss unserer Fahrt richtig gut gefallen, wenn mir nicht so schweinekalt gewesen wäre. Gott sei Dank ging es bald zurück aufs Schneemobil und in den Fellsack. Andernfalls hätte ich heute wahrscheinlich keine geraden Zehen mehr.
„Was gehste auch nackt, du Held“, hat die Cora gesagt und ihren Schal über die Ohren geworfen.

Zu Hause wurde ich wie zuvor schon der Karlsson auf die Ofenbank gelegt und zugedeckt. Ich kriegte Tee mit Honig und einen heißen Wickel um den Hals. In der Nacht musste ich auf einer Wärmflasche schlafen. Dass ich bellte wie ein Bär von dem Husten und daher die andern beim Schlafen störte, wurde im Dunkeln mit mehrstimmigem Seufzen und am nächsten Tag im Hellen mit Kopfschütteln kommentiert. Beim Arbeiten in der Scheune war mir leicht schwindelig. Es ist gut möglich, dass ich aus Versehen das blinkende Hirschgeweih in den Karton vom Toaster und den Toaster in den Karton der Babypuppe gepackt habe.

Frau Merry konnte super backen

Den nächsten Ausflug hatten wir dem Karlsson zu verdanken. Er war versessen darauf, einmal live einen Hundeschlitten zu sehen. Ihr wisst schon, das sind diese Gefährte, die es vor dem Schneemobil gab, wo man die Wege noch per Hand und Pfoten bewältigte. Die Zugtiere sind Huskys, diese kältefesten Hunde, die immer so glücklich grinsen, je schneller und länger sie den Schlitten ziehen dürfen. Ausgerechnet die wollte sich der Karlsson anschauen?
„Ja, warum denn nicht?“, hat er geantwortet.
Offenbar fand auch der Weihnachtsmann nichts dabei, denn eines Morgens hieß es, wir sollten uns fertig machen, sobald es hell wäre, würde uns der Hundeschlitten zu einem Ausflug abholen.

Unbegreiflich, die haben Spaß

Diesmal hatte ich mich gut vorbereitet. Noch mal so frieren, das wollte ich nicht.
„Wie siehst du denn aus?“, hat mich die Cora angeblafft, als wir vor der Haustür zusammenkamen.
Nun, ich hatte mir die Kaffeemütze aus der Küche geholt, zwei Löcher unten reingeschnitten für die Beine und eins oben für den Kopf. Das war herrlich warm, schließlich war die Mütze gut gefüttert. Okay, ich habe mich zwar gefühlt wie ein gelähmter Käfer, so sperrig war mein Panzer, und hinterher gab's auch Ärger mit Frau Merry wegen der Löcher, aber was tut man nicht alles für die Gesundheit? Einsteigen haben wir trotzdem nicht gleich können. Der Karlsson nämlich hat nicht auf dem Schlitten Platz nehmen wollen. Er meinte, das wäre ja so, als würde ein Pferd in Wien einen Fiaker mieten und sich dann hinten reinsetzen. Nee, das wäre geradezu unethisch und deshalb würde er jetzt vorne im Gespann mitlaufen. So!

Ach herrje, das gab ein Theater. Die Huskys mussten gefragt werden, ob sie einverstanden wären, dann mussten zwei zusammenrücken und der Karlsson wurde hinter dem Leithund (einer jungen Dame namens Daisy) ins Geschirr gespannt. Seinen Seppelhut und den Karomantel hatte er zu Hause gelassen. Endlich konnten wir zusteigen. Auch der Schlitten hatte einen gemütlichen Fellsack. Nur anders als beim Schneemobil saßen wir nicht hinter dem Fahrer, sondern der Fahrer stand hinter uns auf den Kufen. Ab und zu stieg er ab und stieß den Schlitten mit einem Bein an wie beim Rollerfahren. Gott sei Dank hatte es tagelang nicht geschneit. So lag der Schnee nicht allzu hoch und die Wege, die der Sven mit seinem Schneemobil gefräst hatte, konnten noch benutzt werden. Ich fand es toll, dass der Sven so ein richtiges Faktoto war. Er konnte einfach alles: Flugzeuge fliegen, Schneemobile lenken, Boote steuern und nun auch noch Hundeschlitten fahren.

