Montag, 21. Februar 2011

Schöne Berufe für geschickte Hennen

Heute möchte ich euch ins Gewissen reden. Wie viele von uns leben bei ihren Haltern wie die Hefe im Kuchenteig? Sie tun nix, außer sich drücken zu lassen, gehen dafür aber in die Breite und machen Dreck und Anspruch. Okay, die meisten von uns haben Pflegeaufgaben zu erledigen. Wir müssen auf unsere Menschen aufpassen, sie bespaßen und ihnen Sinn spenden, damit sie Orientierung behalten in ihrem Leben. Das ist oft voller Anstrengung, und manch einer ist abends fix und alle vor lauter Geflöte und Geschmuse und Animationsprogramm.

Trotzdem: Es ist nicht richtig, dass wir uns gehen lassen. Jeder Junghahn und jede Junghenne muss sich beizeiten um eine gute Berufsausbildung kümmern. Dabei ist es egal, ob man sich für Quantenphysik interessiert oder lieber ein Kartenlege- und Pendelstudio betreiben will, Hauptsache, man bringt Kohle in die Haushaltskasse. Leider aber ist das bei vielen noch nicht hinter die Hirnschale gesickert. Besonders ältere Semester – und da wieder die Büstenhalter-Fraktion – glauben, es täte längst zu spät sein. Sie hocken also weiter im Schlafanzug im Döswinkel, futtern Marzipanpralinen und gucken gemütlich von oben zu, wie ihr Mensch unter der Stange herumkriecht und ihre Kleckse wegputzt. Dabei gibt es so tolle Ausbildungsprogramme, gerade auch für Senioren und ältliche Puten kurz vorm Eintrocknen in den Wechseljahren. Man muss sich nur aufraffen. Im Internet steht alles, was man wissen muss.

Zum Glück kenne ich eine Henne, bei der das nicht so ist. Die Marco ist ja schon was älter. Lange, lange Zeit hat sie auch gelebt wie der Hefewürfel im Goldkittel, und sicher hat es ihr sehr gut gefallen (die Tante Renate ist ja auch ‘ne Nette), aber dann plötzlich – gerade noch rechtzeitig – hat sie die Umkehr gepackt, erst im Kopf, dann auch in den Krallen, und heute ist sie mitten in der Ausbildung. Und das in ihrem reifen Putenalter. Denkt mal an!

Doch wer nun glaubt, er täte nicht wegkönnen von zu Hause, und daher wäre er entschuldigt, der macht fatalen Irrtum. Viele dieser Programme gehen nämlich über Fernstudium. Da kann man sich die Anleitung für die Radio-Löterei zuschicken lassen. Oft sind gleich Übungsmaterialien dabei, so wie die Fläschchen fürs Giftmischen beim Berufswunsch „Heiratsschwindler deluxe“ oder Durchstreichtexte für künftige Angestellte in der Kurbewilligungsabteilung bei der Krankenkasse. Man kann also alles bequem von daheim erledigen; man braucht sich keinen Zentimeter vom Fressnapf wegzubewegen. Einen zweiten Vorteil gibt es obendrein: Man kann mehrere Sachen ausprobieren, ob sie einem liegen, bevor man sich endgültig für einen Beruf entscheidet.

Die Marco hat’s auch so gemacht. Sie hat sich im Katalog mehrere Berufe rausgesucht und alle erst mal angetestet. Schöne Sachen sind dabei. Fürs Handwerk hat sie sich entschieden; das liegt ihr mehr, als Weißkittel abhaken in der Uni-Sternwarte. Ich zeig euch mal ihre Favoriten:

Da haben wir zunächst die staatlich geprüfte Hartkäse-Testerin. Da muss man Proben aus den Käselaibern schneiden und die Rinde begutachten auf Qualität und Reifegrad. Das tut einen stabilen Schnabel erfordern. Außerdem darf man auf der Arbeit keinen Lippenstift tragen, und man darf nicht allergisch sein gegen Milch. Also jammern: „Ich futter aber nur laktosefreien Joghurt, sonst muss ich pupsen“, das geht nicht.

