Mittwoch, 10. Juni 2015

Putengeburtstag (neu)


Liebe Mia, 
heute wirst du 13 Jahre alt.
Herzlichen Glückwunsch dir und gute Nerven uns.
Die Cora hat recht: Jetzt bist du ein Teenager. 
Ich kann's kaum erwarten, deine Pubertät mitzuerleben.
Alles Gute.
Dein Max


P.S. Heute hat auch Tante Susanne Geburtstag, Pits Mama.
Ich wünsche dir ein wundervolles neues Lebensjahr. 
Lass dich feiern und verwöhnen. 
Vielleicht gibt's ja Fruchtsaft von der Aida. 
Dann lang ordentlich zu - viel trinken ist gesund (höhö).

Sonntag, 7. Juni 2015

Growing up Dom-Uhus

Sechs Wochen lang habe ich jeden Tag in die Webcam geschaut, aber nun sind sie weg.

Doch von vorn.

Das hier ist der Hildesheimer Dom:


Dort oben im Westwerk befindet sich eine Bruthöhle, eigentlich gedacht für Turmfalken, doch voriges Jahr hatten sich Uhus reingequetscht, hatten es sich gemütlich gemacht und dort in aller Ruhe ihre Jungen aufgezogen. Es muss ihnen gut gefallen haben, denn dieses Jahr sind sie zurückgekommen, noch vor den Turmfalken – und schon gehörte das schicke Kinderzimmer wieder ihnen.

Diesmal jedoch hatten freundliche Menschen eine Kamera installiert. Sie lief rund um die Uhr. Dadurch hat man beobachten können, wie die Kleinen heranwuchsen. Ich fand das interessant, weil ich mich mit Wald- und Nachtvögeln nicht auskenne und immer gern dazulerne, obwohl ich mir sicher bin, dass man Familie Uhu zu keinem Zeitpunkt unterrichtet hatte, dass sie gefilmt wird. Sie benahm sich jedenfalls so, als wüsste sie von nichts, und das lässt mich zweifeln, ob die Eltern auch dann noch so kooperativ mitgemacht hätten, wenn ihnen klar gewesen wäre, dass man sie ungeniert beobachtet.

Gerade zum Schluss, als die Jungen schon ziemlich groß waren und ihre Mahlzeiten allein filetieren konnten, hatte ich den Eindruck, dass der Mutter ein Verdacht gekommen war, denn allzu oft war die Sicht versperrt – mit Absicht? Braun-schwarzes Gefieder hatte sich direkt vor die Linse geschoben. Das sah dann so aus: 


Oder so, wenn auch die Kleinen mitmachten:


Das ging minutenlang. Standbild. Nichts rührte sich. Dauernd gaffte man ins Gemusterte wie früher aufs Testbild im Fernseher.

Irgendwann kam wieder Bewegung rein. Dann hat man genau hinschauen müssen. Waren alle noch da? Drei Küken sollten es sein. Wo steckten sie? Mit einem bisschen Übung klappte die Orientierung ganz gut. Die Jungen waren am weißen  Gepuschel zu erkennen. Mit zunehmendem Alter kam immer deutlicher das braun gemusterte Gefieder durch. Aber noch reichte es, um Jung von Alt zu unterscheiden.


Schwieriger war es, vorne und hinten zu erkennen, weil sich das Jungvolk erstaunlich gut verrenken konnte.

Mal lag man platt:


Mal saß man orthopädisch vorbildlich:



Mal hieß es sich zu strecken …


… oder sich zusammenzuklumpen:


Fest stand: Je größer die Kleinen wurden, desto weniger Platz blieb in der Bruthöhle und desto weniger bekam man zu sehen.

Dabei waren die Jungen durchaus bewegungsfreudig. Mit solchen strammen Schenkeln … 


 … lassen sich flotte Schritte machen. Zack-zack-zack, notfalls halb über den Bruder hinweg. Beim Zusehen dachte ich, das kennst du doch? Es hat gedauert, bis ich dahinterkam, an was mich das erinnerte: An Tyrannosaurus Rex, wenn er in Hollywoodfilmen über die Steppe sprintet. Nur war hier der Sprint vor der nächsten Seitenwand zu Ende. 