Seht ihr? Der zweite vorne rechts, das ist der Karlsson

Durch die Enge im Fellsack hat man leider deutlich gerochen, dass der Pit am Morgen Knoblauch-Cabanossi gegessen hatte, dazu Mias Parfüm und Coras Kamel-Schal, der mir an der Nase kitzelte. Aber sonst war es ein schöner Ausflug mit herrlicher Sicht auf die arktischen Bäume, die herumstehenden Rentiere und das wie immer sehr aufregende Weiß des ansässigen Schnees. Da ich vorher noch nie so eine Fahrt mitgemacht hatte, konnte ich nicht beurteilen, ob wir schnell oder langsam fuhren. Ich meine, war der Karlsson eine Bereicherung oder behinderte er den Transport? Zu sehen war von ihm nicht viel. Man kriegte hinten so gut wie nichts mit, außer Gebell und dem Anblick einiger Hundehintern, wenn man sich ordentlich lang machte und geradeaus über den Rand des Fellsacks schaute.

Nachdem wir irgendwann nach mittellanger Fahrt gedreht hatten und nun vorm Haus zurück auf die Einfahrt fuhren, war ich gespannt, was der Karlsson zu berichten hatte. Das Gerenne im Gespann ist ja schließlich auch für ihn das erste Mal gewesen. Leider fanden wir ihn nicht gleich. An seinem Platz im Gespann war er nicht mehr. Nanu? Wo war er hin? Wir guckten uns um. Schließlich haben wir gerufen:
„Kaaaarlsson! Wo biiiiist duuuuu?“
Keine Antwort.
Wieder gerufen.
Wieder nichts.

Jetzt machten wir uns Sorgen. Wir würden ihn doch wohl nicht unterwegs verloren haben? Nee, ne? Oder doch? Ginge das so einfach? Schließlich meinte die Cora:
„Seid doch mal leise. Da fiept was.“
Wir horchten angestrengt in die hereinbrechende Dämmerung. Und dann haben wir es gesehen: Ein Stück weiter recht neben uns kam Dampf aus dem Schnee gestiegen. Wir kämpften uns hin. Dort fanden wir den Karlsson. Er lag auf dem Bauch, alle Viere von sich gestreckt, die Terrierlöckchen nass vorm Schweiß. Er hechelte. Die Wärme hatte den Schnee in beachtlichem Umkreis weggeschmolzen. Mein Güte, was rennt sich der Kerl auch im Sommerfell die Zunge aus dem Hals? Dazu mit arktischen Vollprofis. Ich mach doch auch keinen Marathonflug mit 'nem Anden-Kondor, wenn ich die dünne Höhenluft nicht ab kann.
„Halt die Klappe, Max!“, hat mich die Mia angeranzt.

Frau Merry wurde geholt. Sie hat den Karlsson ins Haus getragen. Was sie dann mit ihm veranstaltet haben, weiß ich nicht, weil ich erst später dazukam. Mir hatte nämlich jemand einen Stoß verpasst – ich will stark annehmen, aus Versehen. Deswegen bin ich gestolpert und hingefallen. Auch ein bisschen gerollt bin ich auf meiner Kaffeemütze. Jedenfalls bin ich auf dem Bauch liegen geblieben und konnte nicht aufstehen. Das war echt übel. Keiner war mehr da. Nebenan habe ich den Sven mit dem Hundeschlitten wegfahren hören. Dann war alles ruhig und bald auch dunkel. Gerufen habe ich zwar noch, aber keiner hat reagiert. Mir sind die Füße eingeschlafen, schließlich hingen sie die ganze Zeit waagerecht in der Luft. Aus dem Haus kam ein schwacher Lichtstrahl. Wahrscheinlich tranken sie dort gerade Kakao und futterten heiße Waffeln. Boah, war das fies.

