Sonntag, 19. Oktober 2014

Die große Sause (3. Teil)

Wir sind direkt weitergefahren nach Bristol. Das dauerte nicht lange, das war nicht weit entfernt. Die Mädels wurden langsam unruhig, die brauchten zwischendurch mal ein paar Schaufenster zum Schmachten und Auftanken, und wir Jungs konnten auch mal 'n bisschen dichtere Zivilisation vertragen. Wir haben nur das Gepäck auf dem Hotelzimmer abgestellt und sind gleich wieder losgezogen. Auf dem Programm stand unauffällige Beobachtung der Aborigines in ihrer typischen Umgebung. Wir gingen in einen Pub.

Pub ist ein anderes Wort für Kneipe. Die Cora hat sich sofort 'n Guinness bestellt. Ich sag noch:
„Cora, sei vorsichtig, das ist kein Malzbier, das ist voller Alkohol.“
Aber die Cora hat nur dämlich gegrinst und den Schnabel bis zum Anschlag in die Brühe gesteckt. So muss das zugehen, wenn Kegelfrauen ihren Betriebsausflug feiern, dann kommt Enthemmung zum Vorschein. Es dauerte nicht lange und die Cora hatte einheimische Dekoration um sich, lauter Männer, die mit ihr anstießen und bald sogar sangen. Was da genau gesungen wurde, habe ich nicht gut erkennen können; die Cora jedenfalls grölte „Dauuun-tauuun“ und „Jesterdäiii, ohl mai trabbels siehm so fahr äwäiii“. Was die wohl für Trabbels hatte, das hätte mich mal interessiert. 

Die Mädels

Ich meine, in der Geräuschkulisse von so 'ner Kneipe fielen diese Entgleisungen ja nicht weiter auf, aber das Gesicht vom Grunzer war sehenswert.
„Aber Coralein“, tat er winseln. „Halt dich doch zurück, komm wieder zu uns an den Tisch.“
Seine Augen hatten die Größe von Radkappen. Dem war die Romantik abhanden gekommen.
„Ist die Cora immer so versoffen“, tat der Pit noch fragen.
Da war der Grunzer beleidigt. Wir haben schnell unser Tonic Water ausgetrunken und sind gegangen. Die Cora haben wir mitgenommen. Sie lag bäuchlings beim Pit huckepack und lallte. Gut, dass man in Wadenhöhe unbemerkt an der Rezeption vorbeikommt, sonst hätten die uns sicher nie aufs Hotelzimmer gelassen. Die Mia hat den Schlüssel geholt.

Am nächsten Morgen hatte die Cora eine Farbe wie matschiger Feldsalat. Der Grunzer war immer noch schockiert – seine Cora, so zügellos. Nach einer ordentlichen Dusche und einer Kopfwehtablette saß seine Liebste aber wieder hausmütterlich solide am Frühstückstisch, als ob nichts gewesen wäre. Wahrscheinlich entwickelt man automatisch solche Fähigkeiten, wenn man Säufer in der Familie hat.

Es konnte also losgehen mit dem Tagesprogramm. Wir teilten uns auf. Die Mia und die Cora würden shoppen gehen und wir Jungs Kulturprogramm machen. Halt, eine Korrektur noch. Einer wollte in die andere Gruppe wechseln. Der Grunzer hatte viel gutzumachen an harmonischem Weltbild, der latschte mit den Mädels mit. Na, dann viel Spaß. Geld hatte ich ihnen nicht zugeteilt, für derlei musste das eigene Taschengeld reichen. Treffpunkt war am Nachmittag im Hotel.

Aaah, erst mal richtig durchatmen – ohne Weibergetue um einen herum. Der Pit, der Harald und ich sind zum Hafen gefahren, Yachten begucken. Bristol liegt nämlich am Wasser, müsst ihr wissen.

Bristol

Hübscher Anblick, nicht?  Fast wie an der Riviera, es waren nur viel weniger Vespas unterwegs und die Palmen fehlten. Der Frischkäse tat dauernd niesen. Es wurde nicht besser, als wir einen Teich fanden, wo er seine tägliche Wassergymnastik absolvieren konnte. Der Ringelplüsch und ich haben so lange am Ufer gesessen, bis er fertig war.

Dann gingen wir andere Architektur bewundern. Erkennt jemand, was das ist?


Das ist die Decke von diesem Gebäude hier:


Die Kathedrale in Bristol

Es ist die Kathedrale „Church of the Holy und Undivided Trinity“. Im Faltblatt für Touristen stand, dass man das Gotik nennt, das Geschnörkele und Getüddele am Gestein außen; daran täte man das erkennen. In der Zeit davor war Romanik angesagt. Romanische Bauwerke sind glatt und klotzig und haben oft einen rechteckigen Grundriss. Das habe ich schon oft gesehen, das ist jetzt wieder im Kommen. Viele Lagerhallen und Supermärkte werden heute wieder romanisch gebaut. Ich finde das okay, denn warum soll man die alten Baupläne wegschmeißen, nur weil sie alt sind? Man kann nicht nur Joghurtbecher recyceln, sondern auch Baumode.