Das hier ist Materialprüferin „Pappe und Zwirn“. Es ist dem Käsetesten sehr ähnlich, nur dass hier die Objekte nicht gegessen werden dürfen, sondern in jedem Fall ausgespuckt werden müssen. Das erfordert große Disziplin, nicht nur wegen Schaden für den Arbeitgeber, sondern auch wegen dem eigenen Magen. Karton-Obstipation gildet noch nicht als Berufskrankheit. Also aufgepasst, immer schön zwischendurch mit Früchtetee spülen. Gefahrenzulage wird nicht gezahlt in der Branche.

Hui … die Marco mal ganz mutig. Hier probt sie das Höhlenkriechen. Das gehört zur Fremdenführerin "Stollen, Moor und Watt“. Das ist so was ähnliches, was Bergführer machen, nur ohne Gebirge, sondern mit flach, manchmal auch unter Tage. Voraussetzung sind Kondition (hat die Marco ja vom Walzertanzen) und wiederum ein harter Schnabel. Denn wie man sieht, muss man Wege finden in neuer Umgebung für die Gruppe, die hinter einem kriecht. Sie soll ja gut vorankommen. Wenn gerade keine Machete in die Röhre passt, muss der Leiter mit dem eigenen Schnabel den Weg freipicken. Ich weiß aber nicht, ob die Tante Renate davon weiß. Sie wird der Marco bestimmt nicht erlauben, später nach der Ausbildung in der Welt herumzureisen und teure Touristen durch die Diamantstollen von Namibia zu schrappen. Dafür ist die Tante Renate viel zu ängstlich, und der Marco wird ja auch immer übel von der Fleischbrühe in der Business-Klasse.

Da trifft dies hier wohl eher den Geschmack der beiden Damen. Der Beruf heißt „Product Manager Korkmehl“. Das, was man hier sieht, ist das Ergebnis. Es findet Weiterverwendung in der hiesigen Korkplattenindustrie und  beim Bestreuen von Blumenbeeten. Wichtig ist, dass man ganz exakt krümelt; alle Bröckchen müssen genau gleich groß sein. Das hat die Marco hier offensichtlich nicht ganz geschafft; da wird sie noch üben müssen. Aber vielleicht ist der Job sowieso zu langweilig: nur immer das Gleiche, jeden Tag? Lippenstift darf man auch dort nicht tragen, nicht mal Creme an den Krallen, sonst pappt alles fest. Bisher habe ich noch keine Pute kennen gelernt, der all dieser kosmetische Firlefanz komplett egal wäre. Also darf’s doch lieber was für den feineren Hennenfuß sein?

Hierzu braucht man Geschick und geografische Kenntnis. Als „Global Creative Assistent“ formt man den Schulatlas nach. Man kann sich spezialisieren auf Kontinente, Gebirge, Städte oder anderes. Die Marco hat hier mit Inseln geübt. Auch das Material, womit man das tut, ist unterschiedlich, je nach Kursschwerpunkt. Wie man sieht, handelt es sich hier wieder um Kork. Es gibt aber auch Sägemehl, Wolle, Hanf, Dekorsteinchen, Styroporkügelchen oder Haferflocken. Bei jedem Werkstoff, der leicht wegfliegen tut, muss man besondere Sorgfalt anwenden. Dauernd niesen, weil man Heuschnupfen hat, oder ständig rein- und rausrennen mit klappender Tür, das wäre total unprofessionell. Man muss sehr ruhig arbeiten mit viel Geduld und Konzentration. Auch sollte man keine Klebstoffallergie haben, weil man die Inseln und Gebirge auf dem Untergrund festpappen muss. Wenn’s fertig ist, können sich Volkshochschulen, Altersheime, Kantinen und andere Erwachsenen-Etablissements die Bilder an die Wand hängen. Man soll nicht unterschätzen, wie viel man lernt, bloß weil man davorsitzt und Erbsensuppe löffelt. Genau genommen gehört der Beruf also in die Sparte Erwachsenenbildung.

