Edeltraut – mit „t“, nicht mit „d“, darauf legt sie wert. Zuerst hatte ich das immer falsch geschrieben.
Ihr erinnert euch an sie? Sie stammte ursprünglich aus dem Adressbüchlein vom Paule (keine Ahnung, wie sie dort reinkam), hatte dann jedoch eine kurze, aber langweilige Affäre mit dem Pit. Jawohl, mit genau diesem Pit, der Schnarchnase aus Schleswig-Holstein. Wer ihn kennt, kann nicht glauben, dass er dafür Energie aufbringen konnte, doch es stimmt. Edeltraut ist damals ein Wochenende zu ihm nach Hause gefahren, um sich näher kennen zu lernen. Wer es nachlesen möchte, hier steht es geschrieben.
Das Foto zeugt von der atemberaubenden Harmonie, die sich augenblicklich eingestellt hatte, kaum dass sie sich begegnet waren. Mimik und Körpersprache verraten die Seelenverwandtschaft und nicht zuletzt das tief empfundene Vertrauen in die gemeinsame Zukunft. Mir wird jedes Mal warm ums Herz, wenn ich das Foto betrachte.
Kurz darauf waren die Meinungen allerdings auseinandergegangen. Der Pit hatte von „mümmelnder Karottenbraut“ geredet, die Edeltraut vom „abtörnenden Schlaffi“. Wahrscheinlich hätte sich alles in Wohlgefallen aufgelöst, jeder wäre in seine eigene Ecke zurückgekehrt, hätte die Episode nicht ein Nachspiel gehabt: Wenige Wochen später nämlich durfte Edeltraut ihre drei süßen Kinderchen präsentieren. Sie hatte in Davos, ihrem Heimatort, entbunden.
Jo, und der Pit war Vater geworden.
Was sich jetzt abspielte, gehört allerdings nicht zu den Ruhmesblättern der Knackwurst'schen Geisteshaltung. Statt der jungen Mutter beizustehen, hat der Pit alle Verantwortung von sich gewiesen. Nein, das könne nicht sein, er wäre nicht der Vater, unmöglich, nein, nein, nein!
So, warum denn nicht? Die Kleinen sahen ihm doch recht ähnlich. Guckt selbst:
Blödsinn! Erstens hätte die Edeltraut ja auch aufpassen können, und zweitens wäre er kas... äh … also … hätte jenen kosmetischen Eingriff hinter sich, von dem die meisten vierbeinigen Außenträger selten schwärmen.
Na, das war die blödeste Ausrede, die ich je gehört hatte. Nur weil seine Leute mal mit ihm beim Tierarzt waren, soll er nicht Vater geworden sein? Ich war empört über so viel Rohheit und Ignoranz.
![]() |
| Pit |
Oft haben wir zu ergründen versucht, was in dem Quarkschädel von Pit vorgehen mochte. Warum war die Beziehung gescheitert? Lag es an Davos? Hatte der Pit Bedenken, seine Zukunft im Schnee zu gestalten, umgeben von Bergen und hoppelnden Gämsen, wo er doch plattes Grün gewohnt ist und die Zuverlässigkeit zentral gesteuerter Wohnraumwärme? Oder war es Edeltrauts akademische Karriere als Quantenphysikerin, die ihm Angst bereitete, da er selbst doch nur über die Grundkenntnisse im Rudel-Management verfügt, und die noch nicht mal zertifiziert?
![]() |
| Paule |
Gern habe ich die Edeltraut unterstützt, als sie ihren gut dotierten Job aufgeben wollte, um sich ganz der Erziehung der Kinder zu widmen. Als die Kinder größer waren, hat sie halbtags eine Stelle an einem statistischen Institut angenommen. Das erleichterte die Kommunikation ungemein. Unsere Unterhaltungen hatten jetzt viel mehr Klarheit und Stringenz.
Überzeugt euch selbst. Hier z.B. erklärt Edeltraut, wie sich ihrer Erfahrung nach Pits Interessen zusammensetzen:
Im Inhalt sieht es nicht gut aus für den Ringelplüsch, nicht wahr? Das ist keine dolle Referenz, was die Edeltraut da zur Kenntnis gibt. Oft, so oft, habe ich mit ihm darüber zu sprechen versucht, habe ihm meinerseits freundschaftliche Anteilnahme angeboten, habe zart und vorsichtig auf das Glück eigener Kinder hingewiesen und auf die Freude, sie aufwachsen zu sehen und sie auf ihrem Lebensweg zu begleiten – doch er hat nichts davon wissen wollen.
