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Harald, unser tapferer Teichdepp |
Im Sommer ist es mir meistens zu heiß. Abgesehen davon gefielen mir die letzten Wochen aber ausgesprochen gut. Die Mia war den ganzen Tag mit ihrem Frischkäse unterwegs, baden im Ententeich. Das heißt, er ist geschwommen und die Mia hat am Ufer gelegen mit dem Baseball-Käppi über der Birne und 'ner Tupperdose mit Melonenhäppchen auf der Decke. Von den beiden habe ich den ganzen Tag nichts gesehen.
Auch die Matschfalter waren weg. In Urlaub. Bei Roosevelts Schwester in Braunlage im Harz. Die lebt doch dort auf 'ner Ökogurkenfarm. Aber wer jetzt denkt, da täte Verwandtschaft bestehen zu meinem Freund Grunzer, dem Ökogurkensepp aus Franken, der irrt. Die weltanschauliche Ausrichtung auf wässriges Langgemüse ist reiner Zufall. Sonst haben sie nichts gemein; sie kennen sich noch nicht mal, und das ist auch gut so, denn wer will schon mit Fledermäusen zu tun haben?
Der Balkon gehörte ganz allein mir. Seit ich von außen eine Jalousie und ein einfaches Schiebeschloss an die Balkontür gemacht hatte, war ich auch noch die Putze los. Niemand tat mich stören. Ich habe im Schatten zwischen den Tomatenstauden gesessen, Mickey-Maus-Hefte gelesen oder mit den Tortellini aus dem Vorratsschrank den Dachtauben Schwung in die Mobilität gezaubert. Ab und zu dann 'ne Cola aus der Kühltasche und 'n Capri-Eis dazu – aaaah, was braucht man mehr zum Leben?
Alles hätte so schön sein können, gern noch länger, aber, na klar, wie immer, irgendein Idiot grätscht einem in den Frieden. Das Telefon klingelte. Die Cora war dran. Ob ich wissen täte, wo der Paule sei.
Der Paule? Wieso?
Ja, der Paule.
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Chantal |
Ihr persönlich wär es ja egal, ob er sich in Afrika mit Wasserbüffeln streiten täte oder sich mit seiner Hulda, dieser Frisuren-Chantal aus Ostfriesland, an Aktionen zur Trockenlegung der Wolga beteiligt. Dann sei er wenigstens außer Sicht, der alte Angeber. Aber ihrer Mama, der Tante Gisela, würden allmählich die Nerven durchgehen, und das sei nun wirklich ein bisseken viel an abverlangtem Gleichmut. Immer nur trübsinnig dahocken, traumatisch aufstoßen, „Wo ist mein Paule?“ jammern und obendrein statt Körner zu servieren die Seramis-Kügelchen in den Fressnapf schütten – davon hätte die Cora schon massiv Sodbrennen an der Laune; das sollt ich mal glauben.
Einmal wär die Tante Gisela sogar in Schlappen (!) die Badeanstalten abklappern gegangen auf der Suche nach einem niedrigen Grünstänkerer mit 'nem Holzschild im Flügel: „Wasser macht Schwabbelhaut“. Die Tierambulanzen hat sie gleich auch mit abgegrast, ob dort ein Papagei eingeliefert worden sei mit blauem Auge oder verprügelter Schädeldecke. Seitdem muss die Cora jeden Morgen der Tante Gisela die Wäsche rauslegen und den Toast aufs Brettchen stapeln. Das Fotoalbum mit Paules Bildern hat sie unter der Badewanne hinter der Fliesenblende versteckt. Das heißt, das Album ging nicht mit rein, nur die Fotos.
Jetzt hätte sie's endgültig satt, meint die Cora. Ihr stehe die Galle bis zum Heiligenschein. Der Paule soll sich wieder heimmachen, aber zack-zack.
„Max, sag du ihm das. Mir antwortet er nicht.“
Wieso ich? Was hab ich mit dem Paule zu schaffen? Das Letzte, was ich von ihm gehört hatte, war
sein Ausflug mit der Chantal nach Rom. Okay, die Cora war ja der Meinung, es hätte sich ohnehin nur um Köln gehandelt. Dahingegen meint die Knochenfrau, also die Mama von Ole und Piet, dass die beiden ihre Fotos aus Paris geschickt hätten. Ja, was denn nu? Auf den Fotos jedenfalls lebte der Paule noch. Er sah gesund aus, und der Rest geht mich nichts an.
