Sonntag, 28. August 2011

Unternehmer des Monats

Leute, ihr kennt mich. Ich bin niemand, der viel redet. Deshalb sage ich’s kurz und knapp: Man hat mich als Stargast eingeladen. Ich sollte einer Lobrede auf jungunternehmerisches Aufstrebertum beiwohnen.
 
Ihr könnt mir glauben, ich war total geplättet. Da kommt doch diese Mail an:

„Sehr geehrter Herr von Gelbnacken,
junge Menschen, die mit Optimismus und guten Ideen ins Geschäftsleben starten, gibt es viele, aber Vögel – ja, Tiere überhaupt –, die dies wagen, sind eine Seltenheit.“

Dann folgte die lobende Erwähnung meiner Quartalszahlen und schließlich die Einladung zu jener Veranstaltung, von der noch die Rede sein wird. Gemeint ist natürlich mein Onlineshop, also mein frisch eingerichteter Bestellservice für exklusive Literatur, für hochwertiges Philatelie-Gedöns, für Gemälde oder Herrenschlüppermode. Zwar weiß ich selbst, wie viel Kohle mir mein Shop in die Kasse spült, aber ehrlich gesagt finde ich es etwas beängstigend, woher die Leute vom Jubelkomitee das wussten. So lange bin ich ja noch gar nicht am Markt. Man könnte direkt meinen, ich hätte unter falschem Namen Leserbriefe an die „Finanzzeit“ oder das „Managerblatt“ geschrieben und darin diskrete Hinlenkung auf meine Erfolge verstreut. Oder ich hätte gewissen Abteilungsleitern Probesets meines Papageienpuzzles zugeschickt zur freundlichen Einbehaltung für den Privatgebrauch. Denkbar wären auch Gutscheine über Giraffentangas an besonders aufmerksame Redakteure in den Wirtschaftsressorts oder Massenmails an alle Saunaklubs und Kegelvereine, wo Wirtschaftsbosse ihre Artgenossen treffen.

Ich glaube sowieso nicht, dass solch plumpes Anschleimen Erfolg hätte, und man sieht ja an mir, dass sich wahre Qualität von ganz allein durchsetzt. Also habe ich die Einladung angenommen. Der Vortrag war jetzt am Freitag. Ich musste mit dem Zug ins Rheinland fahren. Das ist dort, wo die Leute katholisch sind, Bonbons auf die Straße werfen, mit der Schwebebahn zu Lidl einkaufen fahren und Bier trinken, das so heißt wie die Stadt, wo sie wohnen. Es gibt Kölsch, Bonnsch, Triersch und Koblensch. Der Morbus Rheinlandus ist aber Gott sei Dank nicht ansteckend; er wird nur vererbt.

Die Mia musste ich mitnehmen – leider. Die Mama tat Wert darauf legen, weil sie meinte, ich täte sonst unter die Räder kommen, alles so fremd und so groß und ich so klein und doof. Ist es zu glauben? Ich bin acht! Damit sie gar nicht erst auf dumme Gedanken käme, mich über meinen Onlineshop näher auszufragen (sie denkt, ich tausche Matchboxautos), hatte ich ihr erzählt, es ginge zum Ehemaligentreffen des privaten Rechtschreibinstituts, worin ich damals interniert gewesen war zum Erlernen linguistischer Fertigkeiten.

Andererseits reisen Geschäftsführer ja auch immer mit Sekretärin. So gesehen kam mir die Mia ganz gelegen. Nur als sie ihren Teichheini, den Schwan mitnehmen wollte, habe ich mit dem Flügel ein Machtwort auf den Kontoauszug geknallt. So geht’s ja nun nicht! Der watschelt mit seinen orangefarbenen Plattfüßen hinter mir her und setzt womöglich seinen Hintern in einen dieser kostenlosen Wasserspender, die heutzutage überall herumstehen, und das nur, weil ihm als Feuchtgeschöpf sonst die Federn einstauben täten. Außerdem: Als was sollte ich ihn ausgeben? Er hilft ja manchmal der Mia, die bestellten Päckchen mit dem Bollerwagen zur Post zu ziehen, aber ihn deswegen als Lagerangestellten auszugeben wäre etwas übertrieben.

Kurzum: Der Frischkäse musste daheim bleiben. Die Mama hatte uns Butterbrote und Apfelviertel eingepackt. 2. Klasse Bahn zu fahren ist ja auch ganz schön. Bei den Vierersitzen, wo in der Mitte ein Tisch steht, kann man prima auf der Platte hocken und aus dem Fenster gucken.