Gut trainierte Beine sind wichtig, denn bevor die Jungen flügge werden und sich durch die Luft davonmachen, sind sie zu Fuß unterwegs. Sie lassen sich aus der Bruthöhle fallen und segeln in die Tiefe hinab. Dort erkunden sie die Umgebung, werden aber noch von den Altvögeln mit Futter versorgt. Im vorigen Jahr war das ein Problem, denn damals war der Hildesheimer Dom noch eine Großbaustelle und die jungen Uhus, die dort zwischen den Bauarbeitern und den LKW herumliefen, standen nicht nur im Weg, sondern liefen Gefahr, buchstäblich unter die Räder zu kommen. Deshalb hatte man ihnen ein „Laufställchen“ gebaut, ein abgetrenntes Terrain an einer Domecke, wo sie sicher waren und von den Eltern erreicht werden konnten.

In diesem Jahr haben die Jungen ihre Infantenphase woanders verbracht (die Baumaschinen sind weg und der Domhof ist groß). Inzwischen dürften die Junguhus längst fliegen können. Sie sind wahrscheinlich längst über alle Berge davon. Es ist ja schon ein Weilchen her, als diese Bilder entstanden. Das war im Frühjahr. Am Ostersonntag gab's übrigens Ratte.

Uhus fressen ihr Frischfleisch mit Pelle, jedenfalls die Alten, wusstest ihr das? Maus & Co. werden mit Fell verzehrt. Das Unverdauliche wird später ausgespuckt. Weil aber die Jungen das noch nicht beherrschen, bekommen sie ihr Fleisch vorgeputzt und in mundgerechten Happen vor den Schnabel gehalten. Doch reingestopft in den Schnabel wird da nichts, nicht so wie es zum Beispiel die Amseln machen mit den Würmern direkt in die Kehle hinein. Bei den Uhus hält Muttern das Filetstückchen lediglich hin und Filius muss selbst zugreifen und runterschlingen. Manchmal hilft Mama ein wenig nach und wackelt mit dem Fleischhappen – Kuckuck! Hier spielt die Musik! –, falls sich der Nachwuchs begriffsstutzig zeigen sollte, doch das ist ohnehin eher der Fall, wenn die Jungen noch sehr klein sind und noch nicht so gut sehen. 


Grundsätzlich gilt: Wer vorne sitzt, wird zuerst bedient. Ist der Erste satt und tritt ab, rückt der Nächste nach. Unsere Uhufamilie hatte zwei große Kinder und ein kleineres. Vernachlässigt war niemand. Gefüttert wurde mit einer unendlichen Geduld. Das zog sich über Stunden hin (mit Pausen dazwischen). Ab und zu gönnte sich auch Mutter ein Häppchen zur Stärkung. Und die Beilagen wie zum Beispiel der Schwanz der Ratte waren sowieso nicht als Babynahrung geeignet.

Das Futter herbeigeschafft wurde nachts. Derweil hockten die Kleinen allein im Nest. An manchen Tagen, wenn die Beute besonders reichhaltig ausfiel, lag der Vorrat in der Ecke gestapelt. Wie gesagt, Maus und Ratte waren dabei, aber auch Vogel (Boah, nee …). Vor allem Tauben habe ich gesehen.


Was beim Füttern und Fressen durchaus eine gewisse Manierlichkeit erkennen ließ, war allerdings in der übrigen Haushaltsführung eine Katastrophe. Ich sag's euch, Uhus sind Schweine. Was bin ich froh, dass die Webcam keinen Geruchskanal hatte. Was muss es da gestunken haben! Die Reste der Mahlzeiten – einfach liegen gelassen. Jeder latschte darüber oder hielt sein Nickerchen darauf.


Und Toilette? Fehlanzeige. Die Kleinen hockten ja dort oben ununterbrochen fest. Da wurde sich ein Stückchen beiseite gedreht mit dem Hintern und – platsch – günstigenfalls gegen die Nestwand gezielt. Wozu man dann noch versuchte, das eigene Gefieder und das der andern in Ordnung zu halten, will mir bei dieser laxen Einstellung nicht recht einleuchten.