„Max, du tust mir doch den Gefallen, nicht?“
Schon war die Cora wieder weg. Keine Zeit, keine Zeit! Sie hätte noch Joghurteis im Gefrierfach. Das wolle sie der Tante Gisela langsam einlöffeln.
Ich habe hin und her überlegt, ob ich mich wirklich in fremde Familienangelegenheiten mischen soll. Indiskretion und Neugier waren noch nie meine Sache. Andererseits: Ich weiß doch, wie nervig plärrende Menschenweiber sind. Denen kriegt man das Geheule nicht mal mit Noisette-Schokolade aus den hohen Frequenzen, wenn sie sich erst mal an irgendeiner Schwurbelei festgebissen haben. Arme Cora. Das hatte sie tatsächlich nicht verdient. Also habe ich eine SMS geschrieben. Am nächsten Morgen war eine Mail in meinem Postfach.
Ihm gehe es gut, schrieb der Paule (aber da hatte die Tante Gisela ja auch noch nicht seine Abrechnungen von der geklauten Kreditkarte gesehen). Die Chantal sei noch immer total süß. So verliebt! So verliebt! Italien noch immer klasse. Leckeres Essen und wenig Wasser von oben. Sie hätten sich viel angeguckt, den Kilimandscharo zum Beispiel … oder wie heißt noch mal der spuckende Berg von Troja? Ja, richtig … Venus. Den hätten sie sich angeguckt. Und den Strand von Rimini. Und den Schinken von Padua.
In bella Italia könnten sie ewig bleiben: das „reläkst wiwre“ pur. Deshalb hätten sie sich schon mal nach Jobs umgeguckt: die Chantal in einer Eisdiele und der Paule beim Pizzabäcker. Doch der Gelati-Heinz hätte gemeint, man solle ihm nicht böse sein, aber die Chantal als Flokati-Henne täte eher Assoziationen nach Rührei mit Gnocchi wecken, jedenfalls nicht nach 'ner frischen Eistüte zwischendurch. Dem Paule wiederum sind nach einem Tag Löcher in den Pizzateig stanzen die Futterklappen heiß geglüht. Die Chantal war beleidigt, der Paule musste einen Korken mit Salbe auf dem Schnabel tragen. Am Ende haben sie dann einen sympathischen Kerl mit Yachthafen kennen gelernt:
Harvey Kardoupoulous, Fleischwurstfabrikant aus Kreta.
Der hat sie mitgenommen, einmal die Adria rauf, wieder runter, rechts abbiegen, an Sizilien vorbei, an Sardinien vorbei, hinauf bis nach St. Tropez. Dort haben sie billig futtern können an Bord. Der Chantal hat's gefallen, dem Paule weniger. 40 Gramm hat er abgenommen und seitdem einen Rochus auf Takelage. Dort kriege man immer so fies das Gefieder aufgebläht, meint er.
Währenddessen hätte die Chantal nebenan mit der griechischen Fleischwurst die Schampusgläser angestoßen und dazu so perlend gelacht, wie Frauen es immer tun, wenn sie verbergen wollen, dass sie im Grunde strunzdumme Puten sind. Als es endlich an Land gehen sollte am blauen Kot und Paule schon dankbar am Kai gestanden habe, hätte die Chantal ihm von oben (aus kretischer Prankenumarmung) ein freundliches „Ciao-ciao-poulous“ zugewinkt. Daraufhin wäre der Paule ohnmächtig geworden, und seitdem sind er und die Chantal wieder ein Paar.
Ich glaube, diese Erlebnisse waren der Grund, dass ich nicht lange zu reden brauchte. Der Paule war einfach zermürbt, müde an Sonne und Heimatlosigkeit. Ihm hing schon längst das „Prego“ und „Grazie“ zum Hals raus, das toskanische Mandelgebäck und die ligurische Minestrone. Er hat es nur nicht zugeben wollen.
„Komm sofort nach Hause!“, hab ich geschrieben.
„Ja“, war seine Antwort.
Nur heim zur Cora, zu seiner Mama und zum piefigen Alltag zwischen Volierengehocke, Seemannsliedern aus dem Radio und Transparente kleben gegen den ungesunden Zulauf in die Ruhrpott-Freibäder, das wolle er nicht. Er täte noch ein bisschen was vorhaben mit der Chantal (und die besäße außerdem die einzige noch gültige Kreditkarte).