„Halt du dich da raus, Stinkstiefel“, hat er mich angefaucht.
Er wäre Junggeselle und er bliebe Junggeselle. Da könne ja jede kommen, die ein paar rötlich gemusterte Gören hat, und brauchte bloß zu behaupten, er wäre der Vater – und damit basta! Schluss, aus, Ende. Er wolle nicht mehr darüber reden.
Schade, ich hätte gern mit ihm ein bisschen über Edeltraut gelästert. Solche Männerabende sind noch immer die schönsten. Doch wenn er nicht wollte, was hätte ich tun können? So ist das Thema eingeschlafen. Wir haben Edeltraut allmählich vergessen.
Irgendwann jedoch – das muss im Spätherbst gewesen sein – hat der Pit mich angerufen. Seine Stimme klang merkwürdig gehetzt. Ob ich allein sei, hat er wissen wollen, oder ob die Putze oder die Mia in der Nähe wären.
„Nein? Okay, dann hör gut zu.“
Ich muss schon sagen, was ich jetzt vernehmen musste, war starker Tobak. Ich fass das mal kurz zusammen:
Der Pit hatte eine Mail bekommen, und zwar von seiner Tochter. Sie heißt Pitomba. Inzwischen ist sie erwachsen und lebt in Zermatt. Sie würde gern mal vorbeikommen, ihren Vater kennenlernen, am besten noch vor Weihnachten. Wann wäre es ihm recht?
Ui-ui-ui! Da musste ich tief Luft holen. Ja, und jetzt?
![]() |
| Ich |
Das Mädel dürfe auf keinen Fall bei ihm aufkreuzen, hat der Pit gesagt.
„Hörst du, Max, auf keinen Fall!“
Wieso denn nicht?
Weil er der Tante Susanne, der Lisa, dem Opa und all den andern hoch und heilig geschworen hätte, dass er nicht der Vater von Edeltrauts Kindern wäre.
„Na, ich denke, das bist du doch auch gar nicht“, habe ich geantwortet.
„Stimmt“, hat der Pit gemeint. „Aber wenn die nun hier ankommt und so aussieht wie ich oder so spricht wie ich oder die Pizza so hält wie ich, dann bin ich doch unglaubwürdig. Dann denkt doch jeder, ich hätte gelogen!“
Hm, da war was dran. Peinliche Situation, das musste ich zugeben.
„Max, du musst mir helfen!“, tat der Pit wieder von vorn anfangen.
Und dann hat er mir seinen Plan erklärt:
Er würde der Begegnung zuvorkommen. Statt seine Tochter daheim zu empfangen, würde er zu ihr nach Zermatt reisen. Davon dürfe aber keiner wissen, deshalb sollte ich offiziell behaupten, dass er die Woche bei mir in Hannover wäre. In Wirklichkeit jedoch würde ich ihn in die Schweiz begleiten.
Moment mal, ja? Wie käme ich denn dazu?
Darauf folgte ein schwulstiger Sermon über Männerfreundschaft und Lebensrettung.
„Außerdem kommst du von oben besser an die Getränkeautomaten ran“, hat er mich anzuschleimen versucht.
Apropos Münzen. Wie stand's überhaupt mit den Kosten? Woher wollte er das Reisegeld nehmen?
Ach, das hätte er schon geregelt. Ein Teil käme von seiner Mamas Kreditkarte, die er in der Nachttischschublade gefunden hätte, ein Teil wäre aus seinem Sparschwein (von Opa zum Geburtstag) und den Rest würde er sich von Luke leihen, der ein Schweinegeld verdiene mit seiner nächtlichen Mäusejagd. Für jede abgelieferte Maus werde er schließlich gut bezahlt von der Mama.
![]() |
| Luke |
Ich tat mir ein paar Tage Bedenkzeit ausbitten. Bei Cola und Schaumwaffel habe ich lange nachgedacht. Sollte ich dieses miese Spiel von Lügerei und Irreführung mitmachen? Sollte ich mich bei zunehmend trüberen Wetter aus der warmen Bude entfernen, um mir im Schweizer Gebirge die Frisur anfrosten zu lassen? War es das wert? Würde es mir was bringen?