Zu guter Letzt hat sich die Marco noch als Seildreherin ausprobiert. Früher hat man dafür Pillendreher-Käfer aus Afrika genommen, weil die das am besten konnten  wegen Gewohnheit von Kindesbeinen an. Aber mancher Kunde findet es nicht so prall, wenn die Arbeiterinnen von der Abfallwirtschaft kommen, deshalb ist man heute offen für andere Tierarten. Das gibt vielen Hennen neue Chance. Amazonen, Aras, Kakadus und Graupis werden gern genommen wegen ihrer guten Koordination von Schnabel und Krallen. Manche Expertin schafft sogar noch nebenbei SMS zu schreiben oder sich die Wimpern zu tuschen. Man muss die Seilbälle ganz gleichmäßig rollen, immer in der richtigen Reihenfolge. Dann schaffen sie es auf die Spielzeugmessen. Besonders beliebt sind die Bälle als Mitbringsel für Schildkröten und  Goldfische.

Seht ihr? Man kann viel bewegen, wenn man nur will. Ich hoffe sehr, ihr lasst euch von meinen und Marcos Vorschlägen zur Anregung verleiten. Guckt im Internet unter „Ausbildung Heimvögel“ nach oder meinetwegen unter „Henne Wechseljahre Beruf Neuanfang“. Wichtig ist nur, dass ihr den Hintern hochkriegt. Fangt einfach an. Ihr könnt mich auch fragen, wenn ihr Unsicherheit fühlt. Dann gebe ich euch Beratung, welcher Beruf zu euch passt. Besonders gut kenne ich mich aus, wozu man Köpfchen, Weisheit und Reife braucht.

© Max: Papageiengeschichten
© Fotos: R. B.

Kommentare :

  1. Das ist eine supertolle Geschichte, besonders über meine Marco
    Weiter so ! ! ! !

    LG Renate

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  2. wow, man max, endlich habe ich dich gefunden.
    wüsstest du nicht auch nene job für einen hahn von welt wie mich?

    dein alter kumpel juju

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  3. Wie wär's mit Oberkellner, Juju? Das passende Outfit hättest du ja schon mal an. :))

    Tante Renate? Tust du mir Bescheid sagen, wenn die Marco ihre Berufswahl getroffen hat? Sie spricht nicht mehr mit mir, seit ich gemeint hatte, ihr roter Schwanz täte sie geradezu auszeichnen als Einwinkerin für Wespenschwärme auf Konditorauslagen und private Bienenstichteller.

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  4. oberkellner ist ganz schlecht, das heisst, ich müsste anderen das essen servieren und würde nix abbekommen.
    nee geht gar nicht.
    ich bräuchte einen job bei dem ich mich nicht anstrengen müsste und nen haufen euronen rüberkämen.

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  5. Dann heirate die goldene Gans.

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  6. meinst du damit die rico? --niemals

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  7. Nein, ich meinte die Gans aus dem Märchen. Da musst du nur ... äh ... komm mal näher ran ... erotisches Anstarren machen. Dafür gibt sie dir Geld und Arbeitsloigkeit.

    Ich finde trotzdem, du solltest was Solides machen. Pizza-Hermes finde ich gut für dich. Da kommst du unter Leute, und abends darfst du sicher die eingetrockneten Pizza-Ränder kostenlos mit nach Hause nehmen.

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  8. man max, ich meinte nen lukrativen job, das heisst mit möglichst wenig aufwand viel verdienen, klaro?
    eingetrocknete pizzaränder?? ich denke eher an krabben, garnelen und so

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  9. Den Beruf zu Krabben, Garnelen und so nennt man Fischer. :D

    Wenn du's schaffen würdest, einer Nacktschnecke beizubringen, wie man arme Menschengören aus brennenden Häusern rettet oder das Steuer eines rasenden alten Vans rumreißt, dann könntest du sie Nicki nennen und viel Kohle machen in Hollywood als Nachfolger von Flipper, Lassie und Rintintin.

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