Lebensnahrung

Irgendwann ist der Pit gekommen.
„Wo bleibst du denn so lange? Ich hol mir hier noch den den Tod“, habe ich ihn sensibilisiert.
„Halt die Klappe!“, hat er gesagt.
Dann hat er mich allen Ernstes auf der Kaffeemütze durch den Schnee zur Haustür gerollt. Mir war total schwindelig. Im Haus hat mich jemand aus dem Panzer geruckelt, bis er mir über den Kopf gezogen werden konnte. Ah, endlich Luft. Frei atmen. Den Poren Leben gönnen. Nur meine Füße haben gekribbelt wie blöd. Auf der Ofenbank muss ich ohnmächtig geworden sein. Ich weiß nur noch, dass was Weiches, Gekräuseltes neben mir lag, das nach Hund roch. Kann sein, dass es der Karlsson war. Über die Schlittenfahrt haben wir nie mehr geredet. War ja auch auch egal, was er davon gehalten hat. Er lebte noch und ich auch und das war die Hauptsache.

Inzwischen konnte ich es perfekt
Leider mussten wir am gleichen Nachmittag wieder in den Schuppen. Durch den Ausflug hatten wir zu viel Zeit verloren. Wir mussten Gas geben. Es war nicht mehr lange hin bis Weihnachten und es gab noch viel zu tun. An diesem Tag hatte man mich an die Etikettierstation gewiesen. Ich stand auf dem Tisch und musste die Adressen auf die Geschenkkartons kleben. Zum besseren Verständnis ist anzumerken, dass ich mich noch immer dusselig im Kopf fühlte. Das Kribbeln in den Füßen war jetzt unter die Schädeldecke gezogen. Deshalb (und auch weil der Pit die Radiomusik voll aufgedreht hatte) habe ich nicht bemerken können, wie der Karlsson (dem es im Gegensatz zu mir wieder gut ging, abgesehen von einem wässrigen Schnupfen) von hinten an mich herangetreten war, um mir mit der Zeigekralle in den Rücken zu bohren. Wahrscheinlich hatte ihn ein Anliegen zu dieser Tat veranlasst. Darüber habe ich mich so erschreckt, dass ich auf den Rand des Kastens mit den schon beschrifteten Adressaufklebern getreten bin. Er ist umgekippt und hat noch vier der benachbarten Kästen mit in die Tiefe gerissen. Die Aufkleber lagen jetzt in großen Haufen auf dem Fußboden. Das war ja 'n schöner Mist. Wie sollten wir die Etiketten wieder in die richtige Reihenfolge sortieren? Und das, wo wir sowieso nicht wussten, wo uns der Kopf stand.

„Wisst ihr was? Wir kleben jetzt einfach die Etiketten dahin, was als nächstes mit der Lore kommt. Sonst werden wir nie fertig.“
Alle fanden die Idee von der Cora prima. Und so habe ich es auch gemacht: erst die Aufkleber zurück in die Kästen geschaufelt, damit der Weihnachtsmann und Frau Merry nichts merkten, und dann habe ich einfach irgendeinen Aufkleber herausgenommen und aufs nächste Geschenk geklebt. Am Ende gab's ja noch die Station, wo die Adressen in die Liste geschrieben wurden. So stimmte dann ja alles zum Schluss wieder. Puh, das war ja noch mal gut gegangen.

Dummerweise ist kurz vor unserer Abreise dann noch die Sache mit dem Schneesturm passiert. Das war eine ganz blöde Geschichte. Schon in der Nacht hat man den Wind an den Dachschindeln zerren hören. Trotzdem ist der Weihnachtsmann am Morgen mit den Rentieren zum Zwischenlager aufgebrochen, und auch der Sven hat später wie üblich seinen täglichen Anhänger mit den Nachschubgeschenken vorbeigebracht. Wahrscheinlich muss man am Nordpol zu Hause sein, damit einen so was nicht weiter stört. Uns dagegen hat es einfach aus den Latschen gekippt. Es war nicht möglich, den kurzen Weg von der Hintertür zum Schuppen zurückzulegen, ohne dass es mich oder die Mädels augenblicklich in die Landschaft geweht hätte. Wir Amazonen sind einfach zu leicht.