Um es gleich zu sagen: Meine Hilfsbereitschaft hat gesiegt. Dem Pit fiel ein Stein vom Herzen:
„Max, du bist doch eine gute Seele.“
Allerdings – ganz so wie geplant würde sich die Sache nicht durchziehen lassen. Die Putze ließe mich nie allein mit dem Pit auf Reise gehen, also müsste wohl oder übel die Mia mitkommen.
„Oh, super!“, tat sie in die Flügel klatschen. „Dort ist doch St. Moritz in der Nähe. Die haben so schicke Geschäfte da.“
Mir war so, als wäre Pits Enthusiasmus um zehn Grad gesunken.
Und dann trumpfte die Mia noch einen obendrauf:
„Ohne die Cora komm ich aber nicht mit. Mit euch Jungs will ich nicht allein verreisen.“
Boah, der Pit kriegte gezackte Pupillen; das konnte ich sogar durchs Telefon sehen.
„Ihr seid nicht ganz dicht!“, tat er schreien. „Wie soll ich denn für vier Leute bezahlen? Für vier!“
Aber die Mädels kannten kein Pardon.
„Dann eben nicht“, hat die Mia gemeint und ungerührt der Cora die neusten Fotos ihrer eitergrünen Handtasche gemailt.
Dagegen war männliche Argumentation wirkungslos. Der Pit tat tief seufzen am Telefon. Mir war so, als hätte er kurz aufgeschluchzt.
Das nächste Problem: Als der Pit daheim erzählte (harmlos flötend), dass er in Kürze den Max besuchen fahre, ist ihm die Amy auf den Schoß gehopst (na ja, aufs Sofakissen).
„Bitte, bitte, nimm mich mit!“, hat sie gebettelt.
Und dann hat sie erklärt, wie ich ihr angeblich versprochen hätte, dass sie mal zu uns kommen dürfe. Dieses „mal“ sei jetzt. Sie würde sofort anfangen, den Rucksack zu packen.
Der arme Kerl, er konnte einem schon fast leid tun. Dagegen war ihm nichts Plausibles eingefallen. Er hat sich wortlos in sein Schnarchkissen verzogen. Nur gut, dass der Jack noch immer traumatisiert war von Coras Spezialbehandlung in Las Vegas. Der wollte gar nicht freiwillig mitkommen. So mussten wir auf den wenigstens nicht auch noch aufpassen.
![]() |
| Amy |
Die Putze war entzückt. Sie behauptet ja heute noch, dass sich dieses Alternativ-Tralala günstig auf meine Sozialprognose auswirken täte. Dabei war schon vor Jahren all das Wassergelatsche und Ökö-Gemüse-Geknabbere, das wir mitgemacht hatten, ohne jegliche Wirkung geblieben. Aber Mütter sind nun mal schnell zu begeistern, so lange es sich gesund und pädagogisch anhört.
Wir haben unsere Rucksäcke geschnappt, haben uns ein Taxi bestellt und sind zum Bahnhof gefahren. Vor uns lag – noch – mildes Wetter und schöner Sonnenschein. Aber die Schweiz, wer würde wissen, ob wir nicht mit Skiern unter den Füßen oder einem Apfel auf dem Kopf zurückkehren würden?
Fortsetzung folgt.
P.S. Für alle, denen die familiären und sozialen Verbindungen zu unübersichtlich sind, hier alles Wichtige auf einen Blick:
Fotos: Cora und Paule: © G.H.
Pit, Luke und Amy: © Club der glücklichen Vierbeiner
Rapsfeld, Graubünden, Alpen/Blumen: Pixabay
Kaninchenkinder, Edeltraut: Morguefile
© Max: Papageiengeschichten
P.S. Für alle, denen die familiären und sozialen Verbindungen zu unübersichtlich sind, hier alles Wichtige auf einen Blick:
Fotos: Cora und Paule: © G.H.
Pit, Luke und Amy: © Club der glücklichen Vierbeiner
Rapsfeld, Graubünden, Alpen/Blumen: Pixabay
Kaninchenkinder, Edeltraut: Morguefile
© Max: Papageiengeschichten