Im Rheinland angekommen, hat uns eine Dame im Business-Kostüm abgeholt. Über ihre schwarzen Pumps tat die Mia seufzen. Wir kriegten Namensschildchen. Sie wurden mit Klammern an unserm Brustgefieder festgemacht. Beim Gehen schaukelten sie hin und her.
„Sieht aus wie Preisetiketten für Suppenhühner“, hat die Mia gemeckert. „Gleich kommt bestimmt einer und wickelt uns in Zellophan ein.“

Die Mia ist manchmal ganz schön zickig drauf, besonders wenn sich eine Unterversorgung an Cappuccino oder Prosecco bemerkbar macht. Sofort kriegte sie aber ihre geschmeidigen Schnabelklappen zurück, als das Taxi hielt und wir in eine riesige Halle geführt wurden. Es war eine simple Messehalle mit Ständen, Präsentationspersonal und jeder Menge herumlaufender Anzug- und Krawatten-Ensembles. Trotzdem hatte die Mia wässrige Augen. Sie konnte kaum abwarten, bis sie allein losziehen dürfte. Wahrscheinlich dachte sie, es wäre ein Outlet für Pariser Bademoden. Vorerst war allerdings nur Technik zu sehen: Fernseher, Computer, Kopiergeräte und all so ‘n Zeugs. Außerdem mussten wir ja noch von unserm Gastgeber begrüßt werden. Es war ein großer Mann. Mir sind kleine Männer lieber, weil die großen einen immer so von oben herab beschallen. Das hört sich an, als täte man aus einem Lautsprecher herumkommandiert werden. Dieser hier war aber ganz nett. Er bat uns Platz zu nehmen auf seinem Bistrotischchen.

Er täte zu Hause einen Pudel haben, hat er gesagt, der verdiene sich ein paar Euro Taschengeld als Übungsmodell für angehende Hundefrisöre, aber zu mehr beruflichem Einsatz fehle es ihm – leider, leider – an Ehrgeiz. Wie ich denn zu meiner Geschäftsidee gekommen wäre, wollte er noch willen, ob es noch mehr Papageien gebe, die Onlineshops betreiben, wie sich meine Kundschaft zusammensetzt, welche Produkte besonders nachgefragt werden und ob die Mia meine einzige Angestellte wäre. All diese Informationen waren wichtig, weil doch am Abend ein Vortrag über mein Erfolgsrezept gehalten werden sollte. Dafür brauchte der Mann meine Hilfe. Ich habe auf alle Fragen ehrliche Auskunft gegeben, sogar als es um meinen Umsatz ging. Okay, ich hatte ein bisschen aufgerundet, aber bei einer 20 ist das ja absolut statthaft.
 
Die Mia hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits vom Acker gemacht. Weiber fragen bei solchen Gelegenheiten immer nach der Toilette. Später habe ich sie nebenan wiedergesehen. Da hatte sie sich gerade einen großen Plastikbeutel erbetteln. Mit dem zog sie nun los zum Einsammeln von Werbegeschenken. Ich war ein bisschen traurig, weil ich der Mia doch meine Überraschung zeigen wollte: meinen Exklusivvertrag als Model für einen Handyanbieter. Den hatte ich nämlich heimlich vorige Woche abgeschlossen. Er bringt mir goldene Sprühknöpfe für die Waschstraße in meiner Matchboxgarage.


Die ganze vordere Halle war geschmückt mit riesigen Postern von mir. Sie hingen in Dreierreihen unterm Hallendach, und jeder, der Augen hatte, musste mich sehen. Nur die Mia nicht; die kriegte mal wieder nichts mit. Das kenne ich von ihr. Wenn sie sich nach Schuhen, Parfüms, Klamotten oder wie hier nach Gratispröbchen anschleicht, behält sie die Nase auf Äquatorialhöhe, fast wie programmiert mit eingerastetem Kopf. Alles, was darunter oder darüber ist, existiert dann nicht mehr für sie.

So hat sie tatsächlich nicht mitgekriegt, wie toll ich von der Decke hing. Bis zum Abend, bis der Vortrag losging, habe ich sie nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich hatte Gutscheine erhalten für Paella in einer Mallorca-Lounge und für diverse Cocktails in einer andern Bar. Ferner baumelte mir ja noch immer das Namensschildchen vorm Bauch. So konnte jeder sehen, dass ich Berechtigung hatte, dort ungestört auf alle Tresen zu fliegen und in der journalistischen Auslegeware herumzuwühlen. Man muss schließlich unterrichtet sein, was die Konkurrenz so treibt, nicht wahr?

Ab und zu hat mich jemand angesprochen: ob ich der Wappenvogel von der Tuttifruttitüte wäre. Nein, natürlich nicht! Das auf der Tüte ist ein Tukan, aber ich bin eine Amazone. Tukane sind Angebervögel. Wer mit so einem langen Schnabel herumläuft, kann nicht ganz dicht sein. Ganz leicht sind die Dinger, wie Papier, machen aber die Illusion, als müssten sich die Eigentümer mordsmäßig daran abschleppen. Überhaupt: Andere Tier habe ich nicht bemerkt. Ich wundere mich jedes Mal, dass die guten Chancen, die solche Menschanballungen auch aufstrebenden Hunden, Katzen oder Hausschweinen bieten, so wenig genutzt werden. Man sieht’s ja an mir: Mit einem bisschen Engagement kann man es weit bringen in der Menschenwelt.

