Dienstag, 23. August 2016

La isla bonita (9. Teil)

Wir haben uns nicht gerührt in unserm Versteck im Grünzug. Auf dem Piratenschiff tat sich lange nichts, dann kam ein Boot angerudert, direkt auf unsern Lagerplatz zu. Die Meinungen gingen auseinander, was davon zu halten sei. Die Stimmen reichten von „Auch unter Seeräubern gibt’s gute Menschen“ bis zu „Die machen Gulasch aus uns.“ Also haben wir erst mal alles beim Alten belassen und uns weiterhin unsichtbar zu halten versucht.
„Tu bloß deine Digicam weg, sonst spiegelt die sich noch und verrät uns“, hat der Luke mir befohlen.

Seht ihr uns, dort vorn im Versteck? Nein? Dann war es ein gutes Versteck

Und jetzt? Wir sind dort,
wo der Pfeil hinzeigt
Wenig später konnten wir beobachten, wie drei Männer an Land kamen. Sie trugen Bärte und hatten eine Art Säbel am Hosenbund. Einer holte ein langes Fernrohr hervor und suchte die Umgebung ab, während ein anderer ein Papier entrollte und draufschaute.

Wir drückten uns noch platter hinters Gebüsch. Was die wohl wollten? Vielleicht einen geeigneten Platz finden, um was zu vergraben? Oder umgekehrt den Ort wiederfinden, wo sie schon was vergraben hatten?

Gleich darauf war unser Lagerplatz entdeckt. Erst gingen sie um unser erloschenes Lagerfeuer und den Palmwedel herum, dann waren sie am Ruderboot. Wir hielten den Atem an. Ich musste dringend aufs Klo. Dem Karlsson standen die Klappohren zum Dreieck in die Höhe, der Cora waren vor Aufregung die Schwanzfedern ins Vibrieren geraten. 

Als der Anführer Mias pinkfarbene Strandtasche in den Pranken drehte und obendrein das goldene Schminktäschchen mit den Samtbommeln hervorholte und es lange anstarrte, kam plötzlich Bewegung ins Spiel. Ich dachte, ich seh nicht recht. Vor uns teilte sich das Gebüsch. Die Mia, die dumme Nuss, hat sich durch die Lücke gequetscht, ist mit ihren kurzen Beinen eiligst auf die Piraten zugerannt, hat gefuchtelt und  geschrien:
„Geben Sie sofort mein Eigentum her, Sie Wüstling, Sie!“

Nur zwei Sekunden später ist der Luke gestartet, sofort hinterher, vermutlich um die Mia zu retten. Und wieder eine Sekunde darauf hat der Karlsson zum Sprint angesetzt. Ich konnte ihm gerade noch hinterherbrüllen, dass er dableiben soll, aber da wurde ich schon von der Cora in die Seite gepufft:
„Biste verrückt? Du verrätst uns noch!“

Da rennt er, der Held

Da hatte sie allerdings recht. Ein gutes Versteck gibt man nicht ohne Not preis, und den drei Deppen, die sich da zur Weltverbesserung aufgemacht hatten, war eh nicht mehr zu helfen. Wir hörten nur Gequieke und Gejaule, Gefauche, Gefluche und Gebell. Zu sehen war nicht viel außer aufgewirbeltem Sand und allerlei Körperteile und Kleidungstücke, die sich in ständiger Bewegung neu zusammensetzten wie die Lose in der Tombolatrommel. 

Ich
Keine Ahnung, wie lange das so ging, jedenfalls war irgendwann Ruhe. Ich habe den Hals gereckt, um besser sehen zu können. Die drei Männer kehrten zurück zu ihrem Ruderboot. Den Karlsson hatten sie am Strick dabei. Weil er sich heftig wehren tat und dauernd mit den Vorderpfoten in die Bremseisen stieg, mussten sie ihn hinter sich herschleifen. Eine tiefe Spur im Sand zeugte von seinem Elend. Den Luke und die Mia haben wir nicht gesehen. Vermutlich waren sie kaltgestellt und irgendwo verstaut und verschnürt. Die beiden Strandtaschen der Mia und der Cora landeten ebenfalls im Boot, auch die Tupperdose und die beiden Wasserflaschen. Dann wurde angeschubst und die Delegation  machte sich auf in Richtung Schiff.

