Montag, 26. Dezember 2016

Der große Apfel, der niemals schläft (1. Teil)

Ich hatte gleich gesagt, dass New York nichts ist für Leute mit Höhenangst. Und die Cora hat gesagt, als sie der Tante Gisela das Taschengeld für die Reise aus den Rippen leiern wollte:
„Der Karlsson macht Konfrontationstherapie. Dabei müssen wir ihm helfen.“

Warum ausgerechnet New York? Und warum schon wieder verreisen? Schließlich waren wir gerade erst von unserm Segeltrip aus der Karibik zurückgekehrt, denn die Ereignisse, von denen ich euch jetzt erzähle, passierten schon im Sommer, und da war ich noch heilfroh, dass ich meine Flügel ungestört von lästigen Seeböen und Meeresrauschen aufs Sofakissen strecken durfte.

„Warum NICHT New York?“, hat der Karlsson geantwortet. „Das ist Kunst, das ist Kultur.“

Manhatten: Tourismus für Könner

Von oben betrachtet sogar nur was für Stahlnerven

Da hatte er allerdings recht. Mit Kunst und Kultur hatte unsere Karibik-Schaukelei auf dem Touristensegler nichts zu tun gehabt. Ich meine, tolle Landschaften, schönes Wetter und freundliche Einheimische fallen ja nicht darunter, oder? Unter Kunst und Kultur verstehe ich so was wie Bilderbegaffe in Museen, Hausfassadenbesichtigungen, Theater- und Opernbesuche und allenfalls noch stundenlanges Gelatsche durch Parks und Straßen, sofern sie nicht der eigenen Heimatstadt angehören, sondern weit weg liegen und damit den Ansprüchen nach Exotik genügen.

„Korrekt“, hat der Karlsson bestätigt.

Ja, Mensch, so was hatten wir doch schon in Paris, was will der Kerl dann noch in New York?

„Noch mehr Kunst und Kultur erleben.“
Dabei hat er ins Telefon geschnurrt, dass ich die Hitze direkt am Ohr spüren konnte.

Ach ja? Und wie war das noch, als er mit uns auf den Montparnasse kommen sollte, was bekanntlich ein Hochhaus ist und wo ihm schlecht geworden war, schon an der Fahrstuhltür, und wo er dann dagestanden hatte mit matschigem Blick und vibrierendem Pelz und uns anschließend vor Erleichterung, dass wir lebend wieder auf der Straße sein durften, 'nen Calvados ausgegeben hatte? Und dann will er ausgerechnet nach New York reisen, wo Manhattan vollsteht mit lauter solchen Wolkenkratzern?

„Kein Problem“, hat der Karlsson getönt. „Das schaff ich.“

„Mein Held!“, ist die Cora ihm prompt zur Hilfe geeilt.
„Gut, dann kannst du ja allein mit ihm hinfahren“, habe ich vorgeschlagen und ein Sonnenbrillen-Smiley hinter die SMS getippt.
Keine halbe Stunde später klingelte das Telefon. Der Karlsson hat mich angeranzt:
„Biste bekloppt? Du kannst doch der Cora nicht erzählen, dass ich mit ihr gemeinsam bei Tiffany's den Sonnenaufgang begrüßen will. Ich bin Single! Und das aus Überzeugung! Dabei bleibt's! Basta!“

So? Hatte ich das gesagt? Hihihi. Es ist doch immer wieder interessant zu erfahren, wie gut die geheimen Informationskanäle funktionieren. Man muss schließlich wissen, wo der Feind steht.

„Natürlich will ich, dass du mitkommst, Max, das ist doch klar“, hat der Karlsson gemeint.
Dagegen musste ich leider zu bedenken geben, dass man mit mir immer auch die Mia einkauft und mit der Mia die Cora, denn ohne die Cora stellt sich die Mia stur, und ohne die Mia lässt mich die Putze nicht ziehen.
„Ist okay.“
Der Karlsson hat das ganz locker gesehen:
„Solange wir Männer in der Überzahl sind, können die Weiber uns nicht viel anhaben.“ 

Ja, und irgendwie sind sie manchmal auch ganz nützlich, das muss man fairerweise hinzufügen. Die Cora hat immer Kopfschmerztabletten und ein Pflaster dabei, und von der Mia erfährt man, in welcher Drogerie vor Ort es gerade kostenlose Mundwasserpröbchen gibt. Auf Reisen sind die ganz praktisch zum Desinfizieren von Hotelklo und -badewanne. Da braucht man nicht selbst alles von daheim mitzuschleppen.