Auch sonst ging es beschaulich zu. Geschwisterliche Konkurrenz? Nö. Es wurde nicht gestritten, allenfalls ein wenig gestupst und im nachbarlichen Gefieder gewühlt. Die meiste Zeit wurde geschlafen …


… zwischenzeitlich auch mal die Position gewechselt, gekuschelt …


... gegähnt …


… hübsch gucken geübt …


… oder Onkel Adler nachgemacht:


Wenn es nachts wehte dort oben um den hohen Turm, gerieten die weißen Puschelfedern in Wallung. Das war lustig anzuschauen. Gefroren haben die Kleinen aber wohl nicht.

Doch mein eigentlicher Held ist die Mutter. Mutter hatte die Ruhe weg. Die war durch nichts aus der Harmonie zu bringen. Sie saß die meiste Zeit nur da, döste, guckte aus dem Fenster oder kontrollierte ab und zu die Kleinen, ob noch alles in Ordnung sei. Als die drei Jungen frisch geschlüpft waren, fanden sie sie noch Platz unter Mutters Wampe und Frau Uhu hatte zu tun, die Gören immer wieder gut zuzudecken. Später hockten sie nur daneben und schmiegten sich an, und wieder später, als sie deutlich an Größe zugenommen hatten, saßen sie auch mal allein in der Ecke und probten die Unabhängigkeit.


Ich habe Frau Uhu sehr bewundert. Das war schließlich ein Knochenjob, den Nachwuchs aufzuziehen, und das obendrein als alleinerziehende Mutter. Dabei ist Frau Uhu verheiratet, jawohl. Hier, der Ehering. Eindeutig. Zweifel ausgeschlossen:


Aber typisch, der Gatte hatte sich aus dem Staub gemacht, als es unbequem wurde. Herr Uhu flog lieber in der Nacht herum, statt seiner Frau bei der Brut zu helfen. Boah, wie ist das mies. Wir Amazonen sind ja monogam, wir Hähne wissen, was Verantwortung heißt. Für so ein Verhalten habe ich keinerlei Verständnis. Ich hatte erwartet, dass sich der Vater wenigstens zu den Kleinen reinsetzen würde, solange die Mutter auf der Jagd war, wenn er es schon nicht schaffte, seiner Familie das Essen vorbeizubringen. Doch gesehen habe ich immer nur einen Altvogel und immer nur die Mutter.

Später habe ich gelesen, dass sich auch bei den Uhus die Eltern abwechseln bei der Aufzucht.

Wie?

Wo?

Sollte das heißen, die Mutter war gar nicht immer die Mutter?

Weiter stand da geschrieben, der Uhumann wäre deutlich kleiner als die Frau.

Häh?

Ist das dann in Wahrheit hier vielleicht der Vater?


Oder das?


Ja, Mensch, in dieser Bruthöhle, wenn alles umherwuselt und sich duckt und nicht richtig gerade steht und sowieso farblich gleich ausgestattet ist, wie soll ich dann irgendwelche Größenunterschiede erkennen können?

Falls ich jemanden zu Unrecht verurteilt haben sollte, bitte ich in aller Form um Entschuldigung.

Jedenfalls wünsche ich den Kleinen alles Gute. Mögen sie heil durch die Jugend kommen, nette Partner finden und dermaleinst eine eigene Familie gründen. Man entwickelt ja eine gewisse Bindung, wenn man hilflosen Geschöpfen beim Gedeihen zuschaut.

Es war eine gute Idee, das mit der Webcam. Es hat Spaß gemacht. Jetzt weiß ich genug über diese Wald- und Nachtvögel. Ich hoffe sehr, dass auch im nächsten Frühjahr die Bruthöhle wieder in Betrieb sein wird – aber dann bitte mit Kranichen. Oder mit Pinguinen. Oder mit Emus. Über die weiß ich nämlich noch nicht so viel, und ich lern doch so gern dazu. 