Oh-ha, das war ja 'ne schöne Scheiße. Gut, dass wenigstens die Cora und ich so klug gewesen waren, uns nicht einzumischen. So waren wenigstens zwei Zeugen übrig, die bestätigen konnten, wer alles im Gulasch landen würde. Andererseits sahen wir ohne die andern ziemlich alt aus. Nur mit der Duisburger Schnatterhenne allein die nächsten dreißig Jahre Kokosnüsse aufzuhacken und für jeden Schluck Trinkwasser zur Quelle latschen zu müssen, das war keine schöne Aussicht.
„Meinst du, ich bin scharf darauf, mit dir hier zu versauern, du Eierkopp?“, hat die Cora gekeift.
Jetzt, wo alle weg waren, tat das ja nichts, wenn sie laut wurde. 

Bei schönem Wetter sah das Piratenschiff gar nicht so gefährlich aus

Wir haben noch ein bisschen gewartet, bis wir dachten, dass man sich auf dem Schiff jetzt eingerichtet hätte, dann sind wir losgeflogen. Wir hätten ja doch keine Zukunft auf er Insel gehabt, und heißt es nicht „Einer für alle, alle für einen“? Das Ruderboot war angebunden und schaukelte noch neben dem Schiff auf den Wellen. Auf Deck war niemand zu sehen, nur von unten, aus den Kajüten, drangen Stimmen nach oben. Wir haben uns vorsichtig vorangetastet. Die Cora ist in die Takelage geflogen und hat von dort geguckt. Es war tatsächlich niemand an Deck, nur 'ne Wache ganz vorn an der Reling.

Die Cora. Eben war's noch sonnig und schön

Allerdings hat sich der Karlsson wieder angefunden. Er lag neben einem Mast im Schatten, die Schnauze auf den Vorderpfoten. Wir haben ihn leise gerufen:
„Psst … Karlssoooon!“
Er hat den Kopf gehoben:
„Ihr hier?“
„Ja. Bist du okay?“
„Ja, bin ich."
„Wo sind die andern?“
„Unten, unter Deck.“

Karlsson
Wir haben erfahren, dass sie aus dem Luke einen Mäusejäger machen wollten. Er sollte das Schiff sauber halten. Und die Mia sollte dem Koch auf der Schulter sitzen, ihn unterhalten und lernen, versaute Wörter nachzuplappern. Na, super, das waren ja tolle Aussichten: der Luke als unfreiwilliger Leiharbeiter und die Mia, das Luxuspüppchen, als maritimer Wackeldackel in Piratenschweiß und Küchendunst.
Und mit dem Karlsson, was hätten sie mit ihm vor?
„Keine Ahnung. Mich haben sie hier angebunden. Dem einen habe ich in die Wade gebissen, aber so was von, das glaubt ihr nicht!“

Wir haben ihm das Seil vom Halsband gepult. Damit war er schon mal frei. Nun keine Zeit verlieren. Wenn wir noch eine Chance haben wollten, dann mussten wir verhindern, dass sie der Mia die Flügel stutzten. Das würden sie zweifellos tun, denn ohne würde die Mia ihnen ja davonfliegen. Außerdem war noch das Ruderboot da. Das mussten wir nutzen, bevor sie es raufholten.

Wir haben noch mal kurz Schnick Schnack Schnuck gemacht, um zu ermitteln, wer von uns, die Cora oder ich, in die Kajüte hinutersteigen müsste, um die nächste Rettungsaktion einzuleiten. Es hat mich getroffen. Also dann. Mit Spionage- und Befreiungsaktionen kenne ich mich inzwischen ja gut aus. Das würde ich hinkriegen.
„Viel Glück!“, hat der Karlsson geflüstert.

Cora
Unter Deck war ordentlich was los. Es war wohl gerade Essenszeit, deshalb saß die Mannschaft vor den Schüsseln und löffelte. Ich habe mich lautlos an ihnen vorbeigequetscht. Weiter hinten in einem Nebenraum fanden sich dann die drei Männer, die auf der Insel gewesen waren. Sie hatten die Strandtaschen der Mädels auf den Tisch gekippt und waren dabei, den Inhalt zu untersuchen. Keine Ahnung, was sie dachten, was ein Lippenstift sei und was man damit anstellen könne. Ununterbrochen wurde er hoch und runter gedreht. Dann wurde gelacht. Jetzt blätterte jemand in Coras Pilzführer. Es war der Pirat mit der zerrissenen Hose an der Wade. Den Zettel mit dem SOS-Ruf aus der Flaschenpost hat wohl keiner lesen können. Waren das Analphabeten?

