Sonntag, 15. März 2015

Fuchsi

Es ist wirklich erstaunlich, was es für Leute gibt.

Neulich habe ich bei einem Wettbewerb mitgemacht. Thaya und Io hatten ihn ausgeschrieben. Es war ein Fotowettbewerb. Erst hatte ich gedacht, das wäre nichts für mich, weil die Mädels doch Modelfigur haben und die Mia mit ihren kurzen Kartoffelstampferbeinen dagegen nur abstinken könnte. Dann täte sie den letzten Platz belegen, ich hätte das Geheule in den Ohren und müsste womöglich noch Schmerzensgeld zahlen. Nee, das war mir zu anstrengend.

Aber dann habe ich gelesen, dass es gar kein Hund sein musste, den man verkleidet und fotografiert. Es könnte auch ganz was anders anders. Jo, das war meine Chance. Ich habe ein Foto von der australischen Knalltüte rausgesucht. Erinnert ihr euch? Das war der Feriengast, der vor ein paar Jahren im Zuge der weihnachtlichen Karitas die Feiertage bei uns verbringen durfte. Die Putze hat ja regelmäßig solche Anwandlungen. Und bei dieser Gelegenheiten hatten wir den Kakadu winterfest gemacht. Wir hatten ihm einen Topflappen umgeschnallt, damit er nicht friert.


Ja, und dieses Foto hatte ich bei Thaya und Io eingeschickt.

Dann hieß es warten. Die Spannung war unerträglich. Würde der Weißhaubengockel eine Chance haben? Schließlich kennen die da unten in Down Under keinen Karneval, glaube ich. Die laufen da sowieso alle nackt herum.

Aber dann passierte das Unglaubliche: Wir haben gewonnen! Nun ja, nicht so ganz. Streng genommen hatten alle Einsender den Hauptpreis gewonnen, nicht nur wir, trotzdem war das natürlich sehr kulant von der Jury und wir haben uns sehr gefreut.

Aber … äh, worin bestand eigentlich der Hauptgewinn?

Aus einem Fuchsi, hieß es.

Fuchsi?

„Die werden den doch nicht in ein Paket stecken und zu uns schicken“, hat die Mia gesagt. „Eine Bahnfahrkarte sollte doch mindestens drin sein.“

Ich konnte mir das auch nicht vorstellen. Außerdem musste das ja eine große Familie sein, wenn die Mitglieder in halb Österreich und Deutschland verteilt werden konnten. Oder war das gar eine verkappte Abschiebung, eine ungefragte Adoption über die Tarnung eines harmlosen Fotowettbewerbs? Weiß man's, was die alles auf dem Kerbholz haben?

Ein paar Tage später kriegten wir tatsächlich ein Päckchen aus Österreich. Luftlocher waren drin (immerhin). Ein lieber Brief lag dabei und eine kaputte Auster unter Fuchsis Hintern (das wären Sepiaschalen zum Schnabelwetzen, hat die Mia gemeint). Ach so. 


„Tach“, hat er gesagt und sich umgeguckt.

Wie jetzt? Der Typ war tatsächlich bei uns gelandet? Die hatten das ernst gemeint? Der sollte jetzt bei uns bleiben?

Mann, hab ich vielleicht doof geguckt.


Als ich mich wieder eingekriegt hatte, regnete es erst mal Anweisungen:

Dass das klar ist, ja? Finger weg von meinen Matchboxautos. Die PC-Zeiten kannst du dir mit Roosevelt und Otis teilen, aber nicht mit mir. Wenn du schnarchst, fliegst du raus, und sonntags bist du dran mit dem Gurkenhobeln. Ach ja, und wehe, du köttelst auf den Teppich.

Und dann hab ich noch gesagt, er soll mal zeigen, was er kann.

Da war ich ja mal gespannt.

Schutzmann machen, täte er können, hat er gesagt:


Spagat ebenfalls:


Rückwärts auf einer Kiste sitzen:


Ist das alles? *gähn*

Nee, natürlich nicht, er täte noch ein Stück Apfel auf der Nase balancieren können:


Taddääää!

Oh, Mann … toll.

Eine Plautze hat er und wenn man darauf herumdrückt, fühlt es sich an, als täten dort Kügelchen herumkullern. Verdauungsprobleme?

Die Putze hat sehr mit mir geschimpft, als sie herbeigerannt kam, um den Waldindianer zu retten. Von Gastfreundschaft war die Rede, irgendwas von Toleranz und von Gottes Geschöpf. Meinetwegen. Der Fuchsi hat sich gleich bei der Putze eingeschleimt mit treuem Augenaufschlag und so. Er hockt jetzt auf dem Küchentisch. Von dort dirigiert er die Wasserzufuhr für die Zimmerpflanzen. Zu duschen braucht er nur selten, und wenn es Hühnersuppe gibt (die aus der Tüte), kriegt er das Schwafeln über die Schmackhaftigkeit von Hofgeflügel und dessen Zubereitung. 