Fotos: Hildesheimer Dom, Dino, Maus: Pixabay
          
          Die Screenshots stammen von mir mit freundlicher Genehmigung zur Veröffentlichung an dieser Stelle 
          von den Betreibern der Webcam

© Max: Papageiengeschichten

Donnerstag, 14. Mai 2015

Die große Sause (17. Teil)

Tja, ist alles nicht so einfach, nicht? Ich hätte ja schon viel früher hier weitergemacht mit dem Berichten, wenn sich nur nicht der Frust so lähmend auf meine Energie gelegt hätte. Nun war ich in Cambridge endlich mal ausgestiegen aus dem ganzen Trott, hatte energisch auf den Tisch gehauen, keine Verantwortung mehr übernommen für das Gelingen unseres Reiseprogramms, und was war passiert? Die Mia hatte sich ihre Teichfregatte an den Ärmel geklemmt und war in die Stadt gezogen, einen auf Honeymoon machen; die Cora tat nackt (iiiih!) in der Wellness-Oase im Hotelkeller auf den Frankensepp warten mit Schampus und sündigen Absichten, und mich hatte der Pit auf ein Floß gelockt, obwohl er von Marine keine Ahnung hat, und dort eine Havarie verursacht, wovon die abgegluggerten Studentenpaddler sicher noch Jahrzehnte reden werden. Ist es ein Wunder, dass meine Müdigkeit über diesen Honk-Verein bis heute anhält?

Beim Frühstück hat der Grunzer der Cora Rührei in den Schnabel gefüttert. Die tat ölig kichern und „Nicht doch, mein Süßer!“ perlen. Boah, nee, bestimmt haben die beiden erotisches Anstarren gemacht, dort unten auf ihrer Turtel-Insel im Pool, nachdem ich weg war – wetten? Das mag ich mir gar nicht vorstellen. Schweinkram.

In der Zeitung auf der Lokalseite stand, dass es auf dem Fluß Cam tags zuvor einen üblen Zusammenstoß gegeben hätte. Unbedarfte Touristen wären schuld daran und die Teilnahme der Mannschaft am diesjährigen Traditionsrennen auf der Themse ungewiss wegen der kaputten Boote. Der Pit hat seelenruhig weitergemampft und dann sein fettiges Würstchen auf die Zeitung gelegt, nachdem auf seinem Teller kein Platz mehr war. Ich glaube, das Gewissen von dem Kerl ist aus Teflon. Alles rutscht daran ab.

Von der Mia wurde ich umarmt. Das kam so plötzlich, dass mir die Marmelade vom Schinken getropft ist. „Maxilein“, hat sie mich genannt und so ein eigenartiges Flöten in die Stimme gelegt. Mir kam das gleich komisch vor. Dann endlich, nachdem sie mir ewig an der Schulter herumgeturtelt hatte, tat sie rausrücken mit der Sprache: Wenn ich doch sowieso keine Lust hätte, mich in der Organisation unserer Reise aufzureiben, dann sollte ich mich mal richtig zurücklehnen und die andern machen lassen. Wir würden jetzt nach London fahren – „Nicht mein Schnuckelchen, du?“– , und sie täten alles organisieren. Ich brauchte mich um nichts zu kümmern, um gaaar nichts.  Ich sollte mich schön auf die Veranda setzen und mich überraschen lassen, wie prima das klappen täte.

Na gut, das war jetzt auch schon egal. London hin oder her. Ich habe der Mia die Kreditkarte gegeben. Der Harald ist mit dem Pit zum Bahnhof gegangen, eine Fahrkarte kaufen. Die Unterkunft haben sie auch gleich gebucht. Seniorengerecht, wie sich später herausstellte. Mit Fahrstuhl, Griffleisten im Flur und Schaukelstühlen im Aufenthaltsraum. Dort täte ich mich fein ausruhen können, während die andern unterwegs seien, die Stadt erkunden. Wohl verrückt geworden, was? Ich bin doch kein Tattergreis.

Die Cora hat meinen Rucksack gepackt, der Grunzer ist Proviant kaufen gegangen. Warum ich immer nackt schlafe, wenn ich doch einen Schlafanzug dabei hätte, hat die Cora wissen wollen. Bügelfalten sind da jetzt drin, nur vom Zusammenlegen. Das muss der Cora erst mal einer nachmachen.

Am Vormittag sind wir nach London gefahren. Ist ja nicht weit von Cambridge entfernt. Mit der U-Bahn ins Stadtteil, dann zu Fuß weiter zur Pension. Der Verkehr dort ist etwas schneller und reichhaltiger als auf dem Land, aber falls jetzt einer meint, das wäre zu gefährlich für uns, weil wir uns nicht in der Großstadt zu verhalten wüssten, dem sei gesagt: Quatsch! Wir wissen sehr wohl, wie man sich im Straßenverkehr benimmt. Hier bitte, der Beweis, alles vorschriftsmäßig:


Unser Hotel lag nicht direkt im Zentrum, sondern etwas am Rand. Eigentlich lag es sehr idyllisch, fast schon einsam. Die Mauern  hatten was Historisches.


