Stellt euch das mal vor. Unser Duisburger Anti-Wasser-Missionar ist verliebt. Er hat das Huhn seines Lebens gefunden. Und ich hatte gedacht, nach dem Fohpah mit dem Pit und seiner alpinen Hoppelbraut hätte ich endlich Ruhe vor dem Thema.
Wie konnte es überhaupt passieren, dass sich das Verlangen einer so bedauernswerten Gestalt wie dem Paule bemächtigt? Er ist doch ständig unterwegs mit seinem Credo, verteilt Handzettel und hört die Beichte auf Parkbänken und Ufersteinen. Die restliche Zeit hockt er in irgendwelchem Geäst mit 'nem Frühstücksbrettchen vor der Silhouette, damit die Dreckklumpen nicht ganz so wuchtig aufprallen. Abends blätterte er zwar noch immer in seinen exotischen Kontaktanzeigen, aber die Bräute, die er sich ausgeguckt hatte – Tapir, Känguru und Sau –, kamen dann doch nicht in Frage, allein schon deshalb nicht, weil die Tante Giselas sehr eigene Vorstellungen von häuslicher Behaglichkeit pflegt. Grunzspuren will sie nicht haben neben dem Makkaroni-Teller und auch keine Köttelhaufen unterm Couchtisch. Die Cora nickt dazu. Sie beklagt vor allem Paules strenges Porenfluidum, seit er nicht mehr duscht.
Fassen wir also zusammen: Welche weibliche Kreatur zum Spenden grenzenloser Geduld wäre geeignet unter diesen Voraussetzungen? Eine Tulpenzwiebel vielleicht? Eine australische Lederschildkröte? Eine Kokosnuss?
„Du bist fies“, tat der Paule am Telefon jammern. „Du redest nur so erbärmlich daher, weil dich die wahre Liebe noch nie geküsst hat.“
Oh Gott ... die knutschen?! Ist ja ekelhaft. Fehlt nur noch, dass sie auch noch erotisches Anstarren machen.
Gleich darauf kriegte ich Bilder auf den PC genudelt: das junge Glück in groß.
Moment. Die Dame sieht obenrum so aus:
Chantal heißt sie, Friseurin von Beruf. Sie wohnt auf dem Land in der Nähe von Leer. Das ist in Ostfriesland. Wisst ihr eigentlich, woran man einen Ostfriesen identifiziert? An drei Eigenschaften: 1. Er kennt keine Berge, 2. Er lässt alle Türen hinter sich offen, und 3. Er streicht sich Butter auf den Napfkuchen.
Okay, das stammt nicht von mir, hab ich nur mal irgendwo gehört.* Nicht, dass sich jetzt einer ertappt fühlt und mir wütende Protestbriefe schreibt. Ich bin hier nicht der Buhmann. Ich hab nichts am Hut mit Marschbauern, Kohlrouladen und Güllekönigin. Es ist der Paule, der euch die Eierbraut entführt.
Kennen gelernt haben sich die beiden im Chat, im Chat vom Landfunk „Coole Scholle“. Chantal war „Swansee“ und der Paule „Loverboy007“. Es hätte sofort gefunkt zwischen ihnen, das absolute Verständnis, auch ohne viel reden.
„Wir haben so viel gemeinsam“, schwärmt der Paule.
So? Was denn?
„Na, sie hat Federn und sexy Beine, sie reist gern, sie duftet verführerisch und wünscht sich eine ehrliche Partnerschaft, wo innere Werte mehr zählen als ein schönes Aussehen oder stures Festhalten an bekloppten Anschauungen.“
„Ist sie blind?“, habe ich gefragt. „Oder sonst wie matschig?“
„Nö … wieso?“
Och, ich dachte nur.
Schon nach einer Woche Rumgesülze am PC ist der Paule mit einer Präsentpackung „Knight athletics“ im Rucksack (klingt besser als Schokolinsen) ins Leere aufgebrochen. Seinen Leuten daheim hat er erzählt, er täte einen Vortrag halten bei den Nordseemöwen über Emigrationsvoraussetzungen nach Burkina Faso und dergleichen. Er käme am Montag wieder heim. In Wahrheit hat die Chantal ihn vom Bahnhof abgeholt. Dann hat sie ihm ihren Haartempel gezeigt, wo sie arbeitet, und ziemlich gleich darauf ihr Piercing am Bauchnabel. Der Paule hat mit Schwanzgefächere und strammem Auf- und Abmarschieren gekontert, und seitdem sind die beiden ein Paar.
In Duisburg ist es natürlich nicht verborgen geblieben, dass der Paule jetzt nur noch halbherzig seinen Missionspflichten nachkommt. Diverse Biber-, Enten- und Kröten-Verbände haben sich schon beschwert. Wo er denn bliebe, die wöchentliche Entrümpelung täte ihnen fehlen, seit er nicht mehr zuverlässig als Wurfscheibe zur Verfügung steht. Neulich hatten sogar ein paar Elstern an der Tür geklingelt und eine Genesungskarte abgegeben. Die Cora hatte aufgemacht.
