Sonntag, 12. Oktober 2014

Die große Sause (2. Teil)

Boah, hatte das gedauert. Aber irgendwann war der Regen vorbei, die Nacht und auch die Überfahrt. Wir legten an. Wie die Stadt hieß, wo wir gelandet waren, weiß ich nicht; ich kann mir Geografienamen so schlecht merken. Neben mir sank auf einmal die weiße Teichfregatte, der Harald, auf die Knöchel und klappte den Hals auf die Planken.
„Was soll das denn werden?“
„Ich küss den Boden. Ich war hier noch nie. Das hab ich mal im Fernsehen gesehen.“
Die Mia kriegte sofort besoffene Bewunderung:
„Mein Liebster. Er ist so gebildet.“

Ach ja? Dann sollte der gebildete Herr doch mal sagen, ob man hier den Pass vorzeigen müsste, schließlich war das hier Ausland, dazu noch ohne Euro. Und wüsste der gebildete Herr vielleicht auch, wie die englische Währung heißt? Nein, halt, Moment, das wusste ich selbst. Die Währung in England heißt Pfund Störling und Penss. 


Jetzt fällt mir auch wieder der Name der Stadt ein, wo wir an Land gegangen waren. Es war Weymouth, im Süden von England, genau gegenüber Frankreich. Das Bundesland heißt Dorset. Wir hatten die Isle of Wight passiert, Portsmouth und Southampton – ihr wisst schon, wo die Titanic herkam und die Unsinkbar II. Eigentlich hatte ich ja gedacht, wenn wir schon von Holland aus starten, würden wir geradeaus fahren und irgendwo in Mittelengland ankommen, aber unsere Skipper hatten nach Weymouth gewollt. Na gut, dann fingen wir eben von unten an, in der Reihenfolge waren wir ja nicht festgelegt.

Wir machten uns auf den Weg in die Innenstadt. Hübsche Häuschen hatten die hier.
„Guckt mal, die fahren alle auf der falschen Seite“, sagte der Grunzer.

Gnihihi, habt ihr schon mal 'n Schnarchkissen-Trolli übers Kopfsteinpflaster gezogen? Dauernd kippte das Ding um. Der Ringelplüsch tat mächtig fluchen. Die Mia hat dann hinten mit angefasst und als Schubkarre ging's weiter. An einem Laden-Ensemble, das einen sympathischen Eindruck machte, haben wir gehalten.

Ah, da drüben stand ja auch ein Internetcafé. Dort würde ich gleich mal eine Mail nach Hause schicken. Ich glaube, es war Zeit, ich konnte der Putze jetzt sagen, dass sie die Matschfalter rauslassen sollte. Hey, keine voreiligen Schlüsse, ja? Ich hatte ihnen extra ein Fach ausgeräumt, hatte Hackbällchen reingetan, Wasser und einen  Klopott und sogar ein Sodoku-Heft dazugelegt. Es ging ihnen gut. Die Putze brauchte nur zu wissen, wo der Schlüssel lag, und die Kommode aufzuschließen.

Die andern gingen unterdessen Geld tauschen, die 50 Euro vom Onkel Giesbert in Störling und Penss. 
„Ich hab Hunger“, tat die Mia meckern.
Zu futtern gab's reichlich in den Läden und Auslagen. Wie wär's mit Fish und Pommes an Frittenöl? Ich hatte gehört, das sollte ein Nationalgericht sein. Doch besser langsam anfangen mit der Kostumstellung, damit der Magen Zeit bekäme, sich allmählich dran zu gewöhnen. Auch aus Rücksicht auf den Frankenheini, der beim Wort „Fisch“ entgleisende Mimik bekam, fiel unsere Wahl deshalb auf magenfreundliche Waffeln. Sie schmeckten ausgezeichnet.

