Donnerstag, 31. März 2016

Die drei Ks: Karlsson, Kunst, Kultur (4. Teil)

Paris in der Dämmerung: Gut, was?

Nach dem Abendessen habe ich mich richtig aufs Hotelzimmer gefreut. Wir waren lange genug herumgelaufen, nun wäre es schön, wenn ich mir mal das Pay-TV vom Sessel aus anschauen könnte. Doch nichts da, das Lockenwiesel war noch immer nicht fertig. Jetzt hieß es:
„Männer, habt Ihr alle eure Krawatten dabei, so wie ich's euch zu Hause aufgetragen hatte?“
Mir tat Übles schwanen.
Krawatte? Wo wollte der Kerl mit uns hin?
„Wir gehen in die Oper.“
„Schick!“, haben die Mädels in die Flügel geklatscht.
Dem Pit sind die Mundwinkel nach unten entgleist. Ich habe zu bedenken gegeben, dass ich müde sei.
„Quatsch!“, hat der Karlsson insistiert. „Auf, auf! Frisch voran! Die Kunst wartet auf uns!“

Wir sind kurz ins Hotel gefahren, um diese blöden Fliegen anzulegen, über die ich mich zu Hause schon gewundert hatte, wozu die da wären. Den Mädels taten jetzt filigrane Diademe auf der Birne thronen. Die hatten sie in Hannover billig im Kostümverleih geschossen.
„Ist gar nicht wahr“, hat die Cora geschimpft.
Gerochen haben sie jetzt wie eine NACHGESPRÜHTE explodierte Parfümerie.


Wie das Opernhaus hieß, weiß ich leider nicht mehr („Palais Garnier“, meint die Cora). Es war aber sehr eindrucksvoll. Alles in Rot und Gold gehalten. Wir haben auf dem Balkon gesessen. Die Eintrittskarten hatte der Karlsson online bestellt, wir brauchten sie nur noch an der Kasse abzuholen.
„Gibt's hier Popcorn?“, hat der Pit gefragt.
„Nein, aber nachher geht jemand mit Döner und Chipstüten durch die Reihen“, hat der Karlsson geantwortet und sauer geguckt.
Mit dem war heute nicht nicht mehr gut Kirschen essen.

Das Palais Garnier

Die Cora hat den Lütten unterwiesen:
„Wenn nachher die Leute auf die Bühne kommen, darfst du nicht zu jaulen anfangen, hörst du? Und nichts auf die Orchesterleute werfen.“
Zu diesem Zeitpunkt war es mir mental noch recht gut gegangen. Das sollte sich jedoch schlagartig ändern, als ich erfahren tat, wie die Oper hieß, in die wir geraten waren.
„Operette, nicht Oper“, hat die Mia verbessert.
Meinetwegen.
Sie hieß … „Die Fledermaus“!
Boah! Ich dachte, mir zieht's die Schwanzfedern vom Hintern. Leck mich am Arsch! Singende Matschfalter!
Die Mia hat gekichert, der Pit hat mir süffisant mit der Pfote auf die Füße gepatscht:
„Nimm's nicht so schwer. Es geht vorüber.“

Boah ...
Es wurden dann sehr lange zwei Stunden, das kann ich euch sagen. Der Lütte ist kurz vor der Pause eingeschlafen. Wir haben ihn auf unserm Balkon liegen lassen, während ich auf dem Klo war und der Karlsson den Mädels im Foyer 'n Glas Sekt ausgegeben hat. Ich wurde streng angeguckt: Das sei ja bloß 'n verkleideter Mensch und keine richtige Fledermaus, die da singen tat. Ich sollte mich nicht so anstellen, ich wäre 'n Banause und sowieso total unmöglich und blöd.

Ach, das tat die Cora jetzt erst bemerken? Ich war jedenfalls heilfroh, als mir draußen endlich wieder frische Luft das Gehirn durchpustete und normaler Straßenkrach meine Ohren erquickte. Wie kann man nur ein ganzes Musical nach diesen albernen Nachpelerinen benennen? Oder gibt’s etwa die Operette „Der Grottenmolch“? Oder „Die Rache des Zitronenfalters“? Na also. Warum dann setzt man ausgerechnet diesem Kroppzeug so ein Denkmal?