Den Einrichtungsstil nennt man, glaube ich, feudal. Das Wort kommt allerdings nicht von „Feudel“, obwohl alles blitzeblank gescheuert war, sondern meint so was wie „royal“, nur falsch geschrieben.

Das bin ich
Hinten im Garten war eine Liegewiese. Dort habe ich meinen Liegestuhl hingezerrt, weil die Sonne  schien und ich mich erholen wollte. Das war eine ganz schöne Ochserei. Immer wieder musste ich innehalten, um Kräfte zu sammeln und mit beherztem Ruck das aasig schwere Ding über den Rasen zu kriegen. Dauernd taten sich die Kufen in den Grasnarben verheddern. Aber dafür hatte ich dann die Aussicht für mich ganz allein. Kein Opa und keine Oma waren weit und breit zu sehen. In England spielen alte Leute drinnen Bridge. Auch bei schönem Wetter.


Die andern hatten sich gleich nach der Ankunft vom Acker gemacht. Ich täte doch allein zurechtkommen, nicht wahr? Oder sollten sie schnell noch an der Rezeption Bescheid sagen, damit jemand käme, um mir was vorzulesen oder das Kissen aufzuschütteln? Dass mich keiner gefragt hat, ob ich nicht doch mitwolle zur Besichtigungstour, hat mich zwar ein wenig stutzig gemacht, aber nicht wirklich gestört. Im Gegenteil, ich war froh, dass ich die Truppe los was. Es war ja nicht mein Geld auf der Kreditkarte, das sie verplempern würden, sondern das von Mama, und wenn der Pit wieder irgendwo dran herumpopeln täte und London fortan das Schicksal von Troja, Atlantis oder Vineta erleiden sollte, so ginge mich das nichts an. Natürlich wäre es schade um diese prachtvolle Stadt, aber dafür müsste die Knackwurst dann schon ganz allein ihren Ringelfrottee hinhalten. 

Ich habe mir erst mal einen schönen Kakao servieren lassen, noch auf der Veranda, bevor ich auf die Liegewiese umgezogen bin. 


Zum Mittagessen war ich im Restaurant.


Leider hatten sie keine Schlachterplatte, auch keine Erbsensuppe. Ich habe Crurryhuhn mit Reis gegessen. Das ist koloniales Hühnerfrikassee, nur nicht ganz so flüssig.

Nach dem Essen bin ich gleich zurück in den Liegestuhl. Hach, diese Ruhe, unbeschreiblich. Erst wenn man den direkten Vergleich hat, merkt man, wie ausgezehrt und erholungsbedürftig man war. Ab und zu bin ich eingeschlafen. Ulkig geträumt habe ich dabei, z.B. von einem einsamen, nebelumwaberten Steg, so wie dieser hier:


Dort bin ich hingegangen, weil ich Geräusche hören tat, so ein Jaulen, als wenn mich jemand rufen täte, eine unsichtbare Kreatur, vielleicht ein Wolf oder ein Yeti. Immer näher tat es rufen. Ich dachte noch, was hat er bloß, ein Span im Zahnfleisch? Dann war der Steg zu Ende, der Nebel war aber noch da und unter meinen Krallen tat es gummiartig nachgeben. Oh-ha, Moor. Plötzlich kam eine Gestalt aus dem Dunst getreten. Es war ein Mann. Ob das hier der Weg nach Baskerville sei, wollte er wissen. Ich sagte, nö, eigentlich nicht, keine Ahnung, ich wäre fremd hier. Da ist er weitergegangen und ich bin wieder dem Jaulen gefolgt. Immer matschiger wurde es um meine Knöchel. Als ich bis zum Bauch in der Pampe feststecken tat und ein paar riesige Zähne über mir auftauchten, bin ich aufgewacht. Der Schrei tat noch in meiner Kehle hallen.