Mia und ich

„Wo wollen wir überhaupt hin?“, fragte die Cora. „Ist da was geplant? Ist das hier eine Pauschalreise?“
Nö, das war keine Pauschalreise, die Reisegruppe waren wir und ich tat bestimmen, wo's hinging.
„Und?“
„Wir fahren erst mal zu den berühmten Steinhaufen“, habe ich entschieden.

Am Fahrkartenschalter kriegten wir Auskunft (ich mit meinem brillanten Englisch – wenn die mich nicht gehabt hätten): Ja, dahin fahre ein Bus, aber erst später, hieß es. Wir kämen leider in die Nacht, vielleicht sei es besser, nur bis XthYbourgh zu fahren und dort zu übernachten. 

Weymouth mit Bus - wir sind ohne Freiguck gefahren

Wir stiegen ein, stiegen wieder aus und suchten uns eine Unterkunft. Wir fanden eine Herberge, nicht groß, aber gemütlich.
„Schlafen wir alle in einem Zimmer?“
Die Frage vom Grunzer klang vorwurfsvoll. Das veranlasste mich zu einer Klarstellung.
„Hömma, Leute“, hab ich gesagt. „Wo denkt ihr hin? Bezahl ich euch Einzelzimmer? Oder wollen die Herrschaften lauschige Zweier-Separees? Eventuell mit Geigengefiedel im Hintergrund und Spargelhäppchen auf Silbertablett? Soweit kommt das noch. Ihr quetscht euch gefälligst alle auf dem Bett zusammen, egal wie schmal es ist. Und wenn ich was mitkriege von Ferkeleien, dann fliegt ihr raus, klar? Wer erotisches Anstarren macht, kann zu Fuß nach Hause gehen.“

Der Pit schnallte seelenruhig sein Schnarchkissen ab.

Bett Pit ... gniehihi

Sonst verlief die Nacht störungsfrei, abgesehen vom Harald, der zweimal schmatzend zum Klo geschlappt war. Tagsüber hört man das ja nicht so doll, aber nachts, wenn alles still ist, sind Plattfüße eine echte Zumutung.

Vor dem Aufstehen ist er dann noch nach draußen gelatscht, einen Teich suchen, um sich die Paddel zu vertreten. Einmal Wasserkontakt täglich müsse sein, behauptet er. Diesmal hatte er einen Graben gefunden, immerhin, aber mit englischen Enten drauf. Die Mia kriegte sofort wieder Schielerei, als sie davon hörte.

Zum Frühstück war er wieder zurück. Ey, Mann, zu Hause bei uns ist das eine Wochenration. Ich hatte ja schon viel gehört vom englischen Breakfast, aber das hier ließ selbst dem Pit als überzeugten Fleischfresser die Kinnladen runterklappen. Vor uns stand ein Pizzateller voll mit Würstchen, gegrilltem Speck, Spiegeleiern, Champignons, Tomaten, Bohnen. Dazu gab es Toastscheiben, frischen Orangensaft, Kaffee, Tee und eine taxibeigefarbene Pampe mit Klümpchen drin.
„Pst, das ist Porridge“, meinte die Cora.
Ja? Der Harald fand das lecker, vermutlich weil er Aussehen und Geschmack von den Brotresten kennt, die edle Spender ihm immer auf den Teich werfen.

Hmjam ... englisches Frühstücksfutter

Zu den Steinhaufen, zu denen wir wollten, gelangten wir am Nachmittag. Wir haben wieder den Bus genommen. Die Fahrt war sehr landschaftlich, mehrheitlich grün, ein bisschen gewellt. Die Mia und die Cora blätterten in der Modezeitschrift, die sie im Tabakladen gekauft hatten, der Harald klagte über Nasenkribbeln und Gefiederjucken, der Pit schrieb Postkarten an seine Untertanen und der Grunzer übte Aufstoßen mit den fettigen Würstchen vom Frühstück.