Wieder daheim im Hotelzimmer habe ich lange nicht einschlafen können. Das lag allerdings auch am Lütten und am Karlsson, weil sie noch ziemlich lange an ihren Knochenresten herumschabten. Das macht 'nen Krach, als würde jemand mit dem Messer auf einen vertrockneten Ast einkloppen, bis er splittert. Der Pit futterte Ölsardinen. Keine Ahnung, wo er die schon wieder herhatte. Alle drei lagen in ihrem Schnarchkissen, das sie am Morgen an der Rezeption bestellt hatten und das vom Zimmermädchen inzwischen abgeliefert worden war. Diese Unart, im Bett zu essen, hat wohl nichts mit Kultur zu tun, was? Aber in die Oper gehen und Fledermäuse beklatschen. Na, vielen Dank. 


Am Morgen nach dem Frühstück lautete die Parole: Louvre.
Aha. Wenigstens kein Geträller.
Ich habe nachgeschaut, wo wir aussteigen müssten:
„Station Rue de Ravioli.“
Leider haben wir das nicht gleich gefunden.
„Es heißt ja auch Rivoli, nicht Ravioli, du Depp“, hat die Cora sich aufgeregt.

Ich glaube, dort kann man ankommen, wann man will, ob früh oder spät, immer ist es voll. Jeder will wenigstens einmal im Urlaub den Kunstfreund und -kenner spielen, auch wenn er Gemälde sonst nur als Abreißkalender kennt. Immerhin ist der Louve das größte Museum der Welt. Das lässt man sich nicht entgehen, nicht mal als holsteinischer Landterrier.

Der Louvre, die Glaspyramide und der Karlsson

„Weswegen gehen wir dahin? Was gibt es da zu gucken?“, hat sich der Lütte erkundigt.
„30.000 Exponate auf 60.000 Quadratmetern.“
Dem Jack sind die Augen rausgequollen:
„Müssen wir das alles ablaufen?“
„Na, klar!“, hat der Pit gesagt und sich einen weggegrinst. „Am Ausgang werden einem dann Fragen gestellt, ob man auch hübsch aufmerksam gewesen ist. Stell dich schon mal darauf ein.“

Der Lütte hat sich nun noch enger an den Karlsson gehalten. Er machte einen jämmerlichen Eindruck. Fast war man geneigt, mit einem „Kriegst nachher auch 'n Eis“ zu antworten, doch da musste er nun durch. Das gehört zum Mannwerden dazu. Uns schenkte ja auch niemand was.

Wider Erwarten wurde es dann gar nicht so schlimm. Die meisten Touristen wollen sowieso nur zu drei Stellen. Man braucht also nur in der Herde mitzulatschen, dann kommt man automatisch an. Die erste Station, die wir besucht haben, ist dieses berühmte Geflügelweib auf dem Podest. Sie heißt Nike. Das ist Griechisch.

Die Nike von Samothrake

Nun ja, alt ist sie schon, sogar sehr alt, und Flügel sind mir von Natur aus sympathisch, aber ohne Kopf? Da fehlt doch was.
„Ist das die Stammmutter von der tollen Sneakers-Firma?“, hat die Mia gehaucht.
Und der Karlsson hat uns informiert, dass er die Statue schon viel früher gefunden und ausgebuddelt hätte, wenn er dort wohnen würde, das könnten wir wohl glauben. Alle keine guten Nasen, die Leute.

Die zweite Station hat uns noch mal zu einer kaputten Frau geführt. Sie heißt Venus (oder Aphrodite) von Milo. Auch sie ist eine griechische Göttin.

Die Venus von Milo
„Die hätte ich auch viel früher gefunden“, hat der Karlsson klargestellt.
Der war eingeschnappt. Der hatte gerade begriffen, dass ihm der Ruhm als schnüffelnder Archäologe durch die Lappen gegangen war.

Ich fand diese angedetschte Kunst eigentlich ganz gut, denn was schon kaputt ist, kann nicht mehr viel leiden. Wir waren schließlich mit dem Ringelplüsch unterwegs und daher musste man immer damit rechnen, dass neben einem was zusammenkrachte. Bisher hatte er sich ja gut gehalten. Das Versailler Schloss stand noch, der Eiffelturm auch und der Arc de Triomphe ebenfalls. Aber wer wusste schon, wann Mr. Hyde wieder Macht über ihn gewinnen würde, und dann hieße es, den Propeller anzuwerfen und abzuhauen. Vorrest musste er allerdings nur davon abgehalten werden, sein Nutella-Crêpe aus dem Rucksack zu holen und reinzubeißen. Die Cora tat missbilligend den Kopf schütteln.