„Bist du die Haushälterin von dem Trockenfreak?“, hatten sie gefragt.
Dem Paule war es schwer angekommen, als ihm plötzlich von hinten die Fernsehzeitschrift über den Schädel gezogen wurde. Dann hat die Cora geheult, er täte ein selten ekeliger Betonklotz sein und sie wolle nie wieder was von ihm wissen. Er soll seine Demoschilder nehmen und verschwinden, sie hätte seine ewigen Herablassungen satt. Daraufhin bimmelte das Telefon bei uns. Die Mia hat vier Stunden lang die Leitung besetzt. Ich hatte schon Angst, dass sie sagt: „Dann zieh doch zu uns, Coralein.“
Die Tante Gisela war diplomatischer. Erst hat sie ihm mit der Blumenspritze gedroht, dann am Schwanz geziept und gefordert, er soll endlich verraten, warum er dauernd Parfüm und Pralinen bestellt und ihr die Rechnung auf den Nachttisch legt. Weil ihr die Antwort („Ich mach Diät“) nicht zusagte, kam es zu unschönen Szenen, in deren Verlauf der Paule zu Kenntnis gab, dass die Chantal in Kürze mit ihm in der Voliere wohnen werde, worauf die Tante Gisela sich umdrehte und meinte, sie täte erst mal 'nen Schnaps trinken müssen.
Am Ende war miese Luft. Der Paule musste im Geräteschuppen schlafen. Die Cora hatte nämlich die Voli von innen zugerammelt. Da hat der Paule ganz schön doof geguckt, als er mit dem Bäderprospekt vom Klo kam und sich auf eine ruhige Nacht freute. Vollends zerrüttet war die Stimmung am nächsten Morgen. Der Paule erschien am Frühstücksnapf und teilte mit, er habe es sich überlegt. Man könne doch gut tauschen: Rasenmäher und Laubrechen ins Wohnzimmer räumen und den Geräteschuppen umbauen zu einem netten Apartment für ihn und die Chantal. Danach hat der Paule noch schnell die Kreditkarte von der Tante Gisela in die Krallen reißen können und ist hinausgeweht auf dem Taifun der häuslichen Entrüstung.
Seitdem ist der Paule verschwunden. Duisburg trägt Trauer. Die Cora dekoriert die Voli um und die Tante Gisela ist appetitlos und ruft dauernd unsere Mama an. Mir wird das allmählich zu viel, weil ich dann Kaffee und Wurstbrote ans Sofa bringen muss.
Ich würde ihnen ja gern helfen, aber ich habe dem Paule versprochen, dass ich nichts verrate. Er ist nämlich weggefahren. Auf Verlobungsreise. Hierhin:
in die Stadt der Liebe. Nach Rom.
Es gehe ihnen gut, schreibt er. Sie täten sich unauffällig unter die Touristen mischen. Abends seien sie immer sehr kaputt vom vielen Herumgelatsche. Dann gäbe es lecker Essen in einem einfachen Restaurant und das Hotelzimmer wäre auch schön hell und sauber. Zum Beweis:
Chantal in der Nähe vom Petersplatz.
Paule vorm Kolosseum.
Nach Hause kommen täten sie nicht mehr. Deutschland sei ihnen zu piefig. Das italienische Lebensgefühl sage ihnen mehr zu, zumindest solange die Kreditkarte noch reicht. Danach wolle sich die Chantal einen Job suchen, Pizzabäckerin oder Gelati-Verkäuferin. Der Paule wiederum habe sich auch schon umgetan: Der Tiber ist trocken zu legen. Da täten anspruchsvolle Aufgaben auf ihn warten: Aufklärung und nächtliche Aktionen. Er wolle sich nicht schonen, den dusseligen Lateran-Tauben ein sinnvolles, wasserfreies Leben einzubläuen. Ich soll ihm mal die Daumen drücken.
Ob ich schön grüßen soll, hab ich zurückgefragt.
„Nö“, kam die Antwort. „Erst mal nicht.“
Er täte noch ein bisschen warten und sich dann selbst melden. Bis dahin hätten sich seine Klageweiber daheim bestimmt wieder beruhigt. Sein Taschengeld könnten sie ihm für ein ganze Jahr im Voraus überweisen.
Tja, was soll man dazu sagen? So bescheuert der Paule auch ist, ich verrat nix. Wann kommt eine Knallbirne schon mal nach Italien? Er wird schon merken, was er davon hat, spätestens wenn ihn die mediterranen Graugänse und Salamander mit Mozarellakugeln und Gnocci zupfeffern. Dann wird ihm schon aufgehen, dass deutscher Schokopudding, der im Gefieder klebt, um nichts schlechter ist. Beides zeugt von der gleichen starken Hochkultur.
*Von Hans Fallada, glaube ich: Damals bei uns daheim.
Fotos: Paule und Huhn: © G. H.
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