Mir ist nach einem Blick ins Internet aber noch ein ganz anderes Hindernis aufgefallen. Darüber sollte der Karlsson unbedingt Bescheid wissen. In New York nämlich ist man ziemlich eigen mit Hunden. Einerseits gilt die Stadt als hundefreundlich, weil man seine Vierbeiner mit in die Parks nehmen darf, andererseits sind sie verboten in der U-Bahn und in Restaurants und Bars nur nach Wohlwollen akzeptiert. In der Regel gilt Leinenpflicht. Mal ehrlich, würde das dem stolzen, stattlichen Terriermann Karlsson gefallen, wenn wir andern in der Imbissbude verschwänden, um mal schnell ein Kilo Hamburger zu fassen, während er draußen auf dem Bürgersteig warten müsste mit der Leine am Halsband und der Cora oder der Mia am andern Ende der Leine, damit der behördlichen Auflage Genüge getan wäre? Also echt, mir wäre das zu kränkend. Ganz zu schweigen von dem üblichen Gewurschtel am Flughafen, wo man als Hund automatisch hinderlich wird durch das ewige „Leine an, abführen, Leine ab“. So was kann man seinen Mitreisenden auf Dauer schlecht zumuten. Ach, und Steuermarke und Impfmarke (gegen Tollwut) kommen ja auch noch dazu. Die muss man in New York als Hund bei sich tragen. Ich weiß zwar nicht, ob das auch für Touristen gilt, aber Aufwand ist es allemal.

Der Karlsson hat dann am Telefon auch gleich das Schweigen gekriegt. Damit hatte er wohl nicht gerechnet. Tja-aa, wenn man mich und meinen Realitätssinn nicht hätte. Wie oft wären unsere Reisen in der Luftblase dummer, romantischer Ideen zerplatzt?

„Egal“, hat der Karlsson nach einer ziemlich langen Pause in den Hörer geseufzt. „Dann fahren wir eben Taxi, und wir gehen nur dort essen, wo auch ich hin darf.“
Er ließe sich nicht unterkriegen, hat er hinzugefügt; notfalls könne er den Leuten ja noch 'nen ordentlichen Haufen auf den Gehsteig setzen, falls er den Eindruck bekäme, dass er als Tourist nicht willkommen sei.
„Das tun die nicht“, habe ich ihn beruhigt.
„Eben. Glaub ich auch nicht. Die leben doch vom Tourismus. Aber es ist gut, wenn man weiß, wie man sich wehrt. Ich bin schließlich kein Popanz. Ich will genauso zuvorkommend behandelt werden wie jede Touristenskobra, jeder Touristenskunk und jedes Touristenschwein auch.“

Verständlich. Intoleranz schlägt jedem Reisenden auf die Laune. Nun aber mal zur nächsten Frage. Wer sollte den ganzen Kram denn bezahlen?

„Na, ich natürlich!“, hat der Karlsson vollmundig ins Smartphone getutet.

So? Das war mir neu, dass seine Business-Aktivitäten jemals auch nur einen einzigen Cent eingebracht hätten. Allein die bekloppte Idee, seine Insel „Miracle of Pansen“ zu nennen. Wer kriegt da schon Speichelfluss – außer den kulinarisch steckengebliebenen Söhnen des Waldwolfes? Man muss natürlich von „Promise of Praliné“ reden oder von „Île de Crème“, wenn man ein größeres Publikum erreichen will. Und mal ganz abgesehen von den rechtlichen Besitzfragen (die damals noch nicht geklärt waren, als ich unter falschem Namen bei seinem Papa in der Firma angerufen und mich bei den Juristen erkundigt hatte) war  meines Wissens Karlssons Finanzkonzept auch von den Banken nicht gerade freudig aufgenommen worden. Sein Plan sah vor, auf dem vorderen Inselteil eine exklusive Ferienanlage hochzuziehen und im hinteren Teil für Aussteiger eine Art Pfahlbausiedlung anzubieten, wo ökologisch unbedenklich Pansen gekocht, verpackt und verschifft werden könnte. 

