Samstag, 18. Dezember 2010

Unglaublich …!

Und das so kurz vor Weihnachten. Das wird der Geschichtsschreibung neue Kehrtwende geben. Ratet mal, was ich entdeckt habe?

Bei uns war gestern Adventsbasar im Freizeitheim. Jeder durfte dort ausstellen, was er gebastelt hatte oder nicht mehr gebrauchen konnte. Wir hatten einen Stand gemeinsam: die Mama mit ihren selbst gedrehten Pralinen, die Mia mit Tausch von Geo-Cache-Trophäen und ich mit meinen doppelten Matchbox-Autos. Es gab gut zu tun, vor allem wegen Geld kassieren, denn Mamas Konfekttütchen waren die heißesten Semmeln unter all den Strohsternen und den gestrickten Eierwärmern. Und dann musste natürlich mit jedem Kunden stundenlang geschnattert werden, meist übers Backrezept, aber wenn den Leuten nichts mehr einfallen wollte, dann tat’s auch Ansprache über den Schnee und die Qualität der Hallenheizung. Mir war so, als hätte der Weihnachtsmann mich höchst persönlich fürs Testen seiner Rentierglocken ausgewählt. Das war ein Gebimmel und Gebammel in meinen Ohren ohne Erbarmen.

Ich bin bald abgehauen. Mal gucken, was die andern zu verkaufen hatten. Und wie ich da herumklettre von einem Campingtisch zum nächsten, denk ich, ich guck nicht recht. Da hatte einer Krimskrams vom Flohmarkt aufgebaut: alte Weingläser mit Oma-Schliff und ‘ne Drahtkatze zum Anbieten von Salzstangen, dazwischen lag so ‘n gelber Fetzen Papier mit Fransenrand, so wie man ihn sonst nur zu sehen kriegt im Museum im Guckkasten unter Glas. Ich habe natürlich gleich gewusst, was für ‘ne Sensation das war, ich tat mir aber nichts anmerken lassen wegen Runterdrücken vom Kaufpreis. Mein Gesicht war eine einzige Idiotenmine. Der Mann, dem das Papier gehörte, sollte erst mal verraten, wo er das Ding herhatte.
„Von meinem Onkel vom Dachboden“, hat er gemeint. „Keine Ahnung, was es damit auf sich hat."

Dann hat er erzählt, dass sein Onkel Ägyptologe gewesen sei (das sind Menschen, die sich für vergangenen Wüstensand interessieren), aber nur aus Hobby. Von all dem vergilbten Papierzeug wäre nur dieser eine Zettel  übrig geblieben. Darauf täte irgendwas vom Königsfriedhof in Giseh dargestellt sein oder ‘ne andere Gravur vom Nachbarort, keine Ahnung, er täte sich damit nicht auskennen. Wenn ich den Zettel haben wolle, für 50 Cent wäre er meiner.

Na, ob ich da zugegriffen habe! Dieser Schwachkopp – denkt, es würde sich um einen gewöhnlichen historischen Werbeprospekt handeln: „Heute billig Feigen von der Oase „Anubis“, das Kilo gegen 2 Pfund Nil-Hecht“ oder so was in der Art. Schön blöd. Jetzt gehört die Sensation mir!

Ich bin sofort nach Hause geflogen. Die Mia hat mir dafür später den Flügel um die Ohren gehauen, weil sie und die Mama am Abend alles allein wieder abbauen und nach Hause schleppen mussten, aber das war mir egal. Der Zettel lag jetzt im Glasrahmen von Mamas Freischwimmerausweis mitten auf dem Esstisch und ich saß daneben und tat mich in erster Interpretation üben.

Die Entzifferung ist viel einfacher, als ich gedacht hatte, zumindest der erste Teil. Ich tu euch das mal erklären, ja? Hier unten seht ihr den Zettel.