Innen drin in der Kirche habe ich den Chor gesucht. Laut Faltblatt sollte es einen geben, genau in der Mitte, längs einmal gerade durch, aber so sehr ich auch lauschen tat, es hat niemand gesungen. Warum behaupten die das dann? Und wieso Seitenschiff, wenn sich das Ding doch keinen Millimeter bewegt, nicht mal ohne Wasser? Neben mir drehte der Frischkäse immer lauter auf mit seinem Geschnaube, zusätzlich zum Gewatschel auf dem wunderschön gepflegten Steinfußboden. Der Pit hat mit der Pfote an 'nem Stück Stoff rumgefummelt, das da  runterhing. Jetzt stehen da Fäden aus dem Brokat. Wir haben gemacht, dass wir rauskamen.

Jetzt, wo die Mädels und der Frankenheinz nicht da waren, konnten wir's auch endlich weiter mit der einheimischen Kost versuchen. Die Gelegenheit war günstig, denn sonst wurde einem ja ständig Pietät abverlangt, weil der Grunzer es dauernd mit dem Magen hatte. 

Fish and Chips

Fish and Chips heißt das Menü, auf das wir's abgesehen hatten. „Fish“ steht für Fischstäbchen oder andere panierte Meeresbewohner der Gattung Kiemenatmer und mit „Chips“ meint man Pommes oder in aufwändigeren Varianten Röstkartoffeln. Die preisgünstige Ausführung kriegt man auf die Faust zum Mitnehmen an der Imbissbude, aber es gibt auch richtige Gourmettempel, wo man schick an der weißen Tischdecke sitzt und sich in eine Stoffserviette hüllen kann als Schutz vor den Soßenspritzern. Fish and Chips gibt's nämlich mit und ohne farbige Soße. Dem Harald habe ich ohne verordnet (siehe voriges Kapitel).

Mann-oh-Mann, ich kann euch sagen, wir waren in einem extrafeinen Restaurant gelandet. Dort konnte man sich sogar an der Fischtheke den Fisch selbst aussuchen. Der Pit hat ausgiebig davon Gebrauch gemacht. Es dauerte ewig, bis er sich entschieden hatte.

Pit vor der Fischtheke

Das Essen selber war durchaus bekömmlich. Der Harald und ich haben allerdings den Fisch nur gekostet, ansonsten die Pommes und die Panade gegessen. Wir als Geflügel haben andere Vorlieben. Unsern Teil hat der Pit mitgefuttert. Danach tat er mastreif gucken und verlangte die Rückkehr ins Hotelzimmer zur Erholung auf sein Schnarchkissen.

Als später die Hennen mit ihrem Lakaien eintrafen, gab's erst mal Geheul. Die Mia tat erschrocken mitten im Zimmer stehen bleiben und mit zittrigem Flügel auf den Harald zeigen:
„Was um Gottes Willen ist das?“
Was war was?
Ach, das hier:

Harald mit Zuwachs und Verlust
Gnihihi. Das hatte der Harald nach dem Mittagessen gekriegt. Sieht doch gut aus. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das keinesfalls mit den Katzenhaaren im Zusammenhang stand. So dolle haaren tut der Pit nun auch wieder nicht. Andererseits hatte der Harald diese sonderbaren Veränderungen, die ihn neuerdings befielen, daheim auf dem Ententeich nie. Die Mia war sehr beunruhigt. Dauernd tat sie ihm im Dutt herumpuscheln.
„Das geht doch wohl wieder weg?“

Der Grunzer sah geschafft aus. Ihm taten die Füße weh. Das war deutlich zu merken trotz seines tapferen Bemühens, Heiterkeit und Zuversicht auszustrahlen. Nanu? Sie hatten ja gar keine Einkaufstüten dabei. Nichts Passendes gefunden?
„Doch, einen Bikini, drei T-Shirts, einen Gürtel und ein Paar Socken mit Webrand in den United-Kingdom-Farben. Wir haben alles via Internet nach Hause liefern lassen.“
Gut, dann konnten wir ja jetzt in aller Ruhe eine Runde Canasta spielen. Ich hatte Spielkarten dabei.