Karlssons Insel: dort hinten irgendwo

Da in der Karibik oft recht heftiger Wind weht (saisonweise jedenfalls) und in der Kreditabteilung der betreffenden Banken zufällig kein Hund arbeitete, der den Argumenten die gewünschte Richtung hätte verpassen können, ist dem Karlsson der Kreditantrag abgelehnt worden. Das hat ihn sehr enttäuscht. An die große Glocke gehängt hatte er es zwar nicht, aber man erfährt ja so einiges, solange man seine Mittelsleute großzügig bezahlt.

Doch der Karlsson wäre nicht der Karlsson, wenn ihn das aus der Bahn geworfen hätte. Danach hat er es in Russland versucht. Ihr wisst doch noch? Ludmilla und Tamara, die beiden Fröschinnen von unserm Karibik-Segler? Gut verheiratet mit Millionärsrubeln und immer offen für eine nette Ansprache? Der Kontakt war schnell hergestellt. Man ist dem Karlsson sehr interessiert entgegengekommen. Wo wünsche er denn zu investieren? In Bohröl? Erdgas? Kaviarproduktion? Tourismus? Oder doch lieber in Baumärkte vor Moskau, Kiew und Rostow am Don? 

Ludmilla und Tamara: hier mit Bodyguard

Nun, soviel ich weiß, hat sich der Karlsson daraufhin artig bedankt, den Kontakt aber abgebrochen mit dem Hinweis, die Gold- und Diamantenvorkommen unter seiner Obstwiese im Garten wolle er dann doch lieber einem heimischen Partner anvertrauen, um das regionale Gewerbe zu stärken. Inwieweit er dann noch anderweitig tätig geworden ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Es gab jedenfalls keine Hinweise darauf, dass der Karlsson die Reise nach New York auch nur ansatzweise hätte bezahlen können. Das habe ich ihm auch gesagt, direkt in sein Ohr hinein.

„Na gut, du hast recht“, ist er eingeknickt. „All mein Geld ist noch in der Investitionsphase, da kann ich nichts rausziehen, das ist alles festgelegt.“

Und jetzt?
„Ganz klar – mein Papa zahlt.“

Ja, da ist was dran, wenn man bei solchen Entscheidungen gar nicht erst auf weibliche Hilfe setzt. Frauchens sind dafür gänzlich ungeeignet. Ich kenne das von meiner Else. Die Putze fragt auch immer, warum wir SCHON WIEDER verreisen müssten, wir bekämen doch TASCHENGELD, die Gazellen in Namibia würde doch auch nicht dauernd in URLAUB FAHREN, und im Übrigen hätten wir gerade erst vorletzte Weihnachten ein schönes Fotobuch mit allerlei Reisepostkarten geschenkt bekommen, da könnten wir doch gut drin blättern und uns WEITERBILDEN, ohne ständig in der Weltgeschichte HERUMZUGONDELN.

Unter Männern ist das ganz anders. Da wird nicht viel herumgeredet. Da antwortet man auf die Frage, warum man unbedingt nach New York wolle, mit einem schlichten: „Damit ich vor dem Haus von Miles Davis, dessen Musik du doch so magst, einen stillen Gruß aufs Pflaster hauchen kann“, und schon ist alles geritzt. Man wird auf den Schoß gezogen, man kriegt über den Kopf gestreichelt und erfährt, dass man ein ganz, ganz entzückender Hund ist, voller Herz und überraschendem Zartgefühl.

In der Tat, der Karlsson hat viel dazugelernt seit damals, seit seinem Fortbildungsseminar in der Schweiz und unserm Kurztrip nach Paris. Gute Menschenkenntnis ist wichtig für eine erfolgreiche Freizeitgestaltung.

Da nun also Flug und Unterkunft finanziell geregelt waren, hieß es den nächsten Punkt abzuarbeiten. Das Hotelzimmer gilt ja immer für zwei Personen, also konnten wir noch jemanden mitnehmen außer den beiden Mädels, zumal Karlssons Papa großzügig gleich zwei Flugkarten zu spendieren bereit war (nachdem der Karlsson ihm seine Lieblingspuschen wieder ausgebuddelt und vor den Esstisch gelegt hatte). Wir tendierten zu Pit und Luke. Was man kennt und was sich bewährt hat, auf das sollte man zurückgreifen.