Auf mich tat niemand achten. Ich habe wie blöd durch den Raum gestarrt. Ich war mir sicher, dass ich hier richtig war. Dann, endlich, unterm Tisch war Lukes graue Schwanzspitze zu sehen. Ich habe leise gebrüllt, so unauffällig wie möglich:
„Luuu-huuuuke! Hiiiieeer!“
Gott sei Dank hat er schnell kapiert, um was es ging. Er war nicht angebunden und auch nicht verletzt. Er ist zu mir gekommen, hinter die Tür geschlichen.
„Wo ist die Mia?“, habe ich gefragt.
„Da hinten im Schrank, eingesperrt.“
„Kannst du ihn aufmachen? Dann hauen wir ab.“

Der Schrank quietschte zwar und ich dachte, gleich würden die Kerle innehalten und alles wäre umsonst, doch der Weiberkram auf dem Tisch hatte offensichtlich eine derart erheiternde Wirkung, dass man sich nicht stören ließ. Der Luke konnte gut Türen öffnen, das hatte er zu Hause gelernt. Einmal an den Riegel gesprungen und zur Seite gedrückt, schon war die Mia befreit. Sie war noch ein wenig blind von der Dunkelheit im Schrank. Deshalb hat der Luke sie am Hals gepackt und vorsichtig im Maul weggetragen. Für eventuelle Einwände war jetzt keine Zeit. Wir mussten uns beeilen.

Mia
An der dröhnenden Essensrunde sind wir problemlos vorbeigekommen. Kurze Zeit später waren wir wieder an Deck. Die Cora und der Karlsson warteten schon.
„Gott sei Dank, da seid ihr ja wieder“, hat der Karlsson geseufzt.
Nun aber flott von Bord. Den Rest konnte die Mia wieder allein erledigen; ihre Augen hatten sich ans Licht gewöhnt. Nur ein wenig schwindelig war ihr noch von der Schräglage in Lukes Maul.
„Boah“, hat sie gesagt und sich den Nacken gerichtet.

Weit kniffliger erwies sich, den Luke und den Karlsson ins Ruderboot zu kriegen.
„Könnt ihr die Hängeleiter runterklettern?“, habe ich gefragt.
Die beiden haben sich angeschaut.
„Nö.“

Darauf war jetzt aber keine Rücksicht zu nehmen. Effektivität ging vor Zimperlichkeit. Wir haben den Luke veranlasst, dem Karlsson auf den Buckel zu steigen und sich dort gut festzuhalten. Der Karlsson wiederum musste auf die Reling klettern und sich Schritt für Schritt nach unten hangeln. Mit den Zähnen hat er sich am obersten Querseil der Hängeleiter festgehalten. Dann hat er blind mit der Hinterpfote nach Halt auf einem der unteren Seilstufen gesucht, und sobald er meinte, er stünde einigermaßen sicher, hat er kurz losgelassen und blitzschnell nach dem nächstgelegenen unteren Querseil geschnappt, um sich wieder auszubalancieren.

Luke
Junge, Junge, das war vielleicht 'ne Schweißaktion. Der Bursche hat doch so runde Pfoten, die liegen gar nicht richtig auf auf dem dünnen, wackeligen Untergrund. Die Mädels und ich sind oben geblieben, haben das Deck beobachtet, ob einer käme oder ob die Wache was merken täte. Dem Luke als Nichtschwimmer ist bestimmt der Arsch auf Grundeis gegangen bei der Aussicht, gleich abzustürzen, doch gesagt hat er nichts. Dem Karlsson glubschten vor Konzentration die Augen raus wie zwei lackierte Rumkugeln.

Der Weg nach unten dauerte ewig – doch er hat's geschafft. Der Karlsson ist unten angekommen, und zwar ohne sein Gepäck zu verlieren oder selbst abzurutschen. Das musste ihm erst mal einer nachmachen.
„Yeah!“, habe ich geflüstert und die Zehen zum Victory-Zeichen gehoben.
Die Mia und die Cora haben „Suuuuper!“ geschrien, leise natürlich.

Jetzt aber nichts wie weg. Der Luke ist ins Ruderboot gesprungen und hat die Leine losgemacht. Wir sind hinuntergeflogen und haben uns ebenfalls ins Boot gesetzt. Der Karlsson musste wieder den Außenbordmotor machen. Er ist hinter dem Ruderboot geschwommen und hat uns vor sich hergeschoben. Hoffentlich würde uns die Wache nicht noch im letzten Moment bemerken. Andererseits: Was wäre dann? Kämen sie uns nachgeschwommen oder was? Nein, wir waren bestimmt längst aus der Gefahrenzone entkommen. Vom Piratenschiff würde uns kein Unheil mehr drohen, allein deshalb nicht, weil wir uns immer weiter entfernten. Das Schiff wurde immer kleiner, bis es schließlich ganz aus der Sicht verschwunden war.

