Mittwoch, 5. Januar 2011

Nie wieder Wohlfahrt

Selten bin ich so froh, dass alles vorbei ist. Schon unter Normalbedingungen sind die ganzen Verpflichtungen, damit man das Jahr gut über die Feiertage kriegt, anstrengend genug, aber wenn man dann noch Humanität an den Hacken hat, ist das Fass ganz schnell übergelaufen.

Wir hatten dieses Jahr drei Austauschschüler in Herberge. Unsere Mama hat nämlich gemeint, wir sollten mal an all die armen Kreaturen denken, die es nicht so warm hätten wie wir, die von irgendwoher aus Familienkrise kämen oder andern Mangel erleiden müssten, keinen eigenen IPod besäßen zum Beispiel oder tagein, tagaus immer das Gleiche zum Frühstück bekämen. Erst hatte ich gedacht, sie redet von den Pelzfliegen. Stimmt es etwas nicht? Der Roosevelt und der Otis besitzen doch keinen IPod mehr, seit sie ihren verloren haben und meine Schatztruhe abgeschlossen ist. Sie kriegen jeden Abend Hackbällchen zum Futtern, frieren sich nachts aufm Balkon ihren Fellhintern stachelig, weil sie zu schwach sind, das vereiste Klofenster wieder aufzuziehen, und sie sind von Herzen unwillkommen in unserer Familie. Das passt doch zusammen wie der „Tatort“ zum Sonntag. 

Aber dann standen plötzlich drei unbekannte Gestalten vor der Tür, alle drei mit Kulturbeutel unterm Arm und Erkennungsausweis um den Hals. Da merkte ich erst, dass die Mama es konkret  meinte. Sie kriegt in letzter Zeit öfter Anwandlung, gern mit sentimental oder Philosophie, wo man dann Quizfragen beantworten soll wie: „Glaubst du etwa, du bist allein auf der Welt?“ oder: “Bin ich deine Putzfrau?“ Meist jedoch geht es vorüber, wenn man ihr die Johanneskraut-Pillen bringt oder auch mal was Nettes sagt wie: „Ich glaube, gestern sahst du viel fetter aus als heute – bestimmt hast du abgenommen.“ Wer konnte denn ahnen, dass sie gleich ein halbes Waisenhaus einlädt! Bisher hatte sie ihre Labil-Psyche doch ganz gut im Griff. 

Snörre und Rudolf - Schwedens Stolz

Na, und was das für Typen waren! Zwei kamen aus Schweden. Der eine hieß Snörre, eigentlich mit so ‘nem durchgestrichenen „o“ statt „ö“; der andere hieß Rudolf.  Warum sie Anrecht erworben hatten auf kostenlosen Aufenthalt bei uns, ist mir bis heute nicht klar. Vielleicht weil sie so mickrig waren. Kleinwüchsig kommt wohl eher hin. Unter ihren Hufen ist dauernd der Schnee hängen geblieben; den haben sie ständig auf unsere herrlichen Oriental-Teppiche  gelatscht. Und mit dem Geweih haben sie Mias Silber-Hemdchen vom Haken gegabelt und in die Dusche geschleudert. Nicht zu vergessen ihre blöde Sprache:
„Reichst du mir bitte das Vänling, Tante Hausfrau?“
„Ich bin müde, ich geh jetzt ins Fjellse.“
„Darf ich ein Buch aus dem Billy nehmen?“
„Bei uns schlafen die Fledermäuse nie in einem Aspelund.“

Trotzdem hat die Mama sie nicht vor die Tür gesetzt. Im Gegenteil, ihretwegen bin ich an der Wäscheleine gelandet, dabei hatte ich nur Befehl ausgeführt. Wir mussten nämlich am Heiligabend Dekoration machen, ‘n bisschen was Feierliches zusammentütern, hatte die Mama gesagt, so mit Tannengrün und Bundgebimmel. Da hatte ich dem Rudolf halt das Lametta über die Schaufeln gehängt, zusammen mit zwei Gelee-Ringen und je einer roten Christbaumkugel links und rechts. Ich fand, das sah klasse aus. Aber die Mama ist in Schreierei geraten. Den ganzen Nachmittag bis abends zum Geschenkeauspacken musste ich dann kopfüber baumeln. Dabei haben mir die Matschfalter Fischli an den Hintern geschossen, und die beiden Schweden-Liliputaner sind daneben gesessen mit Freudengeklatsche, sobald ich in Schaukelei geraten bin. Das hat leider ein wenig Missstimmung gemacht. Ich bin ja sonst ein geduldiger Vogel, voller Milde und Verständnis – wirklich  –, aber von kackbrauen Huf-Zwergen brauch ich mir Amüsement noch lange nicht gefallen zu lassen.

