Dienstag, 25. Dezember 2018

Der Nordpol, der Weihnachtsmann und wir (1. Teil)


Na, hattet ihr gestern eine schöne Bescherung mit vielen kostbaren Geschenken ganz nach eurem Geschmack? Oder lag was Blödes unterm Tannenbaum? Falls ja, möchte ich jegliche Mitschuld von mir weisen. Beschwert euch beim Karlsson, der hat nicht aufgepasst. Oder beim Pit, der war natürlich wieder am Mampfen. Oder bei den Weibern, weil sie dauernd geschnattert haben. Wir haben uns große Mühe gegeben, das könnt ihr uns glauben, aber vor Ort ist es längst nicht so easy, wie es in der Werbung ausschaut mit all dem Goldflitter und dem Jubelchor im Hintergrund. Doch ich erzähl von vorn.

Es muss Anfang November gewesen sein, da hat mir die Mia eine Anzeige gezeigt in „Fell, Federn, Schwarte – der heiße Flirttreff“. Sie stand ganz hinten unter Verschiedenes:

„Ja und?“, hatte ich gefragt.
„Da können wir mal hinschreiben, vielleicht springt 'n Euro dabei raus. Und wir kommen mal wieder weg. Der letzte Urlaub ist schon so lange her“, hat die Mia gemeint.
Wie … die Tussi und arbeiten? Hatte sie die Anzeige nicht richtig gelesen?
Aber die Cora am Telefon fand die Idee auch ganz toll, und da begann ich mir langsam Sorgen zu machen. Wer wusste, ob das überhaupt seriös wäre, oder ob wir dann womöglich Tannen fällen müssten oder die Rentiere zum Hufschmied bringen? Und dann das Wetter. Am Nordpol! Nicht gerade Karibik mit Kuschelfaktor. Obwohl: In der Antarktis sind wir ja schon gewesen und das haben wir auch überlebt. Trotzdem: Mir kam das alles sehr merkwürdig vor. Ich habe mich nicht weiter darum gekümmert, sondern den Bleistift gespitzt und an meinem Brief geschrieben. Er war an den Weihnachtsmann gerichtet. Diesmal sollte es endlich klappen mit der Matchboxgarage.

Am nächsten Tag kam die Mia und meinte, die E-Mail-Adresse täte nicht stimmen. Alle ihre Mails wären als unzustellbar zurückgekommen. Auch die Nachfrage bei „Fell, Federn, Schwarte“ hätte nichts ergeben. Sie könnten als Redaktion nichts machen, wenn jemand was falsch angibt im Inserat, hat es geheißen, und die restlichen Daten fielen unter Datenschutz. Ich dachte schon, jetzt hätte sich die Sache endgültig erledigt, aber dann kam der Luke ins Spiel, weil er als Geschäftsmann jemanden kannte, der mit jemandem verwandt war, der mal was von jemandem gekauft hatte, der wusste, was es mit der E-Mail-Adresse auf sich hatte. Durch ihn wurde der Kontakt dann doch noch hergestellt. Man konnte die Mia durch die ganze Wohnung flöten hören. Ihre beseelten Worte sabberten geradezu süffig ins Smartphone. Ich nehme an, sie versprach sich von der „Mitarbeit“ irgendeinen Rabatt bei den Miederwaren oder beim Parfüm, anders konnte ich mir nicht erklären, warum sie so versessen war, ihre Krallen ins Weihnachtsgeschäft zu stecken. Als das Gespräch zu Ende war, grinste sie dämlich.

„Du-uuu, Max? Ich habe gerade mit dem Manager gesprochen. Wir können zu ihm kommen. Er nimmt uns auf. Den Verdienst habe ich so heraufgehandelt, dass wir sogar den Flug bezahlen können. Natürlich müssen wir in Vorkasse gehen, aber dann, wenn unser Einsatz beendet ist und wir unser Geld kriegen, werden wir die Schulden zurückzahlen können und sogar noch 'ne schöne Stange übrig haben – gut, was?“
Na, wenn das so ist, worauf warteten wir noch?
„Halt!“, hat die Mia gerufen. Erst müsste sie der Cora Bescheid sagen und dann könnten wir ja noch jemand anders fragen, ob er auch mit will.
„Je mehr Helfer wir mobilisieren, desto mehr Geld verdienen wir.“