Ich konnte mir ein Zeichen des Triumphes nicht verkneifen.
„Juchhuuu!“, habe ich geschrien.
Die andern haben betreten geguckt, außer dem Karlsson, der noch immer fleißig schieben tat, jetzt allerdings langsamer.
„Was ist?“
„Öhm“, hat der Luke gesagt. „Hätten wir nicht längst an unserm Strand landen müssen? So weit entfernt hat das Schiff doch gar nicht geankert.“
Ich guckte mich um. Tatsächlich, kein Strand zu sehen, nichts Grünes, keine Palmen, nicht mal ein Strich am Horizont, nur blaues Wasser und ein wolkenloser Himmel mit hellem Sonnenschein.

Nur Wasser, Wasser, Wasser

Plötzlich ein Aufjaulen:
„Wir werden doch noch verdursten!“, hat die Mia zu plärren angefangen.
Gut, dass die Cora so versiert ist in psychologischer Betreuung. Bei einer heulenden Henne im Boot kann ich nicht arbeiten.
„Was machen wir jetzt?“, hat der Luke gefragt.
„Abwarten“, habe ich gesagt.
Der Karlsson konnte nun aufhören mit der Paddelei und wieder heraufkommen, denn wenn es kein Ziel mehr gab, das es anzusteuern galt, brauchte er seine Energien nicht unnütz zu vergeuden. Er kam ins Boot geplumpst.
„Boah, was bin ich kaputt“, hat er gejapst. 

Jetzt waren die Wolken anders

Dann sind wir ziellos umhergetrieben. Wir haben gedöst und geschlafen. Die Mia hatte sich auch wieder beruhigt und war nun am Singen. Das Schlumpflied hat sie zusammen mit der Cora gegrölt. Am liebsten hätte ich die beiden über Bord bekippt. Das war ja nicht zum Aushalten. Wenig später ist es dann sogar noch kalt und zugig geworden. Jetzt auch noch frieren, na, Mahlzeit. Die Sonne war weg, der Himmel trübte sich ein.
„Regen?“, hat der Karlsson gemeckert.
Der war froh, dass er gerade trocken war.

Es kam sogar noch schlimmer: Nebel. Plötzlich war er da, dicht wie in der Dusche. Man konnte seinen eigenen Flügel nicht vor Augen sehen. Schließlich machte es rumms und unser Boot schrammte irgendwo gegen. Die Mia ist vom Sitz geflogen und dem Karlsson an die Brust geknallt.  Eine Stimme war zu hören:
„Max? … Luke? … Cora? … Mia? … Karlsson?“

War es zu fassen? Das war ja der Pit!

Wir haben uns gefreut, ihn zu sehen

Langsam begann sich der Nebel zu lichten. Dahinter kam die „Princess Graziella“ zum Vorschein. An der Reling hing ein Cornedbeef-farbener Katerkopf. Er tat ärgerlich blicken:
„Da seid ihr ja endlich! Gebt doch Antwort, wenn man euch ruft!“
Wir wurden von einem Besatzungsmitglied einzeln aus dem Boot gehoben und die Strickleiter hochgetragen. Als alle oben angekommen waren, ging das Donnerwetter los. Der Pit konnte sich gar nicht mehr einkriegen:
„Mensch, ich warte hier wie doof und nicht abgeholt und ihr lasst mich hier in den Nebel brüllen wie 'n Idiot.“
„Ja … äh … wie lange rufst du denn schon?“, hat die Cora gefragt.
„'ne Viertelstunde – mindestens.“
„'ne Viertelstunde?“
Wir haben uns angeschaut.
„Ja, ganz recht“, hat der Pit insistiert. „Der Käptn hatte gerade nach euch suchen lassen wollen, aber ich habe gesagt, er soll noch warten; die fahren nicht ohne mich zum Inselausflug. Es ist jetzt genau 11.35 Uhr.“
„Welcher Tag?“
„Wie … welcher Tag? Derselbe wie heute morgen natürlich.“
Darauf wusste keiner eine gute Antwort zu geben.

