Dienstag, 1. Februar 2011

Das Rechtschreibe-Internat

Ich bin sehr enttäuscht. Ihr kennt mich schon lange, trotzdem gibt es mehr als einen ungläubigen Thomas unter euch. Sie machen Behauptung, dass ich gar nicht wegen korrektem Deutsch im Internat war, sondern Haft in einer Besserungsanstalt abgesessen hätte. Das ist infam! Das ist Lüge! Nur meine gute Erziehung gibt mir Hinderung, hier Namen zu nennen. Ich sag nur eins: Der Verbreiter fängt mit demselben Buchstaben an wie „Gurke“, hört mit „r“ auf und hat dazwischen so was wie eine Maßeinheit für Gold.

Die Cora hat mich gefragt, ob meine Mama Bestechung bezahlt hätte, damit sie mich zu den andern ins Klassenzimmer ließen, der Rory hat sich nach dem Zustand der Schlafräume und der Küche erkundigt, nachdem ich weg war, und der Coco, diese Schnapsqualle, hat gemeint, ich wäre ja nur  auf ‘ne alberne Käferschule gegangen. Unglaublich … Käferschule. Das sagt einer, der sich Kirschlikör aufs Brötchen plörrt und dann behauptet, es wäre Johannesbeergelee.

Für alle Zweifler, hier ist der Beweis, mein Abgangszeugnis:
 
Das Internat lag mitten im Wald wegen guter Frischluft und Ablenkungsverhinderung. Aber nicht dass jetzt einer kommt von wegen „Baumschule“ und so. Zugelassen waren nur Schüler, die Fähigkeit mitbrachten, einen Bleistift zu halten. Da fielen schon mal die Fische raus und auch die Elefanten, die Delphine, die Wale und die Schnecken. Die Akademie muss deswegen mit dem Vorwurf zurechtkommen, sie täten fiese Artendiskriminierung betreiben, aber ich finde das nicht, weil trotzdem jede Menge doofer Frettchen, Silbermöwen und Langusten dort waren. Außerdem gibt es immer einen gewissen Prozentsatz von Ausnahmen. Das nennt man Quote.  In meinem Fall … nein … als ich dort war – soooo muss es heißen -, handelte es sich um eine Schildkröte. Sie durfte ausnahmsweise auf dem Laptop schreiben. Langsam war sie trotzdem. Wir haben sie morgens auf den Rücken gedreht und mit dem Panzer über die Fliesen geschoben, sonst hätte sie schon um Mitternacht losgehen müssen, um am Morgen pünktlich zu sein. Ich habe ihr immer meine Tomaten und Karotten geschenkt. Sie fand das lecker, aber mir macht das ja Pickel am Schnabel. Auf Wanderung brauchte sie nicht mitzukommen, und beim Frühsport ist sie jeden Morgen ganz allein im Hof zweimal um den Pflanzbottich gelatscht. Dafür war sie gut im Gedichtaufsagen. Die „Glocke“ von Friedhelm Schiller hat sie so toll mit Mimik und Patros und Gefuchtele aufgeführt, dass man denken tat, man wäre im Theater. 

Die Bleistiftprüfung
Wir hatten auch täglich Schauspielkurs. Bei der Abschlussaufführung war ich eine Sonnenblume von Peter Pan. Ich hatte ein Drahtgestell mit gelben Waschlappen ums Gesicht und  brauchte nur dazustehen und ein bisschen zu schaukeln wegen wippen im Wind. Das Unterteil, also den Stängel, hat man sich sparen können, weil ich ja sowieso grün bin. Unsere Frau Direktorin fand das sehr praktisch.

Jeden Tag hatten wir Unterricht: in Grammatik, in Rechtschreibung, in Komma und Punkt, in Diktat, in Aufsatz, in Lesen und in Fremdwörtern. Dazu durfte sich jeder noch was aussuchen für freiwillig. Es mussten mindestens zwei Kurse sein, aber weniger als zehn. Wie gesagt, mein Herz tat für Schauspiel schlagen. Das liegt mir mehr, als meine Alpträume in Wachs zu kneten oder mit einem Hämmerchen aufs Xylophon zu kloppen. Als zweiten Kurs hatte ich "Tischabräumen" gewählt, doch da hat die Lehrerin gesagt, das täte nicht gelten, weil das ohnehin Pflicht wäre für alle, genauso wie Bettenmachen und den Hof harken. Den Kurs „Autoquartett“ gab’s aber nicht, da habe ich „Excel-Tabelle“ genommen. Ich weiß jetzt, wie man aus lauter „m“s einen prima Tannenbaum tippt. Unser Lehrer hat die Augen aufgerissen vor Begeisterung.

