Sonntag, 16. November 2014

Die große Sause (7. Teil)

Nee, das ist nicht Montreal, auch nicht Singapur, das ist Liverpool. Habt ihr nicht gedacht, was? 


Aber von Anfang an.

Am Vormittag sind wir im Bahnhof eingefahren. Wales hatten wir verlassen, wir waren wieder in England. Nach der Aufregung in Conwy taten wir uns sehr freuen auf ungestörte Anonymität in der Großstadt. Noch konnten wir uns aber nicht sicher sein, dass man uns nicht suchte. Am Bahnsteig tat uns jedenfalls niemand erwarten; das war schon mal gut. Trotzdem hieß es aufpassen. Wir haben den Pit samt Gepäck in der Bahnhofshalle in eine Ecke gestellt. Die Cora hat gegenüber auf 'nem Ständer gesessen und aufgepasst, damit wir gleich Bescheid wüssten, falls man den Pit verhaften täte. Allerdings war der Ringelplüsch getarnt, denn schließlich wollten wir es Scottland Yard nicht ganz so einfach machen. Die Orienthaube gab's günstig aus der Kramkiste am  Spielzeugstand.

Wir andern sind inzwischen in den Zeitschriftenladen gegangen wegen Überprüfung der Schlagzeilen in den Tageszeitungen. Vielleicht stand da ja „Schwerverbrecherkatze gesucht“ oder „Sabotage-Anschlag auf nagelneu renovierte Burg“. Jedes Deckblatt haben wir einzeln aus der Halterung gezogen und durchkämmt, doch – uff – nichts zu lesen vom Pit oder von irgendwas, das auf uns schließen ließ. Dem Grunzer tat vor Erleichterung der Hintern auf die „Times“ sinken.

Als wir zurückkamen, war der Pit weg. Die Cora auch. Das war ja 'n schöner Mist. Zu früh gefreut. Nun ging die ganze Hetzerei von vorn los. Knackwurst suchen – als hätten wir nichts Besseres zu tun. Ich wollte gerade die Aufgaben verteilen, da kam die Cora aus der Damentoilette gelatscht.
„Wo kommst du denn jetzt her?“, habe ich gefragt.
„Man wird doch wohl noch aufs Klo gehen dürfen“, war die Antwort.
„Aber nicht ohne den Pit!“
Dass Weiber nie begreifen können, was Verantwortung heißt beim Wachestehen. Man lässt das Objekt nicht aus den Augen – nie.

Den Pit haben wir dann doch noch gefunden. Er war nicht weit entfernt, nur ein paar Meter. Schaut selbst. Oben das Bild zeigt den korrekten Zustand, so wie man sich einen soliden Schankbetrieb wünscht, das untere Bild offenbart einen klitzekleinen Fehler. Wer findet ihn?


Mann-o-Mann, der hatte vielleicht Nerven.

Konnten wir jetzt endlich zum normalen Urlaubsprogramm zurückkehren? Gut.

Ein Hotel war schnell gefunden. Ohne Gepäck sind wir gleich weitergezogen. Nur keine Zeit verlieren. Die Putze hatte gesagt, Liverpool wäre berühmt wegen seiner Musik.
„Ja, die haben hier Geburtsstunde von Komponisten“, meinte der Harald.
„So was wie unser Beethoven, glaube ich“, hat der Grunzer hinzugefügt.
„Nee, nicht ganz so alt. Eher wie Caruso oder Greta Garbo, weil die Putze die schon als Kleinkind gekannt hat – also die englischen Komponisten. Das muss so um 1920 gewesen sein“, fand die Mia.

Näheres war im Touristenblatt zu lesen. Aha, hierum ging es: Merseybeat. Der Mersey ist der Fluss, an dem Liverpool liegt. Dort haben sich Clubs gebildet, manchmal im Keller, in denen junge Leute ungewöhnliche Musik gemacht haben, so mit Gitarren, Schlagzeug und Gesang. Das war neu, das kannte man noch nicht, weil es sich anders anhörte als das, was aus dem Radio kam. Die berühmteste dieser Kneipen ist wohl der Cavern Club. Und das berühmteste Orchester, das daraus hervorgegangen war, hatte vier Männer mit komischen Helmfrisuren, schwarzen Stiefeletten und einem gelben Unterseeboot. Aber das war später, als man sie schon überall kennen tat. Wir machten uns auf die Spurensuche.