„Was nu?“, hat der Pit wieder angefangen. „Machen wir jetzt den Strandausflug oder nicht?“
„Nö, lass man“, habe ich gesagt „Wenn ich's mir recht überlege, habe ich keine Lust mehr dazu.“
Die andern haben genickt. Wir sind in unsere Kabine gegangen. Der Pit kam hinterhergedackelt.
„Ihr seid vielleicht Luschen. Erst unbedingt diesen blöden Ausflug machen wollen, und dann ist er plötzlich doch nicht so wichtig.“

Wir haben ihn labern lassen. Dass wir kein Gepäck mehr dabei hatten, ist ihm wohl gar nicht aufgefallen. Was die Mannschaft zu dem fremden Ruderboot gesagt hat, wissen wir ebenfalls nicht, weil wir nicht danach gefragt haben und wir auch nicht darauf angesprochen wurden. Wir waren heilfroh, dass wir wieder bekannten Boden unter den Füßen hatten.
„Als Erstes gehe ich mal in die Küche und bestell einen ordentlichen Imbiss“, hat der Karlsson verkündet.
Das war eine sehr gute Idee. Vier Leuten gefiel das, dem fünften steckte ein „Häh?“ in der Kehle. Es musste nur noch ausgesprochen werden.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora: © G.H.
          Luke und Pit: © Club der glücklichen Vierbeiner
          Karlsson: © Terrierhausen
          Palmenstrand, Gebüsch, Piratenschiff, Segel, Meer 1, Meer 2, Seile: Pixabay 

© Max: Papageiengeschichten 

Donnerstag, 18. August 2016

La isla bonita (8. Teil)

Boah, diese Hitze, das grelle Licht und das ewige Geschwappe der Wellen, das machte einen ganz vogelig. Was hätten wir für ein ordentliches Gewitter gegeben, aber nee, dann wäre ja das Lagerfeuer ausgegangen. Dauernd starrten wir auf den Horizont, ob sich was täte, doch außer mal mehr oder weniger Flimmern der Atmosphäre wollte einfach keine Abwechslung eintreten. Wir würden doch wohl hier nicht versauern müssen? Wo blieb der Rettungsservice? Allmählich wurde es Zeit.
„Meine Augencreme ist bald alle“, hat die Mia gejammert.
Mir hatte sich der Schnabel verformt von dem ständigen Gehacke in die Kokosnussschalen. Die Spitze war abgebrochen.
„Eindeutiger Fall von Kalziummangel“, hat die Cora gesagt und in ihrem Sortiment nach Abhilfe gesucht.
Sie hatte aber nur was gegen Fußpilz.

Käse war mir egal

Dann machte das Wort „Skorbut“ die Runde. Wir zuckten zusammen. Der Karlsson musste die Schnauze aufmachen und sein Zahnfleisch vorzeigen, ob das bluten täte oder sich gar zurückbildete. Frau Dr. Cora und ihre Assistentin, Arzthelferin Mia, fummelten an den Lefzen herum und zogen und quetschten in alle Richtungen, so dass es aussah, als würde der Karlsson sich einen abgrinsen vor lauter Amüsement. Anschließend war der Luke dran. Er fletschte nur mal kurz die Zähne. Die Cora wich zurück. Mir wurde die Frage gestellt, ob ich Gelenkschmerzen hätte.
„Nö.“
Damit war die Visitation zu Ende. 

Die Cora
So weit war's also schon gekommen, dass man sich von einer Duisburger Hobbyköchin und einer albernen Disco-Henne in die Gesundheit quatschen lassen musste. Im Fernsehen sieht die „Klinik unter Palmen“ immer so romantisch aus. Dort haben sie allerdings auch richtige Eisstiele zum Runterdrücken der Zunge, nicht so wie wir bloß den Filzstift aus Coras Strandtasche. Und das Personal ist dort natürlich auch ganz anders aufgestellt.

Trotzdem waren gewisse Befürchtungen nicht von der Hand zu weisen. Würden Kokosnüsse unsere Widerstandskraft auf Dauer aufrechterhalten können? Der Karlsson sah doch jetzt schon recht ausgezehrt aus.
„Der hat keinen Afghanen im Stammbaum – oder?“, hat die Cora mir einmal abends am Lagerfeuer zugeflüstert.

Allein aus diesem Grund wurde es freudig begrüßt, als sich durch Zufall eine neue Aussicht auf den Fischfang eröffnete. Im Grünzug nämlich fand sich eine praktische Faser an den Bäumen. Sie ließ sich aufdröseln und in lange dünne Streifen ziehen wie die einzelnen Lagen der Lakritzschnecke. Die Fäden ließen sich verknoten und hielten fest. Die Idee eines Floßes war geboren.