Am besten gar nicht dum kümmern; so tun, als sei er gar nicht da.

Trotzdem legt die Putze Wert darauf, dass ich mich bei den Mädels bedanke.

Na schön.

Liebe Thaya, liebe Io, liebe Tante Mel, vielen Dank für Fuchsi. Ich verspreche, dass er nicht länger als nötig in der Kommode eingeschlossen bleiben wird. Ich bin ja kein Unvogel. 

© Max: Papageiengeschichten

Donnerstag, 12. März 2015

Diva
2009 – 2015



„Wo ich bin, da ist hinten“, hat Diva mal gesagt.

Ja-ha, aber nicht im Herzen der Menschen. Sie meinte die Reihenfolge beim Nachmittagsspaziergang, wir meinen die Freude, die wir an ihr hatten, an ihrem herrlichen Gesicht, an ihrer Art, die Welt zu meistern, und natürlich an den vielen Fotos, die uns zeigten, was Diva so machte und wie sie lebte.

Darüber sind einige Jahre vergangen. Wohl keiner von uns hätte gedacht, dass dies je ein Ende haben könnte, denn Diva schien nicht ernstlich krank zu sein. Ihr Blog gehörte dazu, war immer da, wurde gepflegt, wurde besucht, so als sei er durch nichts zu erschüttern. Das haben Institutionen so an sich: Man kommt gar nicht auf den Gedanken, dass es mal anders sein könnte. Und doch ist es passiert, buchstäblich von der einen Sekunde auf die andere. Diva ist bei einem Ausflug an der Mosel tot umgefallen.

Dass die Sonne schien und Diva am Wasser starb, das sie so gern mochte, macht das Fassungslose nicht greifbar. Einen Sinn kann ich darin nicht erkennen, obwohl ich weiß, dass das Leben nicht gerecht ist und es deshalb keinen Sinn hat, nach dem Sinn zu fragen. Aber etwas zum Festhalten möchte man haben, etwas, das einen versöhnlicher stimmt mit dem Grausamen der Endgültigkeit.

Und sicherlich sitzt der Kloß im Hals noch einmal zwei Zentimeter tiefer, weil Divas plötzliches Ende auch uns so gnadenlos vor Augen führt, wie schnell es mit uns zu Ende sein kann – ohne Vorwarnung, ohne Vorahnung. Wir sind mit unserer Endlichkeit konfrontiert, dazu mit unserer Erinnerung an die schlimmen Schmerzen, die unser eigenes Herz verkrampften, als wir selbst einen unserer Liebsten verloren.

Dass  die Trauer die Kehrseite der Liebe ist, macht es nicht einfacher. Ich fände es aber auch nicht gerecht Diva gegenüber, wenn neben all dem Schweren der Stunde kein Platz wäre für das Fröhliche und für das Leichte, das Diva doch so herrlich lebte. Ich möchte sie so in Erinnerung behalten, wie ich dachte, dass sie war. Und für mich war Diva vor allem eins:

Die Queen des gepflegten Energiesparens.

Hier mit Donna

Oder anders ausgedrückt: My Couch is my castle. Soll sich dieser Rolf Benz doch woanders draufsetzen. 



Aber diese effektive Art, den Organismus vor Überanstrengung zu bewahren, ist selbstverständlich nicht gleichzusetzen mit Verantwortungslosigkeit. Ganz im Gegenteil, Diva hatte wichtige Aufgaben zu erfüllen.

Da wäre zum Beispiel den Rhein zu beaufsichtigen, und das möglichst täglich. An- und Abreise waren jeweils zu Fuß zu absolvieren; einen Shuttle-Service gab es nicht.


Oder die Menschen zu bespaßen, indem man sich dusselige Verkleidungen anhängen ließ. Die Zweibeiner kriegten das Jauchzen, einem selbst kratzte das Ding blöde am Teint. Aber was machte man nicht alles für die häusliche Heiterkeit?


Und dann mussten die Menschen natürlich regelmäßig an die frische Luft. Diva hat sie Gassi geführt. Eisern. Bei jedem Wetter. Und wehe, die haben genölt: „Ich will aber nach Hause!“ Nix da, Bewegung ist gut für die Verdauung. 


Da es daheim – leider, man muss es mal deutlich aussprechen – keine ausreichende Versorgung mit Matchwasser gab, musste sich Diva selbst drum kümmern. Verwöhnen geht anders. Geklagt hat sie nie, auch nie nach Luxus gerufen. 


Und schließlich wollte Donna noch unterhalten werden. Rennen, spielen, rennen. Selbstlos hat sich Diva auch hier in die Pflicht nehmen lassen. Sie hatte eben ein großes Herz. 


Mach's gut, Mädchen. Sicher wirst du deine geliebte Emma wiedersehen. Und grüß mir den Angus. Der hat's auch gern gemütlich.

