Dienstag, 14. Dezember 2010

Futterberatung

Endlich, darauf hatte ich gewartet. Mein Termin war da, meine Exklusivberatung bei so ‘ner Mampf-Marie, die gesundes Vespern studiert hat.

Nicht, dass ich das nötig hätte, ganz und gar nicht, schließlich bin ich nicht dick, aber wenn man als Hennenheld weiterhin so erfolgreich sein will wie ich, dann muss man zusehen, dass alles voller Geschmeidigkeit und Energie bleibt und man nicht aus Versehen was verschenkt an Potential. Immer nur Hanteln stemmen und Enerschie-Drinks schlucken tut ja auf die Dauer sehr einseitig sein. Heißt es nicht: „Nur wenn Vitamin und Folsäure fröhlich pfeifend deine Kloake verlassen, dann hattest du die richtigen Freunde zu Gast“?

Seht ihr, deshalb wollte ich meiner Ernährung mal ganz offiziell Absegnung geben. Wir haben hier in der Nähe eine Weiberschleuse, „Gesundheits-Center“ genannt, wo sich Hausfrauen die Rundhüften abhopsen und anschließend in der „Relax-Launsch“ sitzen und an Rucola-Blättern knabbern. Dort tut auch eine Professionelle arbeiten, also eine, die wissenschaftlich genau weiß, welche Kalorie voller Aufmunterung weitergeleitet werden darf und welche getadelt werden muss. Bei ihr macht die Gebühr nicht so ein großes Loch in mein Taschengeld (und in die Ersparnisse vom Roosevelt und vom Otis), daher hatte ich mich dort zur Anmeldung entschlossen; sonst wäre ich nämlich lieber zu ‘nem richtigen Kerl gegangen, der auf Männer spezialisiert ist, im Box-Club zum Beispiel oder bei den Bodybuildern. Aber sie war ganz nett. Melanie hieß sie. Ihre Figur tat sich gut eignen, um meiner Mama Heulkrämpfe zu verpassen.

Zum ersten Termin war ich nur wegen Angucken da. Ich hatte an die Tür geklopft und war auf dem Schreibtisch gelandet, nachdem sie „Ja, bitte“ gerufen hatte. Sie tat mich anglotzen:
„Du bist ja ein Vogel!“
„Na und?“, habe ich geantwortet. „Ist das ‘n Problem?“
„Nein, nein“, hat sie schnell Hinzufügung gemacht (bestimmt, damit ich nicht wieder abhaue und ihr nicht mein Geld durch die Lappen geht). Sie täte sich nur noch mal rasch in die Materie einlesen müssen, ich wäre der erste Vogel seit ihrem Examen. Dann ist sie aufgestanden und hat Zettel aus einem Karton gekramt. Die soll ich mit nach Hause nehmen, ausfüllen und zum nächsten Termin wieder mitbringen. Das war alles. Ich bin dann noch kurz unten in der Halle beim Weiber-Imbiss vorbeigeflogen. Ob sie Currywurst hätten, habe ich den Saftpanscher hinter der Theke gefragt. Nein? Na, macht nichts, dann täte ich eben zur Pommesbude gehen. Bei einer Frau mit Ringelwolle um die Waden und Bademantel in Schweinerosa habe ich freundliche Erkundigung eingeholt, wie rasch denn die Joghurt-Pampe, die sie da löffeln würde, wirken täte. Nicht so flott, was? Aber sie soll sich nicht grämen, Buddha und Pavarotti wären schließlich auch dick gewesen und trotzdem berühmt geworden.

Daheim habe ich die Zettel auf dem Esstisch ausgebreitet. Was die alles wissen wollten! Gewicht ging ja noch. Das weiß ich von meiner letzten U-10-Untersuchung. Da hatten sie mich in einen Eimer gesteckt und auf die Waage gestellt. 588 Gramm tu ich wiegen. Das ist absolute Spitzenqualität, weil ich groß bin. Jawohl. 40 cm, gemessen vom Schwanz bis zum Scheitel. Okay, da muss man noch ‘n bisschen was abziehen, weil, wenn ich stehe, die Beine ja kürzer sind als der Schwanz – aber nicht viel! Ganz genau kann man das sowieso nicht messen, denn dazu müsste ich mich an so ‘ne Strichlatte an die Wand stellen. Doch das geht nicht  – da ist der Schwanz im Weg. Entweder müsste ich ihn hochklappen, um den Hintern an die Wand zu drücken, aber dann würde mein Kopf nach vorne abstehen, oder ich hätte den Schwanz vorne zwischen die Beine geklemmt und der Hintern täte passen, aber dann wäre der Rücken krumm. So hat mich die Mama einfach mal flach auf den Tisch gelegt und das Messband angehalten. Seitdem bin ich eben 40 cm groß – basta. 