Zwei Wochen später kriegte ich Fotos geschickt. Von ihrer Bäderreise, hieß es. Sie täten die Kurorte besuchen. Da gäbe es immer was zu gucken und auch mal 'ne Massage für billig, wenn man außerhalb der üblichen Öffnungszeiten käme. Ich könne der Cora und der Tante Gisela schon mal Bescheid sagen – sie wären wieder in Deutschland. Schöne Grüße und bis bald.
Ich bin beeindruckt. Der Paule hat auf mich gehört. Der Paule ist solide geworden. Der Paule macht jetzt Trinkkur in Bad Pyrmont. Kaum zu glauben, aber seht selbst:
Hier mit dem Heilbäderkomplex von Bad Säckingen im Hintergrund.
Das Freiluft-Domino-Spiel im Kurpark von Bad Iburg.
Die Chantal in der Einkaufspassage von Bad Oeyhausen.
Gut, dass mal keiner der beiden ins Bild gelatscht ist. Das herrliche Blau der flotten Kerls (Ort hab ich vergessen) hätte mit grünem oder kackbraunem Fleck massiv an Wirkung verloren.
Noch mal eine andere Ansicht ohne farbliche Störung: Bad Homburg im Taunus. Vorne links die Trinkhalle.
Paule vor interessantem Dachmuster. In Bad Wilsnack in Brandenburg sind alle Häuser so gedeckt, habe ich mir sagen lassen. Jedenfalls die älteren und die mit Schnörkel an der Fassade.
Das Braune in der Mitte ist nicht etwa ein Grillhähnchen mit Sahnehäubchen und Kirsche auf dem Kopf. Es ist die Chantal im Shopping-Loft von Bad … ja, Mensch, wo war das noch gleich? Dass die da nicht mal das Unkraut aus den Säulen pulen können – wie sieht das denn aus?
Hier die Chantal vor den Toren von Bad Elster. Dort kann man eine Fabrik für moderne Großfenster besichtigen. Ich wäre allerdings nicht extra hingelatscht. Fenster kann ich mir auch zu Hause angucken.
Am Strand liegen waren die beiden natürlich auch, in Bad Doberan an der Ostsee. Zufällig hatte gerade ein Sandkünstler sein Werk vollendet. Rechts ist eine Burg zu sehen und links 'ne komische Magd mit 'nem dümmlich grinsenden Drachen. „Woher kennst du denn die Frau Gisela und die Cora?“, hat die Chantal gefragt. Als ich das der Cora am Telefon erzählte, war nur noch ein angsteinflößendes Grunzen zu hören. Klang wie Ferkel im Stimmbruch, war aber immer noch die Cora.
Wenigstens das Wetter war gut. Eigentlich haben es Kurorte nicht so gern, wenn man als Vogel auf den Denkmälern herumturnt. Manche Vögel sind ja leider etwas inkontinent. Der Paule hat aber nichts gesagt, dass diesbezüglich Klagen aus Bad Lauterberg gekommen wären.
In Bad Kissingen ist nachts wohl nicht viel los, was? Dabei kann sich der Bahnhofsvorplatz durchaus sehen lassen, finde ich. Entdeckt jemand den Paule? Dort in der Mitte unter den Arkaden, der gelbgrüne Popel, das ist er.
Dagegen mit dem Netzplan für den öffentlichen Nahverkehr in Bad Fallingbostel ist der Paule nicht so gut klargekommen. Er bevorzugt simple Fahrpläne auf Papier.
Kaputtes – warum fotografiert man das? Und warum räumen die von der Kurverwaltung das morsche Zeug nicht mal weg? Wie schön könnte man dort ein Einkaufszentrum hinbauen.
In Bad Zwischenahn haben die beiden Folienkartoffeln mit Shrimps gefuttert. Im Hintergrund ist das Steinhuder Meer zu sehen.
Noch mal am Steinhuder Meer. Findet ihr nicht auch, dass die Chantal irgendwie immer gleich aussieht? Gnihihi.
Die Fotos habe ich selbstverständlich gleich nach Duisburg weitergeleitet – damit die Tante Gisela wieder rund lief und die Cora aufatmen konnte. Das Ganze ist ja nun auch schon wieder ein paar Tage her. Seitdem habe ich noch nichts wieder gehört. Ich bin gespannt, ob sich der Paule schon nach Hause getraut hat. Und ob er die Chantal mitgenommen hat. Und wenn ja, ob sie noch ihren Kopf auf dem Hals trägt. Die Cora kann nämlich schreien, da mutieren sogar Betonpfeiler zu niedlichen Biscuitrollen.
Originalfotos Paule und Chantal: © G. H.
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