Sonntag, 26. Oktober 2014

Die große Sause (4. Teil)

Nicht weit von Bristol entfernt ist England zu Ende. An der linken Seite, meine ich, also im Westen. Dort kommt zwar noch was, aber das heißt Wales. Wales ist Großbritannien, aber nicht England. Ich hatte mit den andern beratschlagt und alle waren wir der Meinung, dass wir's nicht so eng nehmen sollten. Wir hatten ja Zeit und auch genügend Geld. Warum nicht mal nach Wales fahren?

Bei der Mia löste die Nachricht Aufregung aus. Vielleicht täten wir ja den Charles sehen, hauchte sie, oder die Kate, die sei immer so wunderbar elegant gekleidet.
„Natürlich“, hab ich gesagt. „Der Charles sitzt an der Grenze und begrüßt jeden Passagier einzeln mit Handschlag. Der hat ja sonst nichts zu tun.“
„Wenn er doch der Besitzer ist“, hat die Mia gesagt und mit den Achseln gezuckt.

Auf der Insel gibt es tolle Züge, ganz schnelle, so wie bei uns die Intercity. Die sind prima, wenn man rasch vorankommen will. Mehrere dieser Rennstrecken ziehen sich durch Wales. Man kann ganz außen herumfahren, immer an der Küste entlang, oder mitten durch. Wir haben uns für die zweite Möglichkeit entschieden, weil uns das jemand im Hotel empfohlen hatte. Wir sollten den Norden besuchen, unbedingt, und am besten Quartier beziehen in – ach, Mensch, wie hieß das noch gleich? – und von dort dann Tagesausflüge machen. Jetzt wäre ja Saison und bestimmt alles proppenvoll, da sei es besser, aufs Land auszuweichen.

Die Cora am Bahnhof in Bristol

Der Mann, der das sagte, war dick und hatte Soße am Kinn vom Frühstück. Das ließ ihn glaubwürdig erscheinen, denn schließlich wollten wir nicht darben, schon gar nicht in einer überfüllten Jugendherberge oder im eilig freigeräumten Bügelzimmer einer piefigen Touri-Pension. Nicht umsonst hatte ich unsere Überfahrten vertickt. Dafür konnte man sich jetzt getrost was Bequemes leisten. Wir ließen uns die Adresse geben.

Ich bin mit der Cora zum Bahnhof gefahren.
„Viermal Amazone, einmal Kater, einmal Schwan.“
Wir kriegten ein Gruppenticket zum Kindertarif. Als er davon hörte, war der Grunzer geschmeichelt und der Pit eingeschnappt. Je nun, Seniorenkarte für alternde Tiere gab's nun mal nicht, und unser Junior, der Ringelplüsch, sollte froh sein, dass wir für seinen bekloppten Schnarchkissen-Trolli nicht Aufschlag bezahlen mussten, sonst hätte ich ihn nämlich am Bahnsteig stehen lassen. Den Pit, meine ich – mit dem Trolli.

Es blieb noch genügend Zeit für den Reiseproviant. Cola und Apple Juice haben wir im Supermarkt gekauft. Die Fressalien kamen vom Brunch-Büffett im Hotel. Während wir andern die Serviererin mit dringenden Fragen abgelenkt haben, hat der Ringelplüsch die Pizza vom Blech gerafft und in die Tüten gesteckt. Die Mia tat sie ihm aufhalten.

Wir hatten Platzkarten und einen Vierersitz mit Tisch in der Mitte. Am Panoramafenster surrte die Landschaft vorbei. Wales ist sehr grün und sehr sparsam. Dichte Menschenansammlungen mit entsprechend geselligem Wohnbedarf trifft man dort nicht, nur solche Menschen, die es einsam mögen und keine qualmenden Schornsteine vermissen. Je länger ich rausgucken tat, desto mehr fragte ich mich, ob die Waliser andere Farben kennen als Wiesengrün, Hügelgrün, Baumgrün, Himmelblau und Wolkenweiß. Das sind schöne Farben, zweifellos, trotzdem hatte ich nicht übel Lust, das knallrote Schnarchkissen ins Ambiente zu werfen, nur um zu gucken, ob danach alles so bliebe oder ob die Welt stehen bleiben würde.