Ich vorm Messen

Ha! Ob ich Alkohol trinken würde, stand da noch. Bin ich der Coco? Und ob es Krankheit in der Familie gäbe, Diabetes oder Jodmangel. Da habe ich hingeschrieben: „Die Mia, meine Mitbewohnerin, tut zu viel Gelee-Bananen naschen, und unserer Mama (Menschenfrau) schwillt der Hals an und glubschen die Augäpfel raus, wenn sie mich zusammenbrüllt.“ Ich tröpfel ihr manchmal heimlich Jod aus dem Medizinfläschchen in die Gulaschsuppe, damit es besser wird, aber hingeschrieben habe ich es natürlich nicht, dort ins Formular, wegen Privatsphäre. Meine Behandlung ist schließlich noch in der Beta-Version, und nicht dass ich später meinen Nobel-Preis mit jemanden teilen muss.

Oder wie es stehe mit Unverträglichkeit und Allergie. – Ja, hier! Gegen alles Rotobst, gegen Spinat, Lebertran und Karottensaft. Dann kam der wichtigste Teil: das Mampf-Protokoll. Dazu muss man eine Woche lang aufschreiben, was man sich in den Schnabel schiebt. Man darf nichts weglassen, nicht mal den Hustenbonbon zwischendurch. Ich habe sieben Blätter aus Mamas Taschenkalender gerissen und einen Stift daneben gelegt. Am nächsten Morgen ging’s los.

Nun, ich will euch keine Langeweile bereiten mit dem Kopieren der ganzen Liste; ich gebe euch hier nur Ausschnitt wieder, nämlich den ersten Tag; das tut reichen für einen Eindruck. Ich habe Folgendes gegessen:

2 Scheiben Toastbrot mit Butter und Nutella
3 Spekulatius
3 Dominosteine
1/4 Apfel á 50 g
1 Würstchen
3 Esslöffel Kartoffelsalat (mit Creme fraiche, Erbsen und Majo)
1 Klecks Ketchup
1 Schälchen Vanillepudding (selbst gekocht)
17 Salzstangen
8 große Paprikachips
14 „Würmer“ (Erdnussflips)
5 Fischli
1 Scheibe Toast (Vollkorn) mit Quark (40 % Fett)
1 Brathering aus dem Glas
1 Mon Cherie
3 Marzipankartoffeln

Zu trinken:

5 Becher Kakao (Pulver)
1 Glas O-Saft
2 Gläser Cola light

Als die Woche um war, bin ich mit den sieben Zetteln und den andern Formularen zurück zum Korpulenzzentrum geflogen und habe sie bei der Mampf-Beraterin in den Briefkasten gesteckt. Danach musste ich noch ein paar Tage warten, bis sie alles ausgewertet hatte. Am vorigen Donnerstag saß ich wieder bei ihr auf dem Schreibtisch. Sie tat ernst gucken. Ich hatte schon Schreck, dass sie mich nun zwingen täte, als Vorzeigemodell für vorbildliche Ernährung mit auf Seminar zu gehen. Doch sie hat nur geseufzt und „Tja ...“ gesagt. Dann ging das Gesäusel los:
„Mein lieber Max ...“
Wenn Weiber schon so anfangen, braucht man seine Gehirnzellen gar nicht erst zum Apell antreten zu lassen, dann stellt man seine Ohren am besten gleich auf Orkan.
„Weißt du denn, was Amazonen so essen?“, hat sie wissen wollen.
„Natürlich“, habe ich geantwortet. „Steht doch alles auf meinen Zetteln drauf.“
Nein, das täte so nicht ganz stimmen, machte sie Behauptung, bei meinen Verwandten in Costa Rica oder wo genau ich herstamme wäre es ein klein wenig anders.
„So?“
Was geht mich der Futterplan meiner Cousins und Cousinen im Dschungel von Nicaragua an? Ich tu sie ja noch nicht mal kennen.
„Sie ernähren sich von frischem Obst, pflücken Bohnensamen von den Sträuchern und trinken sauberes, klares Wasser.“
Ihre Stimme hatte was von Tadel und Triumpf. Den Tonfall kenn ich von meinen Weibern daheim, besonders wenn Kopfschütteln oder Zungenschnalzen dabei ist.
„Na und? Öko-Freaks gibt’s überall.“
Sollte ich der Tante jetzt vom Grunzer und seinen Bio-Karotten erzählen?
„Fällt dir nichts auf, Max?“, tat die Melanie irgendwann wissen wollen, nachdem ich ihr mit Schweigen und verschränkten Flügeln lange Trutzwall gegeben hatte.
„Nö.“
Da hat sie wieder Seufzen vorgeführt und angefangen, von Calcium zu erzählen, von Riboflavin und von Kohlenhydraten.  Dass ich von dem Einen zu wenig hätte, vom andern zu viel und überhaupt alles ganz traurig und schlimm wäre.
„Du futterst zu fett, zu einseitig, zu viel!“