Wo ihr seid, das ist nicht hinten, da ist vorn. Ihr habt mein Leben bunter gemacht, und daran erinnere ich mich gern. 

Dein Max

Fotos: © Diva

Dienstag, 10. März 2015

Bye-bye, Angus

Ja, ihr lest richtig. Angus ist von uns gegangen. Mein lieber Freund Angus.



Wenn ihr's nicht schon wisst, dann seid ihr jetzt bestimmt genauso entsetzt, wie ich es war, als ich gestern nur mal schnell auf Angus' Blog schauen wollte, um zu sehen, was der Knabe so treibt. Doch statt des gewohnten schwarzweißen Gemeckers über die Hektik der häuslichen Zweibeiner („Dass die nie mal entspannen können!“) schrieb – ganz ungewohnt – Tante Manou.

Auch da hatte ich mir noch nicht viel gedacht, weil manche von uns ihre Futterknechte ja gelegentlich an die Tastatur lassen, sofern der Wechselkurs stimmt, doch dann schreiben die was anderes, vielleicht was Lustiges, jedenfalls nichts von der Regenbogenbrücke und auch nichts vom Grab, das jetzt im Garten ist.

Erst da hatte ich es kapiert – der Angus lebt nicht mehr.

Das darf doch nicht wahr sein! Mensch, man geht doch nicht einfach so, ohne was zu sagen! Aber dann habe ich nachgedacht und mir ist eingefallen, dass man manchmal nicht viel Zeit hat, um groß zu überlegen. Tante Manou schreibt, er hat bei der Tierärztin auf dem Tisch gelegen für eine Ultraschalluntersuchung. 14 Jahre alt war er. Und dann ist er dort gestorben. Ohne viel Worte. Ist einfach gegangen.

Einfach? Ach, wer weiß das schon?

Ich finde, es passt zu ihm. Angus war niemand für viele Worte und noch weniger für laute Worte. Ein bisschen stur war er – Sternzeichen Stier eben, die haben nun mal 'nen Betonschädel; ich weiß, wovon ich rede (ich sag nur: Putze). Dafür sind sie aber erdig, verlässlich und solide.

Ich weiß nicht, ob Angus verheiratet war (darüber haben wir nie gesprochen). Nee, ich glaub, das war er nicht. Aber wenn, dann war er der Typ Mann, der allenfalls den Fressnapf zur Spüle getragen hat, aber sonst seine Ruhe haben wollte. Und das Irre: Die Frauen wären ihm sogar noch entgegengelaufen, nur um ihm den Napf abzunehmen. Es gibt solche Männer; die brauchen einfach nur da zu sein und das reicht.

Angus war so einer. Ich hab' s ihm gegönnt. Außerdem hatte er's auch schwer, das sollte man nicht vergessen. Immer dieses olle Wassertreten gegen die Schmerzen in den Knochen. Dauernd da hinfahren, warten, durch die Fluten stampfen, das Fell nass, der ganze Tag im Eimer – nä! 


Und dann noch als Gipfel sich in diese doofe Themo-Pelle zu quetschen, weil das gut sei für dies und jenes. Wie sieht das denn aus! Muss man davon auch noch ein Foto machen? Aber da kommt Angus' Charakter zum Vorschein: Er trägt die Gummiwurst mit Würde, fast wie ein Model. – Okay, er guckt etwas verkniffen, aber das lag nur am Licht, das hatte ihn geblendet.


Außerdem war Angus ein prima Hirtenhund. Als Bordercollie musste er das auch sein, aber er hat nicht etwa Schafe gehütet, das kann ja jeder, sondern er war zuständig für die Segurity auf den Verkaufsveranstaltungen von Tante Manou. Diesen Job hat Angus sehr ernst genommen. So viel ich weiß, hat sich in all den Jahren niemand im Garten verlaufen, keiner hat sein Hanuta-Papier ins Gebüsch geworfen und spätestens abends, wenn es dunkel wurde, ist noch jeder aufgestöbert und zur Gartenpforte geleitet worden. Angus war überaus akkurat im Berufsleben, dabei gänzlich unhektisch und immer freundlich zu allen.

Dass so jemand nun gehen muss?

Ach, ich seh ihn direkt vor mir. Angus, wie er jetzt die Wolken abschreitet, leichtfüßig und ein wenig federnd in den Gelenken (DORT benötigt man keine Aquatherapie). Er gelangt zur Anmeldung, doch zu sagen, wer er ist, braucht er nicht, denn man weiß bereits, dass ER da ist. Also legt sich Angus hin, Pfoten auf die Wolke, der Wind spielt sanft in seinem seidigen Fell, Angus hebt nur leicht eine Braue, und schon stürzen die Englein davon, um rasch die Fenster zu schließen –  es zieht!



Ja, Angus, such dir ein schönes Plätzchen.

Bye, mein Freund. Es war schön, dass ich dich kennen durfte.

Dein Max

Fotos: © Manou