Dabei waren sie ja noch der angenehmere Teil. Der Dritte war vielleicht ‘ne Knalltüte! Ein selten dämliches Exemplar. Dass so was überhaupt hergestellt werden darf. Sidney hieß er. Wie kann man nur nach ‘nem Opernhaus benannt werden! Hier heißt doch auch keiner Kölner Dom oder Hamburger Zoo. Aber in Australien geht das wohl. Da kam er nämlich her, der Eierkopf, aus der australischen Steppe, da, wo sich Dingo und Känguru good night sagen. Ich meine, ich kenne ja noch andere Kakadus, den Bömmel zum Beispiel oder den Paul. Auch sie tragen alberne Flauschmütze mit Gelbgefranse hinten dran, und auch sie tun ‘n bisschen simpel ausschauen so ganz in Weiß. Im Computer heißt die Farbe #fff. Ich dagegen bin edles #6d8f21. Hört ihr den Unterschied? Wie das auf der Zunge zerschmelzen tut? Und das ist nur eine einzige Facette von meiner großen grünen Vielfalt. Was hat dagegen so ‘n Sidney zu bieten? Natürlich nichts,  außer fff und Hohlraum in der Birne. Kaum war er zur Tür rein, hat er mich gefragt, ob ich adoptiert wäre. Wieso, habe ich zurückgefragt. Na, weil ich es sicher nicht einfach hätte im Leben – so dick und dazu mit geistiger Behinderung behaftet, das täte doch bestimmt unter besonders dringende Karitas fallen; wie lange ich denn schon hier sei und was ich kosten täte pro Tag an Spendengeld vom Tierheim. Da habe ich dann nicht mehr mit ihm geredet. Nur noch das Nötigste. Und nachts ist er dauernd von der Stange gefallen. So richtig mit Schmackes hintenüber. Sitzproblem hatte er also auch noch. 

Ich mit der australischen Knalltüte (links hinten)

Mit diesen Gestalten musste ich nun Weihnachten verbringen. Ist es zu glauben? Nach dem Geschenkeauspacken sind die Huf-Schweden um den Christbaum getrampelt, immer rundherum, weil sie behauten taten, in Skandinavien mache man das so wegen Ausdruck von Fröhlichkeit. Am nächsten Tag haben die Nachbarn unter uns gefragt, ob wir Nilpferde beherbergen täten, die Gläser in den Vitrinen hätten gescheppert. Die Mia war auch stinkig: zum einen, weil sie sich noch immer kein Kloaken-Piercing stechen lassen darf, und zum andern weil ich ihr Parfüm geschenkt hatte. Jawohl. Lauter hübsche Mini-Fläschchen. Die Mia hat aber nur geplärrt: Ich täte sie wohl für dumm verschachern wollen! Das wären keine Pröbchen aus der Parfümerie, das wäre Kuchenaroma aus dem Backregal – Zitrone, Rum, Vanille! Der ollen Meckerhenne schenke ich nie wieder was.

Nach den Feiertagen habe ich die schwedischen Fellschaufeln kaum noch gesehen. Erst hatten sie mit der Mia auf Geo-Caching-Tour gehen wollen, aber weil das wegen Schneebelästigung nicht ging, ist die Mia zu Hause geblieben und die beiden Jungs sind allein losgezogen. Sie sind schlichte Naturburschen, schippen den ganzen Tag Schnee für fremde Nachbarn und freuen sich darüber ‘n Loch in den Schal. Vom Trinkgeld haben sie der Mama ‘ne Schachtel Mon Cherie gekauft. Da ist sie weggeflossen vor Umschmeichelung:
„Nein! Wie lieb der Snörre und der Rudolf doch sind!“
Dabei hat sie mich so angeguckt mit so ‘nem Siehste-Geschiele, so wie’s nur die kreiselnden Mutti-Hormone hinkriegen. Leider hat dann jemand die Schachtel auf die Heizung gelegt. Da ist alles ganz schnell im Mülleimer verschwunden.

Den Weißheini winterfest zu machen war ein weit größeres Problem. Den halben Tag hockte er auf dem Fensterbrett und guckte dem Schnee beim Abstürzen zu. Davon konnte er nicht genug kriegen, wahrscheinlich weil weiß und weiß von Natur aus Verbundenheit fühlen. Natürlich wäre er am liebsten gleich rausgestürmt wegen wälzen im Schneehaufen oder ähnlichem Sport, doch das hat die Mama verboten. Sie hatte Angst, dass der geschrubbte Rettich verloren gehen könnte wegen fehlendem Kontrast zum Hintergrund, außerdem wäre er die Kälte nicht gewohnt und täte sich womöglich ‘nen Husten zuziehen. Also musste er drinnen bleiben. Wir haben Halma gespielt und Mau-Mau und Spitz-pass-auf. Er kannte das alles nicht. Dafür hat er mir an einer leeren Klopapierrolle gezeigt, wie man Ditscheridu bläst. Ihr wisst schon: dieses Tutrohr, das zurückkehrt, wenn man es in einem bestimmten Bogen in die Luft wirft.