Vormittags war Schule, dann gab’s Mittagessen, dann war Verdauungspause, dann Schularbeiten, dann freiwilliger Kurs, Abendessen, Freizeit bis neun und schließlich Licht aus. Wir waren sechs auf der Stube: ich, ein Ferkel, ein Kater, ein Goldhamster, eine Thomson-Gazelle (Gastschüler aus Namibia) und ein Mops. Der hat dauernd geschnarcht. Erst habe ich ihn unter die Kommode gequetscht, aber als das nichts helfen tat, hat er die Nächte aufm Klo verbracht. Es ist nie rausgekommen, wer ihn eingesperrt hat, obwohl ich mich an der Aufklärung beteiligt hatte. Ich kann es nämlich nicht leiden, wenn jemandem Mobberei gemacht wird, nur weil er unsäglich nervt.

Sonntags war erst Kirche mit Singen und Ansprache. Nach dem Mittagessen kriegten wir Wurstbrote in den Rucksack und mussten Wanderung absolvieren. Uns wurden Berge von Riesensteinen gezeigt, eine kaputte Burg, ein kleines Wehr und jede Menge Ameisenhaufen und Kräuterbüschel.

Die Mia war auch nicht mit auf den Singmärschen. Sie brauchte das nicht, weil sie zu den Premium-Schülern gehörte. Das war ihre Bedingung gewesen, sonst wäre sie gar nicht erst mitgekommen, und dann hätte auch ich nicht ins Internat gehen können, weil die Mama ja vorschreibt, dass wir nur zu zweit verreisen. Die Mia wohnte im Mädchentrakt. Nur zum Essen haben wir uns gesehen und bei der Freizeit im Fernsehraum. Die restliche Zeit hat sie sich mit ihrem Weiberkram beschäftigt: mit Anleitung zum Kastanienshampoo zusammenrühren, mit Glitzerketten auffädeln, Häkelschals murksen, ein bisschen Kunst, ein bisschen Musik. Das war dann Collage kleben aus Deo-Werbung und mitbrummen zu James Blunt.

In der Bibliothek
Einmal habe ich durchs Fenster geguckt. Da lag die Mia im Klappsessel, aufm Gesicht lauter Wattebäuschchen und von den Beinen baumelten weiße Lappen. Beim Abendbrot tat sie müffeln wie ‘n Drogeriegroßmarkt. Die Federn waren derart dolle imprägniert mit Weichspüler oder was, dass die Mia nicht merken tat, wie ihr mein Kumpel Odin, der Steinadler, die Bratensoße in den Schwanz massierte. Zum Schluss kamen noch zwei Scheiben Bratkartoffeln drauf. Das sah fast so schön aus wie ‘n Brautschleier. Das Nachsitzen in der Krankenzelle haben wir uns brüderlich geteilt. Der Odin hat Schwalbenwitze erzählt und ich habe vorgemacht, wie Amazonenhennen den Hintern über die Stange schubbern, sobald das Juckpulver seine Aufgabe erfüllt. Vögel sind halt immer noch die besten Freunde. Fellträgern und Schwartenkerlen fehlen einfach Humor und Verständnis für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

Im Internat hat die Mia ihre Liebe zum Geocaching entdeckt. Eine rothaarige Dackeltante hat sie angestiftet. Ich hätte ja nie geglaubt, dass ausgerechnet die Mia mit ihrem Schickimicki-Getue freiwilliges Kriechen im Gebüsch machen täte, aber sie war voller Begeisterung und hat sogar der Mama geschrieben, sie soll ihr den alten Jogginganzug schicken, damit ihr teures „Harald & Manfred-Shirt nichts abbekäme. Die Mia hat doch glatt in Maulwurfshügeln herumgebuddelt. Am nächsten Vormittag war dann wieder Maniküre im Schminkkurs dran. Ich glaube, der Odin war ein bisschen in die Mia verliebt. Doch als sie ihn einmal „kleiner Puschelgeier“ genannt hat, ist er ganz schnell wieder in Normalität zurückgeklinkt. Beim Wettspucken mit Blaubeerkompott hat er mich ganz knapp geschlagen.

Nach acht Wochen war der Sommerkurs vorbei. Schade eigentlich, weil mir die Diktate gut gefallen taten. Es war mal was anderes als das viele intellektuell, was ich von daheim gewohnt bin. Nur dass wir „Nils Holgersson“ lesen mussten, fand ich doof. Gänse, die sich für Menschentransport hergeben, sind nicht repräsentativ. Da kommen Dagobert Duck und Gustav Gans weit eher hin. Es ist erschreckend, wie wenig die Welt über Vögel weiß.

Also was ist nun? Glaubt ihr mir jetzt meine Fortbildung? Im Übrigen würde mich interessiren, was ihr so für eure Bildung tut. In der Yucca-Palme hocken mit der Cola-Pulle in der Kralle fällt nicht darunter. Ich höre. Der gute Onkel Max nimmt täglich von 0.00 bis 24.00 Uhr eure Beichte ab. Ihr braucht euch nicht mal anzumelden.

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Ich glaube dir, lieber Max!
    (Und die Erde ist eine Scheibe)

    AntwortenLöschen
  2. Danke, Cora.

    Ich wusste doch, dass du empfänglich bist für wissenschaftliches Argument.

    AntwortenLöschen