„Okay“, hat der Pit gesagt. „Ich bin dabei.“
Fast hätte ich ihn gar nicht verstanden am Telefon. Vermutlich hatte er Salamischeiben im Mund.
„Was futterst du denn schon wieder?“, habe ich mich zur Wehr gesetzt. „Es ist sehr unhöflich, nebenbei zu kauen, wenn man mit jemandem spricht“,
„Geht dich gar nichts an.“
„Blödmann“
„Selber.“

Ich muss zugeben, mir fiel ein Stein vom Herzen, dass unsere Kommunikation wieder den alten herzlichen Ton angenommen hatte, denn kurz nach unserer Karibikreise war eine längere Funkstille eingetreten. Der Pit behauptet nämlich noch immer steif und fest, dass es uns nie auf die unbewohnte Insel verschlagen hätte, sondern dass wir die ganze Zeit lautlos im Ruderboot im Nebel ums Schiff herumgepaddelt wären, nur um ihn zu ärgern. Meine Beteuerungen, dass wir so was nie tun würden, haben ihn leider nicht überzeugen können. Wie gesagt, deswegen ist er noch heute sehr misstrauisch, aber wenigstens redet er wieder mit mir. Die Mia hat ihm zum Erntedankfest einen kleinen Kompass an der Uhrenkette geschenkt. Ich bin sicher, wenn der von mir gekommen wäre, hätte er ihn mir an den Kopf geschmissen – sogar durch Telefon.

Vom Luke kam leider eine Absage. Er könne nicht schon wieder weg, er müsse sich erst mal ums Geschäft kümmern, hat er gesagt. Es gäbe so viel nachzuholen und nachzubessern. Oh-oh, mancher Kunde wäre ziemlich angefressen. Da sei so einiges schiefgegangen, während er sich in der karibischen Sonne geaalt hätte. Zwar sei der Telefonservice mit dem freundlichen Mädchen an der Strippe (der Amy) ganz gut angekommen, an der praktischen Umsetzung der Aufträge jedoch hätte es gewaltig gehapert. Statt Fachpersonal habe man ihnen einen neuen Mitarbeiter geschickt, diesen kleinen dunkelhaarigen Burschen mit der Kurzfellfrisur in dem viel zu großen Blaumann. Das könne man so nicht hinnehmen, beim besten Willen nicht. Er hätte vier Kaninchenställe mit Hustensaft ausgesprüht (alle glücklicherweise leer), drei Katzenbäume mit Stacheldraht umwickelt, um sie vor Mäusebefall zu schützen, und vor dem Supermarkt im Nachbardorf Flyer verteilt mit Fotos von Borkenkäfern und Maulwürfen und der Bitte, sich zu melden, falls jemand die Gesuchten kenne. Zu Begrüßung an der Haustür habe es jedes Mal geheißen:
„Kammerjäger, Kammersänger,
ich bin hier der Eurofänger.
Ich bin geck, ich bin Jack,
wenn ich geh, ist alles weg.“

Die Daheimbleiber

Oh-ha! Allerdings, das ist harter Tobak. Da kann ich den Luke gut verstehen. Aber bei Familienangehörigen kann man ja leider nicht so durchgreifen, wie man es gern täte. Soweit mir bekannt ist, hat der Luke nur ein bisschen den Lohn gekürzt, ansonsten einmal deutlich hinterm Treppengeländer Aufstellung genommen wie 'n Monarch bei der Regimentsansprache und einmal scharf hinuntergebrüllt, dass er Jacks und Amys Schlafplätze an durchreisende Unken und Schnecken vermieten werde, wenn so eine Sauerei noch mal vorkäme. Seitdem macht er Nachtschichten im Stall, um den Imageverlust zu beheben. Im Gewerbe ist man ganz schnell weg vom Fenster, wenn man die falschen Leute einstellt.