An der dritten Station wurde es schwierig für uns. Vorher die großen Statuen hatten wir ja einigermaßen gut sehen können vom Boden aus, aber jetzt dieses popelige Bild an der Wand mit den vielen Menschen davor, da war ja nichts zu erkennen.
„DAS ist die Mona Lisa?“, hat sich die Cora gewundert. „Ich dachte, die wäre größer.“
Gelle? Die würde ich glatt durch die Klappe meiner Voliere kriegen, ohne an den Seiten stecken zu bleiben.


Jetzt war Kreativität gefragt. Ich bin einem Touristen vorne in der ersten Reihe auf die Schulter geflogen und habe höflich gefragt, ob ich da mal eben sitzen bleiben dürfe, ich täte sonst der Dame nicht ins Gesicht schauen können. Die Cora und die Mia haben es mir nachgemacht. Der Pit, der Karlsson und der Lütte mussten am Boden bleiben.
„Hey, die grinst“, habe ich die Info nach unten weitergegeben.
„Ja, für 'ne Stickvorlage ganz okay", hat die Mia hinzugefügt.
„Verpass ich was?", hat der Karlsson raufgebrüllt.

Mehr war nicht drin, wir mussten weiter. Als wir den Louvre verließen, war es Essenszeit. Der Jack war froh, dass uns niemand am Ausgang aufhielt. Er hat sich noch lange umgeschaut, ob nicht doch noch jemand angerannt käme, um den museumspädadogischen Erfolg zu überprüfen.    

Beim Burgeressen in einem netten Imbiss sind sich der Karlsson und der Pit näher gekommen – das erste Mal, seit wir in Paris waren. Ich durfte Zeuge einer anrührenden Unterhaltung werden:
„Wie findest du Schleswig-Holstein?“
„Gut, und du?“
„Ich auch.“


Mir tat ein Stein vom Herzen fallen, hatte ich doch Bedenken gehabt, ob das gut gehen würde mit den beiden. Schließlich war der Karlsson neu in der Truppe – und dann gleich Terrier? Der Pit wiederum als Interessenvertreter der Vierbeinerseite im häuslichen Familienverband war Autorität gewohnt und ließ sich nicht gern von einem Feldwebel hin und her schicken, selbst wenn der zahlte. Aber, hey, es war ja alles in Ordnung. Nach diesem intimen Gespräch konnte man direkt von Seelenverwandtschaft sprechen. Die beiden waren auf dem Weg zu einer innigen, tiefen, aufrichtigen Freundschaft. Ich würde mich entspannen können. Mein Gott, was war ich dankbar.

"Was gackerst du denn so entrückt?", hat mich die Cora gefragt.
Ach, was wusste die schon? Ein Engel war gerade durchs Burgerrestaurant geflogen und sie hatte es nicht mal bemerkt.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
          Pit und Jack © Club der glücklichen Vierbeiner
          Karlsson © Terrierhausen

          Palais Garnier, Stadtansicht, Mona Lisa, Burger, Nike: Pixabay
          Venus, Louvre: Morguefile

© Max: Papageiengeschichten 

Kommentare :

  1. Ich trage ja Fliege zu besonderen Anlässen - das wäre sicher auch gegangen ?

    Popcorn - ne - so eine Frage - peinlich, aber nix schlechter als Ravioli :-)

    Stelle mir gerade die Mona Lisa im Vogelhaus vor - echt schnieke,
    dann dann so erhabene Unterhaltung:
    „Wie findest du Schleswig-Holstein?“
    „Gut, und du?“
    „Ich auch.“
    Boh, das hat Stil.
    Nun ja - bisher ist ja alles super gelaufen - aber der fliegende Engel im Burgrestaurant hat mich echt
    umgehauen - Max - was bist du doch für ein tiefgründiger Denker - ich bin ganz hin und weg ...

    Deine Bente

    Die Mo findet Bild eins so toll - nun ja - ich hab´s weitergetragen.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Fliege ... Du als Mädchen müsstest natürlich schon Diadem tragen, nicht? Und glaub mir, die Mona Lisa mit ihrem Gegrinse würdest du auch nicht haben wollen neben deinem Schlafkissen, Kunstwerk hin oder her. Es gibt Grenzen des Erträglichen, aber nur weil bisher alles super gelaufen war (angeblich), bedeutet das nicht, dass die Reise an sich ein Vergnügen war. Gerade der Opernbesuch hat mich doch sehr mitgenommen. Ich bitte dies, gebührend zur Kenntnis zu nehmen.