Unsere Herberge im Schneesturm

So hat uns Frau Merry nach dem Frühstück in einen Rucksack gepackt. So wurden wir in die Scheune getragen, während sie unterm rechten Arm den Pit hängen hatte. Sogar der Karlsson musste sich anleinen lassen, für alle Fälle, obwohl er als Einziger und Schwerster wenigstens allein gehen durfte. Weil es den ganzen Tag nicht viel besser wurde mit dem Gestöber, kriegten wir das Mittagessen und den Kakao am Nachmittag ebenfalls in die Scheune serviert. Dort war es nach wie vor warm und gemütlich. Wir arbeiteten an unseren Aufgaben. Inzwischen hatten wir uns eine schöne Routine angeeignet. Die Arbeit flutschte nur so. Und das war auch gut, denn wir befanden uns auf dem Endspurt.

Ja, es hätte alles perfekt enden können, wenn nicht der Karlsson plötzlich verloren gegangen wäre – und danach der Pit. Ehrlich, das hatte uns gerade noch gefehlt. Am Nachmittag nämlich nach dem Keksimbiss und nachdem sich der Sturm endlich etwas gelegt hatte, war der Karlsson vor die Tür gegangen, weil er etwas holen wollte oder irgendwie so was.
„Ich bin gleich zurück“, hat er gesagt.
Aber dann ist er nicht wiedergekommen. Wir haben gewartet und gewartet.
„Der wird sich doch nicht verlaufen haben“, ist es der Mia entfahren.
„Ach, woher denn?“, habe ich die Gemüter beruhigt. „Als Hund findet er jeden Weg zurück.“
„Aber nicht bei Schnupfen“, hat die Cora gemeint.
Das war das Stichwort für den Pit:
„Ich werde mal nachschauen gehen.“
Als zweitgrößtes Tier oblag natürlich ihm die Rettung, denn Katzen können nicht so leicht weggeweht werden wie Vögel. Wir hatten ihm noch aufgetragen, vorsichtig zu sein, und dann ist auch er durchs Scheunentor verschwunden. 

Als nach der Zeitspanne, die wir für die Entdeckung und Bergung eines potentiellen Lawinenopfers eingeplant hatten, weder etwas zurückkam, das wie ein Terrier aussah noch wie ein Kater, mussten jetzt notgedrungen auch wir Überlebenden ran. Die Mia, die Cora und ich sind vor die Tür getreten. Es war dunkel. Trotzdem habe ich im Lichtschein der Scheunenlaterne sehen können, wie neben mir die Cora abgesaust ist und im Trudelflug augenblicklich die Mia hinterher. Mich selbst hat es ebenfalls in die Höhe gerissen. Es war ein Gefühl, als würde einem 'ne Stahlplatte vor den Kopf gehauen, so kalt war der Wind. Aber wenn man ordentlich mit den Flügeln schlug, kam Energie in die Muskeln, und das rauschende Blut ließ einen an das denken, was wichtig war. Ich habe gründlich nach unten gestarrt, ob ich den Karlsson oder den Pit entdecken könnte. Dabei erwies es sich als äußerst praktisch, dass wir Amazonen eine Nickhaut haben. Die ist durchsichtig und funktioniert wie eine Brille. Man zieht sie sich vor die Pupillen und ist geschützt vor tränenden Augen.

Superklare Sicht
Ich weiß nicht, wie lange ich dort oben herumgeirrt bin. Ich weiß nur noch, dass ich dachte, ist es zu fassen? Wie blöd muss man sein, dass ein fast weißer Hund unbeaufsichtigt im Schnee herumlatscht? Und mit dem Pit war es auch nicht besser, der mit seinem hellen Fell und den blassen Streifen. Da ist man gefälligst dunkelbraun oder schwarz, wenn man unbedingt im Schneegestöber spazieren gehen will. Natürlich hatte der Wind inzwischen alle Spuren beseitigt. Ich war echt sauer, bin aber nicht dazu gekommen, weiter darüber nachzudenken, weil plötzlich etwas Grünes unter mir zu sehen war. Ha! Seht ihr? So muss das sein. Als grünes Tier kann man sich vorbildlich und obendrein sozial verantwortungsvoll im Schnee bewegen, sogar im Dunkeln, ohne sein Umfeld unnötig zu belasten. Sofort bin ich in den Landeflug gegangen. Es hat auch einigermaßen punktgenau geklappt mit dem Aufsetzen.