Erfreulich war allerdings, dass sich ein paar meiner Produkte entdecken ließen. So wie bei einem Mann, der ein Arbeitspapier über meinen Knödelarsch-Bestseller studierte. Nach meiner Anderwähr konnte ich freilich schlecht fragen. Ich meine, ob sie jemand trug. 

Dafür fand ich die Infobroschüre von einem schicken Hotel in Washington sehr gelungen. Man beachte das Titelblatt auf der Zeitung rechts im Bild. Ich sag nur so viel: Interview. Über den Rest schweige ich. Googelt selber nach „Milliardär mit bescheidenem Antlitz“.

Bis zum Mittagessen habe ich mir alles in Ruhe angeguckt. Meistens bin ich geflogen, weil es zum Laufen zu voll war. Die Leute gucken ja nie, wohin sie treten. Nach der Paella, einem Heringsbrötchen und einem Cocktail namens „Green mystery“ (mit Deko-Limone am Glas) bin ich zum Gasablassen in den Park gegangen. Dort war ich länger, weil ich unterm Busch eingeschlafen bin. Es war schon Nachmittag, als ich zurückkam. Von der Mia noch immer keine Spur. Ein Geschäftsmann aus Nairobi, der von mir in der Zeitung gelesen hatte, hat mich zu einem Tee eingeladen. Er tat ‘n bisschen doof glotzen, als ich mir Kaffeesahne für den Darjeeling ausbat. Er dachte wohl, ich trinke seine teure Kräuterplörre ohne Schluckhilfe. Er kriegte dann ein Autogramm auf die Serviette gekritzelt und alles war wieder gut.
 
Um 18.00 Uhr war die Messe vorbei; die Leute durften nach Hause gehen. An ihrer Stelle ist eine Armada von Elektrotraktoren mit Bürsten vorne dran zum Angriff aufgebrochen. Nur für jene Leute, die noch was lernen wollten, ging’s weiter in einem Nebenraum. Dort war eine Bühne aufgebaut mit Podium, Diaprojektor und tollen Lichteffekten. Auf den Stühlen davor saßen die Zuhörer. Das Thema war ich, genauer gesagt mein steiler Weg vom armen, vernachlässigten Haussohn zum Marktführer in der Sparte Online-Business/gemischtes Sortiment.

Ich bin genügsam am Rand geblieben. Von der Rückenlehne aus konnte ich am besten sehen. Manchmal drehten sich Leute um und unterzogen mich einer Musterung. Ich habe dann so getan, als täte ich es nicht bemerken, habe mich nur gerade aufgerichtet und mit der rechten Flügelspitze auf meine Brust getippt. 
 
Irgendwann war die Mia auch wieder da. Sie tat die Plastiktüte hinter sich herziehen. Zwischen den Henkeln guckte ein Headset heraus. Während des Vortrags gab der Plastikhaufen plötzlich Widerworte. Wie sich später herausstellte, war es ein Wecker, ein Werbegeschenk eines Brauereigestüts, und das Gequake war das Wiehern bei voll. Ob die Mia nicht ganz dicht wäre, habe ich gefragt. Wieso, hat sie gemeint, das Gesülze über meine Kundenverarsche und die Sklavenhaltung meiner einzigen Mitarbeiterin täte hundert Mal peinlicher sein als jeder quiekende Plastikgaul. Gott sei Dank ist die Mia bald eingeschlafen auf ihrem Stuhlkissen. Es ist ja immer ärgerlich, wenn unqualifizierte Bemerkungen einen Fachvortrag stören.

Wirklich gut gesprochen hat mein Gastgeber, das muss ich schon sagen. Von den beschwerlichen Anfangen war die Rede und von meinen erstaunlichen Markanteilen im Großraum Duisburg und besonders bei Kunden aus dem Rabenmileu. Im Ausland ist Österreich mein Marktführer. Aber auch von jenen Interessenten war zu hören, die auf eins meiner wertvollen Gemälde sparen, weil sie nicht auf den Genuss verzichten wollen, oder von den Altersheimen und Kinderhorten, die gleich ganze Paletten meines Bilderbuchs ordern zum Vorlesen und Ausmalen. Fast wäre ich ein bisschen rot geworden. Zum Schluss haben alle geklatscht und ich musste zum Podium kommen und auch was ins Mikrophon sagen. Ich hatte ja sowieso ursprünglich gedacht, dass ich den ganzen Vortrag allein über mich selbst hätte halten sollen. So waren ein paar Worte des Dankes an meinen Vorredner kein Problem. Wir sind dann noch eingeladen worden zum Italiener, aber wir mussten zurück zum Bahnhof.     