Das bin ich mit dem Pit am Punkt drei der Touristenroute.


Die Namen auf den Ziegeln sind alles Musiker, die mal was in den Hitlisten hatten. So sehr ich auch suchen tat, Boney M. hab ich nicht finden können, Adamo auch nicht.


„Blödmann“, hat die Cora den Kopf geschüttelt.
Wieso? Was tat sich die Henne hier aufblasen? Nur weil sie die vier Jahreszeiten vom Grunzer geschenkt bekommen hatte, brauchte sie hier keinen auf überheblich zu machen. Einen Kalender kann schließlich jeder auf  CD brennen.

Das ist auch einer von dem berühmten Vier-Mann-Orchester, von dem ich gerade gesprochen habe. Seine Statue hängt sogar über der Straße. Seinen Namen habe ich aber vergessen. Ringo hieß er nicht.


Im Cavern Club haben wir eine Cola getrunken. Man kann sich dort tagsüber alles anschauen. Musik gibt's abends. Der Laden ist zwar nicht mehr original, sondern renoviert, aber es war trotzdem sehr interessant, an historischem Ort zu sitzen. Man kriegt gleich ein ganz anderes Gefühl von Erhabenheit und Bedeutung.

Gegessen haben wir an 'ner Imbissbude: gefaltete Pfannkuchen mit pikanter Füllung. Sehr lecker und auch farblich nicht weiter störend am Harald. 

Pit und Grunzer

Dem Harald hatte übrigens der gestrige Tag mit seiner Distanz zum Pit sichtlich gut getan. Der Frischkäse tat nur noch wenig niesen und der schwarze Schnabel war auch wieder weg zugunsten seines natürlichen Zustands. Da sieht man mal wieder, wie verheerend sich Katzenhaare auf sensible Kreaturen auswirken können. Das hätte ich niemals für möglich gehalten.

Die Mia war überglücklich.
„Mein schöner Adonis“, tat sie sülzen und dauernd an seinem Hals herumtatschen. 

Wie man sieht, der Harald war wie neu

Jedes Mal, wenn's um die Ecke ging, dachte ich, gleich rutscht er aus auf der Schleimspur und fliegt lang hin, aber er ist heil über alle Klippen gekommen. Sogar die Shoppingtour am Nachmittag hat er tapfer abgewatschelt. Auf einmal befanden wir uns nämlich in einer Einkaufsstraße. Das hatte ich leider zu spät bemerkt. Fürs Umkehren war keine Zeit mehr, die Mädels hatten bereits Entzückungsschreie ausgestoßen. Der Grunzer tat nachölen:
„Coralein, möchtest du dir was Hübsches aussuchen?“

Die beiden Weiber

Idiot. Jetzt hatten wir den Salat. Endloses Rumgestehe vor jedem Schaufenster. Und dann noch sagen müssen, ob die roten Hot Pants an Coras Straußeneihüften besser aussehen täten als die gelben.
„Ich fände einen Wickel aus Frühstücksspeck für dich sehr süß und vorteilhaft“, habe ich gesagt.
Da wurde ich nicht mehr um Rat gefragt.

Die Mia

Trotzdem hat die Prozedur Stunden gedauert. Der Harald und der Grunzer als Liebhaber haben ja nichts sagen können wegen ihrer Verpflichtung zum Klappehalten, aber ich habe immer schön demonstrativ den Schnabel aufgerissen, ohne mir den Flügel vorzuhalten. Der Pit saß sowieso meistens mit dem Rücken zum Laden und guckte auf die Straße. Manchmal ließen sich Katzenweiber blicken. Dann hat der Pit einen auf Latino Lover gemacht. Der Buckel wurde rund, der Schwanz zur Laterne und der Bart zum Glockenspiel. Doch die beiden juchzenden Hennen tat das alles nicht die Bohne stören. Die kriegten nichts mit in ihrem Kaufrausch. Wenigstens mussten wir keine Tüten schleppen. Alles wurde per Internet nach Hause beordert.

Am Abend dann endlich Einkehr zum Dinner fassen. Was taten mir die Füße weh. Der Grunzer hatte Bauchgrummeln und der Pit Kaugummi unter allen vier Pfoten. Nur die Mädels taten perlen wie Schampusbläschen beim Knutschen mit dem Kaviar. 