Wales

Die Mia hatte ihren Kopf an Haralds Brust gelegt und döste. Gleich daneben saß der Pit und fusselte vorschriftsmäßig vor sich hin. An die ewige Nieserei vom Frischkäse war sich nur schwer zu gewöhnen, aber man kann nicht alles haben, nicht? Falls jemand wissen will, ob sich kalte, fettige Pizza mit jahrelang geübter fränkischer Öko-Ernährung verträgt, dem kann ich antworten: nein. Die Cora hatte wieder viel zu tun. Sie tunkte Beutel mit Kümmeltee in die Sprite-Dose. Ob der Grunzer sein diskretes Gejammer davon hatte oder nur seiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen wollte, weiß ich nicht. 

Der Grunzer vor der Reise - mit gesunder Farbgebung

Als wir ankamen in … äh …, ging's ihm schon wieder besser. Mensch, wenn ich bloß wüsste, wie der Ort hieß, wo wir ausgestiegen sind. Wir mussten ein Taxi nehmen, so weit außerhalb lag es. Aber – hey – der dicke Mann in Bristol hatte nicht zu viel versprochen. Das Cottage machte ordentlich was her. Die Weiber kreischten vor Glück: himmelblau! Viktorianisch! Rosa! 

Unser Cottage und der Grunzer

Ach, das ist viktorianisch? Türmchen am Giebel und Mäusezähnchen am Metallgitter?
„Porch“, heißt das.
„Wie … Poortsch?“
„Die Veranda mit den Säulen, das nennt man Porch.“
Meinetwegen. Die Mia weiß so was, weil sie immer die „Sims“ spielt. Dort baut sie Häuser und da heißen die Veranden eben so. 

Wir bezogen ein Zimmer mit weißem Spitzenrand um die Kopfkissen und Tüdelgardinen an der Balkontür. Wenn man sie beiseite schob, wurde der Blick frei auf einen ausgiebigen Rasen mit überaus ordentlichen Blumenbeeten am Horizont und wuchtigen Bäumen am Saum. In Hollywoodfilmen steht bei solchen Gelegenheiten die schöne brünette Hauptdarstellerin an der Flügeltür und guckt nach unten auf den Gärtner, wie er mit Sonnenhut und Handschuhen die Schubkarre wegfährt, was dann als Zeichen traurigen Unheils verstanden wird. Ich konnte aber nur den Frischkäse entdecken. Er kam über den Kiesweg gelatscht, offenbar in Richtung Zierbassin; in der Ferne tat sich eins abzeichnen.
„Willst du nicht mitgehen und dem Harald helfen, seine Runden zu zählen?“, habe ich den Pit gefragt.

Hi hi hi.

Die Mädels taten sich frisches Deo unter die Achseln, während der Grunzer seinen Schlafanzug in die Kommode schieben tat. Ich hab den Fernseher angemacht. Es gab 'ne Serie. „Onedin Line“, hieß die. Oder war das 'ne Doku? Da fahren Leute auf einem Segelschiff herum. Die Segel sind protzig, aber die Klamotten aus dem Altkleidersack und die Möbel vom Sperrmüll. Dazu fiedeln Orchestergeigen.
„Blödmann, das ist viktorianisch“, hat die Cora gesagt.
Langsam wurde mir das unheimlich, das mit der Viktoria. Mit Lagerhalle und romanisch kenne ich mich viel besser aus.

Dann wollten die Herrschaften auch noch Tea time machen.
„Na, wenn wir schon mal hier sind ...“, meinte der Paddelfred, als er frisch aufgerüscht mit dem Pit zurück war.

Tea time ist simples Einverleiben von Heißwasser mit Geschmack, aber offenbar nach einer festgesetzten Choreografie zu absolvieren. Am Anfang steht die Prozession in den Speisesaal (in unserm Fall auf die Porch-umsäumte Veranda). Dann wartet man auf den Kellner, dass er einem das Service aufträgt und den Tee einschenkt. Schließlich stellt er eine Telleretage auf den Tisch, wo man sich Häppchen runtergrabbeln darf. Handliche Kuchenstücke sind dabei und mundgerechte Weißbrotscheiben. Doch Vorsicht, die sind zwar ansprechend belegt, aber mit … Gurke.

Dem Grunzer schien das Angebot sehr entgegenzukommen. Er tat sich nacheinander alle Gurkenscheiben von der Margarine klauben, als es so aussah, als täte niemand guckten. Die Mia hielt die beiden hintere Krallen abgespreizt beim Nippen an der Tasse und der Pit tat das Gleiche, nur mit der Schwanzspitze, die er erst zur Schnecke gerollt und dann zur Seite abgeklappt hatte. Dazu kaute er ein Pilztörtchen. Die Rosinen rochen nach Rum. Himmel, womit hatte ich diese Deppen verdient?