Schade, für uns hieß das, dass wir neu planen mussten. Und natürlich, als hätte ich's gewusst, ging auch gleich das übliche Gemecker los. Manche wollten unbedingt mitfahren. Der Karlsson und ich haben aber gleich gesagt, dass ein zweiter Hund nicht in Frage käme, denn bei den ganzen Beschränkungen in New York müssten wir uns nicht noch eine Zweitfassung antun. Das führte zu unterschiedlichen Reaktionen. Während die Polly nur lakonisch zur Kenntnis gab, dass sie sowieso nicht mitgefahren wäre (ich liebe unkomplizierte Frauen), hat die Amy 'nen Schreikrampf gekriegt. Ich wäre 'n ganz fieser Arsch, hat sie ins Telefon geplärrt.
„Wieso ich? Das ist doch Karlssons Reise“, habe ich geantwortet.
„Aber du hast ihm gesagt, dass ich nicht mit darf. Ich kenn dich. Du sagst das immer. Nie darf ich mit. Immer lasst ihr mich hier. Du bist so gemein, Max, du … du … du … blöde Stinkmorchel, du.“

Ui, danach musste ich erst mal das Smartphone auswringen. Dann kam der Jack an die Reihe. Er hatte ebenfalls Wichtiges loszuwerden:
„Max, warum darf ich nicht mit? Ich habe die ganze Zeit geübt. Ich bin auf dem Rummelplatz "Wilde Maus" gefahren, so wie du's gesagt hast, sogar mit vollem Magen. Ich kotz jetzt nicht mehr ins Flugzeug. Ganz bestimmt nicht, ich bin geheilt.“

Für das Abwimmeln ungeeigneter Reisegäste habe ich dem Karlsson einen dreistelligen Betrag in Rechnung gestellt. Schließlich bin ich nicht sein Sekretär und es ist nicht jedermanns Sache, schwere Vorwürfe und nervliche Zerrüttungen unbeschadet in seinen Alltag zu integrieren. Als dann auch noch die Marina aus Pits und Lukes Pferdestall anrief und sich nach einer Müttergenesungskur erkundigte, hatte ich die Faxen dicke. New York hing mir bereits zum Hals raus, aber so was von! Und das, obwohl wir noch gar nicht losgefahren waren.

„Tut mir leid, Marina,“ habe ich gesagt. „Mit Müttergenesungskuren kenne ich mich nicht aus, aber wenn du willst, kannst du mit nach New York fliegen. Der Karlsson wird dir eine eigene Sitzreihe spendieren, damit du's bequem hast, natürlich 1. Klasse wegen der Beinfreiheit. Und um dein Heu und die Pferdeäpfel mach dir man keine Sorgen. Dafür gibt’s Lieferanten. Der  Karlsson wird genügend Tüten mitnehmen und dann sicher gern hinter dir einsammeln.“

Seitdem habe ich eine Bewunderin mehr. Unser reiselustiges Lockenköpfchen aus Schleswig-Holstein allerdings war stinksauer.
„Du redest vielleicht einen Scheiß zusammen“, hat er behauptet.
Marina war dann schwer zu beruhigen gewesen. Sie hätte sich so sehr auf New York gefreut, hat sie geschluchzt, als der Karlsson plötzlich mit 'ner Packung Mon Cherie vor der Boxenklappe stand und von einem „Missverständnis“ stammelte. Mir hat er eine Rechnung geschickt über eine Bahnfahrt (hin und zurück), über zwei Taxifahrten, über eine Packung Mon Cherie sowie über zwei Currywürste mit Pommes und Malzbier. Da kann er aber lange warten, dass ich das bezahle. Wo kämen wir denn hin, wenn jedes unverbindliche Aussprechen privater Gedanken zu finanziellen Konsequenzen führte?

Immerhin war nun eins klar: Wenn kein Kater mehr mitfahren wollte und kein Hund mehr mitfahren durfte, blieben nur noch wir Vögel übrig. Die Mia war begeistert:
„Au ja! Dann kann ja der Harald mitkommen, mein süßer Schatz.“

Boah nee, das musste nicht sein. Ich erinnere mich noch an England. Dauernd ist er in jeden Tümpel und jeden Bach gestiegen, und nachts im Hotel bin ich wach geworden, weil seine Plattfüße so 'nen Krach machten beim Schlappen zum Klo. Andererseits wäre es sicher sehr praktisch, ihm in New York die Hundeleine umzuhängen. Bei seinen stämmigen Schultern könnte er den Karlsson bestimmt problemlos hinter sich herziehen. Na, wie wär's, Lockenköpfchen? Ha ha ha.