Es gab Reis mit Currysoße und Fleisch. Ich glaube nicht, dass es Pute war. Anschließend sind wir in einen Pub gegangen. Die Cora wollte unbedingt dorthin, weil sie noch so 'nen Durst hätte und es an der Theke gemütlicher wäre als am Tisch im Restaurant. Ha! Die wollte nur ans Guinness, die alte Schnabeltasse.

Wir haben sehr aufgepasst, dass die Cora nur dran nippen tat. Dennoch ist es passiert. Blau wie 'n Kegelclub war sie. Gelallt hat sie und sich wieder bäuchlings beim Pit in den Nacken gekrallt. Diesmal haben wir aber von innen das Hotelfenster geöffnet (wir wohnten im Parterre). 

Der Pit beim Aufpassen

Von dort haben wir die Cora mit dem Spannseil von Pits Trolli nach oben gezogen. Sie hatte das Seil um den Bauch. Der Grunzer tat wieder hilflos glotzen. Oder war es entsetzt? Dabei müsste er doch langsam mal wissen, was für 'ne Marke er sich mit der Duisburger Biersemmel angelacht hatte. Als die Cora dann auch noch zu singen anfangen tat, haben wir sie im Bad eingesperrt – unter Protest vom Frankenheini. Er ist dann aus Solidarität zu ihr gezogen. Mir war das sehr recht. Er mit seinem Bauchgetöse wäre nämlich auch bald dort gelandet, aber freiwillig ist immer angenehmer als Zwang. Ich bin ja eher der weiche Kumpeltyp, nicht die Faust, die auf den Tisch haut.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
          Grunzer © U.W.
          Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
          Liverpool: Flickr; Bild steht unter Creative Commons Licence
          Restaurant innen, Essen, Gürtel, Futtertheke, Markthalle, Bonbons: Morguefile
          Landkarte, Ziegel, John-Lennon-Statue, Penny Lane, Pub: Pixabay 

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. ... also so manches mag man gar nicht glauben - als Landei - aber es ist doch alles ganz wahr was du so schreibst - die Bilder belegen es ja total !

    Deine Bente

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    1. Genau, Bente. Fotos lügen nicht. Deshalb hatte ich ja auch die Digicam dabei, damit keiner behauptet, ich hätte mir alles nur ausgedacht.

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  2. Ach Max ...ich bin richtig neidisch....du erlebst soviele grandiose Dinge und siehst was von der Welt ! Ich würd gern mal mit dir be Sause machen ! LiebevGrüsse Diva

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    1. Ja, Diva, ich achte immer sehr auf gutes Kulturgut, sonst wäre es ja ein simpler Chill-Urlaub.

      Du musst nicht neidisch sein. Du kommst dann mit auf Weltreise (zusammen mit der der Amy). Darauf freue ich mich schon. Das wird ein Traum in Pink und Rosa. Ich kann's gar nicht abwarten.

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  3. Na da bin ich aber froh, dass alles wieder in Ordnung ist, haben schon immer nach unserem Dorfpolizisten Ausschau gehalten und Angst gehabt das der den Pit holen tut, na, so wichtig war denen die Burg wohl dann doch nicht. Wir haben Pit gefragt und er hat uns geschworen, dass er da nichts mit zu tun hatte. Irgendwie ist er ganz unschuldig in diese schlimme Sache rein geraten.
    Amy

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  4. Ach? Wie soll das denn gehen? Erst eine ganze Burg köpfen und ausweiden und dann behaupten, man hätte nichts damit zu tun gehabt. Die Steine haben sich von allein bewegt, während der Pit daran herumgefummelt hat, oder was? Und das Dach ist auch ganz von allein hochgeflogen. Aber bitte, wenn der Pit damit glücklich ist, mir soll's recht sein. Es ist ja nicht mein schlechtes Gewissen, das mich fortan jede Nacht quälen wird.

    Unschuldig - ha!

    Nur gut, dass wir andern so verschwiegen sind und die wahren Zusammenhänge nicht an Scotland Yard melden. Sonst hätte der Dorfpolizist schon längst bei euch geklingelt. Ganz Wales trauert um die schöne Burg. Und wie war die schön! Das kann ich bestätigen.

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  5. Oh Mann, ich hinke ja so was von hinterher. Und nur wegen Frauchens blöder "Zwangsblogpause" (Überarbeitung nennt man das wohl heute - pfffff).
    Aber morgen - MORGEN !!!!! - lese ich all deine Berichte durch, mein Freund.
    That's a promise (oder so).
    Dein Angus

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