Viel später, als wir noch immer so dasaßen, aber inzwischen mit Cola im Saftglas und Erdnüssen im Schälchen, gesellten sich noch die ansässigen Grillen hinzu und gaben ein Konzert – kostenlos. Auch die Sonne kriegte gute Arbeit hin. Sie versank künstlerisch wertvoll in Lila und Senfgelb. Manchen veranlasste das zu der nicht näher begründeten Bemerkung „Haaach“. Ich fand, der Service konnte sich durchaus sehen lassen. Vielleicht ein bisschen arg mädchenhaft, aber sonst recht unterhaltend. 

Das ist kein Kitsch, das ist Natur
Der Harald war sichtlich in seinem Element. Er begann der Mia mit dem Paddel zwischen den Flügelfedern zu popeln. Bei dem kam Romantik auf. Auch der Grunzer tat sich in diese Richtung bemühen.
„Cora, ist es nicht wunderschön?“, kriegte er fehlerfrei rausgesülzt.
Dabei pinselte er mit der Flügelspitze dem Stollenputchen über die Krallen. Wenn jetzt noch die holsteinische Knackwurst anfangen täte, mir warm in den Nacken zu atmen, dann täte ich augenblicklich aufstehen und mit dem Taxi zum Flughafen fahren – allein.

Doch der Pit hatte andere Gedanken. Ob wir auch mal in 'ne Disco gehen, wollte er wissen.  
Ach! Dem Herrn war es wohl zu ländlich hier?
„Na ja, Provinz hab ich zu Hause in Holstein. Ich dachte, wir würden es ordentlich krachen lassen.“
So? Krachen lassen? Hier rummeckern, meine Cola saufen, meine Pilztörtchen futtern, in die Romantik quatschen und dann Disco machen wollen. Na, das haben wir gern. Aber, alter Knabe, wenn du dich amüsieren willst, bitte schön. Soeben hatte ich meine Pläne geändert.

„Hört mal, Leute“, habe ich gesagt, „Ich hab's mir anders überlegt. Wir brechen  unsere Zelte ab, wir fahren weiter, morgen.“
Zwei Hennenschädel erhoben sich schläfrig aus männlichem Brustgefieder:
„Wohin?“
„Das werdet ihr schon sehen.“
Dem Pit huschte Vorfreude über die Ringel. Das war sogar im Flackern des Windlichts zu erkennen. Wir haben noch bis Mitternacht auf der Veranda gesessen und sind dann schlafen gegangen. 

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
          Grunzer © U.W.
          Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
          Bahnhof, Rucksack, Landkarte, Sonnenuntergang: Pixabay
          Landschaft, Cottage, Etagere: Morguefile

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Ich bin so stolz auf den Pit. Er ist mein Held, so selbstlos, wie er die Pizza mit gehen läßt, damit ihr alle etwas zu essen habt. Er ist wirklich ein ganz, ganz Großer. Denkt immer nur an sene Freunde. Und nun will er euch auch noch eine Disco zeigen. So super.
    Amy

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    1. Natürlich, Amy, der Pit ist ein ganz Großer. Und über die Disco hat er sich ganz besonders gefreut.

      Mein Angebot steht übrigens noch: Wenn jemand der Mitreisenden gewisse Informationen nicht genannt wissen möchte, liegt auf Wunsch eine Preisliste aus, die angefordert und heruntergeladen werden kann. Pits Tarife stehen unter P.

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  2. Herrlich , Herrlich , Herrlich! Lachkrampf am frühen morgen . Mehr kann ich gerade nicht sagen! Ich freu mich auf die Fortsetzung!
    Liebe Grüsse Diva

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  3. Wärst du mal mitgefahren, Diva. Hinterher liest sich das so wie ein Spaziergang, aber Leichtmatrosen bleiben nun mal Leichtmatrosen - und dabei sind wir doch erst in Wales.

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  4. Also ich mach mir um den Pit nicht all zu große Sorgen. Der kann sich ja benehmen, wundern tut mich nur, das andere Mitreisende sich so garnicht äußern. Wie werden hoffentlich erfahren was die so auf dem Kerbholz haben.
    Amy

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    1. Vielleicht haben die vorher bezahlt, Amy. Wenn nicht - und ich glaube, die meisten sind knauserig -, werde ich selbstverständlich wahrheitsgemäß hier berichten, was sich zugetragen hat. Wir sind ja noch ein bisschen unterwegs. :-)

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