Ich habe die Mia geweckt und man hat uns ‘n Taxi spendiert. Die Plastiktüte war wirklich sauschwer. Nach Mitternacht waren wir wieder daheim. Was genau alles in der Tüte drin war, hat die Mia natürlich nicht verraten, die hinterhältige Tussi. Aber ich habe am nächsten Morgen im Küchenschrank hinter den Maccaronis 10 DVDs, ebenso viele CDs und drei Handys gefunden. Es handelt sich um Kinofilme und Klimpermusik zum Entspannen. Die Handys sind alte Modelle und schon ein bisschen angestoßen. Trotzdem ist es gut, wenn man was in der Hand hat, falls die Mitarbeiter aufsässig werden sollten. Viele Meutereien sind nur dadurch verhindert worden, dass der Chef diskret angemerkt hat, er wisse, wo die Seemänner ihre Plüschtiere versteckt hielten. Habt ihr das gewusst?

Am Samstag, als ich mit der Mama zum Einkaufen sollte, habe ich dann das hier entdeckt: ich als Webeposter am Bushäuschen. Und überall, wo ich nachgucken gegangen bin, hockten Katzen davor, daneben oder  dahinter – furchtbar! Ich möchte wissen, wer das vermurkst hat. Ich hatte der Mia doch extra die Vertragsbedingungen diktiert: mein Porträt nur für die Innenverwendung, nicht für außen!

Später habe ich erfahren, dass mein Plakat mit einem Preisausschreiben verbunden ist. Der Gewinner soll ein Wellnesswochenende gewinnen – mit mir! Die Tante am Telefon im Support hat gemeint, es täten diesmal so viele Hähnchenbratereien, Schmuckfedernsammler und Katzen mitmachen, wie nie zuvor.

© Max: Papageiengeschichten
Die Fotos (außer dem ersten) sind generiert von funphotobox.com

Kommentare :

  1. Ich lache gerade Tränen! :D
    Du hättest mir ja mal sagen können, das du hier zu uns ins Rheinland kommst. Ich hätte so gerne ein Autogramm von dir gehabt und dir mal persönlich dein Füßchen geschüttelt. Ausserdem hätte ich dich noch zu einem lecker Kölsch eingeladen (obwohl mir Rotwein eigentlich lieber ist) und ich hätte mit die vielleicht noch ein paar Karnevalslieder gesungen. So ein Kölsch singender Papagei treibt die Beliebtheit hier im Rheinland noch mehr in die Höhe. Du weißt, hier ist es dicht besiedelt, je mehr Anhänger du hast, desto mehr kriegst du verkauft und umso schneller hast du deine Garage zusammen!
    L.G. Diva

    AntwortenLöschen
  2. Ach, meine Diva-Bambi, wie gern hätte ich dich auch mal persönlich kennen gelernt. Aber wir sind Rheinland Hbf ausgestiegen. Ist es von dort noch weit bis zu euch?

    Außerdem hatte ich Bedenken wegen der Donna. Wie ich höre, hat sie manchmal Angst vor Treppen. Stell dir vor, das passiert, wenn wir zusammen unterwegs sind! Und ich muss sie dann runtertragen!

    Das nächste Mal melde ich mich an, versprochen.

    Ansonsten hat mir das Rheinland sehr gut gefallen. Die Leute, die ich dort gesehen habe, machten einen ganz passablen Eindruck. Denen lässt sich bestimmt prima Kuh-Unterwäsche andrehen.

    Bis denne.
    Dein Max

    AntwortenLöschen
  3. Hi Max,
    wer so in der Öffentlichkeit steht lebt manchmal halt ein bisserl gefährlich, gell. Immer das Kleingedruckte lesen bevor du versehentlich bei falschen Sponsoren unterschreibst du kleiner redegewandter Milliardär mit bescheidenem Antlitz. ;)
    Tja. Wer im Rampenlicht steht wird manchmal auch schnell gerupft...Und wir wollen ja nicht dass du dich mit Katzen herumschlagen musst und was wollen die Hähnchenbräter von dir bitteschen???? Mein Lieber, da brauchst du ja fast ein paar Leibwächter bei dem ganzen Rummel. Jawoll!!!

    Freute mich übrigens zu lesen, dass Österreich dein ausländischer Marktführer ist. :-h

    LG, Klarissa und die Beagles

    AntwortenLöschen
  4. Hmmm... ich wollte dir eigentlich winken: :-h
    Ich glaube, ich bin Smilielegastheniker oder so. :-*

    AntwortenLöschen