Die Zusammensetzung unserer Arbeitskolonne war schnell ausdiskutiert. Die einen waren verhindert: Harald (wegen der Weihnachtspremiere zu „Leda und der Schwan“) und Paule (Knallbirnenheim). Andern war es am Nordpol zu kalt (Engelbert) oder sie hatten keine Lust, im Urlaub zu arbeiten (Luke und Polly). Die Übrigen wiederum wollte ich … äh … wollten wir nicht dabei haben: die empfindliche Amy, den magenschwachen Jack, die Pferdedamen aus Pits Haushalt und natürlich die Matschfalter, den Roosevelt und den Otis. Blieben also der Pit, der Karlsson, die Cora, die Mia und ich. Na, wenn das mal nicht eine exquisite Mischung war. In dieser Kombi sind wir ja noch nie weg gewesen.


Mitte November ging's los. Den Vorschuss für den Flug hatten wir uns vom Luke geliehen (gegen *piiiep* Prozent Zinsen, dieser Halsabschneider). Aus Duisburg kam die Cora zu uns. Onkel Giesbert hatte sie hergefahren. Sie trug ein Kamel-Ensemble aus rosa Mütze, Schal und Würsten um die Knöchel, die aussahen wie Tropfenfänger an der Kaffeekanne. Wenn man gegen das Licht guckte, konnte man die einzelnen Härchen herausstehen sehen. Nanu? Kannte man das nicht schon vom Kreuzfahrtschiff aus Uschuaia?
„Quatsch!“, hat die Cora gefaucht. „Das ist nagelneu. Und das ist nicht Kamel, das ist Alpaka. Und das sind auch keine Würste, das sind Stulpen – so, du Ignorant!“

In Hamburg auf dem Flughafen warteten der Karlsson und der Pit auf uns. Beide hatten einen Rucksack neben sich stehen. Aus Pits guckte eine Packung Leberkäse hervor. Der Karlsson trug einen olivfarbenen Seppelhut mit Gamsbartpuschel. Du liebe Güte, der dachte wohl, es ginge in die Alpen.
„Na, Jungs? Fertig zum weihnachtlichen Schuften?“, hat die Mia gestänkert.
Seit sie die Reise organisierte und die Gehaltsverhandlungen mit unserm Arbeitgeber absolviert hatte, kam sie sich vor wie die Jeanne 'Dark der Saisonarbeiter. Sie hatte ein gestreiftes Wollcape um die Schultern, das an einen Topflappen erinnerte, und fuchtelte wichtig mit den Bordkarten herum. Dem Pit brannten noch eine Frage unter den Krallen:
„Wohin fliegen wir eigentlich? Ist das seriös? Ich meine, wie heißt denn unser Herbergsvater?"
„Weihnachtsmann“, hat die Mia geantwortet
"Wie … Weihnachtsmann? DER Weihnachtsmann?“
„Ja.“
„Das kann ja jeder behaupten. Wie heißt er denn mit Vornamen?“
„Wie meinst du das, Pit?“
„Na, Klaus-Dieter. Oder Robert. Bertram oder der so was. Jeder hat doch einen Vornamen.“
„Ach so, klar. Lieba Guta heißt er. Lieba Guta Weihnachtsmann. Zufrieden?“

An der Küste Norwegens

Wir flogen erst mal nach Trondheim. Das ist in Norwegen an der Küste, so ziemlich mittig. Dort wurden wir abgeholt von einer kleinen zweisitzigen Privatmaschine. Sie hatte einen geschmückten Tannenbaum als Emblem auf der Tür. Ich weiß nicht, ob es Zufall war oder ob es um diese Jahreszeit immer kalt ist in solchen Flugzeugen, aber ich habe ganz schön gefroren. Dazu wedelte mir dauernd Karlssons Gamsbart vor der Sicht herum, weil der Karlsson als größter Fluggast im Fußraum sitzen musste, während wir andern uns dahinter den Beifahrersitz teilten.
„Du kannst doch sowieso nichts anderes sehen als den Himmel“, hat er mich angemeckert.
Das stimmte zwar, aber mir war das langweilige Blau immer noch lieber, als dem Pit zuzuschauen, wie er sich aus dem Imbisstütchen Senf auf den Leberkäse presste. Auch eine wärmende Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen. Sogar die Mädels starrten glasig vor sich hin, und unser Pilot wollte nicht mit der Sprache rausrücken, wohin die Reise ging.
„Nach Norden“, hat er einsilbig verraten.