Glücklicherweise hatte Mias Teichfregatte sowieso keine Zeit. Er musste seinen Onkel zur Darmvorsorge begleiten. Der Karlsson war erleichtert. Die Mia war angefressen. Die Cora hat sie getröstet:
„Nimm's positiv, Liebes. So ein bisschen Abstand hält die Beziehung frisch. Im Übrigen haben andere Hennenmütter auch schöne Hähne.“
Hinter der SMS waren sechs Smileys zu sehen, alle mit Gezwinker am Auge. Oh Mann, da hatte die Cora wohl gerade 'nen Hormonschub erlitten, oder woraus sonst speisten sich ihre Beziehungstipps?

Vom Paule jedenfalls nicht, mit dem ist sie nicht liiert; den kann man nicht für Coras erotische Entgleisungen verantwortlich machen. Gerade deswegen hätte ich es gut gefunden, wenn er unser fünfter Reisepartner geworden wäre. Alles schien günstig. Er war gerade daheim, kein Aufenthalt im Knallbirnenheim, kein Hausarrest. Trotzdem stand er nicht zur Verfügung. Er musste nämlich den Engelbert nach Dänemark begleiten. Jawohl, nach Dänemark. Der Kleine ist jetzt ausgewachsen, kein puscheliges Entenküken mehr, sondern ein echter grünköpfiger Stockenten-Erpel. Seine Berufsausbildung steht jetzt an. Lange hat man auf ihn eingeredet, dass Koch nicht der richtige Beruf für eine Ente sei, besonders nicht in der Weihnachtszeit – vergeblich, er ist nicht davon abzubringen. Trotzig hat er immer wieder aufgestampft mit seinen Gummiflatschen und extra nicht die Badewanne ausgewischt nach dem Planschen, um sich zu rächen. Koch sei nun mal sein Traumberuf, basta! Außerdem wolle er nicht bei irgendwem lernen, sondern gleich beim Meister, beim dänischen Kasserollenkoch, also bei dem aus dem Fernsehen. Ihr wisst schon, er macht manchmal als Gastpromi in der Muppet Show mit.

Die Tante Gisela ist wirklich nicht zu beneiden. Erst hatte sie große Sorgen mit meinen Freund Coco (Gott hab ihn selig) und seinem Alkohol, dann die Cora, die sich einfach nicht verheiraten lässt, der Paule als genaues Gegenteil mit seinen unsoliden Freundinnen und den regelmäßigen Aufenthalten in der Heilanstalt und schließlich als jüngstes Familienmitglied der Engelbert mit seinen bekloppten Zukunftsplänen. Manche Familien scheinen das Unglück geradezu gepachtet zu haben.

Für uns hieß das: Okay, dann bleibt eben ein Reiseplatz frei. Solange wir mit dem Pit drei Männer wären und die beiden Schnatterhennen, die Mia und die Cora, im Griff hätte, könnten wir uns getrost aufs Abenteuer einlassen. Der Karlsson war happy. Es konnte losgehen. Die Rucksäcke waren schnell gepackt. Wir trafen uns in Hamburg auf dem Flughafen. Die Cora war aus Duisburg gekommen und hatte bei uns übernachtet (Jesses, nee ...) Der Rest wohnte ja sowieso in der Nähe. 

Der Karlsson: glücklich, dass endlich alles geklärt war

Der Karlsson trug seine beiden neuen Anhänger am Halsband, die die Mia ihm gebastelt hatte aus Pappe, Wasserfarben und transparentem Nagellack. Hoffentlich würde das als Tollwutimpfung und Steuermarke durchgehen. Der Pit hatte eine Mettwurst dabei und ein Fresspaket mit Schinkenbrötchen und Eiersalat. Leider musste alles an der Kontrolle abgegeben werden. Der Pit hat's mit Fassung getragen. Dafür kriegte er im Flugzeug Mias Hackbällchen vom Mittagsmenü, und meine hat er gleich auch noch mitgefressen, als ich ungeplant zum Klo war wegen Unpässlichkeit. Eine Tablette von der Cora (die von der Werbung mit dem Ausflug im Heißluftballon) hat dann aber schnell alles wieder in Ordnung gebracht. Außerdem dauert's nicht lange bis New York. Da ist man ratzfatz da. Bald schon konnten wir die Hochhäuser von Manhatten sehen.