Wie gut zu erkennen ist, geht‘s um eine Küchenszene. Ein Kantinensklave hält einen Kochlöffel in der Hand. Er möchte ein Hähnchengericht zubereiten. Das sieht man an der Ente, die über ihm schweben tut. Sie soll gleich in die Suppe. Links am Rand sind die Messer aufgereiht. Darunter, unter dem Kochlöffel, werden die Leute vorgestellt, die dann zum Frikassee erwartet werden, und darüber, oberhalb des Kochlöffels, sind die Gewürzdöschen beschrieben.

So weit ist alles noch ganz einfach, nicht wahr? Jetzt aber kommt’s. Seht ihr, was da rechts unten ist? Ganz unten in der Ecke? Richtiiiiig! Das ist eine Amazone. Schafft ihr Ermessen, was das bedeutet? Bisher hat es doch immer geheißen, wir Amazonen wären gebürtig aus Mittel- und Südamerika, aber jetzt taucht plötzlich einer von uns in Ägypten auf, und das schon vor 5000 Jahren. Wie kommt er dahin? Damals gab’s doch noch keinen internationalen Handel mit uns. Wie auch, wenn Christoph Kolumbus und seine Amerika-Entdeckung noch gar nicht geboren waren.

Nun, wenn so etwas voll der Fragezeichen und voller Ungeheuerlichkeit passiert und niemand da ist, der einem das erklären tut, dann muss man selbst nach Antwort suchen. Wie gut, dass ihr mich habt. Es ist nämlich so: Mein Vorfahre, der hier abgebildet ist, muss von Costa Rica übers Meer geflogen sein. Vielleicht hat er auch ein Floß benutzt und hat sich von Wasserschweinen rüberrudern lassen, oder Thunfische haben ihn gezogen, bis er am Strand von Marokko endlich aussteigen durfte. Jedenfalls war es eine große Leistung. Man braucht Köpfchen dazu. Und Mut. Möwen sind dafür viel zu langsam, Geier zu eitel und Falken zu blöd.

Wie er dann nach Ägypten gekommen ist, ist leider genauso wenig aufgemalt wie sein Name und sein Alter. Möglich ist wiederum, dass er geflogen ist oder mitgeschunkelt auf einem Kamelrücken mit einer Wüstenkarawane. Irgendwann war er jedenfalls da. Er hat einen wichtigen Beruf ausgeübt, das steht schon mal fest. Denn sonst wäre er dort nicht hingemeißelt worden, wenn er nur der Karottenschrapper vom Hilfskoch gewesen wäre. Wahrscheinlich war er der Berater vom Chefkoch oder der Facility Manager vom gesamten Kantinenbetrieb. Oder aber er hat sogar als Chemiker gearbeitet. Diese Leute waren nämlich besonders geachtet, weil sie so tun konnten, als täten sie das Essen vom König vergiften, damit wiederum die Vorkoster ihren Job machen durften. So ging alles Hand in Hand. Wer auf Gravur landete, gehörte zur Palastcreme – und mein Vorfahre war einer von ihnen!

Über die Details muss ich noch weiteres Kopfzerbrechen machen. Ich werde mal vorsichtige Recherche in Historien-Foren einholen. Zeit genug habe ich ja jetzt, denn die Mama hat mir Hausarrest gegeben, weil ich doch gestern ohne Abmeldung abgehauen bin. Ich hoffe, jemand schenkt ihr zu Weihnachten einen neuen Bilderrahmen, bevor sie merkt, dass da jetzt mein Wüsten-Dokument drin hängt. Natürlich habe ich ihr nichts erzählt von meiner Entdeckung. Sie täte es sowieso nicht verstehen. Sie hat mehr Interesse für Pudding kochen, abspülen und Voliere putzen. Mit solchen Leuten kann man keine geistige Unterhaltung pflegen.

Aber ihr andern – ihr verratet mich doch nicht etwa? Ich will nicht, dass mir die Presse die Bude einrennt. Erst mal muss ich Kontakt herstellen zur internationalen Fachwelt, dann erst tu ich an die Öffentlichkeit gehen. Also bitte: psst über meine Entdeckung, Stillschweigen halten.