Wir gucken aus dem Flugzeug

Als es schon dunkel wurde und mich die zickige Cora zum zehnten Mal brüsk abgewiesen hatte, dass ich keinesfalls meine absterbenden Krallen unter ihrem Kamel-Schal wärmen dürfte („Ja, hättste mich man gestern nicht ausgelacht, du Honk“), machte die Maschine Anstalten, in den Senkflug zu gehen. Wir landeten zwischen zwei kurzen Lichterkette aus blauen Glühbirnen. Wir durften aussteigen. Unter uns war festgestampfter Schnee. Sofort kamen aus der Ferne zwei gelbe Augen auf uns zugesteuert. Wir duckten uns, aber sie erwiesen sich nicht wie befürchtet als sprintender Bär, sondern als harmloses Schneemobil. Ein dicker Mann mit weißem Bart und runder Nickelbrille stieg aus und begrüßte uns. Wir gaben Pfote und Kralle und nannten unsere Namen. Unser Arbeitgeber, der sich tatsächlich als Weihnachtsmann vorgestellt hatte, bedankte sich beim Piloten („Mange tak, Sven“), bevor er unser Gepäck ins Gefährt lud. Wir nahmen hinten im Fellsack Platz. Aaaah, endlich Wiederbelebung meiner steifen Glieder. Nur der Pit fragte, wer von uns seine spitzen Nägel unser seinen Hintern geschoben hätte – derjenige solle sie schleunigst dort wegnehmen, aber sofort!

Nach einer sehr kurzen Fahrt durch die klirrende Nacht hielten wir vor einem freundlich erleuchteten Haus. Der Flugplatz muss direkt dahinter gelegen haben. An der Tür wartete bereits eine Frau auf uns. Sie war schlank, blond und lächelte einladend. Außerdem behauptetet sie, sie sei die Frau vom Weihnachtsmann.
„Herzlich willkommen. Mein Name ist Merry Christmas. Nennt mich einfach Merry.“
Der Karlsson hat sich gewundert:
„Ich wusste gar nicht, dass der Weinnachtmann verheiratet ist“, raunte er mir beim Aussteigen zu.
„Ja“, meinte der Pit, „hoffentlich erleben wir nicht noch ganz andere Überraschungen.“

Ihn quälten offenbar – ganz entgegen seinem sonstigen stoischen Temperament – schlimme Befürchtungen, zum Beispiel, dass wir in einer ungemütlichen Massenunterkunft mit den andern Helfern zusammengepfercht würden, oder dass man uns gar als Sklaven behalten oder als exotische Attraktion an die Einheimischen verkaufen würde.
„Hier gibt es keine andern Bewohner“, hat die Cora behauptet. „Am Nordpol wohnt nur der Weihnachtsmann. Und jetzt sind wir da.“
„So? Woher weißt du das? Hast du etwa gesehen, wohin uns der Pilot geflogen hat? Wir sind doch hier am Arsch der Welt. Wir hätten  unsere Handys mitnehmen sollen, dann wüssten die zu Hause wenigstens, wo sie uns suchen müssen.“
„Quatsch! Hier gibt’s doch keinen Empfang. Sei nicht so misstrauisch, Pit. Es wird schon alles gut gehen.“

Coras Optimismus schien insofern gerechtfertigt, als dass wir eine gemütliche, teppichbespannte Treppe hinauf in den ersten Stock und den Gang entlang in ein Zimmer geführt wurden, in dem altertümliche, aber komfortabel Möbel standen und an der Wand ein gottvoller Kamin herrliche Wärme und gastfreundliches Geflacker von sich gab. Wir wurden aufgefordert, uns erst mal ein wenig auszuruhen und dann hinunter zum Abendessen zu kommen.
„Na, siehste, Pit“, hat die Cora gesagt. „Nix von Massenunterkunft. Das ist ja regelrecht mondän hier.“
An den Wänden hingen Landschaften in Öl und geschwun-genen Goldrahmen. Auch ein röhrender Hirsch war darunter.
„Vielleicht der Onkel eines der Rentiere hier“, hat die Mia gekichert.