„Na?“, habe ich den Karlsson gefragt. „Schon weiche Knie?“

Fortsetzung folgt.

P.S. Ich weiß, das war erst die Vorbereitung auf die Fahrt. Ihr wollt natürlich wissen, wie es weiterging in New York. Ich fürchte, ihr werdet noch darauf warten müssen, denn ich kann euch leider nicht versprechen, dass ich so schnell wieder zum Schreiben komme. Bleibt mir trotzdem treu. Irgendwann geht’s weiter. 

Fotos: Cora und Paule: © G.H.
          Pit, Luke, Jack, Amy und Pferde: Club der glücklichen Vierbeiner
          Karlsson und Polly: Terrierhausen


© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Hi, Max, endlich geht es los, wir haben schon lange darauf gewartet. New York war einfach sagenhaft, aber ich will nicht zuviel voraus nehmen. War froh, als ich das Gequake zu Hause los war. Amy stinkbeleidigt, Jack stinksauer, Luke kurz vor Burn Out..Marina, ach lassen wir es lieber.
    Pit

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  2. Ja, Pit. New York war klasse, besonders für dich, weil du bei der Rückfahrt besser aussahst als bei der Hinfahrt. Kann ich aber gut verstehen. Bei dem Gemecker und Genöle und Gequake und Geheule deiner Leute wäre mir auch jede räumliche Distanz mehr als willkommen gewesen. Deine Leute müssen einfach begreifen, dass es Reisende gibt und Daheimbleiber. Das hat die Natur so gewollt. Daran gibt es nichts zu rütteln; das muss man so akzeptieren. Ich kriege es doch auch hin, warum tun sich andere damit so schwer?

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  3. Was war ich erleichtert, als das Staffing des Projekts endlich abgeschlossen war. Das heißt jetzt so, habe ich gelernt. Aber bisweilen überlege ich, ob ich meine Schwester Polly nicht doch mal mitnehmen sollte. Sie sieht sehr gut aus und hat einen bahnbrechenden Charme. Kann ja nützlich sein auf Reisen. Ordentlich was losmachen kann sie auch, Schinken klauen und verschütteten Wodka aufschlecken. Sie ist ein Irish Terrier, und die meisten New Yorker Polizisten sind irischer Abstammung. Klingelt‘s? Aber wenn sie bellt, würde ich sie am liebsten eingraben. Geschwister eben, grübelt der Karlsson.

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  4. Schinken klauen? Hm, okay, das ist nützlich. Aber für den Wodka haben wir schon die Cora und für den bahnbrechenden Charme mich.

    Gibt es eigentlich gesicherte Erkenntnisse, ob und wenn ja wie sich das Reisen auf den weiblichen Hundekörper auswirkt? Ich habe gehört, das soll ganz dolle schädlich sein, deshalb sollten nur Rüden wegfahren. Nicht dass wir dann Schuld wären, wenn sich bei der Polly innerlich was verdreht oder so. Der Amy jedenfalls bekommt das Reisen überhaupt nicht. Und hat die Polly überhaupt einen Pass oder wenigstens das Seepferdchenabzeichen?

    Darüber reden wir noch mal, bevor wir uns noch 'n Weib an die Hacken binden, ja? Nichts gegen deine Schwester, Karlsson, aber Östrogen ist östrogen, das will gut überlegt sein. Weißte doch selbst.

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  5. Wenn die Polly mit darf, dann will ich auch mit, damit das erstmal klar ist. Oder willst Du mich und meine Familie etwas mobben?

    Amy

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  6. Wenn du mitfährst, Amy, bleibt die Cora hier.
    Wenn die Cora hierbleibt, bleibt auch die Mia hier.
    Wenn die Mia hierbleibt, darf ich nicht mitfahren.
    Wenn ich nicht mitfahre, haben auch der Pit und der Karlsson keine Lust.
    Also fährst du allein mit der Polly.
    Viel Spaß.
    Schreibt mal 'ne Ansichtskarte.

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