Einmal durfte der Sidney aber doch raus. Das war an dem Tag, als der Onkel Chulio aus Marbella die Mama besuchen wollte. Die Mia und ich mussten dem Weißling was zum Anziehen leihen. Ich habe mich schweren Herzens von meinem Guerilla-Kampfanzug getrennt. Aber da sagt der undankbare Kerl doch glatt:
„Nee! Damit geh ich nicht auf die Straße!“ 

Der Weißheini in meinem Guerilla-Kampfanzug

Schließlich haben wir ihm Mamas Schal umgebunden. Auf den Kopf kriegte er den blauen Teelichtbehälter aus dem Küchenschrank  –  für alle Fälle, falls ihn eine Lawine begraben sollte, damit er gut zu erkennen wäre bei der Rettung und sein Scheitel nichts abbekäme. Wir waren erst im Park und haben Zähl-den-gelben-Hundeschnee gespielt, anschließend sind wir im Café eingekehrt zum Aufwärmen. Wir hätten dem Heini allerdings nicht den Schal abbinden sollen, denn kaum war das Ding runter, hat er sich den Kakao vorne rübergeschüttet. Alles war eingeferkelt. Es hat noch ‘ne Zeitlang aus den Bauchfedern gedampft auf dem Heimweg, und zu Hause musste er in der Waschschüssel hocken und einweichen. Der Fleck wollte einfach nicht rausgehen; die Marmelade aus dem Berliner war viel eher weg. Ich glaube, die Mama hat dann Mehl draufgepudert, jedenfalls sah der Knollenspargel irgendwann wieder weiß aus.
„Meine Haut ist ganz schrumpelig“, hat er gejammert.

... und mit modischem Winter-Outfit

Silvester war dann noch mal voller erregender Choreografie. Die Mia wollte zum Feiern in die Disco, aber die Mama wollte sie nicht allein gehen lassen. Ich fiel aus als Begleitung.
„Dich Dorftrampel will ich auch gar nicht dabeihaben“, hat die Mia geantwortet.
„Schön, dann nimm doch den Snörre und den Rudolf mit“, habe ich Vorschlag gemacht.
„Au ja, au ja!“ Die beiden Schaufel-Heinis waren kaum zu beruhigen. Im Küchenschrank hopsten die Teller unter der Vibration.

Aber irgendwie hatte die Mia wohl andere Vorstellung von schick und Galan; mit bepelzten Vierbeinern aus Knäckebrot-Country wollte sie sich nicht blicken lassen. Das Ende vom Lied: Wir Männer sind daheim geblieben und die Mia hat sich von einem Fasan abholen lassen. Das ganze Treppenhaus tat nach Pomade miefen, obwohl er schon längst mit der Mia ins Taxi gestiegen war. Sie hatte ihr lila Abendkleid mit den Pailletten an. Das heißt, eigentlich gehört es der Cora. Die Mia hatte es sich nur ausgeliehen, weil sie keine eigene Gala-Garderobe besitzt: So hatte sie es jedenfalls der Mama ins Ohr geheult. Lila steht der Mia wirklich klasse, das muss ich zugeben. Sehr viel musste auch nicht enger genäht werden an dem Kleid.

Wir Jungs haben erst eine Rambo-DVD geguckt und dann mit Mama Bleigießen gemacht. Um Mitternacht sind die Pelzfliegen aufgetaucht. Sie waren ganz aufgeregt, piepsten und flappten mit den Gummiwedeln. „Ja, ja, gleich“, hat die Mama sie beruhigt und die beiden in die Manteltasche gesteckt. Dann ist sie auf den Balkon rausgetreten. Wir andern durften nicht mit. Wir haben hinter der Balkontür gestanden und zugeguckt, wie die Mama erst eine leere Flasche in den Schnee gewrögelt und dann eine Rakete hineingesteckt hat. Anschließend sind der Roosevelt und der Otis an den Stab geklettert und haben sich dort festgehalten. Die Mama hat die Rakete angezündet, ist beiseite getreten – hui … ab ging die Kanone. Erst hatte ich gedacht, den Pelzfliegen wäre der Hintern angekokelt – mindestens  –, aber ein paar Minuten später taten sie wieder auf dem Geländer hocken und total gesund aussehen. Das Ganze machten sie zehn Mal, in blau, in rot und in grün. Wenn sich die Kugel so auffächerte und in Sternchen herabgerieselt kam, war’s besonders schön. Als alles verschossen war, hat die Mama den Roosevelt und den Otis wieder eingesammelt. Sie kriegten Erste Hilfe durch Anhaucherei und saßen dann bei uns auf dem Couchtisch in Topflappen eingewickelt und mit Ravioli  in den Flügeln. Die Glubscher taten glühen, noch mehr als sowieso schon.