Sofort gingen wir voller Tatkraft ans Werk. Die Mia und ich haben die Stricke gesammelt und in handliche Portionen zerlegt, der Karlsson ist abgefallene Äste suchen gegangen, und die Cora und der Luke haben die Äste so zusammengebunden, dass eine kompakte Fläche entstand, auf der man bequem stehen konnte, ohne dass einem von unten das Wasser an die Knöchel spritzte. Da diesmal der Luke als Fischer ernannt worden war, brauchte das Floß nicht allzu groß zu sein, es musste nur gut schwimmen. Wir haben es natürlich vorher ausprobiert.

Der Karlsson
Der Luke wurde zum Platznehmen aufgefordert. Der Karlsson hat das Floß ins Wasser geschoben. Zum Ziehen war vorne eine Schlinge dran.
„Macht bloß keinen Scheiß!“, hat der Luke gesagt.
Ihm als Kater und Nichtschwimmer war eine gewisse Nervosität natürlich nicht zu verdenken. Doch Gott sei Dank, alles ging gut. Die Mädels und ich haben den Stapellauf standesgemäß mit Beifall und Hurra-Schreien begleitet. Und nicht ohne Stolz (ja, ich gebe es zu) durften wir dann zusehen, wie weiter draußen ein dunkelgrauer Popel über die Wellen schaukelte, ohne an Haltung zu verlieren oder gar unterzugehen.
„Wie eine ausgesetzte Ming-Vase kurz vor den Niagara-Fällen“, habe ich den Luke gelobt, als er heil und (fast) trocken wieder vor uns stand. Er hatte sind prima gehalten.

Jetzt musste nur noch das Netz gefertigt werden. Hier machte sich der Handarbeitsunterricht der Mädels bezahlt – zumindest von der Cora, denn die Mia kann nur Wollwurst mit Strickliesel. Die Cora aber hatte schon mal 'n Einkaufsnetz gehäkelt, wenn auch schon lange her, doch mit einem bisschen Nachdenken und Abwandlung konnten bald hoffnungsfrohe Entwürfe in Angriff genommen werden. Die Cora hat ununterbrochen unterm Palmwedel gesessen und geknüpft und geknotet. Dafür mussten die Mia und ich ihren Kokosnussöffnerdienst übernehmen, und der Luke und der Karlsson haben den Nachschub an Stricken herbeigeschafft.

Dann wurde es ernst; das Netz war fertig. Jetzt täte sich zeigen, ob wir würdig wären, zu Robinson Crusoe aufs Siegertreppchen zu steigen. Wir machten alles genauso wie beim Stapellauf, nur dass wir diesmal das Netz dabeihatten und die Cora und ich mitgefahren sind. Ich sollte unterwegs aufsteigen und aus der Luft nach Fischschwärmen Ausschau halten, und die Cora sollte an Bord dem Luke zur Hand gehen. Die Mia ist an Land geblieben.

Nun, Fische gab's genug zu sehen, so wie diese hier:

Wehe, ihr haut ab!

Immer wieder habe ich geschrien:
„Jetzt! Rein mit dem Ding!“
Der Luke und die Cora haben das Netz in die Wellen geschmissen. Das Ende war natürlich hinten am Floß vertaut.
Gleich darauf das Kommando an den Karlsson:
„Motor volle Power on!“
„Links rum!“
„Rechts rum!“
„Schneller!“
„Wir brauchen mehr Speed!“
„Loooos! Zieeeeee-hen!“
„Mach hinne!“
„Gib Gaaaas!“

Ich
Ab und zu war Karlssons Schnauze zu sehen. Dann tat er nach Luft japsen. Aber meist war er in einem Strudel aus weißem Schaum verschwunden. Manchmal machte mir das direkt Angst, denn erstens wollten wir ja keine Haie anlocken, und zweitens sollte sich der Bursche nicht übernehmen, vor allem dann nicht, wenn man wie er ernährungsbedingt auf körperliche Einschränkungen Rücksicht nehmen sollte. Doch der Karlsson hielt sich gut. Von einem Knick in der Konditionskurve war nichts zu spüren. Seine Beine paddelten tadellos. 

Ich weiß noch, dass ich später ausgestreckt am Strand lag und dass mir Sand am Schnabel klebte. Mir zitterten die Flügel, meine Stimme war heiser. Vor mir tauchte in Großformat Mias linker Fuß auf.
„Da seid ihr ja wieder“, hat sie gesagt.
Ein Blick in die Runde gab mir Gewissheit: Wir alle hatten den ersten Fischfang überlebt. Dem Karlsson hing grünliches Lametta an den Hinterpfoten. Am Abend hat es der Luke zu einem Salat verarbeitet. Ansonsten war die Ausbeute – na, sagen wir mal – angebracht. Für den ersten Versuch ist ein einzelner Fisch doch völlig okay, oder etwas nicht?