Gegen Abend kam der Grunzer angetapert und tat eine Ansage vermelden: Er werde die Cora heute Abend ausführen, allein, nur sie zwei. Oh-oh, da hatte wohl jemand sein Gleichgewicht wiedererlangt. Anscheinend war sogar das nähere Anpirschen geglückt: Die Cora tat willig grinsen. Glücklich schoben die beiden ab. Wir guckten ihnen aus dem Flurfenster nach. Später ist mir dieses Foto in die Hände gefallen:

Turteltäubchen Grunzer (li) und Cora (re)

Der professionelle Touristenabknipsdienst eines Freizeitcenters hatte es aufgenommen. Die beiden selbst hatten nicht verraten, wohin sie gegangen waren, auch später nicht. Endlich wissen wir's: Schampus zwischen krachenden Bowlingkugeln – wie romantisch. Immerhin ein Herzchendesign als Leinwand hatte der Grunzer noch spendiert. Hübsch, hübsch. Aber mit dem Alkohol würde man aufpassen müssen. Nicht, dass die Cora so enden täte wie der Coco selig. Sie ist in dem fortgeschrittenen Alter, wo man sich leicht gehen lässt.

Fortsetzung folgt.

Fotos: Cora © G.H.
          Grunzer © U.W.
          Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
          Landkarte, Bristol, Kathedrale, Kathedrale (Decke): Pixabay 
          Fish and Chips, Hai, Schwan, Pub, Kegelbahn, Herzdesign: Morguefile

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Huhu,
    ich bin die Erste. Kann es immer kaum abwarten bis endlich wieder Sonntag ist und ich lesen kann was ihr alles so angestellt hat. Aber ich muss sagen, ihr benehmt Euch wirklich noch einigermassen gut, Ok, Ok bis auf die Cora vielleicht, aber das kenn ich schon von der Mama und Lisa, wenn die anfangen Prosecco zu trinken, dann gröhlen sie immer "Atemlos durch das Haus"
    Aber mal so ganz unter uns, der Pit (er erzählt ja nichts) der hat doch bestimmt den Hai erlegt oder?
    Amy

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    1. Hat er das gesagt, Amy? Ich meine, dass er den Hai erlegt hätte? Alter Angeber. Auf dem Teller war nur was Plattes mit Panade drum herum. Ich würde mal behaupten, das war eher ein Käptn-Iglu-Fisch als ein Hai. Da ist dem Pit wohl die Phantasie durchgegangen. Schlimm, immer diese Unwahrheiten.

      Sind wir dir zu artig? Oder soll ich den Bericht ein bisschen straffen, aufs Wesentliche beschränken? Ich mein ja nur, falls euch die Geduld ausgehen sollte. Man sollte nie mit der Tür ins Haus fallen, sondern dem Leser Gelegenheit geben, sich langsam dran zu gewöhnen, bevor ihm das Crescendo um die Ohren fliegt. Das macht jeder Journalist so. Außerdem hat der *piiieeep* erst mittendrin angefangen, sich so richtig dolle ... ach, lassen wir das.

      Guck einfach nächstes Mal wieder rein, ja?

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    2. Natürlich gucke ich wieder rein. Der Pit sagt übrigens er hätte nicht nur den Hai erlegt....
      Es bleibt spannend.
      Amy

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    3. So kann man's auch ausdrücken ... Pit, du ... du ... *seufz*

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  2. Lieber Max,
    ich denke an dich und wenn ich den Zeitdieb gefunden habe, dann bin ich auch wieder da und sach was zu den vielen Abenteuern - obwohl - sprachlos macht mich da so einiges, mein lieber Scholli ...
    Deine Bente

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    1. Siehste, Bente, du bist auch sprachlos über die Deppen, mit denen ich unterwegs sein musste. Ja, bitte, sag was dazu, wenn du wieder kannst. Vielleicht bleibt der Dieb ja im Moor stecken und du erwischst ihn. Viel Glück!

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  3. Das hätte ich der Cora niemals zugetraut das die sich so besaufen tut! Ich bin entsetzt!
    Liebe Grüsse Diva

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    1. Ja, Diva, hinter mancher biederen Hausfrau steckt 'n Vamp. ;-)

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  4. Alles, was der Max bisher geschrieben hat ist richtig und auch toll erzählt. Aber ein Kapitel ist so gut wie frei erfunden. Ihr könnt euch schon denken was ich meine, gelle?
    Sehe ich so aus als sei ich eine Wachholderdrossel???
    Ich gebe zu, an dem Guinness habe ich mal genippt. Vielleicht auch zwei oder drei Mal. Da ich sonst überhaupt keinen Alkohol trinke, sind mir die winzigen Schlückchen natürlich sofort auf´s Gehirn getropft. Gesungen habe ich nur, weil die anderen sich nicht getraut haben, beim Karaoke mitzumachen. Und der Pit hat so ein kuscheliges Fell, deshalb habe ich einen auf Schnapsleiche gemacht. Das war sooo gemütlich!

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    1. Siehst du, Cora, das passiert, wenn man nicht rechtzeitig die Preisliste anfordert. Dann kommen Wahrheiten zutage, die abzustreiten man hinterher große Mühe hat.

      Wohl hast du gelallt. Und nach Starkbier gemieft.

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