Kann gar nicht sein. Die „Würmer“ sind aus gesunder Freilandhaltung, ein kalorienarmer Apfelschnitz war ja auch dabei, und wenn ich die Chipstüten beiseite lege, ist immer noch was übrig für morgen.
„Du musst besser aufpassen, was du isst, Max.“
Meinte sie wirklich mich? Ich tat mich vorsichtshalber umgucken, ob sie nicht etwa einen andern Patienten neben der Tür vergessen hatte.
„Von den Süßigkeiten und dem Knabberkram darfst du nur einmal in der Woche was essen; Ketchup und Mayo sind tabu, Cola auch. Stattdessen: gekochter Broccoli, Salat, Birne, Mango, Papaya, ab und zu ein Löffelchen Magerquark und viiiiiiel Wasser zum Nachspülen.“

Mich taten nun endgültig Zweifel bedrängen, dass die Lady Ahnung hatte von Papageien-Bedarf. Ich wolle ja nicht neugierig erscheinen, habe ich deshalb voller Verständnis gesagt, aber mich täte schon sehr interessieren, über welche Vögel sie Ausbildung gemacht habe. Über Finken und Kolibris vielleicht? Das täte nämlich eher hinkommen. Sie könne es ruhig zugeben, denn das ergäbe wenigstens Sinn von den popeligen Portionen her und von der grässlichen Zusammensetzung.

Sie aber hat nur weiter stur geglotzt und zwischendurch wieder Seufzerei ausgestoßen. Schließlich hat sie unter den Schreibtisch gegriffen und ein großes Blatt auf die Ablage gelegt. Ob ich erkennen täte, wer darauf abgebildet sei, hat sie wissen wollen. – Natürlich, das links auf dem Bild, das war ich. Ich hatte ihr das Foto ja selbst mit reingelegt in den Umschlag, weil es so in den Forderungen auf dem Formular gestanden hatte.
„Schön, und wer ist der andere Vogel rechts daneben, Max?“
Hm ... trotz genauer Untersuchung tat mich der Kerl absolut nicht tangieren.
„Tut mir Leid – wir kennen uns nicht.“
„Ach hör doch auf – das bist auch du! Guck genau hin. So wirst du mal aussehen, wenn du weiter so unvernünftig futterst wie jetzt. Das ist eine Computersimulation, ein Zukunftsbild.“

Vorher - nachher

Tatsächlich, der Wampenheini war ich. Ha! Ich mit dickem Bauch. Ulkig.
„Toll, kann ich das Bild behalten?“, habe ich gefragt.
Mir war, als wäre die Mampf-Gutachterin ein wenig in sich zusammengesunken, aber das kann auch getäuscht haben. Jedenfalls hat sie mir das Bild in eine Tüte getan, zusammen mit allerhand andern Blättern, wo Tabellen drauf waren und Menü-Tipps, und hat mir zum Abschied den Fuß geschüttelt. Es ging alles ein bisschen plötzlich. Aber ich hatte sowieso keine Fragen mehr. Unten im Hof stand gerade ein Müllcontainer offen. Das passte gut, denn so konnte ich mein Bild aus dem Kuvert nehmen und dem Rest gleich umweltgerechte Entsorgung geben.

Im Nachhinein frage ich mich, ob sich das viele Geld gelohnt hat. Ich meine, was habe ich erreicht? Ich bin bei einer Expertin für Kolibri-Diät gelandet. Andererseits habe ich ein klasse Fantasie-Foto von mir bekommen. Aber steht das in gutem Verhältnis? Ach, egal. Ich werde der Tante zu Weihnachten eine Tüte Backpflaumen ... nein, besser noch Nougatringe ... ja, genau, Nougatringe ... schicken und eine Karte dazuschreiben:
„Genießen Sie mal Entspannung.“
Bei vielen Leuten nämlich tun zu viel Ballaststoffe verkrampfen. Die Menschen werden dann humorlos.

© Max: Papageiengeschichten

Kommentare :

  1. Hallo Max,
    oh oh, ich fürchte du bis einer Scharlatanin aufgesessen. Diese Melanie hat dich nicht richtig beraten. Ich vermisse dass sie dir das Rotobst nahe ans Herz gelegt hat.
    Besonders empfehlenswert wären da die Liebesäpfel.
    Grübel grübel, ob ich da Cora mal einen schicke? ;)
    Mit dem Phantasiebild bist du doppelt gestraft. Nicht nur durch den dicken Bauch schaust du doof aus, nein, auch noch einen etwas dümmlichen Gesichtsausdruck hast du da.=))

    Nix für ungut, dein Grunzer

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  2. Siehst du, Grunzer, du findest auch, dass die Futter-Melanie keine Ahnung hatte. Du bist ein richtiger Freund. Die Cora sagt immer, ich täte selbst schuld sein, wenn ich dämlich bin und die andern schlau, nur würde ich das nicht merken.

    Ach, was weiß die denn! Die kennt ja noch nicht mal scharfen Löwensenf.

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