Leider bin ich in Unterwasserdingen nicht gut genug bewandert, deshalb kann ich nicht sagen, wie der Fisch hieß, den wir gefangen hatten. Außerdem geht das Bildmaterial diesbezüglich auseinander. Vom Luke wurde mir kürzlich dieses Beweisdokument zugespielt:


Ich selbst hatte dieses Foto in der Kamera:


Was stimmt denn nun?

Natürlich wollte ich mich erst vergewissern, bevor ich mich hier dem Verdacht aussetzen müsste, ich täte irgendwas manipulieren. Doch leider kann sich keiner meiner Mitreisenden an den Fisch erinnern. Der Karlsson hat „Lass mich zufrieden damit“ gesagt, als ich ihn von meinem neuen Smartphone aus auf seinem neuen Smartphone angerufen hatte. Die Mia hat nur mit den Schultern gezuckt und ungerührt weiter mit der Cora am Telefon geplappert. Es ging, soweit ich mitgekriegt hatte, um das gemeinsame Verprassen von zwei Douglas- und zwei Cartier-Gutscheinen. Ich selbst sehe mich nicht in der Lage, eine eindeutige Entscheidung zu treffen. Ich weiß nur noch, dass wir den Fisch ausgenommen, auf einen Holzspieß gefädelt, ins Feuer gehalten und dem Karlsson gegeben haben – als Dank für seine immense Wasserpaddelei und natürlich, damit er mal was Aufbauendes zwischen die Zähne kriegte. Der Luke hatte ja stattdessen seinen Lametta-Salat, und die Mädels und ich waren sowieso nicht so dringend auf eine Fischmahlzeit aus.

Der Luke
Von nun an sind wir regelmäßig zum Fischen rausgefahren. Mit der Zeit kriegten wir es hin. Wir wussten, wann, wo und wie das Netz auszulegen war, um Karlssons Energie zu sparen. Er brauchte sich längst nicht mehr so abzurackern wie beim ersten Mal. Die Fische, die auf unserm Grill landeten, gaben uns zusätzlich recht. Zwar wussten wir nicht, ob giftige darunter waren, aber zur Vorsicht fehlte uns die Lust. Es machte Spaß, dem Karlsson zuzuschauen, wie ihm wieder die Bäckchen strahlten. Auch der Luke wusste die fischige Abwechslung zu schätzen und langte immer ordentlich zu. Mich störte allerdings, dass man von dem salzigen Zeug so 'nen Durst kriegte. Die Cora vermisste das Limetten-Dressing, und die Mia hatte sich gleich ganz ausgeklinkt. Sie blieb bei den Kokosnüssen, Omega-Fettsäuren hin oder her. „Bei „Fett“ schaltet sie sowieso immer gleich auf stur.

Mit dem Fischfang und neben der Kokosnussernte, dem Küchendienst, dem Wasserholen, Aufräumen und Holzsammeln blieb uns jetzt noch weniger Gelegenheit zur ausgeprägten Freizeitgestaltung als früher. Trotzdem war es während einer Siesta, als eines Tages die Mia angerannt kam, wild mit den Flügeln fuchtelnd und aufgeregt quiekend. Ich hatte gerade mit dem Luke über Sondersteuern für Dachtauben und Fledermäuse diskutiert, während die Cora und der Karlsson unterm Palmwedel lagen und dösten.
„Kommt schnell!“, hat die Mia gerufen. „Da hinten am Wasser ist was!“

Wir haben uns auf den Weg gemacht. 

Der Karlsson hat's rausgeholt

 Und tatsächlich, im Sand lag schließlich das hier:


Im ersten Moment hatte ich gedacht, hier hätte jemand seine Likörflasche hingeschmissen, aber dann fiel mir ein, dass wir es wohl mit einer Flaschenpost zu tun hatten. Aber wieso kriegten wir das Ding? Müsste es nicht umgekehrt sein? Schließlich waren wir verschollen und benötigten Hilfe und nicht andersherum.
„Uns wird doch wohl keiner nette Urlaubsgrüße senden?“, habe ich deshalb zu bedenken gegeben.
Der Karlsson hatte schon den Korken rausgezogen und das Papier entrollt. Wir steckten die Köpfe zusammen:



„Oh, Mann“, hat die Cora gehaucht. „Das glaub ich jetzt nicht.“

Irgendwie war ich beruhigt, dass sich niemand einen Scherz mit uns erlaubt hat. Die Flasche konnten wir gut gebrauchen für den Trinkwasservorrat. Den Zettel haben wir in Coras Pilzführer gelegt. Dann ging der Alltag weiter. Nur am Abend gab's noch einen kleinen Zwischenfall, als die Mia plötzlich schrill aufzujaulen begann.