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Ja Max, das ist wirklich unglaublich! Man hat dich voll veräppelt. Und ich kann mir auch schon lebhaft vorstellen, wie sich zwei gewisse Herren im Kleiderschrank deiner Mama totlachen. Guck dir doch die Zeichnung noch mal genau an. Haben die alten Ägypter so krakelig gemalt? Die angebliche Ente sieht aus wie Otis und der Kochlöffel trifft gleich die Amazone. Dann gibt es mit Hackbällchen gefüllte Amazone an Wirsinggemüse!

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  2. Das ist nicht wahr! Die beiden Pelzfliegen können das nicht gefälscht haben - in der Nachttischschublade sind keine Malstifte.

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  3. Na Max, was sagt denn die internationale Fachwelt, zu deiner Entdeckung und hast du die Malstifte von Roosevelt und Otis schon konfisziert? =))
    Siehste, das kommt davon weil du die zwei immerzu ärgerst. Die haben dich sauber gefoppt.
    Am meisten wirst du um die rausgeworfenen 50 Cent weinen du Nil-Hecht, du.:))

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  4. Ich stehe noch in Korrespondenz mit einer Privatuni am Himalaya. Ihr werdet noch sehen, wer Recht behält. Wenn man mir dann meine Doktormütze aufsetzt wegen Revolution in der Ägypten-Forschung, dann lade ich euch nicht ein zum Zugucken in der ersten Reihe. Ihr dürft dann mit dem Roosevelt und dem Otis daheim bleiben und alles am Fernseher verfolgen. Und glaubt ja nicht, ich werde euch zuwinken!

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  5. Ja was denn, betreibst du Mumienforschung oder suchst du den Yeti? In Nepal werden sie dir kaum mit dem Papyrusfetzen helfen können.

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  6. Die historische Papyrusfetzen-Forschung ist international. An der Uni in Nepal arbeitet ein Professor vom Nil. Der ist da hingezogen, weil er die Sonnenbrände nicht mehr vertragen tat.

    Ich bin allergisch gegen Fledermäuse.

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  7. Der Umzug von dem Gyros-Professor war nicht klug. Im Nepal gibt es Viel-Männerei. Da würde ich niemals hinziehen. Die Damen dürfen ganz viele Männer heiraten und die müssen dann den Haushalt machen. Die Tante Uschi wollte schon auswandern, als sie das hörte.=))
    Wir haben keine Allergien, wenn du willst, verpack deine pelzigen Freunde und schick sie zu uns.

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  8. Echt? Ist das wahr? Ist das in Nepal so? Na, dann weiß ich endlich, warum immer 'ne andere Frau meine Mails beantworten tut. Ich hatte schon gedacht: "Mann, hat der aber viele Sekretärinnen."

    Kann ich der Mama sagen, der Roosevelt und der Otis wären nach Rumänien ausgewandert, und ihr behaltet das Kruppzeug für immer bei euch?

    Bidde-bidde.

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  9. Das hast du falsch verstanden Max. Im Nepal gibt es zu wenige Frauen. Darum haben die den Spieß umgedreht, so dass die Frauen für jede Hausarbeit genügend Männer haben. Es war bestimmt ein Sekretär wo dir gemehlt hat.

    Kruppzeug? Bekommt man dann den üblen Husten? Da müsste ich mir sonst nochmal Überlegung machen.

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  10. Glaub ich nicht, dass Kerle das gemacht haben - die Mails taten nach Parfüm miefen.

    Ja, von Pelzfliegen kriegt man Krupphusten. Das andere, von dem man immer in den Zeitungen liest, das ist nur Pseudo-Krupp.

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  11. Dann tuts mir leid Max, aber unter den Umständen können wir eure Pelzfliegen nicht aufnehmen. So gerne wie ich Roosevelt und Otis habe.

    Vielleicht taten die Mails auch nach Männerschweiß miefen, weil die soviel arbeiten müssen....

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  12. Immer das Gleiche. Wenn's ernst wird, heißt es: "Wir nehmen kein Ungeziefer." :-L

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  13. Ungeziefer war jetzt sehr fies. Dafür darfst du morgen nicht bollern.

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  14. Ach, das war fies? Die Pelzfliegen haben mir Meerrettichcreme in den Rasierschaum getan.

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