Tolles Sofa, tolle Tapete, tolle Bücher, tolles Bild, angefressener Karlsson

Ich machte mir Sorgen um den Karlsson. Der hatte sich nämlich bäuchlings vor den Kamin gelegt und polkte mit dem Eisen in der Glut herum.
„Geh da nicht so nah dran“, habe ich ihn gewarnt, „sonst fängst du noch Feuer. Hundefell riecht immer so penetrant, wenn es verkokelt.“
Daraufhin hat er kein Wort mehr mit mir geredet – bis wir zum Essen gerufen worden waren, unten in der Essstube an einem großen runden Tisch Platz genommen hatten und Frau Merry einen Topf mit Rindergulasch in die Mitte stellte. Da war seine Laune augenblicklich auf +10 umgeschlagen. Wahrscheinlich hatte er befürchtet, dass es nur Fisch gäbe. Das hatte er irgendwo gelesen, dass Fleisch in Skandinavien so teuer wäre und dass man deshalb ständig Fisch esse. Hier zumindest traf das nicht zu. Wir ließen uns die Teller vollschaufeln.

Überhaupt gab es einiges zum Wundern. Der Weihnachtsmann saß in einer cognacfarbenen Cordhose zwischen uns. Dazu trug er ein kariertes Holzfällerhemd, eine braune Wollweste und – ich hatte extra das Tischtuch gehoben und unter den Tisch geguckt – braune Filzpuschen mit je einer grünen Troddel oben drauf. Meine Güte, die Geschichtsbücher müssen umgeschrieben werden. Was hatte man uns bloß all die Jahrzehnte erzählt von wegen roter Kluft mit weißem Fellbesatz? Sollten wir etwa unter Androhung furchtbarer Strafen auf Verschwiegenheit vereidigt werden, weil wir zu viel mitkriegten, so wie damals in Murano bei Venedig die Glasbläser, damit nichts nach außen drang und keine Konkurrenz die Vormachtstellung gefährden konnte? Himmel, wo waren wir gelandet? Was hatte man mit uns vor?  In meine gütige Seele krochen dunkle Schatten.
„Schmeckt's dir nicht, Max?“, hat sich der Karlsson erkundigt.
Seine Schnauze sah aus, als hätte er mit Tomatensuppe gegurgelt. Er kaute selig.

Die Petersilie war echt lecker

Nur der Pit teilte meine Zurückhaltung. Wo denn die andern Helfer wären, hat er vorsichtig gefragt.
„Essen die nebenan in ihrer Schlafbaracke?“
Frau Merry und der Weihnachtsmann starrten ihn ungläubig an. Dann hieß es, wir wären die einzigen Helfer und einen Schuppen gebe es nur hinterm Haus mit der Sortierstraße für die Weihnachtspost und den Regalen für die Geschenke. Während diese Antwort dem Pit Erleichterung bescherte, denn er nickte kurz und biß herzhaft in sein Gulasch, erschreckte mich dieser Tatbestand um so mehr. Fassen wir mal zusammen: Wir saßen in einem fremden Haus an einem Ort, den wir nicht kannten, mit fremden Leuten, von denen wir nicht wussten, ob sie uns wohlgesinnt waren, wir hatten keine Verbindung nach draußen und hatten keinen Schimmer, wie wir im Notfall entkommen könnten. Dabei hatte uns die Putze extra die Adressen von Snörre und Rudolf mitgegeben, ihr wisst schon, den beiden Weihnachtsgästen, die mal bei uns zu Besuch waren. Die wohnten ja irgendwo hier in der Nähe. Aber was nutze das, wenn wir nicht wussten, wie man dorthin kam? Na, Post Mahlzeit, dazu sollte ich jetzt Vanillepudding mit heißen Kirschen futtern, als wäre es das Normalste von der Welt? Ich kriegte das Schaudern.