Die Mia
„Wir kommen hier nie weg!“, hat sie geplärrt. „Wir müssen 112 Jahre hierbleiben! Ich will das nicht! Ich will fort! Tot oder lebendig!“
Die Cora musste wieder Händchen halten und gut zureden. Ich habe dem Karlsson und dem Luke gesagt, wie froh ich wäre, dass die Polly und die Amy jetzt nicht hier wären. Das gäbe ja was: mit Weibern auf 'ner einsamen Insel. Gott bewahre. Die beiden haben mir nickend zugestimmt.

In der Nacht hat die Mia dann Gott sei Dank Ruhe gegeben. Dafür sah es am nächsten Morgen komisch aus. Der Himmel hatte sich zugezogen. Statt Sonne und strahlendem Blau brauten sich graue Wolken zusammen.
„Gibt das Regen?“, hat der Luke gefragt.
Im Prinzip hatten wir ja nichts dagegen. Ein bisschen durchpusten an Körper, Geist und Landschaft war nicht verkehrt nach all dem täglichen Einerlei, doch wie gesagt, was sollten wir mit unserm Lagerfeuer machen?

Das Paradies kann auch anders

Leider blieb keine Zeit zum Nachdenken, denn ehe wir uns versahen, ging es schon los mit der Pladderei. Es begann zu schütten wie doll und verrückt. Dazu blitze und donnerte es. Wir haben uns ins Ruderboot gerettet. Dort lag eine Plane, noch von der Ausstattung der „Princess Graziella“, die wir bisher aber nie gebraucht hatten. Wir zogen sie uns über den Kopf. Stickig war's darunter und ehrlich gesagt auch ein bisschen miefig. Nasser Hund riecht eben streng.
„Du kannst ja aussteigen“, hat der Karlsson gesagt.

Als es aufgehört hatte und wir wieder an die frische Luft durften, war das Lagerfeuer natürlich unbrauchbar geworden. So 'n Mist aber auch. Woher sollten wir jetzt trockenes Holz kriegen? Und dann wieder die Ackerei mit dem Spiegel. Am Himmel sah es jetzt genauso aus wie immer. Die Sonne schien und die Wolken hatten sich verzogen. Irgendwie kam ich mir verarscht vor: einfach unser Feuer auspinkeln und dann so tun, als wäre nichts passiert. Die Cora tat seufzen.

Wir standen im Halbkreis vor dem Haufen, der einst unser Feuer gewesen war, und hielten eine Gedenkminute ab. Dabei kam wieder Wind auf. Ganz plötzlich. Mir fuhr es kühl durchs Gefieder. Sollte es gleich wieder losgehen mit der Gießerei? Ich habe mich umgedreht und aufs Meer geschaut. Huch! Da war jetzt aber was anders. Hallo? Dort hinten? Nee, halt, kann nicht sein. Lieber erst die Digicam holen und durch den Sucher gucken. Motiv ranzoomen.

Ach, du Scheiße!


Mir entfuhr ein Schrei. Alle Köpfe flogen rum. Danach hat erst mal keiner was gesagt. Alles gaffte angestrengt aufs Wasser. Der Mia stand der Schnabel offen. Der Luke hatte sich als Erster wieder im Griff.
„Ist das die Rettung?“, hat er gefragt.
Nee, wohl eher nicht. Oder fährt das Rote Kreuz unter dieser Flagge?


Wir machten, dass wir in den Grünzug kamen. Sicher ist sicher. Erst mal gucken, was passieren würde. Wir duckten uns. Durchs Gebüsch hatten wir einen guten Blick.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora: © G.H.
          Luke: © Club der glücklichen Vierbeiner
          Karlsson: © Terrierhausen 

         Strand, Pizza, Pommes, Kuchen, Fleischplatte, Fische, Hai, Fisch im Sand, Flaschenpost, Papier, Strand dunkel,
         Schiff, Piratenflagge, Victory-Zettel, Stein: Pixabay

© Max: Papageiengeschichten 

Der Spruch des Tages (140)


© Max: Papageiengeschichten (Bild)

Mittwoch, 17. August 2016

Der Spruch des Tages (139)


© Max: Papageiengeschichten (Bild)

Dienstag, 16. August 2016

Der Spruch des Tages (138)


© Max: Papageiengeschichten (Bild)