Es war die Cora, die dort unten hockte. Sie hatte den Karlsson gefunden, das heißt seine rechte Hinterpfote. Der Rest war verschüttet. Sofort haben wir mit der Bergung begonnen. Wir haben gekratzt und gescharrt wie verrückt. Gott sei Dank ist bald auch die Mia gekommen. Sie hatte uns ebenfalls von oben entdeckt. Zu dritt haben wir den Karlsson freigelegt. Um es gleich zu sagen: Er war intakt, nur ohnmächtig, weil er durch seinen Schnupfen offenbar kurzzeitig die Orientierung verloren hatte und dann – Schnauze auf den Boden gerichtet –  mit dem Kopf gegen eine der Tannen gerannt war, die neben dem Haus standen. Danach hatte ihn der Sturm mit einer weißen Decke überzogen. Ein paar gezielte Dolchstöße mit meiner Kralle in seine Seite haben ihn bald wieder die Augen öffnen lassen, wenn er auch noch nicht aufstehen konnte.
„Los, beweg dich, Karlsson!“, hat die Mia ihn angepfiffen, damit sein Kreislauf in Gang käme.

Während die Mia weiter mit ihm geübt hat, sind die Cora und ich den Pit suchen gegangen. Er fand sich glücklicherweise gleich nebenan vor einer Tanne stehend. Mit dem Schnee auf seinem Kopf und seinem Rücken sah er im ersten Moment aus wie eine dekorative Heckenfigur, die man hier im Tannenwäldchen im Herbst vergessen hatte mitzunehmen und einzuwintern. Als wir näher kamen, sah man, dass der Pit mit der Zunge an der Rinde festgeklebt war. Du liebe Güte, was hatte er da herumzulecken gehabt? Er wird doch wohl nicht gedacht haben, dass da leckerer Honig herauskäme?
„Hhhhr böööö ihhhhh!“, hat er gelallt.

Ich glaube, das sollte „Hier bin ich“ heißen. Seine Augen drehten sich wie wild mal nach links, mal nach recht, soweit es der Radius seines festgestellten Kopfes zuließ. Ich habe ihm erst mal den Schnee vom Buckel gefegt und ihm dann zuversichtliche Worte der Rettung zugeflüstert. Okay, hielten wir mal fest: Die Vermissten waren gefunden, erste Hilfe war geleistet, nun hieß es, den weiteren Transport zu organisieren. Ich habe mich zurück zum Haus gekämpft. Dort habe ich Frau Merry alarmiert, während die Mia den Karlsson versorgte und die Cora den Pit. Mit einem Handschlitten und einem heißen Waschlappen in der Manteltasche ist Frau Merry in die Nacht aufgebrochen. Mit dem Waschlappen hat sie den Pit vom Baum gelöst. Als sie zurückkam, lag er mit dem Karlsson auf dem Schlitten und die beiden Mädels steckten hinten  in ihrer Fellkapuze. Alle lebten.

Heiß!
Augenblicklich wurde die Nachsorge eingeleitet. Für uns fünf hieß es: Ofenbank! Wir mussten heiße Brühe trinken und kriegten einen Halswickel. Trotzdem (oder gerade deswegen) war es mir bald schon zu heiß neben dem brüllenden Ofen und dem dünstenden Karlsson. Auch die Mia und die Cora haben sich die Wickel vom Hals gerissen.
„Warum hattest du denn am Baum geleckt“, habe ich den Pit gefragt.
„Geht dich nichts an“, hat er geantwortet.

Hui, das konnte nur bedeuten, dass es ihm besser ging. Zwar war seine Zunge noch geschwollen und das Essen tat ihm nicht mehr richtig schmecken (ach, der Arme), aber die Steife aus seinen Gliedern war gewichen und er bewegte sich wieder so geschmeidig, wie Katzen es tun. Dennoch hat Frau Merry ihm nicht erlaubt aufzustehen. Genauso wie der Karlsson, der noch einen bedröppelten Eindruck machte von seinem Rendezvous mit der Tanne, musste er auf der Ofenbank liegen bleiben. Das hieß natürlich, dass die Mia, die Cora und ich nun allein in den Schuppen zurück mussten, um die restliche Arbeit zu erledigen. Wie gesagt, wir waren auf dem Endspurt. Die letzte Fuhre war angeliefert worden. Es ging nur noch darum, ein letztes Mal die Regale leer zu räumen. Morgen sollten wir abreisen. Und dann wäre auch schon Heiligabend.