Snörre und Rudolf
Als wir endlich entlassen worden waren von unserm Henkersmahl und die Mia mit dem Pit noch beim Abwasch half, sagte der Karlsson beim Hinaufgehen:
„Mensch, Max, das mit dem rotweißen Anzug, das ist doch bloß die Arbeitskleidung vom Weihnachtsmann. Privat trägt er Privat-klamotten. Es ist doch noch gar nicht Weihnachten. Hör auf, hier so einen Quark zu verbreiten. Entspann dich und sei friedlich.“
„Ja, genau“, ist die Cora ihm zur Hilfe gekommen. „Von Verschwörungstheorien wollen wir nichts hören. Bisher war doch alles super in Ordnung.“

Oh, diese naiven Geister, wenn sie man nicht irrten. Die ganze Nacht habe ich kaum geschlafen. Überall knarrte, knackte und knisterte es. Einmal meinte ich, die Tür ginge leise auf und eine weiße Gestalt schliche sich ins Zimmer. Es war aber nur die Mia, die vom Klo zurückkam und sich ein Handtuch umgelegt hatte, weil sie keinen Bademantel dabei hatte. Aber wenigstens warm war es. Der Kamin tat gute Dienste. Am nächsten Morgen bin ich schweißgebadet aufgewacht.

Aus der Essstube kamen Kaffee- und Zimtduft zu uns heraufgezogen. Auch nach was Gebratenem roch es.
„Das sind Bratkartoffeln“, hat der Karlsson sofort identifiziert.
Wir machten, dass wir an den Frühstückstisch kamen. Draußen war es noch stockdunkel, aber das Speisezimmer war wieder heimelig beleuchtet und hübsch dekoriert. Was Frau Merry an Essen herbeigezauberte, ließ keinen Wunsch offen. Es gab Speck und Eier und Bratkartoffeln und Brot. Dafür, dass der Nordpol so weit ab vom Schuss liegt, konnte man sich über die Auswahl weiß Gott nicht beklagen. Wie machten sie das bloß? Oder ließen sie sich alles von Bofrost liefen?

So tolles Frühstück macht uns die Putze nie

Bei der Unterhaltung stellte sich heraus, warum wir diesmal die einzigen Helfer waren, obwohl der Weihnachtsmann ja eine Anzeige geschaltet hatte und man daher annehmen konnte, dass sich weit mehr Bewerber gemeldet hätten. Doch irgendwas muss schiefgelaufen sein, wahrscheinlich wegen der falschen E-Mail-Adresse, denn die hatte der Pilot Sven angegeben, weil es beim Weihnachtsmann kein Internet gibt und Sven daher vom Festland ausgeholfen hatte – leider total vermurkst.
„Na, dann müssen wir jetzt eben doppelt und dreifach in die Hände spucken“, hat die Mia gemeint  (ausgerechnet die). „Jetzt liegt alle Verantwortung auf unsern Schultern.“
Und dann hat sie noch dazugesülzt:
„Sie können ganz auf uns vertrauen, Herr Weihnachtsmann. Wir sind harte Arbeit gewohnt.“

Aber zuerst sollten wir uns ein wenig mit der Umgebung vertraut machen, hat der Weihnachtsmann vorgeschlagen. Hier am Nordpol bliebe es im Winter nicht lange hell, daher sollten wir am besten gleich nach draußen gehen und uns ein wenig umschauen, solange wir noch was sähen.
„Soll ich euch eins der Rentiere mitgeben zur Orientierung?“
„Och nö, nicht nötig“, hat der Karlsson geprahlt. „Ich als Hund finde jeden Weg zurück.“

Kurze Zeit später standen wir vor der Tür: die Cora in ihrem rosa Kamel-Ensemble, die Mia mit ihrem Streifenponcho, der Karlsson mit seinem Seppelhut und der Pit mit seiner Provianttüte. Nur ich ging in nature. Leider hatte es über Nacht kräftig geschneit. Die Schneedecke lag hoch – zu hoch, um bequem voranzukommen. Ein Weg war nicht zu erkennen. Trotzdem ist der Karlsson mutig vorangehoppelt – und war komplett in der weißen Schicht verschwunden. So hatte das keinen Zweck. Der Pit ist zurück ins Haus gegangen. Nach einer kurzen Wartezeit hielt ein Rentier vor uns. Es trug ein Geschirr und eine Art Satteltasche. Der Pit nahm in der linken Platz und ich mit den Mädels in der rechten. Der Karlsson legte sich oben auf den Rücken und steuerte das Ganze. Zwar kamen wir nur mühsam voran, aber immerhin. Die Satteltaschen waren gefüttert und schön warm.