Puh, dunkel geworden war es inzwischen. Ich lag noch immer in meinem Liegestuhl, nur mittlerweile in völliger Schwärze. Mir war kalt. Schnell bin ich ins Haus gelaufen, weil ich dachte, die andern wären schon da und würden sich Sorgen machen, wo ich bliebe. Unser Zimmer war aber noch genauso, wie wir es verlassen hatten. Unsolide! Wo die sich bloß wieder herumtrieben?

Ich bin runter in den Aufenthaltsraum gegangen. Dort hat man Bingo gespielt. Ich habe mich dazugesetzt. Als mich die Mia von hinten antippen tat, hatte ich zwei Tafeln Schokolade gewonnen, ein Glas Bitter-Orange-Konfitüre und das Heftlein „Lovely birds in my garden“. Die Mia hat mich mitgenommen. Die andern taten sich gerade zum Schlafen fertig machen. Der Grunzer hatte Aufstoßen, der Harald Ketchupflecken am Hals, die Cora eine Fahne mit Schwipps und der Pit – wie immer – eine harmlose, neutrale Fassade, die nichts verraten tat von den Abgründen dahinter.

Sie wären Kultur besichtigen gewesen, taten sie behaupten. Es gäbe ja so viel zu sehen für kulturinteressierte Leute, einfach unglaublich. London sei riesengroß, überwältigend, phantastisch, da käme man an einem Tag gar nicht rum. Deshalb hätten sie eine Auswahl treffen müssen, nur das Nötigste.

Am Palace of Westminster wären sie gewesen. Da gäbe es auch die Themse und den Big Ben:


Westminster Abbey ist die berühmte Kirche:


Die andere berühmte Kirche ist St. Paul's, die mit der Kuppel:


Die Tower Bridge müsste man natürlich auch unbedingt gesehen haben:


Auch den Tower von innen:



Dann wären sie Mittagessen gewesen. Ganz leichte Kost, Salat:



Anschließend hätten sie das Naturhistorische Museum besucht, Skelette begucken und so:


Danach zum Buckingham Palace. Die Queen hätten sie aber leider nicht gesehen:


Dafür aber diesen jungen Mann, der da arbeitet und sich nicht wehren kann, wenn die Cora ihm aufs Dach steigt:


Abends hätten sie dann noch schnell einen weiteren leckeren Salat gegessen und als Absacker in einer Milchbar einen Vanille-Shake getrunken. Jetzt wären sie zurück, todmüde, kaputt und froh, dass hier so ein gemütliches Bett steht. Und mein Tag, wie wäre der gewesen?

Ha! Wer's glaubt. Kulturprogramm! Dass ich nicht lache. Die sind hier gewesen, bei Harrods einkaufen:

Und hier:


Statt Salat haben sie doch wohl eher das hier gemampft:


Zu beziehen an diesem Ort:


Im Riesenrad sind sie sicher auch gefahren:


Und in der Kneipe waren sie, Guinness trinken. Sonst würde die Cora ja nicht so dämlich grinsen.


Mir macht so schnell keiner was vor. Die waren sich amüsieren gegangen; die hatten nix gesehen von London. Aber egal. Ich habe bald nicht mehr zugehört beim Erzählen. Mich tat das alles nicht interessieren. Irgendwann haben nur noch die Mia und die Cora geredet, die andern schnarchten schon. Dann war auch die Mia stumm und die Cora hat mich gefragt, ob ich mir nicht endlich die Füße waschen wollte, bevor der restliche Dreck auch noch aufs Laken pulvern täte.
„Ist das Schlamm?“
„Du bist besoffen, Cora“, habe ich gesagt.
Da war nichts an meinen Füßen. Das Licht wollte ich nicht noch mal anknipsen, um die andern nicht zu wecken. Sonst hätte ich selbst nachgeschaut.

Fotos: Cora © G.H.
          Grunzer © U.W.
          Pit © Club der glücklichen Vierbeiner 

       Abbey Road, London: Shane Global, Bild steht unter Creative Commons Licence; die Veränderungen (Vögel 
          eingefügt) stammen von mir 

          Landhaus, Service, Wachmann, Esstisch, Pommes frites, Riesenrad, St. Paul's, Park, Buckingham Palace
          Fressmeile, Westminster/Big Ben, Westminster Abbey, Harrods, Naturhistorisches Museum, Salon: Pixabay

          Schaufenster, Salat, Steg, Tower Bridge, Tower innen: Morguefile

© Max: Papageiengeschichten