Für Sven und den Anhänger gab's nichts mehr zu tun

Was hätten wir denn machen sollen, wir drei in reduzierter Besetzung? Wir konnten doch nicht zaubern. Es war noch immer genug Arbeit übrig, obwohl wir die Nacht durchmachten und obwohl sich auch der Weihnachtsmann regelmäßig blicken ließ, um die Kartons abzuräumen, die zu schwer für uns waren. Immer wenn er wieder gegangen war, haben wir einfach ein Puppenbett, eine Digicam oder eine Flasche Amaretto in einen Karton gepackt und den nächstbesten Adressaufkleber draufgepappt. So sind wir viel zügiger vorangekommen. Selbst dem Weihnachtsmann ist es lobend aufgefallen, wie gut wir inzwischen eingespielt waren. Als Frau Merry uns nach den vielen Stunden Ackerei endlich zum Frühstück rief, musste nur noch das letzte Paar Handschuhe abgefertigt werden. Alle Regale waren leer. Die Arbeit war geschafft. Wir hatten unsere Pflicht getan.

Nun hieß es zusammenzupacken und uns auf die Rückfahrt zu begeben, schließlich wollten wir Heiligabend zu Hause sein. Die Mia, die Cora und ich waren todmüde. Dem Karlsson ging es inzwischen wieder gut und auch der Pit war genesen. Zumindest äußerlich sah man ihnen den gestrigen Vorfall nicht an. Die Mia hat noch die geschäftlichen Angelegenheiten mit dem Weihnachtsmann erledigt, dann haben wir uns verabschiedet.
„Ihr wart die schnellsten und gründlichsten Helfer, die ich seit langem hatte“, hat der Weihnachtsmann gesagt.

Wir haben bescheiden auf den Boden geguckt. Dann wurden wir alle noch schnell von Frau Merry umarmt und abgeküsst und schon ging's nach draußen, wo wir mit dem Schneemobil die paar Meter hinters Haus zum Flugplatz gefahren wurden. Dort wartete schon die kleine zweisitzige Maschine mit dem Sven auf uns. Genauso, wie wir gekommen waren, stiegen wir ein: die Cora in ihrem rosa Kamel-Ensemble, die Mia mit ihrem Streifenponcho, der Karlsson mit seinem Seppelhut, ich nackt und der Pit mit seiner Provianttüte. Weil er noch immer nicht normal schmecken konnte, hatte er diesmal besonders Deftiges eingepackt, nämlich Harzer Käse und einen kalten Döner.

Wir hoben ab. Unter uns konnten wir die Lichterketten mit den blauen Glühbirnen sehen und auch die gelben Scheinwerfer vom Schneemobil. Bestimmt hatte der Weihnachtsmann uns noch lange nachgewinkt. Ansonsten verlief alles genauso wie beim Hinflug, nur umgekehrt. Sven hat uns bis Trondheim gebracht. Glücklicherweise bin ich unterwegs eingeschlafen, so habe ich nicht mitgekriegt, wie sich der Pit den Döner mit dem Karlsson geteilt hat und wie die Mädels gedroht haben, alle beide aus der Tür zu werfen, wenn sie jetzt auch noch den Harzer Käse auspacken täten. Dass ich wieder Karlssons Gamsbartgewedele vorm Gesicht hatte, war mir diesmal egal.

Trondheim

In Trondheim haben wir uns von Sven verabschiedet („Mange tak, Sven“). Dann sind wir nach Hamburg geflogen. Dort sind die beiden Holsteiner Jungs jeweils in ihren Zug gestiegen und nach Hause gefahren. Wir haben noch die Cora mit nach Hannover genommen, bevor auch sie weiter mit dem Zug nach Duisburg gefahren ist. Wie wir uns später per Telefon vergewissern konnten, sind alle gut daheim angekommen.