Nachdem wir eine gute Zeit vor uns hin getrottet waren, offenbarte sich ein interessanter Blick auf unsere Herberge. Das Haus des Weihnachtsmanns stand inmitten eines Tannenwäldchens auf dem platten Land. Ein paar niedrige Masten mit Draht verrieten, dass es Telefon gab (wie sonst hätte die Mia auch mit dem Weihnachtsmann verhandeln können?). Das war aber auch schon alles an Zivilisation.


Begegnet sind wir niemandem, außer einigen Rentieren, die in kleinen Herden herumstanden.
„Sind das Verwandte von dir?“, hat die Mia nach vorn gebrüllt, aber unser Gefährt hat nicht geantwortet.
Je weiter wir uns vom Haus entfernten, desto hügeliger und unaufgeräumter wurde es. Niedrige kahle Baumreihen kamen zum Vorschein


Gern hätten wir noch andere Einheimische getroffen, denn der viele Schnee war auf die Dauer etwas eintönig. Es sollte doch Schneefüchse am Polarkreis geben


… und Eisbären


… und Pinguine


Aber wahrscheinlich waren wir nicht nah genug am Wasser. Fürs Erste reichte unser kleiner Ausflug völlig aus. Der Wind wehte eisig trotz warmer Füße in der Satteltasche. Es kam mir vor, als hätte ich einen Schlag vor die Stirn gekriegt, so unelastisch waren meine Federn geworden, und auch dem Pit hingen Eistropfen in den Barthaaren. Beim Karlsson war's genau umgekehrt. Er hatte unter seinem Seppelhut einen schön warmen Kopf, fühlte sich aber unten herum leicht belästigt von kneifender Kälte. Tja, das holsteinische Sommerfell reichte eben nicht aus gegen den arktischen Angriff. Nur den Mädels ging es rundherum gut. Sie hatten sich in Schal und Topflappenponcho eingemummelt und schwärmten, wie toll es wäre, wenn gleich eine Shopping Mall auftauchen täte und man einen heißen Tee trinken und Zimtsterne essen könne. Als wir umkehrten, ging die Sonne gerade unter.

Bei uns in Hannover sieht es abends anders aus

In der Tat, lange blieb es wirklich nicht hell am Nordpol. Gott sei Dank kam bald unser Haus wieder in Sicht. Frau Merry wartete mit einem Imbiss auf uns. Es gab Tee mit Muffins. Den Karlsson hatten wir auf die Ofenbank gelegt, damit er auftaute. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder bewegen konnte. Die Cora brachte ihm ein Frankfurter Würstchen, während wir andern am Tisch saßen und unsern Herbergseltern berichteten, was wir unterwegs gesehen hatten. Ja, was hatten wir eigentlich gesehen? Bäume, Rentiere und viel Schnee. Das war's.
„Ja, man muss die Einsamkeit mögen, wenn man hier lebt“, hat der Weihnachtsmann gesagt.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
           Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
           Karlsson © Terrierhausen

          Erdkugel, Norwegen, Luftaufnahme, Kamin, Sofa, Osso buco, Frühstück, Haus, Rentiere, Polarfuchs, Eisbär
          Pinguine, Sonnenuntergang, Muffins, Weihnachtsmützen: Pixabay

© Max: Papageiengeschichten
 

Kommentare :

  1. Pinguine?? Max - du grüner Chronist hast wieder zu tief ins Rumfass geschaut, oder war es der Sauerkrautsaft...

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    1. Ja, eben - es waren ja keine da. Müsstest du ja am besten wissen.

      Sag mal, Karlsson, siehst du hier die eingefügten Fotos? Ich nicht. Dafür kann ich aber nix. Bei euch auf dem Blog und auf andern Google-Blogs sind sie auch verschwunden. Müssen wir halt warten, bis sie wieder da sind.

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  2. Natürlich gibt es am Nordpol Pinguine. Der Weihnachtsmann hat sie doch extra einfliegen lassen um den Max zu verwirren.
    Übrigens sind alle Bilder zu sehen.

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    1. Du bist so gemein, Cora. Das habe ich doch in der Schule gelernt, das mit den Pinguinen am Nordpol.

      Aber gut, dass wenigstens ihr die Fotos seht.

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