      Das erste Foto finde ich auch super gelungen. Ich darf das sagen, weil es ja nicht von mir ist. Ich meine, äh, du weißt schon, wie ich das meine.

      Löschen
  2. Da haben wir den Salat! Jetzt habe ich der Polly die Bilder gezeigt, damit sie wenigstens einen Eindruck davon bekommt, dass außerhalb von Terrierhausen noch eine andere Welt existiert und nun jault sie mir schon seit Stunden die Ohren voll, dass die auch so ein Diadingsa für den Kopp haben will. Ach, da wünsche ich mir doch glatt wieder den Pit herbei, denn Kater hin oder her, mit dem konnte man wenigstens sinnige Gespräche führen!
    Euer Karlsson

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. 'n Diadingsa für den Kopp? Du meinst 'n Diaphragma? Ich kann dir sagen, das ist was mit den Weibern. Hauptsache, es glitzert und blinkt und ist teuer. Die Polly trägt sonst eher Halsketten, was? Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt um die Ohren passt, sonst hätte ich die Mia mal gefragt, ob sie ihrs ausleiht. Ehrlich gesagt erinnert mich das auch eher an das Drahtgebamsel, das die Sektflaschen um den Korken haben, als an eine Krone. Warum die Weiber sich so was auf den Schädel setzen, werde ich nie verstehen. Das hält doch gar nicht warm!

      Löschen
    2. Diadingsa - Diaphragma - Drahtgebamsel ... Himmel noch mal, nun weiß ich warum ihr immer so weit weg reist, denn da trifft man bestimmt nicht auf Leute, mit denen man dann Zuhause noch einmal von Angesicht zu Angesicht zu stehen kommt und rot werden muss ...
      Für Mädels die schon alles doppelt haben wäre bestimmt ein Diadem mit Heizspirale eine super Geschenkidee - dann sind die Schultern zwar immer noch kalt, aber aufm Kopp isses schön kuschelig.

      Löschen
    3. Das ist eine Superidee: Diagramm mit Heizspirale. Ich habe es gleich der Mia gesagt, aber die hat geantwortet: "Hm, von Bente kommt das? Dann ist das sicher, weil ihr morgens im Moor immer die Frisur friert. In der Disco braucht man das nicht; da isses immer heiß."

      Also, ich hab getan, was ich konnte als Mann. Ich hab's weitergegeben.

      Und das mit dem Verreisen möglichst weit weg, das ist nicht wegen peinlich, sondern weil die Leute was erleben wollen. Wenn die Chinesische Mauer um die Lüneburger Heide herum stehen würde, dann würden sie sicher hierbleiben, aber hier ist die Mauer nun mal nicht, also wollen alle weit hinaus. Ich finde das auch lästig, doch auf mich hört ja keiner.

      Löschen
    4. Nun gut, die Idee ist dann eher was für Eisprinzessinnen ;)

      Die Mauer - nun - es entstehen ja gerade immer mehr und vielleicht ist es dann bald dicht bei, bis zur nächsten ...

      Löschen
    5. Na ja, was hermachen soll die Mauer natürlich schon, sonst stellen sich die Weiber nicht zum Fotografieren auf. Beser wäre noch, das Taj Mahal oder die ägyptischen Pyramiden neben die Douglas-Filiale zu stellen, dann hätte man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

      Sei bloß froh, dass du allein bist in deinem Moor. Das spart eine Menge Energien, glaub mir.

      Löschen
  3. Jaja, wir Holsteiner unter uns...ich fand das auch voll ok mit dem Karlsson. Immer dieses Gesabbel und Küsschen rechts, Küsschen linke gegebe....in Holstein sagt man Moin und bei ganz großer Sympathie nickt man vielleicht noch mal mit dem Kopf. Das könnt ihr Niedersachsen wahrscheinlich nicht verstehen, aber wir Holsteiner sind eben auf einer Wellenlänge. Weißt was ich mein? Wellenlänge...Schleswig-Holstein meerumschlungen....ist doch besser als Wir sind die Niedersachsen...
    Pit

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Umschlungen? Vom Meer? Ach so, dann ist das der Grund, warum so wenig Worte aus deiner Schnauze kommen, Ringelplüsch. Ich wusste doch, dass es dafür einen Grund geben muss. Schraubstock: Essen rein, aber kein Ton raus. Im Übrigen ist nur die Mia eine Niedersächsin. Ich bin ein Sache (ohne "Nieder" davor) und die Putze ist Hanseatin. Wen meinst du also mit "Wir sind die Niedersachsen"?

      Löschen