Jetzt muss nur noch der Verdienst geteilt werden. Ich weiß nicht, wie viel wir eingenommen haben. Die Mia hat das Geld, aber noch keinen Kassensturz gemacht. Ist ja auch erst mal egal. Ich bin so müde, dass ich den ganzen Tag schlafen könnte. Gestern am Heiligabend hatte ich keinen Appetit beim Abendessen. Dann bei der Bescherung habe ich wieder nicht die Matchboxgarage gekriegt. Langsam werde ich echt sauer. Ein saublödes Bilderbuch über Tauben lag unterm Tannenbaum. Die Mia ist natürlich wieder deutlich besser weggekommen. In einem der Kartons befand sich ein ganzes Sortiment an Parfüm. Flaschen über Flaschen, kaum dass der Deckel zuging. Das muss ein Vermögen wert sein. Und wie war es bei euch? Schreibt mir doch mal in die Kommentare, ob ihr zufrieden seid mit euren Geschenken. Ich habe jetzt einen ganz guten Draht zum Weihnachtsmann. Ich könnte die Beschwerden exklusiv weiterleiten.

Fotos: Cora © G.H.
           Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
           Karlsson © Terrierhausen 

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          Sonnenuntergang, Käsekuchen, Huskys 1, Huskys 2, Kakao, Pakete , Haus, Landschaft, Feuer,
          Schneemobil, Trondheim, Weihnachtsmützen: Pixabay

© Max: Papageiengeschichten
                       

Kommentare :

  1. Also, zufrieden mit meinem Geschenk war ich zunächst nicht. Ein Buch "Abspecken im Alter leicht gemacht" habe ich bekommen. Das ist nicht lustig. Nur weil die Frau Merry so toll gekocht hat und ich ein paar Gramm zugenommen habe, muss man mir nicht gleich so etwas schenken. Ich kann mir schon vorstellen, wer da mitgemischt hat.
    Später allerdings kam noch ein Päckchen. Das war von der Mia. Sie hat soooo viel Parfüm geschenkt bekommen und hat keinen Platz, die Flaschen alle unterzubringen. Danke, liebe Mia!
    Der Paul konnte am Weihnachtstag gar nicht einschlafen. Hat der doch tatsächlich ein Jahresabo für den Play Parrot bekommen. Das aktuelle Heft hat er schon zig Mal vorwärts und rückwärts durchgeblättert und wartet nun sehnsüchtig auf die nächste Ausgabe.

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    1. Du, Cora, wir können ja tauschen. Ich gebe dir das Taubenbuch (vielleicht ist ja ein künftiger Gatte für dich dabei … ha ha ha) und du gibst mir das Buch mit dem Alter und dem Abnehmen. In einem halben Jahr ist Muttertag. Da hätte ich schon mal das Geschenk.

      Die vielen Parfümflaschen von der Mia sind vom Bord in der Voliere gefallen. Zäng – lagen sie unten. Zwar war das nicht auf meiner Seite, sondern auf Mias, aber ich kann nichts dafür, wenn ich meine Flügel ausbreite, ein paar Flatterübungen mache und dabei alles runterfällt. Vielleicht ist ja jetzt der Paule erfolgreicher bei seinen Morgenübungen.

      Apropos Paule. Mich freut es sehr, dass so ein rastloser Womänneizer wie er kindliche Freude an Spielzeug findet. Die Idee mit dem Abo für diese Spielezeitung ist großartig. Aber ich habe gar nicht geguckt: Sind dort auf Abbildungen von Matchboxgaragen drin?

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  2. Moin, also ich habe auch nur Blödsinn bekommen. Eine Matchboxgarage. Als ob ich für so etwas Zeit hätte. Ich bin Geschäftsmann und kein Dödelkopp.
    Die Amy hat sich sehr gefreut, sie hat einen Gutschein für ein Wellnesshotel in Kühlungsborn bekommen inkl. Kost, Logis und Wellnessbehandlungen bekommen.
    Luke hat einen Krimi mit dem Titel "Die Ratten" bekommen und Jack heult immer noch, er erhielt fünf Schlabberlätzchen. Die Pferdedamen waren sehr zufrieden, sie erhielten alle modische Sommerhüte.
    Nun ist je mehr oder weniger zu-oder unzufrieden, aber ist das nicht immer Weihnachten so?
    Ich hoffe Ihr seit alle gut ins neue Jahr gekommen, nun geht der Wahnsinn wieder von vorne los.