Landschaft von Wiltshire, wo die Steinhaufen sind

Für das letzte Stück haben wir die Füße bemühen müssen. Die Steinhaufen stehen nämlich abseits von normaler Besiedelung. Eigentlich stehen sie sogar mitten auf der Wiese. Das Touristikcenter steht ein Stück entfernt, dort hatten wir unser Gepäck eingeschlossen. Als wir kamen, fuhr gerade ein Reisebus weg. Wir hatten den Anblick ganz für uns allein.

Hm, ja. Es sind Felsbrocken. Sie sind hochstelzig. Sie sind im Kreis angeordnet. Sie sehen aus wie Dominosteine aus dem Baukasten von Goliath Junior.

Daran erkennt man den Größenwahn kleinstädtischer Gemeindevertreter. Erst großkotzig ein Wartehäuschen für die Bushaltestelle planen und dann das Geld nicht zusammenkriegen, um das Ding fertig zu bauen. Am Ende steht die Ruine in der Gegend herum. Damit der finanzielle Schaden wenigstens ein bisschen begrenzt bleibt, karrt man haufenweise Touristen herbei und verkauft ihnen Postkarten und Kaffeebecher mit der Ansicht der Steine darauf. Das kennt man. Die in Athen machen es genauso. Haben auf ihrem Berg umgekippte Säulen liegen. Die liegen da schon ewig, aber die Stadtverwaltung kriegt es einfach nicht gebacken, den Plunder wegzuräumen. Von dieser Halde kann man auch Postkarten kaufen und Kaffeebecher. 

Ich, Cora, Pit
„Sag mal, schämst du dich nicht“, tat der Pit fragen.
Wieso?
„Das ist was Mystisches“, meinte der Harald. „Bei Mittsommer fällt das Licht genau auf die Steine – oder irgendwie so.“
Oh, Mann, denen kann man aber auch jeden Blödsinn aufbinden, die glauben alles.

Wir sind dann noch über den Rasen gelaufen und um die Steine herum. Mal gucken, ob man was spürt, meinte der Grunzer. Ich habe auftragsgemäß intensiv in mich hineingehorcht, aber mir tat nur der Magen grummeln vom Speck heute morgen. Die Cora war sehr zufrieden:
„Es ist so … so … erhaben hier.“
„Ja, man spürt den Hauch der Unendlichkeit“, tat der Grunzer nachschmalzen.

Später haben wir im Touristikcenter Sandwiches gegessen. Wenn man einen Schwan dabei hat, bietet sich das an. Toastbrot macht nämlich keine hässlichen Flecken auf Weiß, im Gegensatz zu Bratensoße und Ketchup. Ich weiß, wovon ich rede. Schon oft hat die Mia hinten auf dem Hof vom Restaurant am Wasserhahn gestanden und mit dem Taschentuch auf dem Harald herumgerieben. Ich sag das hier nur so deutlich, um auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die man mit farblich empfindlichen Reisebegleitern hat. Wenn man vor der Wahl steht, sollte man lieber Wildschweine mitnehmen oder Schildkröten.

Noch was zu den Fotos. Leider hatten wir nur die Knipse von der Putze dabei. Bei der verzerrt sich die Perspektive immer so. Oft sehen wir groß und massig aus. In Wirklichkeit sind wir aber keine Lulatsche und auch keine Berserker, die locker das Accessoire hochheben und wegschleudern könnten. Am besten, ihr denkt euch die betreffenden Fotos einfach ganz korrekt. Vor eurem geistigen Auge, meine ich.  Das werdet ihr doch wohl hinkriegen.

Fortsetzung folgt.