Am 2. Januar sind die Austauschschüler wieder abgereist. Die beiden Schaufelhufen haben mir versprochen, eine Postkarte zu schicken. Hoffentlich nehmen sie keine, wo Mittsommer drauf ist; ich kann Touristenmetropole nicht leiden. Dem weißen Opernhaus habe ich ein Matchbox-Auto geschenkt. Natürlich ist es nicht der lila Lamborghini vom Grunzer – wo denkt ihr hin! Es ist ein ukrainischer Laster in Kotzgrün. Ich habe ihn doppelt, außerdem lahmt das rechte Hinterrad.

Ich hoffe sehr, ihr hattet schönere Feiertage als ich. Wenn eure Menschen plötzlich Moral kriegen und von teilen, von Mitleid und von Gerechtigkeit in der Welt faseln, seht bloß zu, dass ihr sie beruhigt! Auslandsbesuch ist die Pest.  Die gute Nachricht: Man überlebt es. Wir sind im neuen Jahr angekommen. Uns geht es gut. Alles ist neu und frisch. Machen wir das Beste daraus. In diesem Sinn: alles Gute, liebe Freunde!

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Wir haben auch mal solche Austausschüler aus Australien bekommen, 5 Stück!!!! Und weißt du was? Drei davon wollten nicht mehr nach Hause. Die wohnen jetzt richtig bei uns. Wir ignorieren die einfach. Wir finden es nur nicht gut, dass die nichts zahlen müssen, keine Miete, kein Kostgeld, nix! Die Mama sagt, das bräuchten die nicht, weil sie dafür ja schließlich arbeiteten. Hä? Den ganzen Tag auf dem Weichholzschrank sitzen ist doch keine Arbeit, oder?
    Du Max, wer hat dir denn diesen Umhang als Kampfanzug verkauft? Hihihihi, sehr schick und so...so...na ja, so nett pastellig!

    AntwortenLöschen
  2. Huhu Max,
    hat dich deine Mama schon oft in ein Camp für schwer erziehbare Vögel, zum Überlebenstraining geschickt? Ich frage nur, weil die Camouflagefarben von deinem Kampfanzug schon sehr verwaschen sind.
    Wir hätten auch gerne mal Austauschschüler da. Sei doch froh Max, dadurch weißt du wenigstens was in der Welt vor sich geht. Wir kennen nur unser Hintertupfing.
    Rudolf und Snörre scheinen richtig nett gewesen zu sein. Auch wenn du von der Wohlfahrt nicht begeistert warst. Das ist aber so. Möchtest du, wenn du ein paar Tage in Schweden oder Australien bist, dass dich die dortigen Gastgeber auch so garstig behandeln?
    Erzähl mal, wann bist du dran mit reisen?

    Übrigens, dass du Sidney ein Matchboxauto verschenkt hast, war anständig von dir. Was macht da so ein kleiner Hinterachsschaden, einem geschenkten Gaul schaut auch ein Sidney nicht ins Maul.

    AntwortenLöschen
  3. Den Guerilla-Anzug habe ich aus dem Internet ... wieso? Er ist halt schon oft durch den Urwald gekrochen, deswegen ist die Farbe schon ein wenig raus. Mit Camp für schwer erziehbare Vögel hat das nichts zu tun - das ist original Lebensgefahr!

    Drei von diesen australischen Weißheinis habt ihr zu Hause, Cora? Hast du mir nie erzählt. Ich könnte das nicht: dauernd vom Schrank aus angeglotzt werden. Da fühlt man sich ja beobachtet. Womöglich petzen sie auch noch. Wahrscheinlich braucht jede Familie mindestens einen dicken, arbeitsscheuen, vorlauten und unverschämten Nichtsnutz für Alibi von Wohlfahrt und Humanität. Bei uns ist das auch so. Den Roosevelt und den Otis hatte auch keiner eingeladen.

    Was meinst du damit, wann ich dran bin mit reisen, Grunzer? Wohin reisen? Warum? Ach, du meinst, weil es Austauschschüler heißt? Ja, das ist richtig, es heißt so, aber es gibt auch Austausch ohne Tausch. Da kommen nur welche her, aber die Gastgeber müssen nicht hin. Was habe ich in Australien verloren? Oder in Schweden? Will ich Knäckebrot sammeln? Oder 'n Picknick am Ayers Rock machen? Die Mama kann ja fahren, sie hatte uns schließlich die Kerle ins Haus geholt. Ich bleib daheim!

    Außerdem war ich nicht garstig zum Besuch. Ich war nur deutlich und bestimmt.

    AntwortenLöschen