    Pit

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    1. Mein lieber Pit, du fantasierst. Du hast keine Matchboxgarage bekommen. Das kann nicht sein. Guck noch mal genau auf den Karton. Dort steht MATSCHBÜXGARNITUR, stimmt's? Das ist Unterwäsche. Herzlichen Glückwunsch, du Geschäftsmann. Nur Dödelköppe kriegen 'nen kostbaren Fotoband.

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  3. Baaaaah, mit meinem Weihnachtsgeschenk wollte mich wohl jemand richtig auf die Schippe nehmen, ein 20 (in Worten Zwanzig) Teile Puzzle mit einem Motorschlitten drauf. Dabei wollte ich nur einmal versuchen, am Schlitten zu gehen, jetzt oder nie, ich spüre, wie mir das Alter langsam in die Knochen kriecht. Aber so ein Spott, grrrrr.
    Übrigens, mein grüner Chronistenfreund, wie halten wir es mit ERDKUNDE? Wenn ich Weihnachten an den Nordpol reise, habe ich ein Winterfell. Und mein Winterfell ist so dicht, dass auf mir der Schnee liegenbleibt. Du schreibst jetzt hundertmal: "Am Nordpol stehen alle Pinguine auf dem Kopf, weil sie Antipoden sind."
    Beste Grüße vom Karlsson

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    1. Lieber Karlsson, was beschwerst du dich? 20 Puzzleteile sind doch echt intellektuell. Ich hab mal eins mit 5 Teilen bekommen - aus der Menschenbabyabteilung. Das war vielleicht 'ne Demütigung (vor allem, weil es kaputt war, ich hab's nicht zusammengekriegt).

      Und was deine Sommergarderobe angeht, weiß ich sehr wohl, dass es am Nordpol dann Winter ist, wenn auch bei uns Winter ist. Aber du willst doch wohl nicht behaupten, dass dein holsteinisches Fellchen mit den Erfordernissen am Polarkreis mithalten kann? Sonst hättest du dir ja nicht die albere karierte Ofendecke um die Hüften gebunden. Also ist dein Fell so dünn wie ein arktisches Sommerfell. Klar jetzt?

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    2. Hallo Max, meine Menschen wissen zwar nicht, wo ich vor Weihnachten war, aber ihnen ist aufgefallen, dass mir häufig kalt war. Ich zeige dir mal, was ich daraufhin bekommen habe. Und die Polly hat so etwas schönes gaaaaaaaaaaar nicht - so!!

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  4. Pitti-Schätzeken, du kannst ja die Matchboxgarage aufheben. Der Max hat doch im Juni Geburtstag. Wenn du ihm die schenken würdest, wäre er der glücklichste Vogel auf dieser Erde. Denk an die vielen schönen Geschichten, die er schon geschrieben hat!

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    1. Cora, nein! Setz dem geringelten Schätzeken doch nicht so was ins Ohr. Womöglich schenkt er mir dann noch seine dämliche Schlechtwetterunterwäsche.

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    2. Ob er die verdient hat? Klar, seine Geschichten sind sensationell, aber manchmal gehen auch die Pferde mit ihm durch...und er ähnelt Münchhausen.
      Dir meine Teuerste, würde ich nicht nur die Matchboxgarage schenken, Dir würde ich die Welt zu Füßen legen.

      Dein Pit

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    3. Hört! Hört! Läuft da was, von dem ich nichts weiß? Cora, sei vorsichtig, denk an Edeltraut mit t.

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    4. Ach, bevor ihr euch da sinnlos rumstreitet - ich nehme die Matchboxgarage und gebe sie meinem kleinen Enkelmensch. Dann kommt sie in die richtigen Hände. Konstruktive Grüße vom Karlsson

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    5. Das kommt nicht in Frage. Matchboxgaragen sind nichts für kleine Menschenhände. Man braucht Vogelkrallen, um stilecht Graffitis in den Lack zu kratzen.

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    6. Ich traue dir ja eine Menge zu, aber du kannst doch den KFZ-Aufzug gar nicht richtig bedienen. Skeptische Grüße vom Karlsson

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  5. Ach Pittchen, du bist sooooo süß!

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    1. Liebe Cora, ich denke wir verstehen uns oder? Zwinker, zwinker

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    2. Also nee, macht eure Ferkeleien gefälligst woanders. Das ist ein anständiger Blog hier.

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