Fotos:  Cora  © G.H.
           Pit © Club der glücklichen Vierbeiner
           Waffelstand, Hotelzimmer, Stonehenge: Morguefile
           Geld, Landkarte: Pixabay
           Bus Weymouth, Breakfast, Landschaft Wiltshire © Flickr; die Bilder stehen unter Creative Commons Licence
       
© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Tscha - "wer eine Reise tut, der kann was erzählen". Hat schon meine Oma gesagt - ähhh, ich meine, die Oma von Frauchen.
    Meine Oma kenne ich ja gar nicht. Brauch ich auch nicht, war schon meine Mama ziemlich zickig *augenverdreh*. Familienkram muss nicht sein !
    Also, bis jetzt gestaltet sich eure Reise ja vorzüglich, ohne große Reibereien, auf die Befindlichkeiten der Mitreisenden muss man ja immer Rücksicht nehmen. Aber du hast das schon drauf, mein Freund.
    Und so ein lecker Frühstück - hmmmmmmm - ...
    Jetzt bin ich aber gespannt, was weiter kommt.
    Dein Angus

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    1. Reibereien, Angus? Wie du sehr richtig sagst - ich hab das schon drauf. Man muss ab und zu auf die Kniebank hauen, damit die Leute wieder wissen, vor wem sie Aufstellung nehmen müssen. Und eine Kreditkarte unterm Flügel ist der Autorität natürlich auch sehr förderlich.

      Warum sagt eigentlich niemand was zu dem reichen Kulturprogramm, das ich meinen Leuten geboten hatte? Immer nur futtern, futtern, futtern. Nicht genug, dass meine Reisbegleitung dauernd davon geredet hat, jetzt fängst du auch noch an. Lecker Frühstück. Natürlich war das lecker (und viel), aber das ist doch nicht alles, was es zu einer Reise zu sagen gibt. Immerhin waren bei den berühmten Steinhaufen. Wenn ich das gewusst hätte, dass das niemand merkt, wär ich gleich mit meiner Baggage in Holland in der Spielhalle geblieben.

      Ich bemühe mich um die Vermittlung von Kultur. Nicht Spaß - Kultuuu-huur.

      So? Deine Mama war zickig? Tut mir leid, alter Knabe, aber ehrlich gesagt fände ich es schlimmer, wenn da "mein Papa" stünde. Gnihihi.

      Schön, dass du nächstes Mal wieder reinschaust. Wir werden noch viel erleben. Wart's ab.

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  2. Jetzt ist der Angus schon ein wenig neidisch....
    Bis jetzt lief die Reise ja wirklich sehr entspannt, das Problem mit dem Trolli wurde von Pit ja elegant gelöst. Aber so ist er, der Pit, er gibt jedem weiblichen Wesen das Gefühl die EINE zu sein und schon liegen die Frauen ihm zu Füssen und helfen ihm wo sie nur können. Sehr gemütlich sieht auch sein Bett aus und die Mama ist froh, das er was anständiges zu essen bekommen hat. Wir sind gespannt wie es weiter geht. Der Pit erzählt nicht viel.

    Amy

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    1. Nun, Amy, die Mia ist von Natur aus sehr selbstlos. Sie würde sogar mit dem blödesten Deppen die Voliere teilen, wenn es sein müsste.

      Aber du hast schon Recht: Der Pit weiß, wie man vorankommt. Und er hat auch allen Grund, so mitteilungsarm zu sein. Ich muss mir noch sehr überlegen, ob ich davon überhaupt berichten soll. Wie viel hat der Pit eigentlich auf dem Sparbuch?

      Mit Essen und Unterkunft war ich nie knauserig. Das weiß man selbst beim Militär: Knurrende Mägen und müde Knochen sind schlecht für die Etappe. Erst kommt Unmut auf, dann Revolte und schließlich wird der Chef in Italien auf Pfirsich Melba ausgesetzt. Da spendier ich doch lieber ein trockenes Brötchen mehr.

      Also, Amy, sei bereit für den nächsten Teil. Wie ich schon dem Angus sagte: Wir werden noch viel erleben. Bleibt dran.

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  3. Ich bin sehr gespannt wie es weitergeht! Es ist sehr spannend! Liebe Grüsse Diva

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    1. Danke, Diva. Ich freu mich, dass du mitliest. Wir brauchten ein bisschen, um in Fahrt zu kommen.

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